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Sexualerziehung
Einführung
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1
Eigentlich ist die Überschrift missverständlich! Zutreffender wäre
der Titel: "Die Erziehungsaufgabe "Sexualität" als wichtigen
Teilbereich unseres Sozialverhaltens. Wie aber auch immer Versuche aussehen, um
diese Thematik genauer in Worte zu fassen, blieben sie doch stets unbefriedigend.
Also bleibe ich bei dem zwar ungenügenden aber gebräuchlichen Begriff:
"Sexualerziehung". Wenn nun in den folgenden Texten der Versuch
unternommen wird, gestützt auf Erfahrungen und Literaturaussagen zu diesem
Thema, Hinweise für Erziehung und Bildung von Heranwachsenden zu geben, dann
bin ich mir klar darüber, dass alle Aussagen theoretisch bleiben. Theoretisch
darum, weil im Leben einer bestimmten Person, also in Ihrem Leben oder in meinem,
Sexualität, wenn sie denn konkret wird, im Grunde systematisch kaum fassbar,
weil so komplex ist. Gerade wenn es - wie in der Pädagogik - darum geht,
einen Heranwachsenden zu befähigen, sein Leben optimal gestalten zu können,
scheint es mir vermessen, für diesen Bereich unserer Existenz, "Rezepte"
anzubieten. Dennoch sei es unternommen und wird zusammengetragen, was an Orientierungshilfen,
ausgehend von bestimmten Werthaltungen, verantwortet werden kann. Jeder Erwachsene
weiß aus eigener Erfahrung, dass in den entsprechenden Lebenssituationen
eine derartige Fülle an physischen, psychischen oder atmosphärischen
Faktoren wirksam werden, von denen sich nicht wenige unserer Rationalität
entziehen. Ich denke da zum Beispiel an die Auskunft, die eine Frau nach vieljährigem
Zusammenleben ihrem Partner gab, als dieser sich ein Herz gefasst und sie gefragt
hatte, was sie zu Sexualität stimuliert oder was sie beeinträchtigt.
Sie brauchte gar nicht nachzudenken, als sie antwortete, dass die Stimulation
von einer bestimmten Situation abhänge, sie wisse aber erst stets hinterher,
von welcher. Und die ist nicht immer die gleiche, also nicht "planbar".
Und beeinträchtigt wird ihr sexuelles Empfinden von seinem Körpergeruch.
Und der ist nicht immer derselbe. Halten wir also vorab noch einmal fest:
Es fällt uns erwachsenen Menschen offenbar nicht leicht, uns mit unserem
Partner überhaupt über diese Themen auszutauschen; und ich meine, dass
wir in jungen Jahren weniger Probleme damit haben, als in späteren. Sexualität
in einer Beziehung auf Gegenseitigkeit und Gleichwertigkeit ist von so vielen
Einflüssen abhängig. Zu diesen Einflüssen gehören gegenseitiges
Begehren und andere von der Situation abhängige Einflüsse, die für
beide Partner positiv sind. Doch wann derartige Situationen gegeben sind, und
wie ihre Bedingungsvariablen benannt werden könnten, , das wissen wir nur
selten voneinander und vielleicht sogar nicht einmal so genau über uns selbst.
Dass trotz derartiger relativierender Erkenntnisse Sexualerziehung nötig
ist und wir Eltern nicht alles dem Selbstlauf überlassen sollten, möchte
ich unter anderem mit den folgenden Beispielen begründen. Diese Begründungszusammenhänge
sind, das sei ausdrücklich betont, aus subjektiver Sicht, also auf Grund
persönlicher Erfahrungen und Interpretationen formuliert.
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2.
Eine heute fünfzig jährige Frau erzählte, dass weder bei ihr
daheim noch später in ihrer Ehe je von Sexualität "und solchen
Dingen" gesprochen wurde. Gewiss habe es in ihrer Schul- und Lehrzeit mit
ihren Kolleginnen Gespräche mit und über Männer gegeben. Doch "solche
Dinge" wurden nicht erwähnt. Sie heiratete früh ihren ersten Freund,
gebar Kinder und dennoch, war die sexuelle Beziehung kein Thema zwischen den Eheleuten.
Etwa während ihrer Wechseljahre erlosch ihr Interesse an "solchen Dingen".
Lediglich ihr Mann kam noch ab und zu mal zu ihr, wenn er was getrunken hatte.
"Nun ja, da muss man halt still halten. Aber Spaß hat es mir nicht
gemacht. Und inzwischen kommt auch Klaus nicht mehr" |
3.
Eine andere, nur wenig jüngere Frau, hatte schon mit achtzehn Jahren ihren
Freund geheiratet und war nach fünfundzwanziger Ehe Witwe geworden. Ihr einziges
Kind, ein Sohn, lebt in einer eigenen Wohnung mit in ihrem Haus. Die Freunde,
der Sohn und Verwandte drängen sie, die bald ihren fünfzigsten Geburtstag
begeht, doch wieder zu heiraten. "Suche dir wenigstens einen Freund. Doch
die Frau, die tüchtig in ihrem Beruf ist, geniert sich: "Karl war der
erste Mann und einzige. Ich weiß gar nicht, wie ich das anstellen soll…
Und wie muss ich mich denn verhalten?... Da muss man sich ausziehen vor einem
völlig Fremden… Nein, das schaffe ich nicht…". Und die Sexualität?
Darauf angesprochen, errötet sie heftig und weist ab: Über so was habe
ich noch nie gesprochen. Auch mit Karl nicht. Nein, das interessiert mich nicht…"
Beide Frauen sind in hohem Maße verunsichert und wenn es um ihre eigene
Sexualität geht. Sie leben bzw,. erleiden sie, sie war für sie keine
Quelle der Freude am Leben und schon gar nicht Gegenstand des Nachdenkens oder
gar eines Gesprächs. Stattdessen ist das "irgendwie eine Sache, die
es nur im Film gibt", so eine ihrer Einschätzungen.
Anmerkung hierzu:
Als diese Frauen und Mütter zwanzig Jahre alt waren, lebten sie in der ersten
Hälfte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Sexualität
und Sexuelerziehung waren damals Themen in der Pädagogik wie in allen Medien.
Aufklärung, Emanzipation, Selbstverwirklichung auch in der Sexualität
wurden öffentlich diskutiert. Wenn es auch damals noch nicht die vielen Internetseiten
bildhaft informierenden ja sogar pornografischen Inhalts gab, die heute jedem
Jugendlichen zugängig sind, so brachen seit Oswald Kolles Filme und Beate
Uhses Versandhaus in den sechziger Jahren alle Tabus zusammen. Dennoch blieben
Hemmungen, Schamhaftigkeit aber auch hohe Hürden in Bezug auf die eigene
sexualle Freizügigkeit und der damit zusammenhängende Umgang mit dem
anderen Geschlecht erhalten. Unsicherheiten - vor allem, wenn es um Antworten
auf die Fragen ging: bin ich "normal", bin ich begehrenswert, verhalte
ich mich "notmgerecht" (bezogen auf eine soziale Gruppe), sogar Ängste
behinderten und behindern bis in die Gegenwart bei noch immer viel zu viel jungen
Menschen die Entwicklung zu einem sie erfüllenden und beglückenden Umgang
mit der eigenen Sexualität und hin zu einer Sexualität, die ein hochbedeutsamer
und von beiden Partnern zu verantwortender Faktor in einer Beziehung ist . |
4.
Und wie sieht es bei den Männern aus? Auch nicht viel besser! So wenig, wie
die Ehefrauen mit ihren Männern darüber sprechen, so wenig geschieht
das umgekehrt. Ein Ehepaar kenne ich, da ist stets der Sonntagmorgen die Zeit
für eine sexuelle Begegnung. Wie überhaupt die Regelhaftigkeit des Arbeitsalltags
sich auch in diesem Bereich sozialer Kontakte breit gemacht hat. Standen in vielen
Beziehungen am Anfang noch stimmungs- und atmosphäreabhängige sexuelle
Kontakte spontan und häufig im Mittelpunkt, so traten an ihre Stelle früher
oder später Regelhaftigkeit und Gleichmaß.Und
wenn Männer Sexualität in der Ehe gleichsam "institutionalisieren"
und nicht mehr thematisieren wollen oder können, bleiben sie außerhalb
der Familie in ihren Vereinen, an Stammtischen und in anderen Männergruppen
keineswegs stumm bei diesem Thema. Im Gegenteil wird mit dem Mund sexualisiert.
Obszöne Witze und andere Anzüglichkeiten auch Frauen gegenüber
gehören, neben der Trinkfestigkeit zu den Männerbegegnungen. Die größten
Maulhelden in diesen Runden verfügen, so meine Vermutung, über die geringste
Handlungskompetenz im Umgang mit dem anderen Geschlecht. In dieser Beziehung verhalten
sie sich noch in späten Jahren wie zu den Zeiten ihrer Pubertät, als
die "Sprüche" nicht zotig und derb genug sein konnten, in der konkreten
Begegnung mit Mädchen aber Hemmungen, Sprachlosigkeit und Ungeschicklichkeiten
die Interaktion bestimmten beziehungsweise ganz natürlich waren. |
5.
Auch in geselligen Frauenrunden wird, vor allem, wenn dem Alkoholika konsumiert
und Hemmungen reduziert wurden, vieles laut ausgesprochen, was daheim in "trauter
Zweisamkeit" keinen Ausdruck findet. Als wollten sie sich für entgangene
Freuden schadlos halten, werden auch aus zartem Damenmund Obszönitäten
hörbar, die man in den Milieus von biederen Hausfrauen und in Büros
nicht vermutet. Gewiss, wer in den Werkstätten und Fabrikabteilungen gearbeitet
hat, in denen viel Frauen beieinander waren, der hat schon in vergangenen Generationen
erfahren, dass - gerade, wenn Männer in der Nähe waren - sehr deutliche
Anzüglichkeiten laut geäußert und mit Gelächter belohnt wurden.
Doch daheim, in ihren privaten Beziehungen erstarben die scheinbar unbekümmerten
Freimütigkeiten. Doch nur
einige wenige setzten die verbalen Anmutungen auch in die Praxis um. Während
diese aber, wie wohl die meisten Frauen, in sexuellen Kontakten mit Männern
ihre Emotionalität mit einbrachten, bestand bei Männern die Neigung,
Sexualität mit einer (ihrer) Frau lediglich als eine Variante der Selbstbefriedigung
zu leben. Und
genau um diese, gleichsam "asoziale", auf ihre biologische Funktion
reduzierte Sexualität geht es in diesem Kapitel. Ihr entgegenzuwirken, in
Erziehung und Bildung innerhalb einer Familie mit Kindern dafür Sorge zu
tragen, dass die Heranwachsenden sich in ihrer jeweiligen Rolle als Partner in
einer Beziehung in einer positiven, und das heißt zugleich, akzeptierenden
und auf den Partner gerichteten Sexualität begreifen lernen, das bleibt Aufgabe
der Eltern. Eine
zusätzliche Bemerkung aber erscheint mir angebracht: "Sexualität
als Variante der Selbstbefriedigung" so tat ich den Geschlechtsakt ohne emotionaler
und sozialer, auf den Partner gerichtete Begegnungskomponenten ab. Das soll nicht
heißen, dass derartige Praktiken, die zu den Erfahrungen vieler Frauen und
Männer gehören, gering zu schätzen oder gar zu verurteilen sind.
Ich denke hier zum Beispiel an eine Passage in den Memoiren des chilenischen Lyrikers
Pablo Neruda, in der er einfühlsam und eindrucksvoll die flüchtige sexuelle
Begegnung mit einer jungen Frau in Paris beschreibt, eine Erfahrung, an die er
sich in ihrer Einmaligkeit und Intensität noch gern zurückerinnerte
(Pablo Neruda: Ich bekenne, ich habe gelebt. Darmstadt 6/1980, S.72). Ich nehme
an, dass eine oder mehrere derartiger Erfahrungen in jungen Jahren zu einem Reifeprozess
beitragen können, der in der Fähigkeit und Bereitschaft mündet,
Sexualität als Ausdruck gegenseitiger Zuneigung und Zusammengehörigkeit
zu leben. Ganz allgemein und bezogen auf das Erwachsenenalter gilt, dass alle
für eine Person Glück und Wohlbefinden konstituierenden erotische Beziehungen
zu akzeptieren sind, wenn sie die Menschenwürde nicht verletzen, das Selbstbestimmungsrecht
nicht einschränken und sich im Rahmen der gesetzlichen und kulturellen Normen
in einer Gesellschaft bewegen. Als bemerkenswertes Beispiel für derartige
Orientierungen aus christlicher Sicht betrachte ich die gerade in diesen Tagen
von Papst Benedikt XVI. erlassene Enzyklika "Deus caritas est" (Gott
ist die Liebe).Es
geht also in meinen Überlegungen, die seit mehreren Jahren auch in Elterngesprächskreisen
besprochen wurden, um den gelebten Alltag mit unseren Kindern, in dem die Liebe
mit ihrem Komponenten Eros und Erotik eine mal mehr mal weniger große Rolle
spielt. |
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Einführung in die Familienerziehung und zum
Inhaltsverzeichnis |
| Hier
in der Form eines Inhaltsverzeichnisses eine Übersicht über die einzelnen
Textabschnitte:
1. Einführung
2. Sexualität ist natürlich
3. Sexualität als soziales Verhalten
4. Sexualität und Entwicklung
5. Erziehung und Sexualität 6.
Schlussfolgerungen7.Aktuelle
Tendenzen: Pornographie statt Sexualerziehung? |