Eltern
und Kinder berichten
Erfahrungen
von schulpflichtigen Kindern
Wenn
Schulkinder verschiedenen Alters danach gefragt werden, was sie mit Schule assoziieren,
überraschen die Ergebnisse zunächst. Mädchen und Jungen bearbeiteten
an (drei Veranstaltungen mit je zwölf Familien und insgesamt
101 schulpflichtigen Kindern) Familienwochenenden zum Thema "Schule"
die Frage:
"Was fällt mir ein, wenn ich an meine Schule denke?
Sicher gibt es dabei Gutes und nicht so Gutes. Unter diesen beiden Gesichtspunkten
schreibt jede/jeder für sich selbst auf, was ihr/ihm dazu einfällt.
Anschließend tauschen wir aus und reden darüber."
Was
die Mädchen und Jungen an der Schule gut fanden sind:
1. die Pausen
2. die Ferien
3. die Ausfallzeiten, Freistunden
4. lustige, nette Lehrer
5. wenig Hausaufgaben
6. Wintersporttagen
Unterrichtsinhalte
selbst beziehungsweise bestimmte Fächer wurden nur von drei Kindern und jeweils
nur ein Fach erwähnt.
Was
die Mädchen und Jungen an der Schule nicht so gut fanden sind:
1. die
Hausaufgaben
2. die Unterrichtsfächer:
In
der Skala der negativen Äußerungen über die Schule tauchen alle
Unterrichtsfächer auf. Jedes Kind hatte an zumindest einem Unterrichtsfach
keine Freude. Und immer wieder sind es die Lehrer, die das Fach vermiesen. Die
Schülerinnen und Schüler begründeten ihre Abneigung gegen ein Fach
stets mit Personen und schrieben: "Musiklehrer, Sportlehrer, Bio-Lehrer"
usf. Was in der Häufigkeit folgte, überraschte: Viele Kinder erleben
3. die Schulatmosphäre:
"Unsere Schule sieht viel zu schwarz aus" schrieb ein Kind. Ein anderes
fand das Klassenzimmer "öd" und andere verknüpften den Gedanken
an ihr Schulhaus mit "langweilig" und "es riecht nicht so gut".
4. die (anderen) Kinder
5. Die Schulnoten, Schulstrafen und die Länge
des Unterrichts empfanden je etwa gleich viel Kinder als Ärgernis.
In
den sich anschließenden ausführlichen Gesprächen mit den Mädchen
und Jungen, an denen sie sich stets lebhaft beteiligten, stellte es sich heraus,
dass es besonders die die Schülerinnen und Schüler als Personen diskriminierenden
Vorfälle sind, die ihnen sehr zu schaffen machen:
Da
hört zum Beispiel der Lehrer gar nicht zu, wenn "wir etwas fragen";
andere Lehrerinnen und Lehrer "brüllen" oder "schreien einem
an"; sie beschimpfen Kinder: "Motzkuh", "blöde Kuh"
oder "Ochse", sie ziehen an den Haaren, an den Ohren oder werfen mit
Kreide und - immer wieder - sie geben Strafarbeiten auf. Zum Beispiel muss die
Schulordnung abgeschrieben werden.
Diese belastenden Erfahrungen finden sich
auch in den schriftlichen Auskünften wieder, wenn ein Kind schreibt, dass
"Lehrer (bringen) ein Kind in peinliche Situationen", dass Lehrer "andere
hänseln und fertig machen" oder dass "ein Lehrer uns Kinderchen
nennt". In den Auswertungsgesprächen wurden die Beispiele erläutert
und ergänzt. Alle Kinder hatten derartige Erfahrungen gemacht und alle darunter
gelitten.
Nun sind
diese Erfahrungen weder repräsentativ noch wollten die Schülerinnen
und Schüler zum Ausdruck bringen, dass "die" Lehrer sich so verhalten.
Doch hatten alle in ihren jeweiligen Schulen entsprechende Erfahrungen gemacht.
Auch
in Bezug auf sich selbst, also auf die Schülerrolle wird "nicht so Gutes"
erlebt. An vierter Stelle rangierten andere Kinder als nicht so gute Erfahrungen.
Es wurden besonders aggressive Schüler erwähnt, vor denen man Angst
habe; wie sich überhaupt die an den Gesprächen teilnehmenden Kinder
ausnahmslos gegen Gewalt und Aggression unter den Schülern aussprachen.
Milderten
die Auskünfte über das, was an der Schule gut ist, die negativen Erfahrungen?
Bezogen auf den Umgang zwischen Lehrern und Schülern keineswegs. Während
betont wurde, dass man froh ist, Eltern zu haben, die bei Hausaufgaben "helfen"
und "antworten, wenn ich was frage", fehlten entsprechende Äußerungen
über Lehrer. Niemand wollte zum Beispiel auf Nachfragen bestätigen,
dass Lehrer Verständnis für sie als Kinder oder als Schüler hätten.
Dass die Kinder
an der Schule alles gut finden, was eigentlich "Nicht-Schule" ist, bestätigte
sich auch im Gespräch. Schulspezifische Vorteile erkannten Kinder, wenn sie
erwähnten, dass der "Sport mein Hobby fördert", dass sie in
der Schule "Spielmöglichkeiten" hätten, die sie so daheim
nicht haben oder dass es Spaß bei "Schulstreichen" gäbe und
die "Ausflüge mit den anderen Kindern" und die Schullandheimaufenthalte
gut seien.
Erfahrungen
von Eltern
Wie Eltern
die Schule und die damit verbundenen Probleme erlebten, wurde in den Veranstaltungen
ebenfalls zusammengetragen Hier wird zunächst berichtet, was Eltern am meisten
plagt, wenn sie an die Schule unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen
Bedingungen denken:
In
Übereinstimmung mit den Erfahrungen der Kinder, spielt auch im Elternbewusstsein
die Diskriminierung von Kindern eine große Rolle. Da wurden Ängste
angesprochen die Kinder (und Eltern) umtreiben,
- weil "Erstklässler
vor der ganzen Klasse bloßgestellt" wurden,
- weil "Druck
und Leistungszwang" zugenommen haben,
- weil Kinder "Ängste
vor einzelnen Lehrern" und "Fächern" haben
- weil "Lehrer,
vor allem die an Gymnasien, als ungenügend pädagogisch "ausgebildet"
erlebt werden.
Eltern
berichteten von dem für die Lernmotivation und das Verhalten von Schülern
nachteiligem Wechsel von "starken und schwachen Lehrern". Die Schüler
reagieren auf wechselnde Unterrichts- (pädagogische) Stile mit besonderer
Lebhaftigkeit: war in der vorangegangenen Stunde ein besonders autoritärer
Lehrertyp in der Klasse, kann sich ein weniger autoritärer Lehrer kaum noch
Gehör verschaffen, da die Kinder ihren unterdrückten Bewegungs- und
Mitteilungsdrang loswerden oder gar sich an dem als schwächer erlebten Lehrer
für die Unbill der vergangenen Stunde rächen wollen.
Die
Erwartungen aller Eltern an die Schulen waren eindeutig:
im Vordergrund steht
die Hoffnung, dass Lehrer Kinder zum Lernen motivieren können sollten. Aber
auch, dass die Schule kindgerecht gestaltet werden sollte, ist ein wichtiges Anliegen
und begegnet sich, wie die Aussprachen zeigten, mit den Aussagen der Kinder über
die Schulatmosphäre. Soziales Verhalten sollte die Schule vermitteln und
nicht nur Wissen.
Und
statt Duckmäuser und Egoisten zu erziehen,
sollte die Schule zur Herausbildung eines gesunden Selbstbewusstseins beitragen
.
Nicht geringen
Kummer bereiten den Eltern die unterschiedlichen Lehrerpersönlichkeiten.
Es wurde sogar davon gesprochen, dass die Schulkarrieren und Lebensläufe
von Kindern von derartigen Zufällen abhängen: geraten sie an eine für
diesen Beruf ungeeignete Lehrperson (Indikatoren: Diskriminierung von Kindern
und ihrer Leistungen; Gewaltanwendungen; Repressalien; Verschleißerscheinungen
bei Lehrern - sie wurden festgemacht an häufigen Fehltagen und "Rumschreien
aus geringstem Anlass"),
würde das die Lernmotivation zerstören.
Aber auch unterschiedliche Werthaltungen und pädagogische Konzepte sowie
private Überzeugungen von Lehrern wirken verunsichernd und demotivierend.
Hier wird von den Schulen mehr Professionalität erwartet. Das heißt
in diesem Zusammenhang,
dass
ein Schulleiter bzw. die Lehrerschaft einer Schule über ihre Konzeption einmal
überhaupt Auskunft geben können und darüber hinaus diese pädagogische
Konzeption auch im Schulalltag verwirklichen.
Eine
Schulordnung zum Beispiel, kann nur aus einer bestehenden pädagogischen Konzeption
einer Schule abgeleitet werden. Die Eltern aber hatten den Eindruck, dass es in
den Schulen, die ihre Kinder besuchen, nur eine Hausordnung, nicht aber ein, die
Arbeit aller Pädagogen an dieser Schule verbindendendes pädagogisches
Konzept gibt.
Prinzipien
wir Kooperation und übereinstimmendes Handeln innerhalb eines Kollegiums
sind keine theoretischen Orientierungen sondern gleichsam einklagbare schulpädagogische
Vorgaben (vgl. dazu u.a. §§ 6, 7 u. 8 sowie 44 SchGes. BW).
Vermisst
wird in der Schulerziehung eine stärkere Betonung von Werten. Übereinstimmend
wurden die inoffiziell geltenden Realnormen wie Kleidermarken und andere konsumorientierte
Werthaltungen verurteilt. Hier sollte die Lehrerschaft die Eltern stärker
unterstützen und der Vorstellung offensiver entgegentreten, als hänge
der Wert eines Menschen von den Kleidern ab, die er trägt, der Ausstattung
an Phono- und Videogeräten, die er besitzt oder der Automarke, die er fährt.
Es wäre gut, wenn man in dieser Beziehung wieder mehr bewährte Werthaltungen,
wie Solidarität mit Armen und Schwachen, Achtung vor der Würde anderer
Menschen vermittle und darauf aufmerksam machte, dass materieller Besitz und Konsum
nichts, aber auch gar nichts mit jenen Grundwerten zu tun hat, von denen im Grundgesetz
die Rede ist und die unsere Politiker auf allen Ebenen vollmundig verkünden.
Was
Eltern im Zusammenhang mit der Schule innerhalb der Familie erleben, rundete die
Erfahrungsberichte ab. Hier einige Aussagen:
- für Nebenfächer wird
nichts getan;
- bei der Unterstützung für die Hausaufgaben fühlen
wir uns überfordert;
- Hausaufgaben sind eine ständige Quelle von
Konflikten und Krisen;
- Kinder verschließen sich, beginnen zu lügen;
- Ängste und schlechte Noten verführen zu Unterschriftsfälschungen;
- es gibt Spannungen unter den Geschwistern;
- Streit zwischen den Eheleuten
wegen der Schule;
- Mütter tragen die Hauptlast.
Soweit
einige Mitteilungen aus Veranstaltungen mit Eltern und Schulkindern. Sie zeigen
uns ausschnitthaft, was Eltern und Kinder im Zusammenhang mit der Arbeit für
die Schule bewegt. Die Kinder und ihre Familien selbst kommen ganz aus dem Blickfeld.
Statt dessen schieben sich die Schule und die hinter ihr stehende Gesellschaft,
vertreten durch den Staat und seine Kultusbehörden als Institutionen in das
Bewusstsein von Eltern und Kindern, die Leistungsergebnisse verlangen, ohne pädagogisch
verantwortbare Rahmenbedingungen schaffen zu können oder zu wollen.
Fassen
wir die Erfahrungen dieser Kinder und Eltern zusammen, dann steht die Schule mit
ihren Lehrern, gemessen an ihrem offiziellen Selbstverständnis, sehr schlecht
da. Aus Gesprächen mit Lehrern wissen wir aber, dass diese den hohen Erwartungsdruck
in Bezug auf Leistungen und Disziplin, auf "Durchgreifen" und "Anforderungen
stellen", den Eltern anlasten. Hier ist dringend eine ebenso offene, wie
innerhalb einer jeden Gemeinde beziehungsweise des Einzugsgebiets einer Schule
öffentliche permanente Aussprache gefordert.
Ausgehend
von den Voraussetzungen unter denen Kinder gedeihen können, hätten Eltern,
Lehrer und die "Abnehmer" der Schülerinnen und Schüler, die
weiterführenden Schulen oder Ausbildungsstätten, ihre gegenseitigen
Erwartungen abzuklären. Die Kooperationsgebote in Erziehung und Bildung beziehen
sich nicht allein auf Elternhaus und Schule, sondern ebenso auf alle anderen gesellschaftlichen
Gruppen. Und allen kulturpolitisch Interessierten, die an die Lehrerinnen und
Lehrer ihre Erwartungen herantragen, sollten zuerst Kooperation leben und dann
reden. Das gilt auch für uns Eltern.
Wir
dürfen uns aber in Bezug auf die Lehrerinnen und Lehrer nichts vormachen,
denn alles das, was wir Eltern uns von der Schule wünschen, erwarten die
meisten Lehrerinnen und Lehrer auch: von sich selbst und von den Eltern. Wenn
wir über einige Lehrer enttäuscht sind, dann haben wir möglicher
Weise nicht ausführlich genug miteinander gesprochen. Es gibt kaum einen
Schulpädagogen, der Kindern schaden will. Im Gegenteil: die Lehrerschaft
vertritt vielfach und recht massiv die Interessen von Kindern und Eltern - nur
erfahren die nichts davon.
Diese
Aussage kann zum Beispiel unschwer nachgewiesen werden, wenn man die Publikationen
von Lehrerverbänden in die Hand nimmt. Die guten Absichten sind also auf
beiden Seiten vorhanden. Es fehlt, das wurde allen Beteiligten in unseren Elterngesprächen
deutlich, an einer kooperativen Praxis, die diesen Namen verdient.
Anmerkung:
Die Familienwochenenden mit
dem Thema: "Schule...", auf die hier Bezug genommen wird, waren Veranstaltungen
der KAB (Kathohlische Arbeitnehmerbewegung). Es befanden sich unter den Teilnehmerinnen
und Teilnehmern Familien aus allen in unseren Landkreisen Waldshut und Lörrach
vertretenen Schichten mit im Durchschnitt drei Kindern pro Familie.
Wenn auch unterstellt werden
darf, dass es sich um Eltern handelte, die sich in besonderer Weise für die
Erziehung und Bildung ihrer Kinder interessieren und engagieren, so würde
ich dennoch sagen, dass alle Eltern mit vergleichberer Motivation, ähnliche
Erfahrungen machen. Vgl. dazu auch den Beitrag: "
Pädagogik Fehlanzeige"!