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Sexualerziehung
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Einführung Heute
ist es selbstverständlich, dass Sexualität oder Geschlechtlichkeit öffentlich
diskutiert werden. Prostituierte treten öffentlich auf und immer weniger
Menschen machen davon Aufhebens. Über Bildschirmmedien werden Transvestiten-Shows
ebenso in unsere Wohnstuben gesendet, wie - mal mehr mal weniger deutlich - sexuelle
Kontakte beziehungsweise Pornographie selbst. Insofern kommt der Gag in einer
Kabaret-Sendung der Realität sehr nahe, wenn darin der Vater dem Sohn über
die Fortpflanzung aufklären soll und hierbei auf die gemeinsamen Erlebnisse
in einem Pariser Bordell verweist. Seit der weiten Verbreitung von Computern in
Kinderzimmern und dem von Eltern geduldetem Zugang in das Internet, werden Nutzern
- also auch Kindern und Jugendlichen - eine Fülle an pornographischen Darstellungen
angeboten. Unsere Heranwachsenden bedürfen im Grunde der Aufklärung
durch uns nicht mehr und wissen früher und mehr über Sexualität
wissen, als wir annehmen. Das gilt allerdings nur für die biologischen Vorgänge
und damit zusammenhängende sexuelle Praktiken. Allerdings bleibt die
Frage offen, ob wir Eltern uns auch noch die Sexualerziehung aus der Hand
nehmen lassen wollen oder dürfen. Nach dem in Veranstaltungen zur Elternbildung
vertretenem Verständnis von erzieherischer Verantwortung muss diese Frage
eindeutig verneint werden und wir halten vorab fest: Die
Erziehung zu Liebe und Sexualität ist wichtiges Element einer Entwicklung
hin zu einer erfüllten menschlichen Existenz. In
drei Schritten wollen wir uns in gebotener Kürze mit diesem Problem befassen.
Zunächst werden einige Informationen über die sexuelle Entwicklung gegeben
(1). Dann werden drei Positionen zur Geschlechtserziehung vorgestellt (2) aus
der die praktischen Konsequenzen zu ziehen sind (3). |
2.
Sexualität ist natürlich Sexualität
ist ebenso natürlich, wie die anderen existentiell notwendigen Bedürfnisse,
also wie zum Beispiel Essen, Trinken, Schlafen, oder Bewegung. Der Geschlechtstrieb
freilich dient nicht in erster Linie beziehungsweise ausschließlich der
Befriedigung eines subjektiven Bedürfnisses. Von der Natur her hat er den
Zweck, für die Fortpflanzung zu sorgen. Und dazu gehören jeweils ein
andersgeschlechtlicher Partner. Insofern ist Sexualität sozusagen von Natur
aus ein Element sozialer Beziehungen und hier wieder in erster Linie zwischen
Frau und Mann. Mehr als alle anderen natürlichen Erscheinungen ist dieses
Element unserer Existenz kulturell überformt. Allein der Gedanke an die Schöpfungsgeschichte
deutet an, was gemeint ist. Und schauen wir in unseren Alltag oder in den unserer
Vorfahren, so ließe sich etwas schablonenhaft darauf verweisen, dass alles
seine Zeit hatte: Schlafen, Mahlzeiten, Arbeit und Erholung - aber auch die Sexualität.
Und selbst in Zeiten großer Freizügigkeiten, wie wir sie jetzt erleben,
kommt der sexuellen Beziehung zwischen Frau und Mann eine besondere Bedeutung
zu. Die Scheidungszahlen steigen. Zu den häufigsten Gründen gehört
die Untreue. Und in noch mehr Fällen, als es die Scheidungsstatistik verrät,
bildet der Ehebruch den Grund für schwere Beziehungsstörungen zwischen
Frau und Mann. Daran hat sich also nichts geändert - so modern wir auch geworden
sind. Es ist gerade diese Erkenntnis, die auf die Notwendigkeit verweist, Sexualerziehung
als einen wichtigen Teil der Sozialerziehung zu verstehen, also der Erziehung
auf den richtigen zwischenmenschlichen Umgang hin. Wie sollte das praktisch geschehen? Genauso
wie die anderen Grundtriebe ist die Sexualität bereits bei der Geburt im
Menschen angelegt. Sexualforscher haben nachgewiesen, dass die mit der Sexualität
verbundenen Gefühle, wie Spannungszustände, Lust oder Entspannung bereits
in den ersten beiden Lebensjahren beobachtet werden können. Diese primär
subjektiven, also in mir ablaufenden Gefühlszustände und Empfindungen,
die sich im Genitalbereich lokalisieren lassen, sind eher allgemeiner Natur und
begleiten uns unser ganzes Leben. Von diesen Zuständen und Empfindungen unterscheiden
wir jene, die zwar in ihnen eingebettet sind, aber dennoch spezifische Ausdrucksformen
erhalten. Es sind die Formen zwischengeschlechtlicher Sexualität, die mit
der Zeugungs- und Gebärfähigkeit beginnt. Wir bezeichnen diese Entwicklungsphase
als Pubertät oder Geschlechtsreife. Weil wir über Generationen hinweg
so taten, als wäre mit Beginn dieser Phase Sexualität überhaupt
erst ein Thema in der menschlichen Entwicklung ist für unser pädagogisches
Anliegen die Erkenntnis wichtig, dass Geschlechtsreife eingebettet ist in die
allgemeine Natur unserer Sexualität die unser ganzes Leben begleitet von
der Geburt bis zum Tod. Niemand käme zum Beispiel auf die Idee zu behaupten,
dass mit der Zeugungs- und Gebärfähigkeit die Sexualität erlischt.
Mit natürlichen
Erscheinungen sollten wir natürlich umgehen. Wir brauchen uns also nicht
zu wundern, dass ein Kind im dritten Lebensjahr eines Tages entdeckt, dass Menschen
verschieden sind. Lebte unsere Tochter/unser Sohn während der ersten beiden
Lebensjahre noch ohne Bewusstsein der eigenen spezifischen Geschlechtlichkeit,
so bemerkt unser Kind, dass das andersgeschlechtliche Geschwisterkind oder Elternteil
im Genitalbereich anders aussieht. Und prompt können sich entsprechende Fragen
einstellen: "Mama, bekomme ich auch ein Glied?" wird das kleine Mädchen
fragen (vorausgesetzt natürlich es sind zuvor von den Eltern die begrifflich
zutreffenden und völlig neutralen naturkundlichen Bezeichnungen verwendet
worden). Mädchen haben eine Scheide, Buben ein Glied. Diese Benennung ist
korrekt und sollte stets und ohne Scheu und Untertöne so verwendet werden.
Es gibt keine Legitimation, außer unserer eigenen Unzulänglichkeit
im Umgang mit Sexualität, Körperteilen und Körperfunktionen andere
Bezeichnungen oder Gehalte zuzuordnen als eben die natürlichen. Was
natürlich ist und selbstverständlich, wird auch nicht mit Geheimnissen
umgeben. Wir können davon ausgehen, dass überall dort, wo auf die Kinderfragen
und kindliche Verhaltensweisen im hier vorgetragenen Sinne reagiert wird, sexueller
Mißbrauch erschwert ist. Kinder - zumindest die, die älter sind als
drei Jahre und über die entsprechende Ausdrucksfähigkeit verfügen,
können sich leichter mitteilen, wenn ihnen die Benennungen vertraut sind
und sie wissen, dass sie darüber sprechen können ohne dass ihre Umgebung
abweisend reagiert. Dies
aber ist nur eine Komponente von Sexualerziehung innerhalb der Familie. |
3.
Sexualität als soziales Verhalten Menschliche
Sexualität ist nicht nur triebgesteuert. Der Mensch kann sich, und darin
unterscheidet er sich vom Tier, von seinen Trieben distanzieren, sie bewusst wahrnehmen
und steuern. Menschliche Sexualität ist weiter soziokulturell bedingt. Das
heißt zum Beispiel, dass menschliches Sexualverhalten davon abhängt,
in welcher Zeit und Kultur und als Angehöriger welchen Volkes ein Mensch
heranwächst. Für die Pädagogik ist hierbei die Erkenntnis bedeutsam,
dass das Sexualverhalten vor allem von der sozialen Umwelt anerzogen wird.
Als Sexualverhalten sind hier alle der Sexualität dienenden beziehungsweise
bewusst auf sie hinsteuernden verbalen und nonverbalen Verhaltensweisen der einzelnen
Person in der Begegnung mit anderen gemeint. Sexualverhalten ist also Teil des
sozialen Verhaltens, Sexualerziehung ein Teil der Sozialerziehung. Martin
Buber unterscheidet in der zwischenmenschlichen Begegnung zwei Grundhaltungen: Die
eine ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Person eine andere vorwiegend als "Es",
als Objekt betrachtet. Im Alltag heißt das zum Beispiel, dass bei einer
solchen Einstellung ein anderer Mensch an seinem Nutzen gemessen wird, etwa an
der Frage: was bringt es mir, wenn ich mich dem anderen zuwende? Für das
Sexualverhalten eines Menschen mit dieser Haltung würde das heißen,
dass sein Sexualpartner ein Objekt seiner Triebbefriedigung wäre. Die
andere Grundhaltung ist die, nach der eine Person die andere als "Du"
anerkennt, nicht also als Objekt, sondern als ein personal-agierendes Subjekt.
Im beruflichen und außerberuflichen Alltag heißt das nichts anderes,
als dass einer den anderen in seiner Persönlichkeit wahrnimmt und akzeptiert
und dass die Beziehungen zwischen den Menschen auf gegenseitiger Achtung und auf
Anerkennung der Menschenwürde beruhen. Auf das Sexualverhalten übertragen
kann eine "Du-orientierte" Haltung als die Fähigkeit beschrieben
werden, die emotionale, soziale und motivationale Situation des Partners wahrnehmen,
akzeptieren und sich entsprechend verhalten zu können. Beide
der hier angedeuteten Grundhaltungen können in ein und derselben Person zeitweilig
oder dauerhaft vorhanden sein. Jede dieser Grundhaltungen kann sich aber auch
zu einer überwiegenden Eigenschaft verfestigen, das heißt, jede dieser
Haltungen hat die Möglichkeit sich in einer Person als die bestimmende durchzusetzen.
Ob ein Mensch eher ein triebhaft-objektorientiertes oder eher ein kulturell überformtes
subjektorientiertes Sexualverhalten realisiert, liegt in der Verantwortung der
ihn erziehenden und bildenden Kräfte: also seiner Eltern, seiner Erzieher
und Lehrer, den Freundeskreisen oder Kameraden innerhalb und außerhalb von
Vereinen, aber auch den "geheimen Miterziehern", wie zum Beispiel den
Massenmedien.
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4.
Sexualität und Entwicklung Ulrich
Diekmeyer spricht in seinem dritten Elternbuch ("Unser Kind im dritten Lebensjahr",
Hamburg 1992, S. 113) von der "ersten kritischen Phase", wenn unser
Kind im dritten Lebensjahr deutlich wahrnehmbare sexuelle Neugierde zeigt. Kritisch
ist diese Phase unsertwegen: Es kommt darauf an, wie wir auf kindliche Interessen
oder Äußerungen reagieren. Unser Kind beginnt ab dem dritten Lebensjahr
sich für seine Geschlechtsorgane zu interessieren. Wir sprechen von einer
"Schau- und Zeigelust". Wir können beobachten, wie unsere Kinder
feststellen, dass sich Bube und Mädchen beim Urinieren anders verhalten und
entdecken zum Beispiel bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal bewusst den kleinen
Unterschied. Das löst wiederum Fragen aus "Mami, kriege ich auch noch
so ein Glied?" fragt die Schwester. Aber auch Vater und Mutter werden nun
mit etwas anderen Augen angeschaut. Sogar die ersten Doktorspiele mit den Untersuchungen
am anderen Kind, dem gegenseitigen Betasten und Betrachten nehmen in dieser Phase
ihren Anfang. Alle diese Verhaltensweisen gehören zur normalen Entwicklung
unserer Kinder. Und je selbstverständlicher wir Erwachsenen damit umgehen
und je weniger wir eine Staatsaktion aus unseren Beobachtungen machen, um so eher
geht unser Kind zur Tagesordnung über.
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5. Erziehung und
Sexualität Wir
sprechen von den "drei Formen von Sexualerziehung" und unterscheiden: Die
tabuisierende Sexualerziehung. Von tabuisierender Sexualerziehung wird
gesprochen, wenn Eltern und Erzieher Probleme des sexuellen Verhaltens aus ihrem
Erziehungsalltag ausklammern. Etwa nach dem Motto: "Darüber spricht
man nicht". Oder, was ebenso schlimm ist: "Unser Kind sieht so viele
Filme mit sexuellen Handlungen, da braucht es keine Aufklärung durch uns
mehr". Das Thema ist in den betreffenden Lebensbereichen also "tabu".
In derartigen Fällen bleiben die Heranwachsenden mit ihren Triebempfindungen
sich selbst überlassen und damit auf die indirekten Erziehungseinflüsse
aus der näheren und weiteren sozialen Umwelt her angewiesen. Nicht selten
"tabuisieren" die Heranwachsenden derartige Themen selbst im Umgang
mit ihren Eltern. Diese Zurückhaltung sollten Eltern und Erzieher respektieren.
In einer Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens müssen wir Eltern uns da
keine Sorgen machen und schon gar nicht sollten wir von uns aus meinen, wir müssten
unsere Pubertierenden zu Gesprächen über Sexualität "animieren". Die
animierende Sexualerziehung. Die animierende Sexualerziehung wird überall
dort praktiziert, wo aus einem entsprechenden Menschenbild heraus der Sexualität
eine dominierende Funktion in der Entwicklung des Menschen eingeräumt und
die kulturelle Überformung des Sexualtriebes als Triebunterdrückung,
ja als Unterdrückung des Menschen überhaupt betrachtet wird. Nach diesem
Konzept ist ein Mensch frühzeitig an Sexualität und entsprechende Haltungen
und Verhaltensweisen heranzuführen. Kindliche Sexualität wird von Eltern
und Erziehern nicht der Entwicklung eines Kindes überlassen, sondern bewusst
gefördert und zum Beispiel die Nutzung pornografischer Darstellungen toleriert..
Es gibt einen Mittelweg,
die "akzeptierende" Sexualerziehung: Die
akzeptierende Sexualerziehung. Hierunter verstehen wir, dass Eltern und
Erzieher um die Triebbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen wissen, jedoch
deren mögliche Erscheinungsformen in den verschiedenen Entwicklungsphasen
nicht fördern oder gar erst "animieren", sondern sie, sofern sie
auftreten, verantwortlich (das heißt zum Beispiel: gesprächsbereit
und offen) begleiten. Menschliche Sexualität wird akzeptiert und pädagogisch
verantwortlich begleitet, nicht verdrängt, verboten, stimuliert oder gar
gefordert. |
6.
Erläuterungen
und Schlussfolgerungen Nun
sind diese drei Orientierungen so etwas wie ein "Grundmuster" Im Alltag
unseres Familienlebens empfiehlt es sich mit wachen Sinnen, gutem "Hinhören"
und "Hinfühlen" herauszuspüren, wann unserem Mädchen
oder Jungen irgendwie "der Schuh drückt". Das kann Ärger mit
Schule oder einem Klassenkameraden sein, ein schlechtes Gewissen, weil Familiennormen
übertreten wurden oder auch "Liebeskummer". Und ob und bei welcher
Gelegenheit unser Kind sich uns gegenüber öffnet, und fragt oder sich
anvertraut, das wissen wir nicht, das können wir nur selten planen (wie zum
Beispiel mit Hilfe einer "Familienkonferenz", wie es Thomas Gordon in
einem weit verbreiteten Buch empfiehlt). Da braucht es unsererseits unter Umständen
viel Geduld und viel Vertrauen und unsere Fähigkeit zu spüren, wann
der Moment gekommen ist, an dem wir Zeit für ein Gespräch mit unserer
Tochter / unseren Sohn haben müssen. Von
herausragender Bedeutung in der Erziehung zu einem guten Umgang mit der eigenen
Geschlechtlichkeit und in Bezug auf die Vorbereitung zur zwischenmenschlichen
Sexualität als Teil sozialer Kontakte ist wiederum das Vorbild der Älteren
beziehungsweise der Eltern. Je
mehr die Eltern die eigene Sexualität in all ihren Erscheinungen positiv
leben oder erlebt haben, um so eher sind sie in der Lage, jene natürliche
Haltung ihren Kindern gegenüber zu wahren, von der hier die Rede ist. Wer
in dieser Beziehung mit sich selbst nicht zurecht kommt, Hemmungen hat oder eine
Scheu, sich diesen Themen offen und unbefangen zu stellen, dem wird es schwerer
fallen oder gar unmöglich sein, den Kindern gegenüber jene akzeptierende
Haltung einzunehmen, die für die kindliche Entwicklung förderlich wäre.
Es ist bereits darauf hingewiesen worden, dass Sexualerziehung zugleich Sozialerziehung
ist. In unserer Kultur ist Sexualität ein Teil der Partnerschaft und in unserer
Vorstellung Ausdruck der Liebe zwischen zwei Menschen. Diese Liebe sollten unsere
Kinder miterleben. Am Beispiel der alltäglich gelebten liebevollen Beziehung
zwischen Mutter und Vater beziehungsweise zwischen Frau und Mann, verinnerlichen
unsere Kinder jene Haltung und Verhaltensweisen, die ihnen später in der
eigenen Partnerbeziehung Orientierung geben. "Liebe" in einem humanistischen
Verständnis drückt sich aus in der Achtung mit der wir unserem Partner
begegnen, in der Beachtung seiner Würde und eigenen Bedürfnisse. Eine
Frau oder ein Mann sind nicht "Objekte" unserer eigenen Wünsche,
Bedürfnisse oder Begierden, sondern Persönlichkeiten, mit denen wir
in besonderer Weise verbunden fühlen. Um
das Gemeinte deutlicher zu machen: Eine Vergewaltigung, also Sexualität gegen
den Willen eines Partners, oder andere Formen unwürdigen Verhaltens (flegelhaftes
Verhalten, Schlagen oder Beschimpfen) sind nicht Ausdruck zwischenmenschlicher
Liebe, sondern Ausdruck von Gewalt, Brutalität oder Missachtung menschlicher
Würde. Wir Erwachsenen können nicht so tun, als hätten die menschlichen
Grundrechte innerhalb unserer vier Wände keine Gültigkeit. Wer seinen
Partner schon nicht lieben kann, der sollte wenigstens seine Persönlichkeit
achten. Das Verfassungsgebot "die Würde des Menschen ist unantastbar..."
füllen wir mit Leben, wenn wir die Würde unserer Nächsten nicht
verletzen. In diesem Zusammenhang sei ausdrücklich auf das Kapitel über
unsere Grundbedürfnisse hingewiesen. Im Zusammenwirken aller dort genannten
Bedrürfnisse, die als gleichwertig und einender wechselseitig beeinflussend
und durchdringend zu denken sind, erhält auch unsere Sexualleben seinen Platz.
An diesem Bedürfniselement wird aber zugleich deutlich, dass nicht alle Bedürnisse
und schon gar nicht jeder Zeit mit gleicher "Macht" befriedigt sein
müssen, um ein erfülltes, sinnvolles und zufriedens Leben zu führen.
Wer mal mehr mal weniger freiwillig zum Beispiel auf sexualle Praxis verzichtet,
wird nicht nur ein für ihn plausiblem Grund hierfür haben, sondern sogar
für sich einen Ausgleich schaffen, vielleicht sogar ihn "sublimieren".
Die Literatur - vor allem die über Leben und Schicksal all jener Frauen und
Männer, die das Zölibat wählten - ist voll von derartigen Beispielen
(denken wir nur an den Bestseller von Umberto Eco aus dem Jahre
1982: Der Name der Rose). Für
Kinder, die Zeugen der Verletzung der Menschenwürde in der eigenen Familie
werden, sind die Folgen katastrophal. Zu den schwierigsten, verstörtesten
und aggressivsten Kindern, mit Sozialarbeiter und Therapeuten zu tun haben, gehören
jene, die eine Vergewaltigung ihrer Mutter durch deren Partner miterlebten. Sei
es, dass sie Augenzeugen oder Ohrenzeugen (draußen vor der verschlossenen
Schlafzimmertür) waren. Und ein Mann, der seine Frau missbraucht, schlägt
und beschimpft sie auch. Zu
den elementaren biologischen Phänomenen unserer Existenz gehören Zeugung,
Geburt und Tod sowie die Prozesse des Heranwachsens in der Jugend, der Reife und
des Alters und den Erfahrungen unserer Anfälligkeit (Unfälle und Erkrankungen)
und Hinfälligkeit (Alterung). Und alle Entwicklung vollzieht sich in sozialen
Einbindungen. In den meisten Kulturen vollzieht sich der Zeugungsakt von alters
her in einer von Dritten abgetrennten Sphäre, die wir heute zur Intimsphäre
von Ehepaaren beziehungsweise Liebespaaren zählen. Im Gegensatz hierzu kennen
wir die Pornographie, die inzwischen über Internet, Video- und Fernsehfilme
auch in Wohnungen - also in die Intimsphäre von Familien Einzug gehalten
hat. In der Sprache unserer Kinder, vor allem jener, die selbst derartige Filme
sahen, hören wir Worte, wie sie bisher überwiegend in Kneipen, an Arbeitsplätzen,
beim Militär oder im Zuhälter-Milieu als Zeichen von Männlichkeit
oder als subkultureller Sprachcode gebraucht wurden. Auch während der Pubertät
ist der Gebrauch ebenso anrüchiger wie kräftiger Begriffe und Flüche
durchaus nichts Ungewöhnliches. Wir sagen darum auch gelegentlich, dass ein
Erwachsener, der sich gern dieser Sprache bedient, "nicht aus der Pubertät
herausgekommen ist" (vgl. dazu unten: Absatz 7!).
Parallel zur
Sexualisierung verläuft die Brutalisierung der Sprache. Noch einmal sei daran
erinnert, dass dies nicht erst eine heute auftretende Zeiterscheinung ist! Neu
- und darum bemerkenswert bis störend - kommt uns der Gebrauch durch Kindermund
vor. Und Eltern wie Erzieherinnen und Lehrerinnen und Lehrer klagen über
diese Erscheinung und fragen danach, wie sie zu verändern wäre.
Überall dort, wo sich Eltern und Erzieher Sorgen über diese Entwicklung
machen, wäre zunächst eine Verständigung darüber zu erreichen,
welche Sprache wir als Umgangssprache zwischen Menschen akzeptieren wollen und
welche nicht. Am Anfang stünde also eine Wertentscheidung. Haben wir uns
entschieden, dass wir keine Wörter aus der "Gossensprache" akzeptieren
wollen, dann haben wir die Konsequenzen zu leben. Das heißt, wie in anderen
pädagogischen Feldern auch, mit gutem Beispiel voranzugehen. Erst dann
ist es sinnvoll, sich darüber Gedanken zu machen, mit welchen Strategien
wir den sprachlichen Entgleisungen unserer Kinder begegnen. Im Grunde gelten hier
die gleichen Verhaltensempfehlungen wie wir sie unter den Stichworten, "Drohung
und Strafe" oder "Aggression
und Gewalt" ebenfalls finden können. Zu
einer geglückten beziehungsweise beglückenden und das Leben erfüllenden
Partnerschaft und Sexualität gehören sowohl die Abwehr negativer Einflüsse
wie das Vorleben guter, auf Achtung, Akzeptanz und Zuneigung beruhender Beziehungen
zwischen Mutter und Vater. Zum liebevollen Umgang gehören aber auch Zärtlichkeit
und Zeit, die wir bereits im Zusammenhang mit der Liebe,
die unsere Kinder brauchen, erwähnten. Eltern zeigen ihren Kindern, dass
sie sich mögen, wenn sie sich küssen, bei den Händen halten oder
gelegentlich eine kleine Freude bereiten. Auch hier gilt das Gebot der Unbefangenheit
und Selbstverständlichkeit mit denen derartige Liebesbeweise in den Alltag
eingebettet sind.
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7. Aktuelle
Tendenzen: Pornographie statt Sexualerziehung? Das
hier vorgetragene Konzept einer Sexualerziehung als ein bedeutsamer Bestandteil
einer humanistisch orientierten Einflussnahme auf die Entwicklung von Kindern
und Jugendlichen ist zwar bereits vor dreißig Jahren verfasst worden, in
der Gegenwart aber nach wie vor gültig. Mehr noch:
Es
ist zurzeit immer selbstverständlicher geworden. Die intimsten zwischenmenschlichen
Beziehungen, zu denen das Sexualleben gehört, öffentlich zur Schau zu
stellen. Diese Öffentlichkeit wird sogar Kindern und Jugendlichen zugänglich
gemacht. Darum
ist es geradezu ein Gebot für alle, die in dieser Gesellschaft Verantwortung
für Heranwachsende tragen, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die öffentliche
Sexualisierung, die Pornographie, die seelische und soziale Entwicklung jedes
einzelnen Heranwachsenden beeinträchtigt. Anlass
für die Ergänzung meines Aufsatzes bietet eine Sendung des SWR "Wissen"
am 13. Oktober 2007 an. Dort berichten Mädchen und Jungen: "Ja,
ich denke, so mit 13, 14 fängt man mit Freunden vielleicht mal an, so was
zu gucken - vielleicht hat's einer auf dem Computer, dann zeigt man's dem anderen."
- "Gott, ich würd sagen, das fängt schon an mit 9, 10, bei jüngeren
Schülern ist es schon so, dass sie sich das zusammen angucken und dann der
eine sagt: ja, schick mir das doch mal bitte, das wär so geil ..." -
"Eher von den unteren Klassen geben damit an und haben so etwas wie eine
Sammlung auf dem Handy von kleineren Pornos."
Am
gleichen Tag finde ich in einer Tageszeitung (Bad. Zeitung v. 13.10.2007) einen
Leserbrief zum Thema psychische Erkrankungen:
"Was
haben wir falsch gemacht, dass unser Kind krank geworden ist?" Und die
Fachkraft antwortet: "Es gibt in der Regel kein spezifisches Fehlverhalten
von Eltern
"
Und
nun stellen wir die Inhalte der Sendung "Pornographie statt Aufklärung"
der Reaktion der Fachkraftgegenüber, dass für seelische Erkrankungen
keine spezifischen Fehlverhalten von Eltern verantwortlich zu machen sind.
Die
Fachkraft hätte nach meiner Überzeugung antworten müssen:
Wenn
Sie ausschließen können, dass von Ihnen alle Grundbedürfnisse
Ihres Kindes beachtet wurden, dann lässt sich keine Ursache benennen. "Manchmal
entzieht sich eine psychische Krankheit auch jeder Logik" (heißt es
in der abgedruckten Antwort).
Aber
eben nur "manchmal".
Es
kann ja nicht ausgeschlossen werden, dass im gemeinten Fall die Folgen eines exzessiven
Konsums pornografischer Darstellungen und den diesen Konsum fördernden (oder
verursachenden) Rahmenbedingungen zu einer psychischen Erkrankung geführt
haben. Als erwiesen
muss gelten, dass die Vorliebe für ponografische Darstellungen und aggressives
Sexualverhalten im Erwachsenenalter Ausdruck seelischer und sozialer Fehlentwicklungen
ist. Heranwachsenden, die diesem Konsum ausgeliefert sind, drohen schwere seelische
Verstörungen beziehungsweise Fehlentwicklungen. Es sind vor allen anderen
die folgenden Auswirkungen, die beobachtet wurden: Pornographie
ist und fördert aggressives Verhalten. Pornographie entstellt das Bild
des jeweils anderen Geschlechtspartners. Pornographie bildet ein asoziales
Sexualverhalten ab.
Was
pornografische Darstellungen nicht leisten, und das erscheint als eine besonders
schwerwiegende Folge derartiger Bilder und Filme, das ist eine Aufklärung
im Verständnis einer sozialen, vom Sexualpartner her fühlenden und denkenden
Haltung. Stattdessen wird den Konsumenten suggeriert, dass egozentrische, an der
Befriedigung eigener sexueller Bedürfnisse orientierte Praktiken, das Normale
seien und das Frauen und Männer gleichermaßen ein derartiges egozentrisches
Geschlechtsleben - gleichsam von Natur aus - wünschen. Im Grunde lernen weder
Mädchen noch Jungen, wie sie mit ihrer Sexualität in einer konkreten
und mit einem emotional gewünschten Partner umgehen sollten. Es ist gerade
das hieraus entstehende Missverständnis, oder besser: es sind diese grundfalschen
Botschaften, die, wenn sie in einem Menschen Wurzeln geschlagen hat, für
das eigene Versagen in Partnerschaftsbeziehungen und deren Scheitern verantwortlich
zu machen sind. Insofern
trug die Sendung des SWR dazu bei, die Grundsätze einer verantwortlichen
Sexualerziehung, wie sie auf dieser Seite vertreten werden, mit außergewöhnlicher
Deutlichkeit und am extremen Gegenteil aufgezeigt, zu bestätigen. Alle
Rahmenbedingungen, die den Konsum pornografischer Bilder und Filme begünstigen
verstärken deren Auswirkungen. Zu
diesen Bedingungen gehören nun einmal in erster Linie die Familien, in denen
unsere Mädchen und Jungen heranwachsen. Und wieder kann ganz allgemein auf
die Grundbedürfnisse hingewiesen werden. Sind sie in einer konkreten Familie
gegeben, wird das Gefährdungspotential, das von pornografischen Darstellungen
und dem Umgang mit diesem Material ausgeht geringer. Wer
sich dafür interessiert, wie pornografischen Einflüssen gegengesteuert
werden kann, ist - wegen der Parallelität von Pornographie und Aggression
- auch auf das Kapitel über aggressives
Verhalten verwiesen. Und als in der Sendung "Pornographie statt Aufklärung"
der Sexualforscher Andreas Hill danach gefragt wurde, wie er bei seinen eigenen
Kindern mit diesem Problem umgeht, antwortete er sinngemäß: "Das
Problem gibt es nicht. Meine Kinder haben so viel Interessen im sportlichen und
musischen Bereichen, dass ihnen allein schon die Zeit fehlt, sich mit derartigen
Angeboten zu befassen." Und wenn nun jemand fragen sollte, wie zu schaffen
ist, dass sich bei Kindern erst gar nicht destruktive Interessen herausbilden,
der ist auf die Seite über die vorbeugenden
Strategien gegen Aggressionen verwiesen. Dort steht, worauf geachtet werden
kann.
©
Dr. Joachim Rumpf aktualisiert am 14.10.2007
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Pornographie
statt Aufklärung Wie das Internet die Sexualentwicklung steuert Autor:
Wilm Hüffer Redaktion: Anja Brockert Regie: Günter Maurer Sendung:
Samstag 13.10.2007, 8.30 Uhr, SWR 2
| Canziani,
W.: Was Sie Ihrem Kind schon lange über Liebe und Sex sagen wollten. Sexualerziehung
in der Familie. Zürich 1993 Elternbriefe
des Arbeitskreises Neue Erziehung - dazu: Gisela Steppke-Bruhn im Online-Familienhandbuch Kentler,
H.: Eltern lernen Sexualerziehung. Reinbek 1981 Mönkemeyer,
K.: Kindliche Sexualität heute. Weinheim 1993 Nitsch,
C. u.a.: Sexualität im Familienalltag. München 1992 Weller,
Konrad: Sexualität. Im: Online-
Familienhadbuch
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