Wie
Sie von meinen Selbstauskünften her wissen, arbeite ich seit vielen Jahren
in einem Heim. Dort bin ich heute noch. Zwar nicht mehr jeden Tag, aber immer
wieder mal. So auch gestern (am 1. Juni 2007).
Zu Ihren Fragen.
1.
Strafen aus der Sicht / im Erleben von Kindern
Bei
uns sind Schulferien; bei Ihnen sicher auch. Achtundzwanzig Kinder sind bei ihren
Angehörigen in die Ferien gefahren. Eine kleine Gruppe von acht Kindern aber
war da, und weil es gestern am 1. Juni regnete, konnten sie nicht raus. Da waren
sie ganz froh, als ich mich vor dem Mittagessen noch ein Stündchen mit ihnen
zusammensetzte, um ein bisschen zu reden. Ich wollte ja wissen, wie sie Bestrafungen
erleben.
Das Stichwort
gab mir der älteste in der Runde, der vierzehnjähriger David (alle
Namen sind verändert J. R.). Er hat gestern Mittag beim Essen einen "Kleinen"
geärgert, und musste darum, so hatte die Erzieherin Nadine vorher angekündigt
(wenn Du heute Klaus wieder ärgerst, musst Du draußen essen) das Essraum
verlassen und draußen in der Sitzecke (vor der Küche) essen. "Na
und, wie ging´s dir?" David grinste: "Das hat mir nichts gemacht.
Ich wollte Nadine nur ein bisschen ärgern".
Die
Erzieherin Nadine bestätigte mir später, dass David ohne Maulerei raus
gegangen war und wusste genau, dass er sie meinte, als er Klaus foppte.
Warum
aber hatte er sich Klaus ausgesucht? Klaus (12 Jahre alt) selbst gestand auf diese
Frage, dass er immer schnell "obenaus" sei. Und alle bestätigten,
dass Klaus sich immer so schnell aufrege.
"Aber wie reagierst Du denn,
wenn dich Nadine rausschickt?" Darauf hat Klaus nicht geantwortet, sondern
nur unter den Tisch geguckt. "Lachst Du vielleicht?" Kopfschütteln.
"Flippst Du?" Kopfnicken.
Die
Erzieherin Nadine bestätigte, dass Klaus nicht die geringste Frustrationstoleranz
besäße. Und wenn er wieder mal so rumschreit oder gar mit dem Besteck
um sich wirft und sie will ihn rausschicken (denn das ist die allen Kindern bekannte
Folge/Konsequenz/Strafe), dann rennt er zwar raus, beschimpft aber dabei lauthals
Erzieherin und die Kinder, die ihn (wirklich oder angeblich ) geärgert hatten.
So reagieren weder Klaus noch David an jedem Tag oder in jeder Situation.
Auch Carola (12 Jahre alt) nicht. Sie meinte dazu: "wenn ich gut drauf bin,
dann macht mir das nichts, wenn die Erzieherin mit mir rumschnört (Das heißt:
dass die Erzieherin das Mädchen für ein Verhalten rügt, vielleicht
ihr sogar dafür eine "Strafe" verpasst). Wenn ich stinkig bin,
dann flipp ich"
Fast
täglich heißt es bei Carola und anderen Kindern: erst machst Du Dein
Bett / räumst auf / machst Du die Hausaufgaben, dann kannst Du (r)ausgehen.
Ich
hakte noch einmal nach und wollte es genauer wissen. Und alle erklärten mir
- der Jüngste ist elf der Älteste, wie schon gesagt, 14 Jahre alt, dass
ihre Reaktion auf Strafen von ihrer jeweiligen Befindlichkeit und davon abhängen,
ob sie die Erzieherin mögen oder nicht.
"Wenn
ich den schon sehe… der braucht mir nichts zu sagen… ph, ich mach nie,
was der sagt"
Wer war gemeint? Der stellvertretende Schulleiter. Und
der holt sich dann den Jungen oder das Mädchen, so berichteten mir die Kinder,
und gibt Strafarbeiten auf.
"Den hass´ich" sagte Steffi,
eine13 jährige Hauptschülerin. "Wenn der mich anschreit, schrei
ich zurück. Und die Strafarbeit mach ich nicht. Soll er mich doch von der
Schule schmeißen… Wir haben bloß zwei Stunden bei dem - aber
mir reicht´s".
"Und
wie ist es bei Euch zu Hause?" fragte ich nach. "Gibt es da nicht auch
manchmal Zoff?"
Da reden die Kinder nicht gern drüber. Und aushorchen
wollen wir sie ja nicht. Bei diesem Punkt aber wird spürbar, dass sie sehr
traurig sind und in hilflosem Zorn fast verzweifeln. Ich weiß ja warum:
weil Mütter und Väter da sind, die wegen jeder Kleinigkeit rumschreien,
um sich schlagen, ihre Kinder wegsperren und ständig mit dem Heim drohen.
Das macht die Kinder fertig.
Klaus
hat das jahrelang so durchlitten. Darum hat er jede "Frustrationstoleranz"
verloren. Auch daheim. Das ist ein Teufelskreis: er kann nicht "brav"
sein, selten bei Tisch, nie bei den Hausaufgaben, kaum beim Spiel - immer ärgert
er andere Kinder und wird geärgert - und dann rastet er total aus. Da geht
viel kaputt: Spielsachen, Möbelstücke, Fensterscheiben.
Die Gründe
für derartige "Verhaltensauffälligkeiten" finden Sie, wenn
Sie nachlesen, was ich über die Grundbedürfnisse
von Kindern geschrieben habe. Bei unseren Kindern wurden keine ihrer Bedürfnisse
befriedigt.
Was aber sollen wir tun mit Klaus, der schon mehrere Therapien
hinter sich hat, laufend von einem Facharzt behandelt wird und Medikamente schlucken
muss?
Keine Erzieherin, kein Erzieher "straft" ihn. Nur still daneben
sitzen, das geht auch nicht. Also muss er (wie der Fachmann sagt: aus dem "aggressionsauslösenden
Feld" raus).
Klaus
aber war während unseres Gesprächs recht friedlich. Er maulte aber ein
wenig, als er sagte: Manchmal aber ist es ganz schön ungerecht".
Für diese seine Meinung erntete er die Zustimmung der anderen Kinder. Und
als ich es genauer wissen wollte, kamen Einsichten bzw. Einschränkungen:
"Na ja, die Erzieher müssen ja was sagen…, wir sind halt nicht
immer gut drauf…, aber manchmal sind sie ungerecht".
Kinder,
die von Erwachsenen bestraft werden, können mit Zorn, Wut, ja Hass reagieren,
wie Steffi ja auch offen zugibt. Gerade dann, wenn sich ein Kind ungerecht behandelt
(bestraft) fühlt. Oder, und das ist oft genug daheim bei den Angehörigen
der Fall, wenn ein Kind überhaupt nicht versteht, warum es bestraft wird.
Aber auch - ich würde sagen, besonders dann, - wenn sie nicht verstehen warum
Mutter/Vater heftig reagieren, sich besaufen, rumschreien, sich gegenseitig beleidigen,
fühlt sich ein Kind schuldig. Genau darin liegt das Problem: ein Kind fühlt
sich schuldig (was es ja überhaupt nicht ist), weil es keine verständliche
Erklärung dafür finden kann, warum seine Eltern so sind. Kann ein Kind
auch seine Eltern "hassen"? Wohl kaum, jedenfalls habe ich noch keins
kennen gelernt. Noch einmal: wütend sind sie, traurig und verzweifelt, weil
sie von ihren Eltern misshandelt werden und irgendwann einmal in die stationäre
Jugendhilfe müssen oder wollen. Manchmal ist die Lebenssituation daheim so
schlimm (vor allem, wenn Mutter und Vater sich gegenseitig beschimpfen und schlagen),
dass es eine Strafe sein kann, das Kind in dieses Milieu zu schicken. Dagegen
wehren tun sich nur (ganz wenige) ältere Kinder, die, die schon am Ende ihrer
Pubertät sind.
Jedes Kind hofft, dass daheim alles anders (besser) geworden
ist, während es im Heim war.
Nein, den von erziehungsunfähigen (weil
selbst hilfsbedürftigen) Eltern ausgehenden Druck (für ein Kind spürbar
durch Drohen und Strafen und andere Formen des so erlebten "Liebesentzugs"),
kompensiert es außerhalb der Familie. Im Kindergarten, in der Schule oder,
wie bei uns, in Schule und Heim.
Drohungen und Strafen, die von Erwachsenen
ausgesprochen werden, die nicht seine Eltern sind, die kann ein Kind mit
manchmal sehr heftigen Gegenaggressionen beantworten. Das haben die Kinder gestern
bestätigt. Denn wenn sie sagten, dass sie sich "ungerecht" behandelt
fühlten, dann wollten sie mir damit signalisieren, dass sie daraus ein Recht
ableiten, sich zu wehren. Und das tun sie ja auch.
Vor drei Wochen hatte eine
Zwölfjährige dem Erzieher Benno, den Daumen gebrochen. Dieser junge
Mann, ein sechsundzwanzigjähriger Athlet, hatte mit ihr "rumgeschnört"
und gedroht, sie dürfe nicht in den Ausgang, weil sie partout ihr Zimmer
nicht aufräumen wollte. Da schlug sie die Türe zu. Bennos Hand war noch
dazwischen. "Selber Schuld" meinte das Mädchen. Übrigens wurde
das Kind von niemandem dafür bestraft. Es musste lediglich (wie auch der
Erzieher) einen Bericht über diesen Zwischenfall schriftlich vorlegen. So
etwas bereitet (beiden) sehr viel Mühe. Diese Konsequenz ist unabdingbar,
wird eingesehen und wirkt nachhaltiger als eine Strafe.
Zurück
zu dem Gespräch gestern:
Ich fragte die Erzieherin Nadine, was Boris so
macht in den Ferien. Boris ist schon sechzehn, geht ins Berufsvorbereitungsjahr
und wohnt drüben im "Streifhaus" in der Jugendwohnung, wo er seinen
eigenen kleinen Haushalt hat. Wenn er sich bei den anderen Kindern aufhält,
stänkert er gerne rum. Dann kann es zu heftigen Streitigkeiten kommen.
Nadine lächelte ein bisschen: "Boris ist ganz friedlich. Wir haben ihm
gesagt, wenn er rumstreitet, dann muss er die Ferien daheim verbringen".
Ich fasse
zusammen:
Kinder
erleben Verhaltensweisen, die sie als Strafen empfinden und/oder, die als Strafen
gemeint sind abhängig
von
ihrer aktuellen Gefühlslage,
Von den Beziehungen, die sie zu dem Strafenden
haben
Von der Situation (was sagen/erwarten die anderen Kinder, wie ich reagiere).
Kinder
bewerten Drohungen, Strafen, nach mehr oder (meistens) weniger "gerecht".
Je weniger sie in der Lage sind, zu begreifen, warum was da an ihnen bzw.
mit ihnen geschieht, und das gilt auch und ganz besonders bei Diskriminierungen
aller Art, umso größer ihr Leid, ihre "Frustration".
Und Frustration führt zu Aggression.