Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf


Kinder wollen selbständig werden

 

Einführung

Vom Tage der Geburt an, "wachsen die Kinder von uns weg". So waren Elternseminare überschrieben, in denen es um die Phasen der Verselbständigung unserer Kinder ging und darum, wie wir sie auf diesem Wege begleiten können.
"Hilf mir, es selbst zu tun!" Diese Bitte legte einst Maria Montessori den Kindern in den Mund und forderte alle Eltern und Erzieher auf, die Kinder in ihrem Bestreben nach Selbsttätigkeit und im Streben nach Eigenständigkeit zu unterstützen. Im Kindergarten bereits lässt sich beobachten, welches Kind längst daran gewöhnt ist, sich selbst An- und auszuziehen und welches auf die Hilfe Erwachsener oder anderer Kinder wartet. Nicht immer sind es Entwicklungsunterschiede, die Kinder mehr oder weniger selbständig handeln lassen. Unschwer finden sich Beispiele dafür, dass Eltern ihren Kindern nicht viel zutrauen oder gar Angst haben, dass ihr Kind sie gar nicht braucht. Wenn unsere Kinder von uns wegstreben, sich nichts mehr sagen lassen wollen, es überall woanders schöner finden, nur nicht bei uns, dann werden wir unsicher. Andere Kinder oder andere Erwachsene scheinen dann mehr Bedeutung für unser Kind zu haben, als wir. Und eines Tages sind die Kinder groß und gehen von uns weg.
"Früh übt sich, wer ein Meister werden will". Was aber sollte wie früh geübt werden?

Eigentlich alles, so ließe sich pauschal antworten, was einem Kind in der jeweiligen Entwicklungsphase zugemutet werden kann. Dabei berücksichtigen wir Eltern selbstverständlich die alte Erfahrung, dass sich Kinder unterschiedlich entwickeln und zum Beispiel nicht alle Kinder einer Familie exakt im gleichen Lebensabschnitt gleiche Formen selbständigen Verhaltens praktizieren.

Wie werden wir Eltern mit der wachsenden Selbständigkeit und Autonomie unserer Kinder fertig? Sind wir bereit, diesen Prozess zu akzeptieren? Haben wir den Kindern die Wege geebnet? Können wir darauf verzichten, sie zu bevormunden? Finden wir eine neue Form der Beziehung?
Diesen und anderen Fragen kommt um so mehr Bedeutung zu, als sie nicht nur in bezug auf unsere Kinder beantwortet werden müssen. Auch in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen haben sie ihre Berechtigung.

Und noch eine weitere verallgemeinerbare Erfahrung ist zu berücksichtigen: Beim ersten Kind sind Eltern gelegentlich noch unsicher in Bezug auf Entscheidungen darüber, was sie dem Kind zumuten dürfen und was nicht. Mit der Anzahl der Kinder wird die Sicherheit größer und Eltern lassen eher Selbständigkeit zu.

Obwohl es sich von selbst versteht, soll noch einmal ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht werden, dass eine entwicklungsangemessene Selbständigkeit, die Eltern ermöglichen beziehungsweise zu der Eltern ermuntern, zu jenen Voraussetzungen gehören, die auf diesen Seiten als "Grundbedürfnisse" unserer Kinder betrachtet worden sind.
Bei einem Kind beispielsweise, das in jungen Jahren mehrfach Trennungserfahrungen hat machen müssen, ist eher damit zu rechnen, dass es sich von seiner Mutter oder von seinem Vater nicht lösen will und ihm darum alle Verhaltensweisen schwerer fallen, die in die Selbständigkeit führen. Es wird sich länger "bemuttern" lassen wollen als jenes, das sich der fürsorglichen Zuwendung seiner Eltern jederzeit sicher war. Es ließen sich auch alle anderen Bedürfnisse gleichsam als Prüfsteine verwenden, wenn wir uns bei dem einen oder anderen Kind fragen, warum es ihm so schwer fällt, für sich selbst und seine Handlungen die Verantwortung zu übernehmen.

 



1.
Günstige Bedingungen auf dem Weg zur Selbständigkeit


Wer sich lösen können soll, muss sich gebunden habenEs ist nur ein scheinbarer Widerspruch in dieser Überschrift. Die große Bedeutung, die einer positiven Entwicklung eines Kindes in den ersten Lebensjahren zukommt, ist seit den Forschungsergebnissen von Selma und Bernhard Hassenstein erwiesen. Eine wichtige Funktion dieser ersten Lebensphasen haben jene Beziehungselemente, die als die "Bindung" eines Säuglings und kleinen Kindes an die Bezugspersonen bezeichnet werden. Und nur wenn ein Kind die Chance gehabt hat, sich zu binden, dann kann es sich auch lösen.

Schutz, Bindungsmöglichkeit, Verlässlichkeit, diese Begriffe begegneten uns bereits bei den Grundbedürfnissen von Kindern. Nun geht es um das Selbständigkeitsstreben, um das Streben eines Kindes weg von Mutter und Vater. Es ist bereits oben darauf hingewiesen worden. Zum Weiterdenken noch folgende Ausführungen:Geschützt und geborgen fühlt sich unser Kind bereits im Mutterleib. Sobald es geboren wurde, "ersetzten" Mutter und Vater diesen Schutz, wenn sie das Kind in ihren Armen bergen. Es ist ein gutes Gefühl, dieses kleine Menschenkind, zum Beispiel auf dem eigenen Bauch liegen zu haben und mitzuempfinden, wie es sich in Sicherheit fühlt und, von unseren Händen umfasst, schläft. So wie wir atmen, bewegt es sich sanft auf und nieder und unseren Herzschlag spürt es, wie wir den seinen. Dieses kleine Kind, das noch kein Bewusstsein seiner selbst hat, lebt sozusagen allein durch uns und mit unserer Hilfe. Mehr noch: Damit es sich später, etwa nach 18 Monaten, von uns lösen und ein eigener kleiner Mensch mit eigenem Wissen und Wollen werden kann, muss es sich erst ganz fest an uns binden können. Das Kind fühlt es mit all seinen Sinnen - und ist in dieser Beziehung außerordentlich empfindlich - ob wir diese Bindung zulassen. Und das heißt unter anderem, ob wir unser Kind annehmen, ob wir uns über sein Dasein freuen, seine Nähe genießen und für das Kind da sind, wenn es uns braucht. Natürlich müssen diese Aufgaben nicht die leiblichen Eltern übernehmen. Nur das Bindungsangebot muss verlässlich sein, das heißt, dass die Bezugspersonen nicht ständig wechseln. Ein Kind in den ersten anderthalb Lebensjahren braucht, um aktiv sein zu können, eine ihm vertraute Bezugsperson, die ihm das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Nur aus diesem Gefühl heraus kann es sich, wie wir bereits an anderer Stelle gesehen haben, der Umwelt zuwenden, sie erkunden und damit zugleich "lernen".


Natürlich beschränkt sich dieses Bedürfnis nach Sicherheit im Sinne von Schutz, Liebe, Geborgenheit und Zuverlässigkeit nicht auf die ersten achtzehn Lebensmonate. Nur ist diese erste Entwicklungsphase in Bezug auf die Herausbildung von Vertrauen und Sicherheit, die sich tief in der Seele verankern, sehr wichtig. Wer sich hat in dieser Zeit binden können, wird mit Vertrauen und Sicherheit auf die Welt zugehen. Im alltäglichen Verhalten erkennen wir u.a. am Erkundungsverhalten, der Neugier, dem aktiven selbst entdeckenden Spiel oder dem Nachahmen, dass die Persönlichkeitsentwicklung im guten Gange ist. Es treten hinzu das verständliche Sprechen, das Gestalten, das Ichbewusstsein...
Und genau diese Zeit, in der ein Kind entdeckt, dass es "Ich" ist, gleichsam neben der Mutter ein eigener Mensch ist, bezeichnen wir als die erste Lösungsphase, die wir im Kapitel über die Aggressionen als "Trotzphase" kennenlernten.

Es ist für ein Kind, dass sich bis dahin nur über die anderen wahrnahm, nicht leicht, sich "ausgesetzt" zu fühlen und zu merken, dass es ja gar kein integrierter Bestandteil der Anderen ist. Solange ein Kleinkind seiner sich selbst nicht in dieser distanzierten Weise bewusst war, konnte es von sich selbst nur in der dritten Person sprechen. Doch nun hat es ein "Ich" und kann "ich" sagen!
Darauf ist es stolz und erprobt diese neue Lebensqualität sofort und laut und deutlich vor allem, wenn es um Verweigerungen geht. Nun heißt es nicht mehr "Heinz will nicht", sondern "ich will nicht". Allerdings zeigt sich die von der Entwicklungspsychologie unterstellte Not eines Kindes an der Schwelle zum vierten Lebensjahr auch als Herausforderung an die Eltern. Es will sich mit diesem seinem Verhalten einmal dessen vergewissern wollen, ob Mutter und/oder Vater es noch lieb haben. Es fragt sogar immer wieder: "hast du mich noch lieb...?" Andererseits aber wächst nun rasch seine Selbstständigkeit und es wird mehr und mehr fähig, sich auf andere Kinder einzulassen, sich in andere hineinzufühlen, kurz: soziale Verhaltensweisen entwickeln sich von nun an kräftig weiter. Darum auch kann es jetzt in den Kindergarten gehen und dort die vielen Kinder gut verkraften.Eine ganz entscheidender Gesichtspunkt sind unsere Erfahrungen, wie uns unsere soziale Umwelt, also Eltern, Erzieherinnen, LehrerInnen, wahrnehmen. Der Mensch wird durch das "Du" zum "Ich" sagt Martin Buber. Unser Selbstbild, unser Selbstbewusstsein sind zunächst maßgeblich durch andere Menschen beeinflusst worden. Und wenn nun die nächste, die schwierige zweite Lösungsphase beginnt, die wir die Pubertät nennen, dann wird dieser Gesichtspunkt mit darüber entscheiden, ob und wieweit dieser Lösungsprozess schmerzlich ist.
Ganz vereinfacht ließe sich sagen: Je positiver ein Heranwachsender sich sehen gelernt hat, um so stärker sind die Fundamente, auf die er seine Persönlichkeit nun beginnen kann, selbst auszuformen. Und um so "schmerzfreier" verlaufen für ihn und seine soziale Umwelt, die Lösungsprozesse.Freilich wird und kann kein pubertierender Heranwachsender auf seine "Trotzreaktionen", seine Herausforderungen verzichten. Er braucht sie, um sich der Zuneigung seiner Eltern zu vergewissern, die trotz aller Lösung für ihn wichtig bleibt. Er braucht widerständiges Verhalten aber auch, um im vertrauten Kreis, seinen Frust loszuwerden, dessen Gründe draußen, in Schule oder Freundeskreis, zu suchen sind oder aber, um seine Grenzen zu erproben.
Elternerfahrungen
Welche Bedingungen sollten geschaffen sein, die wir für die Heranwachsenden in diesen schwierigen Jahren als förderlich erlebten. Hierzu einige Erfahrungen, die Eltern in Familienwochenden und Elternseminaren mit folgenden Stichworten benannten:Wir müssen gute Vorbilder sein; Idole brauchen unsere Kinder und verlässliche Menschen.

Liebe, Zuneigung und Vorleben sind wichtig.
Freude zulassen; Vertrauen geben; in den Umgangsformen höflich bleiben, so mit den Kindern umgehen, wie wir das uns gegenüber erwarten; wir sollten den Mut haben, gegenüber unseren Mädchen und Jungen Fehler einzugestehen und uns entschuldigen; sie Ernst nehmen.
Wir selbst müssen uns an Regeln halten und Grenzen beachten.
Zuhören können, sich Zeit nehmen; das Gefühl vermitteln, zu verstehen, Verstehen zu wollen; gute Beziehungen zu den Großeltern; gute Kontakte zu Freunden und den Freunden der Eltern fördern, auch zu Lehrerinnen und Lehrern.
Gemeinsame Aktivitäten mit Eltern; Freundschaften zulassen; gute Beziehungen zu Erziehern und Lehrern pflegen; Tiere als Freunde zulassen; offene Türen für Freunde sollten wir schaffen.
Der Familienzusammenhalt bietet eine feste Stütze an.


Es sind hier die Erfahrungen wiedergegeben, die von Eltern in Elternseminaren jeweils am Häufigsten genannt wurde.

Eine sehr große Rolle spielen die Verhaltensweisen von Eltern ihren Heranwachsenden gegenüber. Und wenn "Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit" im Kapitel über die Grundbedürfnisse als die drei "Z" elterlicher Liebe benannt wurden, so fügen wir nun drei "V" dazu:
verlässliche zwischenmenschliche Beziehungen, vorbildhaftes Verhalten und väterliches Mittun.

Besonders dem Vater kommt, sofern er in der Familie mit lebt, in dieser Zeit ein hoher Stellenwert zu. Ein erwachsener Mann, der ohne Vater aufwuchs, erklärte einmal, dass es sein Großvater war, der ihm in diesen Jahren besonders wichtig wurde. Ohne dass aus dieser Einzelerfahrung eine notwendige Bedingung abgeleitet werden muss, so zeigt sie doch, dass man auf männliche Bezugspersonen bei Heranwachsenden nicht ohne Not verzichten sollte. Vor allem dort, wo es Väter gibt, sollten sie sich nicht ausklinken! Sie sind auch für die Töchter wichtig, deren Vaterbild einen erheblichen Einfluss auf die eigene Lebensgestaltung mit Partnern haben wird.Weitere günstige Rahmenbedingungen für die Phasen der Pubertät, wie Eltern sie selbst erfahren haben, sollen ergänzend genannt werden:Unseren Heranwachsenden einen eigenen Bereich lassen.
Wir sehen mit Verständnis, dass sich unsere Heranwachsenden zurückziehen und zeitweilig in ihrer eigenen Welt leben wollen. Dazu brauchen sie ihr eigenes Zimmer, ihr eigenes "Reich" mit eigener Ordnung. Sie brauchen aber auch das Recht, frei über ihr Taschengeld und andere eigene Einnahmen verfügen zu können. Die Intimssphäre unserer Heranwachsenden respeltieren.

Wichtig ist, dass wir nicht nur diese Eigenständigkeiten zulassen beziehungsweise akzeptieren, sondern auch ihre "Intimsphäre" respektieren. Wir klopfen an, bevor wir in ihr Zimmer treten oder fragen sie um Erlaubnis. Das gegenseitige Respektieren eigener Bereiche, so wie es auch für Ehepartner selbstverständlich sein sollte, ist ein bedeutsames, die Eigenverantwortung stärkendes Signal an unsere Kinder.Auf ungefragte Ratschläge verzichten.
In den Gesprächen mit den Heranwachsenden erfahren wir immer wieder, das ungefragter Rat durch uns unwillkommen ist. Über Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Weltanschauung .sprechen wir darum, wenn wir nicht ausdrücklich gefragt werden, nur beiläufig. Uns gegenüber unseren Mädchen und Jungen mit missionarischem Eifer aufzuspielen und unsere Weisheiten oder Überzeugungen zu verkünden, erregt in ihren Augen, wenn sie nichts davon hören wollen, günstigenfalls nachsichtiges Kopfnicken oder Kopfschütteln. Gerade bei derartigen sehr sensiblen Themen bewährt sich das Prinzip vom "Vor-Leben" und der Verzicht auf Einreden. Die Einstellungen und Vorlieben unserer Heranwachsenden akzeptieren.
Wir sollten die anderen Einstellungen, Neigungen und Vorlieben unserer Mädchen und Jungen auch dann akzeptieren, wenn sie nicht mit unseren eigenen übereinstimmen. Niemand erawrtet von uns Eltern, dass wir unsere Einstellungen, Werthaltungen oder Gewohnheiten "über Bord werfen" und uns nach unseren Kindern richten. Wir sollten aber zulassen können, dass unsere Kinder zeitweilig oder gar dauerhaft z. B. andere Einstellungen und Neigungen haben als wir. Hier liegen nicht selten die Ursachen für erhebliche Differenzen zwischen jungen Menschen und ihren Eltern. Unsere Heranwachsenden fühlen sich ihrer Zeit verbunden und nicht selten auch mit jenen Jugendgruppen, in denen sie Anerkennung und Gemeinschaft finden. Wenn für derartiger Gruppen Ideale oder Idole, gemeinsame Vorlieben und Bestrebungen kennzeichnend sind, dann können diese, die jeweilige Gruppe kennzeichnenden Besonderheiten unseren widersprechen. Ein Vater erzählte hierzu folgende Geschichte aus seinem Leben:

"Als ich siebzehn Jahre alt war, kam ich durch Klassenkameraden in eine Gruppe, die sich zur deutschen Linken rechnete. Die damals, zu Beginn der siebziger Jahre, vertretenen Emanzipationsbestrebungen in dieser Gruppe, kamen meinem eigenen Streben nach Freiheit von Bevormundung durch meine Eltern entgegen. Meine Eltern waren aber in ihrer Kirchengemeinde eingebunden und vertraten eine religiöse Richtung, die ich nicht mehr gut heißen konnte. Es kam daheim zu sehr heftigen Auseinandersetzungen. Ich war knapp achtzehn Jahre alt, da versuchte der Vater sogar, mich zu schlagen. Ich war aber stärker und konnte ihn abwehren. Ich musste dann ausziehen und sehen, wo ich bleibe. Bei Freunden kam ich dann unter, beendete meine Ausbildung und blieb, auch wirtschaftlich, unabhängig.
Mit meinen Eltern kam es zur Annäherung, als ich heiratete und selber Vater wurde. Meine Frau und ich wollen einen derartigen Konflikt später vermeiden und uns nicht mit Verboten und Geboten in das Leben unserer Kinder, wenn sie dann so weit sind, einmischen..."

In den Lebensgeschichten vieler Frauen und Männer, die Autobiographien verfassten, können wir nachlesen, dass es derartige Störungen der Beziehungen zwischen Eltern und ihren, im Jugendalter "unbotmäßig" gewordenen Kinder immer wieder gab. Diese Störungen sind vor allem auf die mangelhafte Einsichtsfähigkeit der Älteren, auf deren Starrsinn, deren Rechthaberei - aber auch auf deren Ängste zurückzuführen. Nicht vom jungen Menschen dürfen wir in der Pubertät "Reife" und Verständnis erwarten. Dies bleibt allein und zuerst unsere Aufgabe. Greifen wir die Anregungen der Eltern auf, die oben aufgezählt wurden , bleiben höflich, haben Vertrauen und sind konsequent freundlich-verstehend und tolerant. Genau so wichtig aber sind Zeit nehmen und Zuhören wollen und können. Verzichten wir auf jede "Geschwätzigkeitspädagogik", mit der Mütter oder Väter einem Heranwachsenden das "Ohr abschwätzen". Statt dessen dürfen wir auch mal still sein und zuzuhören. Dann kommt der Moment, wo auch er uns zuhören kann und wir ihm sagen, welche Sorgen wir uns um ihn machen.

 

2.
Selbständigkeit als Erziehungsaufgabe

Zu den von Eltern meistgenannten Erziehungszielen gehören Selbständigkeit und Eigenverantwortung. Selbständig ist in unser aller Verständnis ein Mensch dann, wenn er unabhängig von seiner Herkunftsfamilie seinen beruflichen und außerberuflichen Alltag gestalten und bewältigen kann, wenn er, wie der Volksmund sagt, "auf eigenen Füßen steht". Wir Eltern dürfen uns glücklich schätzen und zufrieden sein, wenn unsere heranwachsenden oder herangewachsenen Töchter und Söhne bereit und in der Lage sind, Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen und all ihr Tun und Lassen in die eigenen Hände nehmen. Unsere Aufgabe ist es, unsere Mädchen und Jungen zu der hier angedeuteten Selbständigkeit und Verantwortungsbereitschaft zu befähigen.

Hierzu zwei Beispiele.

Als Anita in den Kindergarten kam, wusste sie schon ganz genau, welches Kleidungsstück sie an diesem Tag tragen wollte und welches nicht. Darf denn aber ein dreijähriges Kind schon selbständig darüber bestimmen, was es anziehen will?

Die Eltern von Karl (9 Jahre alt) halfen ihm nur dann bei den Schulaufgaben, wenn dieser um Hilfe bat, weil er etwas nicht verstanden hatte. Im übrigen aber vertraten die Eltern des Jungen die Auffassung, dass die schulischen Arbeiten eine Angelegenheit Karls seien. Er sei selbst verantwortlich für seine schulischen Erfolge oder sein Versagen.

Diese Beispiele aus dem Familienalltag weisen daraufhin, dass die Erziehung zur Selbständigkeit eine Aufgabe ist, die uns unsere Kinder ständig abverlangen. Mut brauchen wir und vor allem Vertrauen in die Fähigkeiten unserer Kinder, dass sie das, was wir ihnen zutrauen, auch schaffen, dass sie "Verantwortung" übernehmen können. Aber was dürfen wir und in welchem Alter von unseren Kindern erwarten? Welche Gefahren sind möglicher Weise mit einer verfrühten, welche mit einer völlig ungenügenden Bereitschaft von Eltern verbunden, Eigenständigkeit zuzulassen? Wie können wir unserem Kind denn in einer verantwortbaren Weise helfen, alles das selbst zu tun, was es kann oder was es lernen soll? Das können Fragen sein, die unsere Überlegungen bei dem Gedanken an die Erziehung zur Selbständigkeit und Eigenverantwortung begleiten.
Welche Erleichterungen eine souveräne Haltung für Eltern mit sich bringen kann, soll folgendes Beispiel nachweisen:

Das Ehepaar Zet im Nebenhaus hatte zwölf gesunde Kinder. Als das älteste Kind, die Käthe, siebzehn Jahre alt war, wurden die jüngsten Kinder geboren. Frau Zet brachte Drillinge zur Welt, wovon ein Kind ein Junge war.
Obwohl Frau Zet keiner außerhäuslichen Tätigkeit nachging, wird es leicht verständlich sein, dass sie sich nicht um alle Kinder mit gleicher Intensität kümmern konnte. Sie sah ihre Hauptaufgabe darin, ihren Kindern und dem Vater täglich ein schmackhaftes Essen zuzubereiten. Die ältesten Mädchen übernahmen es, die Geschwister zu betreuen. Und alle wirkten, je nach ihren Möglichkeiten, an der Haushaltgestaltung mit. Kein Kind besuchte einen Kindergarten. Statt dessen waren ständig Nachbarskinder in dem kleinen Siedlungshaus oder in dessen Garten anzutreffen. Oft weinte ein Kind und musste von einem anderen getröstet werden. Wenn es gar zu schlimm wurde, lief wohl auch mal eines in die Küche zur Mutter. Die meisten Angelegenheiten regelten die Kinder untereinander selbst. Zum Beispiel wer mit welchem Spielzeug spielte oder wer wessen Kleider anzog. Die Kleineren trugen stets die Kleider der Größeren. Für die Flick- und Näharbeiten war die Mutter solange zuständig, bis die älteren Mädchen das selbst tun konnten.
Es versteht sich von selbst, dass sich Mutter oder Vater nicht um die Schulaufgaben kümmerten. Natürlich freuten sie sich über Erfolge ihrer Kinder. Wenn aber eines Hilfe brauchte, dann holte es sich die bei den älteren Geschwistern. Und die leisteten ganz selbstverständlich diese Hilfe.

Dieses Beispiel deutet auf eine bedeutsame Bedingung, die die Selbständigkeit und damit die Eigenverantwortlichkeit von Kindern fördert:
Wenn ein Kind erkennt, dass sich Mutter und/oder Vater um seine alltäglichen Angelegenheiten gar nicht kümmern kann, dann zeigt es gleichsam "automatisch", dass es bereit und in der Lage ist, ein Stück weit für sich selbst zu sorgen. Und "ein Stück weit" heißt eben: soweit es das von seiner körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung her kann. Eltern können von einem Dreijährigen zwar nicht erwarten, dass er Kartoffeln schält und sie zubereitet. Wohl aber wird er sich an- und ausziehen und seine Schuhe binden, allein auf die Toilette gehen oder sich allein waschen können.
Kinder können und werden überall dort mithelfen, den Alltag zu bewältigen, wo die Eltern berufstätig sind oder wo Erkrankungen unseren vollen Einsatz in Haushalt und Erziehung erschweren. Jede/r von uns, die/der vorübergehend wegen Krankheit oder aus anderen für Kinder gut einsehbaren Gründen ausfiel, wird die Erfahrung gemacht haben, dass sich die Kinder in erstaunlichem Ausmaß darum bemühen, die entstandene Lücke zu füllen und zum Beispiel die Wohnung pflegen oder einkaufen gehen.
Oder denken wir an eine weitere Bedingung selbständigen Handelns, die wir Eltern selbst ständig zu schaffen haben, wenn unser Kind lernen soll, eigenständig und eigenverantwortlich zu handeln: an unsere Bereitschaft, Selbständigkeit zuzulassen!
Auch hierfür ein Beispiel:

Die neunjährige Elisabeth hat ein neues Fahrrad bekommen. Anlässe gab es zwei: das Kind hatte Geburtstag und gerade in der Schule ihren "Fahrradführerschein" erworben und damit bewiesen, dass sie die Verkehrsregeln kennt und sich im öffentlichen Straßenverkehr zurechtfindet. Am Samstag der gleichen Woche erklärte sich Elisabeth bereit, Brötchen und Brot zum Frühstück zu holen und bat darum, mit dem neuen Fahrrad fahren zu dürfen. Die Eltern hatten das Kind bis dahin noch nie allein mit dem Fahrrad ins Städtchen gelassen, da verkehrsreiche Straßen auf dem Wege lagen. Mutter und Vater standen vor einer schweren Entscheidung. Sollten sie das Risiko eingehen und Elisabeth fahren lassen? Wird das Kind zurechtkommen?
Beide verständigten sich, wie stets in derartigen kniffligen Situationen, mit den Blicken. Hier war es der Vater, der seiner Frau beruhigend zublinzelte. Die Mutter sagte dann: "Ist gut. Du wirst schon zurecht kommen. Hast ja jetzt den Fahrradführerschein."
Glückstrahlend und stolz holte Elisabeth ihr Fahrrad und kam - während die Eltern nicht ohne Bangen gewartet hatten - heil wieder nach Hause.

Eltern stehen häufig vor derartigen und ähnlichen Situationen. Dann geht es darum, die eigenen Befürchtungen zu überwinden und sie sich nicht anmerken zu lassen und zugleich dem Kind zu signalisieren, dass man ihm zutraut, die gestellte Aufgabe zu lösen.Kaum hat ein Kind laufen gelernt, will es klettern und kennt doch die Gefahren nicht. Hier haben wir in jeder einzelnen Situation abzuwägen:

- Lassen wir Eltern zu, dass ein Kind selbst Erfahrungen sammelt - auch wenn einmal etwas schief gehen kann?
- Verbieten oder verhindern wir ein Verhalten, bei dem wir Risiken sehen?
- Geht es uns dann in erster Linie um das Kind? Oder geht es uns darum, den "Stress zu vermeiden, der zu den zu erwartenden Tränen eines von sich selbst enttäuschten Kindes gehört?

Und wie ist das mit dem Risiko? Haben wir als Eltern nicht die Verantwortung und die Pflicht dafür zu sorgen, dass unsere Kinder nicht in Gefahr geraten? Hier besteht in der Tat ein Spannungsfeld, dem wir uns nun zuwenden.

 

 

3
Selbständigkeitsstreben und Elternverantwortung

"Pflege und Erziehung sind das natürliche Recht der Eltern ...... und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht", so steht es in unserer Verfassung. Legen wir die Betonung auf die Worte "ihnen" und "Pflicht", dann wird ganz deutlich, dass die Mütter und Väter des Grundgesetzes von der ganz natürlich erscheinenden Selbstverständlichkeit ausgingen, dass es in erster Linie die Eltern sind, die für ihr Kind Verantwortung tragen.
"Verantwortung" das heißt hier sowohl Rechte zu haben als auch Pflichten. Folgen wir dem Wortlaut des Verfassungsartikels und halten uns vor Augen, was mit den "Rechten" zu Pflege und Erziehung von Kindern gemeint ist. Wir gehen dabei von einer Erfahrung aus, die alle Eltern kennen, deren Kinder bereits die Grundschule verlassen haben.

Gegen Ende des vierten Grundschuljahres werden von den Klassenlehrerinnen und Klassenlehrern in den staatlichen Schulen die "Grundschulempfehlungen" ausgesprochen. Die Eltern und ihre Kinder erfahren auf diese Weise, für welche weiterführende Schule die Lehrer ein Kind für geeignet halten. für die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium. Kein Elternteil aber muss sich an diese Empfehlung halten. Nicht selten gehen bedeutend weniger Kinder zum Beispiel auf ein Gymnasium, als empfohlen worden sind. In einer vierten Klasse waren es nur zwei Buben, obwohl vier Buben und fünf Mädchen von den insgesamt achtundzwanzig Kindern hätten gehen können. Alle Eltern der betroffenen Mädchen, hatten sich also gegen das Gymnasium entschieden. Es ist das "natürliche Recht" der Eltern, derartige Entscheidungen zu treffen und sie brauchen über ihre Gründe niemanden darüber Rechenschaft abzulegen. Die Eltern haben also das Recht, darüber zu entscheiden, welche Schule ihr Kind besuchen soll. Wenn allerdings Eltern der Auffassung sind, ihr Kind müsse aufs Gymnasium, obwohl es keine entsprechende Empfehlung erhalten hat, dann wird es schwierig. Dann zeigt sich nämlich, dass noch andere Träger von Erziehung und Bildung - hier die Schule - etwas zu sagen haben.

Eltern bestimmen also vom Tag der Geburt an über ihre Kinder. Rein formalrechtlich bleibt dieses Elternrecht erhalten bis zur Volljährigkeit eines Kindes. Wann sind unsere Kinder erwachsen? Nun, volljährig sind sie mit der Vollendung des achtzehnten Lebensjahres. Bis dahin galten sie als Jugendliche und bis zur Vollendung des vierzehnten Lebensjahres als Kinder. Als Kinder sind sie zum Beispiel überhaupt nicht und als Jugendliche sind sie beschränkt strafmündig. Mit achtzehn Jahren dürfen sie z.B. wählen, den Führerschein erwerben, ohne Zustimmung der Vormünder heiraten u.v.a.m. Lediglich strafrechtlich genießen sie noch einen gewissen Schutz bis zum 21. Geburtstag. Solange gelten sie als "Heranwachsende". Je nach Reife in der geistigern und seelischen Entwicklung werden sie in der Regel noch nicht nach dem Erwachsenenstrafrecht beurteilt.

Außer diesen rechtlichen Gesichtspunkten gibt es kaum klare Abgrenzungen zwischen Heranwachsenden und dem Erwachsenenalter. Allein unser gelegentlicher Eindruck, dass wir uns genau so verhalten können, wie Pubertierende, zeigt uns, dass wir alle diese Zeiten in uns tragen und bei uns selbst die entsprechenden Einstellungen ab und zu herausschauen. Dann sagte man früher über eine Frau zum Beispiel, dass sie sich wie ein "Backfisch" verhalte oder über einem Mann, dass er noch immer ein "Lausbub" sei.
Wenn wir das Erwachsenenalter und damit das Ende der Jugend bestimmen als den Beginn der Lebenszeit, in der wir uns aus dem Elternhaus gelöst haben und in jeder Beziehung relativ selbständig leben, dann sind unsere Kinder gelegentlich zwar noch jung, aber eben, weil sie Verantwortung für sich und eventuell eine eigene Familie übernommen haben, erwachsen. Und schauen wir auf die Zahl der Lebensjahre, so kann die/der eine schon mit achtzehn Jahren so weit sein, ein/e andere/r zehn Jahre später noch immer nicht.
Bei diesen Betrachtungen haben wir aber auch an Erwachsene zu denken, die wegen einer Erkrankung oder Behinderung nicht selbständig in dem hier definierten Zusammenhang sind bzw. sein können. Wohl aber gilt auch für diesen Personenkreis, dass er all die Verantwortung für sich selbst übernehmen können soll, die er - im vollen Wissen um die damit verbundenen Pflichten - übernehmen will.

Was die nach Alter gestaffelte Mündigkeit für Auswirkungen haben kann, zeigt uns ein Beispiel:
Eine Sechzehnjährige möchte ausgehen. Die Eltern sagen: "Aber um zehn Uhr bist Du wieder daheim". "Ich geh doch aber nur zu Katharina zum Geburtstag und nicht in die Disco." "Ist uns egal. Um zehn bist du zuhause und damit basta." Die Tochter muss um zehn Uhr abends daheim sein. Die Eltern haben dies zu bestimmen. Ob sie ihr Gebot auch durchsetzen können und wie sie das tun, das steht auf einem anderen Blatt.
Oder nehmen wir an, das gleiche Mädchen möchte am Samstagabend in die Diskothek zum Tanzen. Die Eltern haben nichts dagegen. Was aber die Ausgangsdauer angeht, haben nun nicht mehr allein die Eltern zu entscheiden. Das Jugendschutzgesetz verbietet Minderjährigen unter 14 Jahren den Aufenthalt in öffentlichen Lokalen generell. Wenn sie älter sind aber noch nicht volljährig, mit Einschränkungen. Diese Bestimmungen zum Schutze der Jugend haben ihre guten Gründe. Und jetzt erweist sich die Bedeutung des anderen Teils des Grundrechts: es ist zuvörderst die Pflicht der Eltern dafür zu sorgen, dass Gesetze, die auch zum Schutzes ihres Kindes verkündet worden sind, einzuhalten.

Es ist also nicht in erster Linie Aufgabe des Veranstalters oder der Polizei darüber zu wachen, ob die Jugendschutzbestimmungen eingehalten werden. Vielmehr ist es die "zuvörderst" den Eltern obliegende Pflicht dafür zu sorgen, dass ihren Kindern nichts passiert. Natürlich kann ein Gastwirt zur Verantwortung gezogen werden, der an Minderjährige Alkohol ausschenkt. Dass aber die Eltern eigentlich die Verantwortung dafür tragen, dass ihre minderjährigen Kinder vor Schaden, zum Beispiel vor dem Weg in die Alkoholsucht, bewahrt werden, ist ebenso einsichtig wie logisch. Eltern stehen in Bezug auf das Tun und Lassen ihrer Kinder in der Verantwortung.
Natürlich wird auch die Selbstverantwortung der Heranwachsenden zu berücksichtigen sein. Die ist um so größer, je älter sie sind. Und sie wird in vielen Fällen um so geringer sein können, je jünger ein Kind ist.

Nicht selten gibt es wegen dieses Grundsatzes der eingeschränkten Selbständigkeit und Selbstbestimmung Konflikte zwischen den Kindern und ihren Eltern. Nur die wenigsten Töchter und Söhne werden widerspruchslos die Einschränkungen hinnehmen, die wir ihnen auferlegen, wenn wir auf die Jugendschutzbestimmungen oder unsere Einsichten verweisen. Wir untersagen ihnen zum Beispiel, später als Mitternacht daheim zu sein oder, um auf eine Gefährdung vor allem kleinerer Kinder hinzuweisen, wir erlauben nicht, dass sie auf dem Beifahrersitz im Auto mitfahren. Dass dies Kindern unter zwölf Jahren laut Straßenverkehrsordnung verboten ist, das hat seine guten Gründe; sind doch Beifahrer bei Unfällen am ehesten gefährdet.

Es ist darum sehr wichtig, dass Kindern - sobald sie es verstehen können - stets vermittelt wird, dass Einschränkungen ihrer Wünsche um ihrer selbst willen erfolgen und nicht aus Lust oder Laune der Erwachsenen. Der noch heute übliche Satz: "solange Du Deine Füße unter meinen Tisch setzt, hast Du zu tun, was ich sage" ist freilich denkbar ungeeignet, Heranwachsende zum Verständnis unserer Sorgen um sie zu bringen. Hier muss auch deutlich unterschieden werden: Einem Elternteil, der dieses Argument bringt, dem geht es nicht um sein Kind sondern um seine Macht über das Kind. Er will bestimmen, Macht ausüben, allein das Sagen haben.
Ein Elternteil, dem es in erster Linie um das Kind und dessen Wohlergehen geht, der wird einen derartigen Konflikt anders lösen. Bestehen zwischen Eltern und Kindern gute Beziehungen und werden ihnen zum Beispiel frühzeitig all jene Selbständigkeiten eingeräumt, die sie bewältigen können, dann warten unsere Mädchen und Jungen auch bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie endlich mündig sind.
Wir sehen also, dass es in derartigen Situationen immer auch um die Frage geht: Geht es mir um meine Macht, meine Autorität, mein Selbstbild, meine Eitelkeit, meine Interessen,
oder geht es mir um mein Kind?

Natürlich können wir unsere Kinder nicht überall und zu jeder Zeit vor Gefahren schützen oder vor Schaden bewahren. Auch wir Erwachsenen können - trotz aller Vorsicht - im Garten von der Leiter fallen oder in der Wohnung über den Teppich stolpern und uns dabei jeweils den Arm brechen. Mit dem Hinweis darauf, dass wir im Leben stets von ungezählten Risiken und Unwägbarkeiten umgeben sind, können wir uns aber nicht davonstehlen, wenn es darum geht, durch uns beeinflussbare Gefährdungen zu vermeiden. Der Alltag ist voll von Geboten und Versagungen unseren Kindern gegenüber, die in erster Linie mit unserer Sorge um die körperliche und seelische Gesundheit unserer Kinder begründet werden können. Und derartige Begründungen kann ein Kind sehr gut verstehen. Auch wenn es zunächst mault und voller Zorn die Tür zuknallt. Wenn wir ihm aber etwas verwehren, was es selbst tun könnte, weil wir es ihm nicht zutrauen oder weil uns das zu erwartende Ergebnis seiner Bemühungen nicht gut genug wäre, dann hätte es recht mit seinem Zorn.

 


4.
Zutrauen und Vertrauen fördern die Selbständigkeit

Der zwölfjährige Anton war bereit, dem Vater im Garten zu helfen und wollte den Rasen mähen. "Lass besser die Finger davon", versuchte der Vater den Eifer des Sohnes zu bremsen. "Lerne statt dessen Deine Vokabeln, damit Du nicht wieder eine fünf schreibst!" Doch Anton bettelte und versprach, hinterher zu lernen. "Also gut" willigte der Vater ohne Überzeugung ein. "Aber achte darauf, dass ..." und es folgten eine Reihe von Ermahnungen.
Als Anton fertig war, stellte er den Rasenmäher in den Schuppen und ging ins Haus. Der Vater schaute nach und stellte fest, dass da und dort das Gras noch hoch stand und auch der Rasenmäher war nicht gesäubert worden. Er holte seinen Sohn und hielt ihm eine Strafpredigt: "Ich habe es ja gleich gewusst ... nie machst Du eine Aufgabe ordentlich ... es ist besser, wenn ich alles selbst mache ... so habe ich nur noch mehr Arbeit ... es ist ja kein Wunder, dass es auch in der Schule nicht läuft..."
Beide waren nun verärgert. Anton zog sich zornig in sein Zimmer zurück und dachte vielleicht: nichts kann man dem Alten recht machen, und statt zu lernen - pah, wenn dem sowieso nichts recht ist - stellte er den Fernseher an.

Was hätte der Vater tun können? Am Abend zum Beispiel sagen: "Der Rasenmäher muss noch gesäubert werden. Das Gras wird jetzt trocken sein und sich leichter entfernen lassen". Mit dem ersten Satz sagt der Vater dem Sohn, was noch zu tun ist. Mit dem zweiten öffnet er dem Sohn mit dem Hinweis auf das getrocknete Gras eine Möglichkeit "sein Gesicht zu wahren".
Und bei der nächsten Gelegenheit wird der Vater nicht zögern und zaudern und wird auf alle Ermahnungen verzichten, sondern statt dessen klare Bedingungen aushandeln: Rasen mähen - selbstverständlich. Und vergiss nicht, heute Abend das Gerät zu reinigen!
Wenn es dann wieder nicht klappt, dann kann das nur heißen, dass Anton erst im nächsten Jahr wieder nachfragen darf. Vielleicht ist er dann reifer und eher in der Lage, Verantwortung zu übernehmen.

Diese Geschichte weist uns auf eine sehr wichtige Bestrebung hin, von der in anderen Zusammenhängen schon die Rede war:
Kinder wollen aus eigenem Antrieb heraus die Welt erkunden! Sie sind von Natur aus neugierig, probieren gern etwas aus und möchten gern alles selber machen. Gelegentlich ärgern wir Eltern uns darüber, dass unsere Kinder nur s chwer dazu zu bringen sind, uns etwas zu helfen. Das Beispiel mit dem Rasenmäher deutet an, woran die Unlust oder der Unwillen der Kinder liegen kann. Je öfter wir Kinder daran hindern, etwas zu tun, wofür wir sie noch für zu klein, zu ungeschickt, zu dumm oder zu unzuverlässig halten, und ihnen das auch noch sagen (!), um so weniger werden sie bereit sein uns zu helfen, wenn wir das wünschen. Selbst wenn ein Kind das so nicht sagen kann, dann reagiert es nach dem Denkmuster: "Damals, als ich es selbst tun wollte, habt ihr gesagt, dass ich die Finger davon lassen soll. Heute will ich nicht mehr!"
An viele Beispiele können wir in diesem Zusammenhang denken. Irgendwann wollte ein Kind zum ersten mal den Staubsauger benutzen, selbst abwaschen, den Tisch decken oder einkaufen gehen. Wir aber haben zu viel Bedenken oder Einwände gehabt, und unser Kind gebremst. Dabei wollte es doch nur das gleiche tun, wie wir und den Vorbildern Mutter oder Vater nacheifern.
Verantwortung soll man nicht lehren sondern geben. Zeigt sich ein Kind der zugelassenen oder ihm übertragenen Verantwortung noch nicht gewachsen, dann versuchen wir es erneut.

Ein Kind sollte selber sagen oder am eigenen Leibe erfahren, was es leisten kann und was noch nicht. Das Bewusstsein eigener Verantwortung macht ein Kind eifrig, stolz und zufrieden.

Wir Eltern erkennen sein Bemühen an - selbst wenn das Ergebnis nicht unseren Maßstäben entspricht. Es ist von unschätzbarem Wert für die Herausbildung eines echten Interesses, also: selbständig etwas leisten zu wollen, wenn unser Kind erfährt, dass wir seine Bemühungen anerkennen.

Selbständigkeit wird gefördert
- wenn Eltern und Erzieher das "Selber-machen-wollen" nicht blockieren,
- wenn Eltern und Erzieher Selbsttätigkeit anregen,
- wenn Eltern und Erzieher Kindern Gelegenheit geben, selbst die eigenen Möglichkeiten und
Grenzen herauszufinden,
- wenn Eltern und Erzieher ein Kind ermutigen, wenn es nicht gleich alles so gut kann, wie es sich selbst das wünscht,
- wenn Eltern und Erzieher ihrem Kind und seinen Fähigkeiten vertrauen.

Je älter ein Kind wird, um so mehr trauen wir ihm zu. Dass Kinder, vor allem in der Vorpubertät, also im Alter etwa zwischen zehn und vierzehn, gern und zuverlässig Aufgaben übernehmen wollen und können, das beweisen uns unsere Kinder, wie oben dargestellt, wenn wir Eltern abwesend sind. Sie kümmern sich mit großem Eifer um den Hauhalt, versorgen kleiner Geschwister, die Pflanzen und die Katze oder den Hund. Aber auch bei Ferienunternehmen, zum Beispiel auf einer Radtour, oder mit Booten auf einem Fluss: stets können die Erwachsenen auf die Kinder zählen. Und je mehr Eigenständigkeit ihnen überlassen bleibt, mit um so größerem Engagement tun sie mit. In unseren Jugendverbänden und den Kinderfreizeiten, die die örtliche Jugendpflege veranstaltet oder bei Schullandheimaufenthalten sind die Erfahrungen mit Kindern in Bezug auf deren Einsatzbereitschaft und Zuverlässigkeit ebenso positiv wie in Sportgruppen oder in den Musikvereinen. Einen zusätzlichen Beleg dafür, dass Kinder zu bemerkenswerten Leistungen fähig sind, wenn die Erwachsenen ihnen diese Möglichkeiten geben, zeigt uns ein Bericht aus den ersten Nachkriegsjahren über Erfahrungen mit der Kinderorganisation der FDJ, den Jungen Pionieren. Ein ehemaliger Pionierleiter berichtet über seine Erfahrungen aus den Jahren 1949/50 an der Schule einer thüringischen Kleinstadt:

"...Die Verlässlichkeit, der Eifer und die rückhaltlose Offenheit im Umgang miteinander waren weitere Eigenschaften der Mädchen und Jungen, die im Schulalltag, in den beiden örtlichen Ferienlageraktionen, und die in den Zeltlagern Mitverantwortung übernahmen. Wenn wir Erwachsenen Kindern Eigenständigkeit und Verantwortung überlassen, die sie bewältigen können, dann zeigen sie erstaunliche Leistungen. Ich denke, dass keines dieser Mädchen und Jungen aus einer Hauptschule, die damals zwischen zehn und vierzehn Jahren alt waren, einen Schaden in seiner Entwicklung nahm. Im Gegenteil: diese Zumutungen förderten Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen und bereiteten den Boden für Eigenschaften wie Verantwortungsbereitschaft, Teamgeist, Führungsfähigkeit und eine betont kritische Haltung sich selbst und anderen gegenüber, sowie den Mut, sich entsprechend zu äußern. Im Einzelnen beteiligten sich die Mädchen und Jungen der Klassen fünf bis acht an
der Organisation von Lernaktiven, um allen Kindern gute Schulleistungen zu ermöglichen; Kinder halfen also anderen Kindern beim Lernen,
der Vorbereitung von Festen und Feiern,
der Leitung von Spiel- und Tanzgruppen,
der Vertretung der Schülerinnen und Schüler einer Klasse oder der ganzen Schule und hierbei waren die gewählten Führungskräfte - heute heißen sie "Klassensprecher" oder "Schulsprecher" - verantwortlich für eine gute Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern und der Schulleitung. Besonders diese Aufgabe wurde sehr ernst und mit großem Selbstvertrauen wahr genommen..."

 


Schlussbemerkungen

Wie sehr uns Eltern die Elternschaft belasten kann, wird für die Älteren unter uns, die schon erwachsene Kinder haben, im Rückblick deutlich. Viele von uns wissen genau, und haben das auch als wichtiges Erziehungsziel verinnerlicht, dass ihre Kinder dahin geführt werden sollen, ihr Leben in die eigenen Hände nehmen zu können. Die "eigenen Hände" das bedeutet aber zugleich in eigene Verantwortung mit allen Risiken und Chancen. Diese Eigenständigkeit aber ist es, die uns zu schaffen machte. Es fällt uns Eltern nicht leicht, einigen von uns ist es sogar unmöglich, die eigenen Vorstellungen über das, was gut ist für unser Kind und das, was ihm nach unserer Überzeugung schadet, beiseite zu stellen. Wir sind ja so viel älter, meinen es so gut und wollen unserem Kind alles das ersparen, was wir einst erlitten hatten. Diese guten Absichten verwirklichen wir am besten dann, wenn wir - anders als unsere Eltern - unseren heranwachsenden Töchtern und Söhnen unsere Bevormundung ersparen und ermöglichen ihnen, ihre eigenen guten und schlechten Erfahrungen zu sammeln. Denken wir an die Erkenntnis, dass unsere Kinder am meisten aus den Folgen lernen!

Unsere Ängste freilich kann uns niemand nehmen, wenn wir an die Gefährdungen unserer Heranwachsenden denken. Haben wir aber bisher die Bedürfnisse unserer Kinder beachtet, haben wir selbst genug Selbstvertrauen und können uns jederzeit mit unserem Partner oder einer anderen Person unseres Vertrauens austauschen, uns beraten und uns gegenseitig in unserer angemessenen Zurückhaltung unseren heranwachsenden Kindern gegenüber bestärken, dann sollte der Lösungsprozess gelingen. Dieser Prozess sieht bei jedem unserer Kinder jeweils anders aus und sein Gelingen muss sich keineswegs daran messen lassen, ob ein Kind auszieht und seinen Wohnsitz an einem anderen Ort nimmt. Selbst wenn unsere herangewachsenen Mädchen und Jungen sich aus eigenem Willen und in völliger Freiheit dazu entschieden haben, lieber noch daheim wohnen bleiben zu wollen, auch wenn sie längst wirtschaftlich auf eigenen Füßen stehen, darf uns das nicht beunruhigen. Die Lösung, von der hier die ganze Zeit die Rede war, vollzieht sich in der ganzen Persönlichkeit und zeigt sich uns in recht verschiedener Gestalt. Allgemein aber gilt, dass unser Kind selbständig geworden ist, wenn es uns für ein eigenständiges Leben nicht mehr braucht und wir endlich von der Mühe frei sind, erzieherisch einwirken zu müssen.Wenn dann unsere Kinder kommen, weil sie unseren Rat oder unsere Hilfe wünschen oder uns von ihren Erfahrungen oder Plänen berichten, dann hat sich die Eltern - Kind - Beziehung gewandelt. Die Alters- und häufig auch die Erfahrungsunterschiede sind freilich geblieben. Doch nun sitzen sich gleichberechtigte und gleich selbständige Persönlichkeiten am Tisch gegenüber. Nun werden unsere Überlegungen und Erfahrungsberichte mit Interesse aufgenommen. Und nun sind die Begegnungen mit unseren herangewachsenen Kindern von stiller Freude und Genugtuung über diese neue Art und Weise der Beziehungen angefüllt

 
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