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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

 

Sexualerziehung
Einführung

 

 

1
Eigentlich ist die Überschrift missverständlich! Zutreffender wäre der Titel: "Die Erziehungsaufgabe "Sexualität" als wichtigen Teilbereich unseres Sozialverhaltens. Wie aber auch immer Versuche aussehen, um diese Thematik genauer in Worte zu fassen, blieben sie doch stets unbefriedigend. Also bleibe ich bei dem zwar ungenügenden aber gebräuchlichen Begriff: "Sexualerziehung".
Wenn nun in den folgenden Texten der Versuch unternommen wird, gestützt auf Erfahrungen und Literaturaussagen zu diesem Thema, Hinweise für Erziehung und Bildung von Heranwachsenden zu geben, dann bin ich mir klar darüber, dass alle Aussagen theoretisch bleiben. Theoretisch darum, weil im Leben einer bestimmten Person, also in Ihrem Leben oder in meinem, Sexualität, wenn sie denn konkret wird, im Grunde systematisch kaum fassbar, weil so komplex ist. Gerade wenn es - wie in der Pädagogik - darum geht, einen Heranwachsenden zu befähigen, sein Leben optimal gestalten zu können, scheint es mir vermessen, für diesen Bereich unserer Existenz, "Rezepte" anzubieten. Dennoch sei es unternommen und wird zusammengetragen, was an Orientierungshilfen, ausgehend von bestimmten Werthaltungen, verantwortet werden kann.

Hierbei bitte ich Sie, liebe Besucherin, lieber Besucher dieser Seiten, sich stets der Grundbedürfnisse eines Kindes als den Fundamenten aller Erziehung und Bildung zu vergewissern!


Jeder Erwachsene weiß aus eigener Erfahrung, dass in den entsprechenden Lebenssituationen eine derartige Fülle an physischen, psychischen oder atmosphärischen Faktoren wirksam werden, von denen sich nicht wenige unserer Rationalität entziehen. Ich denke da zum Beispiel an die Auskunft, die eine Frau nach vieljährigem Zusammenleben ihrem Partner gab, als dieser sich ein Herz gefasst und sie gefragt hatte, was sie zu Sexualität stimuliert oder was sie beeinträchtigt. Sie brauchte gar nicht nachzudenken, als sie antwortete, dass die Stimulation von einer bestimmten Situation abhänge, sie wisse aber erst stets hinterher, von welcher. Und die ist nicht immer die gleiche, also nicht "planbar". Und beeinträchtigt wird ihr sexuelles Empfinden von seinem Körpergeruch. Und der ist nicht immer derselbe.
Halten wir also vorab noch einmal fest:
Es fällt uns erwachsenen Menschen offenbar nicht leicht, uns mit unserem Partner überhaupt über diese Themen auszutauschen; und ich meine, dass wir in jungen Jahren weniger Probleme damit haben, als in späteren.
Sexualität in einer Beziehung auf Gegenseitigkeit und Gleichwertigkeit ist von so vielen Einflüssen abhängig. Zu diesen Einflüssen gehören gegenseitiges Begehren und andere von der Situation abhängige Einflüsse, die für beide Partner positiv sind. Doch wann derartige Situationen gegeben sind, und wie ihre Bedingungsvariablen benannt werden könnten, das wissen wir nur selten voneinander und vielleicht sogar nicht einmal so genau über uns selbst.


Dass trotz derartiger relativierender Erkenntnisse Sexualerziehung nötig ist und wir Eltern nicht alles dem Selbstlauf überlassen sollten, möchte ich unter anderem mit den folgenden Beispielen begründen. Diese Begründungszusammenhänge sind, das sei ausdrücklich betont, aus subjektiver Sicht, also auf Grund persönlicher Erfahrungen und Interpretationen formuliert.

 

2.
Eine heute fünfzig jährige Frau erzählte, dass weder bei ihr daheim noch später in ihrer Ehe je von Sexualität "und solchen Dingen" gesprochen wurde. Gewiss habe es in ihrer Schul- und Lehrzeit mit ihren Kolleginnen Gespräche mit und über Männer gegeben. Doch "solche Dinge" wurden nicht erwähnt. Sie heiratete früh ihren ersten Freund, gebar Kinder und dennoch, war die sexuelle Beziehung kein Thema zwischen den Eheleuten. Etwa während ihrer Wechseljahre erlosch ihr Interesse an "solchen Dingen". Lediglich ihr Mann kam noch ab und zu mal zu ihr, wenn er was getrunken hatte. "Nun ja, da muss man halt still halten. Aber Spaß hat es mir nicht gemacht. Und inzwischen kommt auch Klaus nicht mehr"

 

3.
Eine andere, nur wenig jüngere Frau, hatte schon mit achtzehn Jahren ihren Freund geheiratet und war nach fünfundzwanziger Ehe Witwe geworden. Ihr einziges Kind, ein Sohn, lebt in einer eigenen Wohnung mit in ihrem Haus. Die Freunde, der Sohn und Verwandte drängen sie, die bald ihren fünfzigsten Geburtstag begeht, doch wieder zu heiraten. "Suche dir wenigstens einen Freund. Doch die Frau, die tüchtig in ihrem Beruf ist, geniert sich: "Karl war der erste Mann und einzige. Ich weiß gar nicht, wie ich das anstellen soll… Und wie muss ich mich denn verhalten?... Da muss man sich ausziehen vor einem völlig Fremden… Nein, das schaffe ich nicht…". Und die Sexualität? Darauf angesprochen, errötet sie heftig und weist ab: Über so was habe ich noch nie gesprochen. Auch mit Karl nicht. Nein, das interessiert mich nicht…"


Beide Frauen sind in hohem Maße verunsichert und wenn es um ihre eigene Sexualität geht. Sie leben bzw,. erleiden sie, sie war für sie keine Quelle der Freude am Leben und schon gar nicht Gegenstand des Nachdenkens oder gar eines Gesprächs. Stattdessen ist das "irgendwie eine Sache, die es nur im Film gibt", so eine ihrer Einschätzungen.

Anmerkung hierzu:
Als diese Frauen und Mütter zwanzig Jahre alt waren, lebten sie in der ersten Hälfte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sexualität und Sexuelerziehung waren damals Themen in der Pädagogik wie in allen Medien. Aufklärung, Emanzipation, Selbstverwirklichung auch in der Sexualität wurden öffentlich diskutiert. Wenn es auch damals noch nicht die vielen Internetseiten bildhaft informierenden ja sogar pornografischen Inhalts gab, die heute jedem Jugendlichen zugängig sind, so brachen seit Oswald Kolles Filme und Beate Uhses Versandhaus in den sechziger Jahren alle Tabus zusammen. Dennoch blieben Hemmungen, Schamhaftigkeit aber auch hohe Hürden in Bezug auf die eigene sexualle Freizügigkeit und der damit zusammenhängende Umgang mit dem anderen Geschlecht erhalten. Unsicherheiten - vor allem, wenn es um Antworten auf die Fragen ging: bin ich "normal", bin ich begehrenswert, verhalte ich mich "notmgerecht" (bezogen auf eine soziale Gruppe), sogar Ängste behinderten und behindern bis in die Gegenwart bei noch immer viel zu viel jungen Menschen die Entwicklung zu einem sie erfüllenden und beglückenden Umgang mit der eigenen Sexualität und hin zu einer Sexualität, die ein hochbedeutsamer und von beiden Partnern zu verantwortender Faktor in einer Beziehung ist .

 

 

4.
Und wie sieht es bei den Männern aus? Auch nicht viel besser! So wenig, wie die Ehefrauen mit ihren Männern darüber sprechen, so wenig geschieht das umgekehrt. Ein Ehepaar kenne ich, da ist stets der Sonntagmorgen die Zeit für eine sexuelle Begegnung. Wie überhaupt die Regelhaftigkeit des Arbeitsalltags sich auch in diesem Bereich sozialer Kontakte breit gemacht hat. Standen in vielen Beziehungen am Anfang noch stimmungs- und atmosphäreabhängige sexuelle Kontakte spontan und häufig im Mittelpunkt, so traten an ihre Stelle früher oder später Regelhaftigkeit und Gleichmaß.

Und wenn Männer Sexualität in der Ehe gleichsam "institutionalisieren" und nicht mehr thematisieren wollen oder können, bleiben sie außerhalb der Familie in ihren Vereinen, an Stammtischen und in anderen Männergruppen keineswegs stumm bei diesem Thema. Im Gegenteil wird mit dem Mund sexualisiert. Obszöne Witze und andere Anzüglichkeiten auch Frauen gegenüber gehören, neben der Trinkfestigkeit zu den Männerbegegnungen. Die größten Maulhelden in diesen Runden verfügen, so meine Vermutung, über die geringste Handlungskompetenz im Umgang mit dem anderen Geschlecht. In dieser Beziehung verhalten sie sich noch in späten Jahren wie zu den Zeiten ihrer Pubertät, als die "Sprüche" nicht zotig und derb genug sein konnten, in der konkreten Begegnung mit Mädchen aber Hemmungen, Sprachlosigkeit und Ungeschicklichkeiten die Interaktion bestimmten beziehungsweise ganz natürlich waren.

 

5.
Auch in geselligen Frauenrunden wird, vor allem, wenn dem Alkoholika konsumiert und Hemmungen reduziert wurden, vieles laut ausgesprochen, was daheim in "trauter Zweisamkeit" keinen Ausdruck findet. Als wollten sie sich für entgangene Freuden schadlos halten, werden auch aus zartem Damenmund Obszönitäten hörbar, die man in den Milieus von biederen Hausfrauen und in Büros nicht vermutet. Gewiss, wer in den Werkstätten und Fabrikabteilungen gearbeitet hat, in denen viel Frauen beieinander waren, der hat schon in vergangenen Generationen erfahren, dass - gerade, wenn Männer in der Nähe waren - sehr deutliche Anzüglichkeiten laut geäußert und mit Gelächter belohnt wurden. Doch daheim, in ihren privaten Beziehungen erstarben die scheinbar unbekümmerten Freimütigkeiten.
Doch nur einige wenige setzten die verbalen Anmutungen auch in die Praxis um. Während diese aber, wie wohl die meisten Frauen, in sexuellen Kontakten mit Männern ihre Emotionalität mit einbrachten, bestand bei Männern die Neigung, Sexualität mit einer (ihrer) Frau lediglich als eine Variante der Selbstbefriedigung zu leben.

Und genau um diese, gleichsam "asoziale", auf ihre biologische Funktion reduzierte Sexualität geht es in diesem Kapitel. Ihr entgegenzuwirken, in Erziehung und Bildung innerhalb einer Familie mit Kindern dafür Sorge zu tragen, dass die Heranwachsenden sich in ihrer jeweiligen Rolle als Partner in einer Beziehung in einer positiven, und das heißt zugleich, akzeptierenden und auf den Partner gerichteten Sexualität begreifen lernen, das bleibt Aufgabe der Eltern.

Eine zusätzliche Bemerkung aber erscheint mir angebracht: "Sexualität als Variante der Selbstbefriedigung" so tat ich den Geschlechtsakt ohne emotionaler und sozialer, auf den Partner gerichtete Begegnungskomponenten ab. Das soll nicht heißen, dass derartige Praktiken, die zu den Erfahrungen vieler Frauen und Männer gehören, gering zu schätzen oder gar zu verurteilen sind. Ich denke hier zum Beispiel an eine Passage in den Memoiren des chilenischen Lyrikers Pablo Neruda, in der er einfühlsam und eindrucksvoll die flüchtige sexuelle Begegnung mit einer jungen Frau in Paris beschreibt, eine Erfahrung, an die er sich in ihrer Einmaligkeit und Intensität noch gern zurückerinnerte (Pablo Neruda: Ich bekenne, ich habe gelebt. Darmstadt 6/1980, S.72). Ich nehme an, dass eine oder mehrere derartiger Erfahrungen in jungen Jahren zu einem Reifeprozess beitragen können, der in der Fähigkeit und Bereitschaft mündet, Sexualität als Ausdruck gegenseitiger Zuneigung und Zusammengehörigkeit zu leben.
Ganz allgemein und bezogen auf das Erwachsenenalter gilt, dass alle für eine Person Glück und Wohlbefinden konstituierenden erotische Beziehungen zu akzeptieren sind, wenn sie die Menschenwürde nicht verletzen, das Selbstbestimmungsrecht nicht einschränken und sich im Rahmen der gesetzlichen und kulturellen Normen in einer Gesellschaft bewegen. Als bemerkenswertes Beispiel für derartige Orientierungen aus christlicher Sicht betrachte ich die gerade in diesen Tagen von Papst Benedikt XVI. erlassene Enzyklika "Deus caritas est" (Gott ist die Liebe).

Es geht also in meinen Überlegungen, die seit mehreren Jahren auch in Elterngesprächskreisen besprochen wurden, um den gelebten Alltag mit unseren Kindern, in dem die Liebe mit ihrem Komponenten Eros und Erotik eine mal mehr mal weniger große Rolle spielt.

 

 

Zurück zur Einführung in die Familienerziehung und zum Inhaltsverzeichnis

 

 

Hier in der Form eines Inhaltsverzeichnisses eine Übersicht über die einzelnen Textabschnitte:

1. Einführung

2. Sexualität ist natürlich

3. Sexualität als soziales Verhalten

4. Sexualität und Entwicklung

5. Erziehung und Sexualität

6. Schlussfolgerungen

7. Aktuelle Tendenzen: Pornographie statt Sexualerziehung?

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