Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf


Drohen, Strafen, Grenzen setzen

 

Was Kinder selbst zu diesem Thema zu sagen haben

 

 

Eine Schülerin aus Thüringen, die eine Arbeit über Strafe in der Kindererziehung anfertigen will, war an den folgenden Problemen interessiert:

"...Hierbei beschäftige ich mich
> besonders mit den Themen "Strafen aus der Sicht der Kinder" und
> "Bedeutsamkeit von Strafen im Bezug auf das spätere Leben"
Vielleicht können Sie mir einige Informationen oder Tipps über mein
> spezielles Thema zusenden und mir damit sehr helfen..."

Ich freue mich darüber, wenn ich durch derartige Nachfragen veranlasst werden, mich erneut mit einer Thematik zu befassen, die in der Praxis von großer Relevanz ist. Meine Antwort an die Anfrage der Schülerin möchte ich hier einstellen, gleichsam zur Bekräftigung, zur weiteren Illustration und zur Ergänzung meiner Ausführungen im Kapitel über "Drohen, Strafen, Grenzen setzen".

 

 

Wie Sie von meinen Selbstauskünften her wissen, arbeite ich seit vielen Jahren in einem Heim. Dort bin ich heute noch. Zwar nicht mehr jeden Tag, aber immer wieder mal. So auch gestern (am 1. Juni 2007).
Zu Ihren Fragen.

 

1. Strafen aus der Sicht / im Erleben von Kindern

Bei uns sind Schulferien; bei Ihnen sicher auch. Achtundzwanzig Kinder sind bei ihren Angehörigen in die Ferien gefahren. Eine kleine Gruppe von acht Kindern aber war da, und weil es gestern am 1. Juni regnete, konnten sie nicht raus. Da waren sie ganz froh, als ich mich vor dem Mittagessen noch ein Stündchen mit ihnen zusammensetzte, um ein bisschen zu reden. Ich wollte ja wissen, wie sie Bestrafungen erleben.

Das Stichwort gab mir der älteste in der Runde, der vierzehnjähriger David (alle Namen sind verändert J. R.). Er hat gestern Mittag beim Essen einen "Kleinen" geärgert, und musste darum, so hatte die Erzieherin Nadine vorher angekündigt (wenn Du heute Klaus wieder ärgerst, musst Du draußen essen) das Essraum verlassen und draußen in der Sitzecke (vor der Küche) essen. "Na und, wie ging´s dir?" David grinste: "Das hat mir nichts gemacht. Ich wollte Nadine nur ein bisschen ärgern".

Die Erzieherin Nadine bestätigte mir später, dass David ohne Maulerei raus gegangen war und wusste genau, dass er sie meinte, als er Klaus foppte.

Warum aber hatte er sich Klaus ausgesucht? Klaus (12 Jahre alt) selbst gestand auf diese Frage, dass er immer schnell "obenaus" sei. Und alle bestätigten, dass Klaus sich immer so schnell aufrege.
"Aber wie reagierst Du denn, wenn dich Nadine rausschickt?" Darauf hat Klaus nicht geantwortet, sondern nur unter den Tisch geguckt. "Lachst Du vielleicht?" Kopfschütteln. "Flippst Du?" Kopfnicken.

Die Erzieherin Nadine bestätigte, dass Klaus nicht die geringste Frustrationstoleranz besäße. Und wenn er wieder mal so rumschreit oder gar mit dem Besteck um sich wirft und sie will ihn rausschicken (denn das ist die allen Kindern bekannte Folge/Konsequenz/Strafe), dann rennt er zwar raus, beschimpft aber dabei lauthals Erzieherin und die Kinder, die ihn (wirklich oder angeblich ) geärgert hatten.
So reagieren weder Klaus noch David an jedem Tag oder in jeder Situation.
Auch Carola (12 Jahre alt) nicht. Sie meinte dazu: "wenn ich gut drauf bin, dann macht mir das nichts, wenn die Erzieherin mit mir rumschnört (Das heißt: dass die Erzieherin das Mädchen für ein Verhalten rügt, vielleicht ihr sogar dafür eine "Strafe" verpasst). Wenn ich stinkig bin, dann flipp ich"

Fast täglich heißt es bei Carola und anderen Kindern: erst machst Du Dein Bett / räumst auf / machst Du die Hausaufgaben, dann kannst Du (r)ausgehen.

Ich hakte noch einmal nach und wollte es genauer wissen. Und alle erklärten mir - der Jüngste ist elf der Älteste, wie schon gesagt, 14 Jahre alt, dass ihre Reaktion auf Strafen von ihrer jeweiligen Befindlichkeit und davon abhängen, ob sie die Erzieherin mögen oder nicht.

"Wenn ich den schon sehe… der braucht mir nichts zu sagen… ph, ich mach nie, was der sagt"
Wer war gemeint? Der stellvertretende Schulleiter. Und der holt sich dann den Jungen oder das Mädchen, so berichteten mir die Kinder, und gibt Strafarbeiten auf.
"Den hass´ich" sagte Steffi, eine13 jährige Hauptschülerin. "Wenn der mich anschreit, schrei ich zurück. Und die Strafarbeit mach ich nicht. Soll er mich doch von der Schule schmeißen… Wir haben bloß zwei Stunden bei dem - aber mir reicht´s".

"Und wie ist es bei Euch zu Hause?" fragte ich nach. "Gibt es da nicht auch manchmal Zoff?"
Da reden die Kinder nicht gern drüber. Und aushorchen wollen wir sie ja nicht. Bei diesem Punkt aber wird spürbar, dass sie sehr traurig sind und in hilflosem Zorn fast verzweifeln. Ich weiß ja warum: weil Mütter und Väter da sind, die wegen jeder Kleinigkeit rumschreien, um sich schlagen, ihre Kinder wegsperren und ständig mit dem Heim drohen. Das macht die Kinder fertig.

Klaus hat das jahrelang so durchlitten. Darum hat er jede "Frustrationstoleranz" verloren. Auch daheim. Das ist ein Teufelskreis: er kann nicht "brav" sein, selten bei Tisch, nie bei den Hausaufgaben, kaum beim Spiel - immer ärgert er andere Kinder und wird geärgert - und dann rastet er total aus. Da geht viel kaputt: Spielsachen, Möbelstücke, Fensterscheiben.
Die Gründe für derartige "Verhaltensauffälligkeiten" finden Sie, wenn Sie nachlesen, was ich über die Grundbedürfnisse von Kindern geschrieben habe. Bei unseren Kindern wurden keine ihrer Bedürfnisse befriedigt.
Was aber sollen wir tun mit Klaus, der schon mehrere Therapien hinter sich hat, laufend von einem Facharzt behandelt wird und Medikamente schlucken muss?
Keine Erzieherin, kein Erzieher "straft" ihn. Nur still daneben sitzen, das geht auch nicht. Also muss er (wie der Fachmann sagt: aus dem "aggressionsauslösenden Feld" raus).

Klaus aber war während unseres Gesprächs recht friedlich. Er maulte aber ein wenig, als er sagte: Manchmal aber ist es ganz schön ungerecht".
Für diese seine Meinung erntete er die Zustimmung der anderen Kinder. Und als ich es genauer wissen wollte, kamen Einsichten bzw. Einschränkungen: "Na ja, die Erzieher müssen ja was sagen…, wir sind halt nicht immer gut drauf…, aber manchmal sind sie ungerecht".

Kinder, die von Erwachsenen bestraft werden, können mit Zorn, Wut, ja Hass reagieren, wie Steffi ja auch offen zugibt. Gerade dann, wenn sich ein Kind ungerecht behandelt (bestraft) fühlt. Oder, und das ist oft genug daheim bei den Angehörigen der Fall, wenn ein Kind überhaupt nicht versteht, warum es bestraft wird. Aber auch - ich würde sagen, besonders dann, - wenn sie nicht verstehen warum Mutter/Vater heftig reagieren, sich besaufen, rumschreien, sich gegenseitig beleidigen, fühlt sich ein Kind schuldig. Genau darin liegt das Problem: ein Kind fühlt sich schuldig (was es ja überhaupt nicht ist), weil es keine verständliche Erklärung dafür finden kann, warum seine Eltern so sind. Kann ein Kind auch seine Eltern "hassen"? Wohl kaum, jedenfalls habe ich noch keins kennen gelernt. Noch einmal: wütend sind sie, traurig und verzweifelt, weil sie von ihren Eltern misshandelt werden und irgendwann einmal in die stationäre Jugendhilfe müssen oder wollen. Manchmal ist die Lebenssituation daheim so schlimm (vor allem, wenn Mutter und Vater sich gegenseitig beschimpfen und schlagen), dass es eine Strafe sein kann, das Kind in dieses Milieu zu schicken. Dagegen wehren tun sich nur (ganz wenige) ältere Kinder, die, die schon am Ende ihrer Pubertät sind.
Jedes Kind hofft, dass daheim alles anders (besser) geworden ist, während es im Heim war.
Nein, den von erziehungsunfähigen (weil selbst hilfsbedürftigen) Eltern ausgehenden Druck (für ein Kind spürbar durch Drohen und Strafen und andere Formen des so erlebten "Liebesentzugs"), kompensiert es außerhalb der Familie. Im Kindergarten, in der Schule oder, wie bei uns, in Schule und Heim.
Drohungen und Strafen, die von Erwachsenen ausgesprochen werden, die nicht seine Eltern sind, die kann ein Kind mit manchmal sehr heftigen Gegenaggressionen beantworten. Das haben die Kinder gestern bestätigt. Denn wenn sie sagten, dass sie sich "ungerecht" behandelt fühlten, dann wollten sie mir damit signalisieren, dass sie daraus ein Recht ableiten, sich zu wehren. Und das tun sie ja auch.

Vor drei Wochen hatte eine Zwölfjährige dem Erzieher Benno, den Daumen gebrochen. Dieser junge Mann, ein sechsundzwanzigjähriger Athlet, hatte mit ihr "rumgeschnört" und gedroht, sie dürfe nicht in den Ausgang, weil sie partout ihr Zimmer nicht aufräumen wollte. Da schlug sie die Türe zu. Bennos Hand war noch dazwischen. "Selber Schuld" meinte das Mädchen. Übrigens wurde das Kind von niemandem dafür bestraft. Es musste lediglich (wie auch der Erzieher) einen Bericht über diesen Zwischenfall schriftlich vorlegen. So etwas bereitet (beiden) sehr viel Mühe. Diese Konsequenz ist unabdingbar, wird eingesehen und wirkt nachhaltiger als eine Strafe.

Zurück zu dem Gespräch gestern:
Ich fragte die Erzieherin Nadine, was Boris so macht in den Ferien. Boris ist schon sechzehn, geht ins Berufsvorbereitungsjahr und wohnt drüben im "Streifhaus" in der Jugendwohnung, wo er seinen eigenen kleinen Haushalt hat. Wenn er sich bei den anderen Kindern aufhält, stänkert er gerne rum. Dann kann es zu heftigen Streitigkeiten kommen.
Nadine lächelte ein bisschen: "Boris ist ganz friedlich. Wir haben ihm gesagt, wenn er rumstreitet, dann muss er die Ferien daheim verbringen".


Ich fasse zusammen:

Kinder erleben Verhaltensweisen, die sie als Strafen empfinden und/oder, die als Strafen gemeint sind abhängig

von ihrer aktuellen Gefühlslage,
Von den Beziehungen, die sie zu dem Strafenden haben
Von der Situation (was sagen/erwarten die anderen Kinder, wie ich reagiere).

Kinder bewerten Drohungen, Strafen, nach mehr oder (meistens) weniger "gerecht".
Je weniger sie in der Lage sind, zu begreifen, warum was da an ihnen bzw. mit ihnen geschieht, und das gilt auch und ganz besonders bei Diskriminierungen aller Art, umso größer ihr Leid, ihre "Frustration".
Und Frustration führt zu Aggression.


 

2. Bedeutsamkeit für das spätere Leben

Dieses Thema konnte ich verständlicher Weise mit den Kindern nicht besprechen. Und wenn ich die Summe meiner Erfahrungen und Kenntnisse lediglich in einige thesenhafte Aussagen zusammenfasse, dann tue ich das nicht aus Bequemlichkeit. Die erläuternde Beweisführung - an Einzelfällen unschwer leistbar - würde zu weit führen. Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, für eine oder mehrere dieser Aussagen Beispiele brauchten, würde ich sie zu einem späteren Zeitpunkt nachliefern. Ich meine aber, dass die Lebenserfahrung von Ihnen und Ihren Freunden ausreicht, um selbst Beispiele zu finden. Die Reihenfolge meiner Aussagen bedeutet keine Rangfolge. Selbst wenn es Prioritäten bei Auswirkungen gäbe, habe ich die (bisher) nicht erforscht. Sie können ja in Ihrer Arbeit selbst eine Reihenfolge wählen, wie sie Ihnen von Einsicht oder Gefühl her besser zusagt.

1. Strafen (Drohungen, Beleidigungen, soziale Ausgrenzung, sogar nur die Angst davor, nicht anerkannt, nicht geliebt zu sein und alle anderen denkbaren Diskriminierungen) haben Frustration zur Folge. Ein Frustrationserlebnis, vor allem, wenn es ein Kind zutiefst aufwühlt, bleibt unvergessen. Selbst wenn es nicht mehr gewusst wird (das Kind wollte vergessen, hat es verdrängt) hinterlässt es seelische Narben.

2. Viele Frustrationserlebnisse bedeuten viele seelische Verletzungen. Jede dieser Verletzungen führt - schon im Kindesalter, wie wir oben gesehen haben - zu Reaktionen. Oft sind das Aggressionen. Das heißt, der Frust "kommt raus". Öfter noch sind Anpassungsprozesse (Vermeidungsverhalten) die Folge. Wir sprechen dann von angepassten oder gar überangepassten Menschen, oder, weniger elegant und auch wieder diskriminierend von Schleimern und Schleichern. Manchmal heißt es sogar (zu Recht): dem hat man (wer?) in der Kindheit "das Rückrat gebrochen".

3. Damit sind wir beim Erwachsenen, beziehungsweise den Spätfolgen kindlicher Frustrationserfahrungen. Einige dieser Straffolgen (vgl. dazu auch den entsprechen Abschnitt im Kapitel über "Drohen, Strafen, Grenzen setzen!):

Die Person ist selbst aggressiv, denn sie hat nichts Anderes erlebt.
Die Person konnte kein positives Selbstwertgefühl entwickeln und ist darum überwiegend "misserfolgsmotiviert" (sie traut sich nichts zu).
Die Selbstzweifel sind so groß, dass die Person nicht glaubt, jemand könne sie wirklich lieb haben. Sie zweifelt also nicht nur an sich, sondern auch an allen anderen Menschen. Am meisten vielleicht an ihrem Partner und sogar an ihren Kindern.
Es heißt ja auch nicht zu Unrecht: wer sich selbst nichts zutraut, nicht liebt, nicht vertraut, der traut, liebt auch Andere/n nicht.

Die erlebbaren Auswirkungen können auch hier ganz verschieden sein. Seelisch frustrierte Personen, so, wie das hier gemeint ist, können sich, je nach charakterlicher Anlage, nach Innen wenden und gleichsam "abkaspeln" von ihrer sozialen Umwelt. Das kann man zum Beispiel mit Hilfe von Suchtmitteln tun. Die sind aber auch für das Gegenteil geeignet: Eine Person trinkt Alkohol, weil sie nur dann das Selbstvertrauen hat, das sie bei sich selbst vermisst.

Gewiss sind das nicht alle denkbaren Spätfolgen von Straferfahrungen und anderen Frustrationserlebnissen. Und keinesfalls müssen sich so dramatische Folgen bei jedem einstellen.

Nicht wenige Personen gibt es, die ihre negativen Kindheitserlebnisse mit ihren Eltern, Lehrern oder Spielkameraden nie vergessen haben und sich sagten: "nun erst Recht" oder "Ich will es ganz anders machen", "ich mach was aus meinem Leben", "Ich weiß es besser, als Ihr und werde es Euch zeigen". Die Literatur ist voll von derartigen Beispielen. Ich lese gerade über das Leben Friedrichs II. von Preußen, der von seinem Vater unbarmherzig und auf das grausamste seelisch gequält wurde und doch in seiner Zeit, nachdem er Erwachsen war, für viele Deutsche eine Art Ikone wurde. Oder denken wir nur an das Schicksal des Psychoanalytikers Victor Frankl und sein Buch "Trotzdem ja zum Leben sagen". Er ist zugleich ein Beispiel dafür, dass Frustrationserlebnisse, die existenziell bedrohlich sind, auch als Erwachsene (und nicht nur in der Kindheit) erfahren werden können.

Ich möchte, wenn ich die Personengruppen vergleiche, also die mit wenigen und die mit viel Frustrationserfahrungen, sagen, dass die ersteren bessere Startbedingungen haben, in Bezug auf sich und ihr Leben und Leisten (Erfolge durch Leistungen). Die zweite Gruppe muss zusätzlich die Hypothek abtragen, die sie aus der Kindheit mitschleppt.

Wer von beiden am Ende irgendwann einmal von sich sagen kann: ich hatte ein gutes Leben und alles das erreicht, was ich wollte oder gar: mein Leben hat bzw. hatte einen Sinn - darauf vermag ich keine allgemeingültige Antwort zu geben. Das muss jede/jeder für sich selbst entscheiden, ob sie/er achtzehn Jahre alt ist oder achtzig. Nur die Frage sollte sie / er sich stets stellen und ehrlich (vor sich selbst) zu beantworten suchen. Dann findet sie/er auch heraus, was (noch) zu tun ist.

Wer sich die Frage nach diesem Sinn nicht stellt oder stellen kann, oder gar nur meint, das "alles so sinnlos" sei, hat sehr wahrscheinlich seine Frustrationserfahrungen nicht "in den Griff" gekriegt und bräuchte Hilfe.


© Dr. Joachim Rumpf

18.07.2007

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