Kürzlich
schickte mir eine junge Frau Bilder von ihrer Familie und ihrer Wohnung und berichtete
mir, wie es ihr geht. "Ich habe in Ihrer Homepage das über die Bedürfnisse
gelesen. Ich schaffe es aber einfach nicht, so regelmäßig einzurichten,
wie Sie das schreiben. Ordnung halten habe ich zwar früher im Heim gelernt.
Daheim habe ich immer Chaos".
Hier eines ihrer
Fotos:

Wichtig
ist, und das war ja bereits unter den "Grundbedürfnissen" zu lesen,
dass ein Kind regelhafte Abläufe erlebt und als hilfreich und zweckmäßig
erfährt. Da muss äußere Ordnung nicht dazu gehören. Es werden
ja in jeder Familie eigene Ordnungsvollzüge gelebt, und dagegen ist auch
nichts einzuwenden. Doch ich würde, müsste ich allmorgendlich meine
Kleidungsstücke aus einem derartigen Kleiderberg heraussuchen, in Panik geraten.
Allein die Vorstellung, das, was ich täglich brauche, nicht an seinem·
Platz zu finden, macht mich schaudern. Nun war und bin ich keineswegs ein Ordnungsfanatiker.
Irgendwann in meinem Leben aber habe ich erfahren, wie Nerven aufreibend es sein
kann, meinen Schlüsselbund mit Haustür- und Autoschlüssel zu suchen
oder gar meinen Geldbeutel, in dem sich ja auch noch der Personalausweis und andere
Dokumentenkärtchen befinden. Jedem, dem es genau so erging, kann gut die
Aufregung nachempfinden, die von mir Besitz ergriff und die umso größer
ist, je eiliger ich es hatte. Seit vielen Jahren lege ich darum Schlüssel,
Geldbeutel und die Brille immer an den gleichen Platz sobald ich die Wohnung betrete
und noch ehe ich etwas anderes tue. Und sollte mal irgend etwas dieses Ritual
stören, dann kann es passieren, dass ich bei der nächsten Gelegenheit
ins Leere greife und mich dann nicht mehr erinnern kann, wo die Utensilien nun
abgeblieben sind. Dann beginnt die Aufregung wieder.
Wir
Menschen brauchen ganz einfach derartige verlässliche Orientierungen in unserem
Alltag. Sie helfen uns, Zeit zu sparen und Kopf und Seele frei zu halten für
bedeutsamere Leistungen.
Für eine positive
Entwicklung unserer Kinder sind derartige verlässliche Orientierungen von
besonders großer Bedeutung. Es hat uns schon Maria Montessori (1959, S.
122 ff) auf dieses erstaunliche Phänomen hingewiesen, als sie entdeckte,
wie außerordentlich wichtig es für Kinder ab etwa dem zweiten Lebensjahr
ist, in Bezug auf die Ordnung der Dinge und die Zeit alles verlässlich und
immer "gleich" zu erleben.
Denken wir zum
Beispiel nur an die ·festen· Plätze unserer Kinder am Familientisch.
Sie würden es ja nicht einmal tolerieren, wenn Mutter und Vater die Plätze
wechseln. Vor allem, wenn Veränderungen anstehen, können sie sich auf
unsere Kinder dramatisch auswirken. Da stand zum Beispiel schon bevor die Kinder
geboren waren, der ·rote Sessel· im Wohnzimmer und war mit den Jahren,
in denen die Kinder auf diesem Möbelstück gern herumtobten, immer unansehnlicher
geworden. Die Eltern beschlossen, ihn neu beziehen zu lassen. Dass er aber auch
einen andersfarbigen Bezug erhalten sollte, das hatten die Kinder nicht mitbekommen.
Als die Kinder eines Tages aus der Schule kamen und statt des roten einen grünen
Sessel vorfanden, war die Empörung gewaltig. Der Älteste, er war damals
acht Jahre alt, weinte sogar bitterlich. Die Eltern bekamen ein ganz schlechtes
Gewissen. Den Kindern ist also wichtig, dass Vertrautes erhalten bleibt. Sie nehmen
Veränderungen wie Umzüge oder andere Möbelstücke mit anderer
Verteilung im Raum nur ungern in Kauf. Nur, wenn wir sie frühzeitig, am besten
schon bei Vorüberlegungen, mit in bevorstehende Veränderungsprozesse
einbeziehen, dann können sie das verkraften und sich sogar darauf freuen,
weil sie sich mit eigenen Ideen konstruktiv beteiligen durften.
Gehen unsere Kinder in Kindergarten und Schule erhält das
natürliche Bedürfnis nach Ordnung und Orientierung eine zusätzliche
Gewichtung, da es eng mit der Lernlust und dem Leistungsstreben korrespondiert.
Beide werden gefördert, wenn ein Kind stets seine Arbeitsmaterialien vollständig
beisammen hat und auch weiß, wo sie sich im Schulranzen, daheim im Kinderzimmer
oder im Gruppenraum beziehungsweise im Klassenzimmer befinden. Ein Schulkind,
das während des Unterrichts keine Schreibutensilien "findet" oder
daheim zum wiederholten Male feststellen muss, dass es Bücher und Hefte in
der Schule hat liegen lassen, wird bald auch seine Hausaufgaben vergessen. Eltern
und Erzieher sind in der Pflicht für jene Ordnungsvollzüge zu sorgen,
die ein Kind gleichsam vom beschämend-frustrierenden Suchen "befreit"
und seine Kraft für das bedeutsamere Arbeiten aufspart. Lernen befreit. Es
gibt aber Kinder und Erwachsene, die finden gleich alles, was sie brauchen auch
dort noch, wo andere nur ein Durcheinander wahrnehmen. Das zeigt uns, dass eben
jeder Mensch seine eigene "Ordnung" hat. Wichtig ist nicht die Ordnung
an sich, sondern eine, die ihren Zweck erfüllt und uns vor unnötigem
Verschleiß seelischer oder geistiger Energie bewahrt. So lässt sich
beschreiben, was mit "sinnvoller" Ordnung gemeint ist.
Eine
Erweiterung erfährt im gleichen Zusammenhang der Ordnungsbegriff, wenn wir
auf die Normen und Regeln des menschlichen Zusammenlebens schauen. Sie sind in
Verfassungstexten, in Gesetzen, in Richtlinien und in sehr unterschiedlichen "Ordnungen"
enthalten. Denken wir nur an "Hausordnungen" oder "Schulordnungen".
Wenn wir am Sinn und Zweck derartiger Absprachen oder Anordnungen unseres Gemeinschaftslebens
zweifeln, dann sollten wir uns nur einmal ausmalen, was geschähe, wenn wir
sie nicht hätten. Dann bräche das Chaos aus. Darum setzen wir Menschen
an die Stelle des Chaos die regelhaften Strukturen des Gemeinschaftslebens und
ermöglichen auf diese Weise, uns in deren Rahmen relativ störungsfrei
zu begegnen. Wir müssen zum Beispiel nicht bei jedem Neuzugang in unser Arbeitsteam
oder Kollegium die Regeln unseres Zusammenlebens neu verhandeln. Wir sparen also
wieder Zeit und Energie, da wir uns auf das verlassen können, was in diesem
sozialen Feld beziehungsweise in dieser Institution gilt.
Von
noch viel größerer Bedeutung für jeden Menschen sind die Beziehungen
zu unserem Du. Wir brauchen und wollen Verlässlichkeit in unseren Beziehungen
zu den Eltern, dem Freund, der Freundin, der Partnerin oder dem Partner. Wir wollen
uns auf sie verlassen können. Und aus der Sicherheit dieser sozialen Bindungen
wächst uns die Kraft zu, die wir brauchen, um unseren Alltag zu bestehen
und in ihm andere Beziehungen herzustellen und die gelegentlichen Belastungen
in zwischenmenschlichen Begegnungen zu ertragen. Ein Kind, das in der Schule Ärger
mit seinem Lehrer hatte oder Streit mit dem Klassenkameraden, soll sich darauf
verlassen können, dass es daheim von einer verständnisvollen Mutter
in den Arm genommen und getröstet wird.
Neben
die Zuverlässigkeit und Beständigkeit alltäglicher Handlungsabläufe,
Verhaltensmuster beziehungsweise Normen und Regeln und dinglicher Ausstattungen,
treten die Sicherheit und Verlässlichkeit personaler Bindungen und Begegnungen.
Gemeinsam bilden sie jene Strukturen, die es uns ermöglichen aktiv, schöpferisch
und sozial zu wirken.
Mit einer allzu
spröden Auffassung oder gar rigiden Handhabung derartiger verlässlicher
Elemente unseres Lebens, sind aber auch Gefahren verbunden. Dort, wo Ordnungen
um der Ordnungen erzwungen oder zwischenmenschliche Begegnungen besonders streng
geregelt werden, können sie ·umkippen. Darum auch lässt sich
nur zustimmen, wenn es in Bezug auf die pädagogische Bedeutung von Strukturen
heißt, dass sie sich positiv auswirken, "wenn sie flexibel genug sind,
um Kindern Raum für eigene Aktivitäten zu lassen" (Anneliese
Spreckels-Hülle: "Strukturen. Wie viele und welche brauchen Kinder heute?
In: Kindergarten heute, Nr. 11-12/2005, S. 18-20).
Zementiert
man Strukturen, wie das für ·"totale· Institutionen"
typisch ist, werden sie inhuman. Von totalen Institutionen spricht man, wenn von
Gefängnissen oder vom Militär die Rede ist, in denen dem Einzelnen nur
ganz wenig Spielraum für eigenverantwortliches Handeln gelassen wird, weil
alls "bis ins Kleinste" geregelt ist und jede Abweichung von den Regeln
bestraft wird. Auch Jugendhilfeeinrichtungen, wie Kinderheime, geraten mit ihren
Alltagskonzepten nicht selten in die Nähe derartiger, jede Eigenverantwortlichkeite
von Kindern lähmende Abläufe.
Es gibt aber
auch in Familien Regeln, Ordnungen oder Tagesabläufe, die nicht einer positiven
Persönlichkeitsentwicklung dienen, sondern ihren Zweck in sich selbst haben
und darum sinnlos geworden sind. Denken wir nur an Sauberkeitsfetischisten oder
Ordnungsfanatiker, die ihren Mitmenschen das Leben mit ihren neurotisch verfestigten,
oft zwanghaften Gebaren, das Leben schwer machen können. Sie ·institutionalisieren·
das Zusammenleben um der ·Institution· willen und verlieren damit
einen sinnhaften, der Förderung und Erfüllung ihrer Aufgaben dienlichen
Zweck. Diese Zwecke können zum Beisein sein: die Erziehung und Bildung von
Kindern, die Förderung des Familienlebens oder optimale Leistungen in einem
Berufsfeld.
Der Sicherheit und Verlässlichkeit
personaler Bindungen ist die Zuverlässigkeit und Beständigkeit alltäglicher
Handlungsabläufe und Verhaltensmuster zur Seite zu stellen. Sie werden nicht
spröde gehandhabt und passen sich z. B. der wachsenden Entwicklung der Persönlichkeit
eines Kindes an. Abweichungen von Regeln aber sollten für das Kind als Ausnahmen
erkennbar sein.
Eine zusätzliche Anmerkung
zum Schluss:
Diese und alle anderen Empfehlungen für die Gestaltung des
Alltags in unseren Familien sind weder eine Garantie für das Gedeihen unserer
Kinder noch eine unverzichtbare Voraussetzung dafür. Wie bei den "Grundbedürfnissen"
kommt mal das Eine oder das Andere zu kurz oder fehlt völlig. Dennoch wird
jedes Kind seinen Weg gehen. So bedeutet zum Beispiel ein tägliches Chaos
in seinem Zimmer nicht, dass es als Erwachsener keine Ordnung halten wird.
Die hier dargelegten Verhaltensempfehlungen sind lediglich geeignet, den Alltag
in Erziehung und Bildung in Familie, Tagesstätte oder Schule zu erleichtern.
Findet die eine keine Beachtung, treten dafür andere an ihre Stelle. Die
Hauptsache bleibt, dass Eltern und Berufspädagogen genau wissen, warum sie
etwas tun oder lassen!
79733 Görwihl im
Juni 2006