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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf


Über die Pubertät

 


Die Verselbständigungsphase "Pubertät"

"Sie scheinen ... das Wohlleben zu lieben, haben schlechte Manieren und verachten die Autorität, sind Erwachsenen gegenüber respektlos und verbringen ihre Zeit damit, herumzulungern und miteinander zu plaudern. Sie widersprechen ihren Eltern, nehmen Gespräch und Gesellschaft für sich allein in Anspruch, essen gierig und tyrannisieren ihre Lehrer".
Dies wusste Sokrates (Sokrates, wirkte im vierten Jahrhundert v. Chr. in Athen) über die Jugend seiner Zeit zu berichten.
Zur Jugendgeneration gehörten wir Eltern vor einigen Jahren, genauso, wie unsere Heranwachsenden heute zu ihrer Generation gehören. Und damit haben wir ein erstes Merkmal, das für unsere jetzigen und die nachwachsenden Mädchen und Jungen zutrifft: sie gehören alle den kulturellen, den sozialen, den politischen und wirtschaftlichen Situationen beziehungsweise Strömungen ihrer Zeit an. Elemente dieser Strömungen tragen sie in unsere Familie mit hinein und konfrontieren uns mit ihnen auch und gerade dann, wenn wir Älteren nicht gerade davon begeistert sind.

Hier einige Informationen zu diesen Pubertätsphasen:
Als "Pubertät" wird ein von physiologischen Entwicklungsgesetzen zwingend vorgegebener Prozess der Reifung bezeichnet. Biologisch angeregt wird dieser Wachstumsschub von Geschlechtshormonen die der Körper zu produzieren beginnt. Männliche Geschlechtshormone (Androgene) und weibliche Geschlechtshormone (Östrogene) werden massenhaft ausgeschüttet und bewirken erhebliche Veränderungen in Körper und Seele. Körperlich zeigen sich derartige Veränderungen in einem disharmonischen Erscheinungsbild wie zum Beispiel relativ große Füße, lange dünne Gliedmaßen, picklige Haut. Bei Mädchen entwickeln sich die Brüste und erste Regelblutungen treten auf u.a. m.. In Bezug auf die seelische Entwicklung erleben wir eine ganze Abfolge von Veränderungen, die nicht selten krisenhaften Charakter annehmen. Gebräuchlich ist der Begriff "Adoleszenz" für die seelische und soziale Entwicklung im Jugendalter (von adoleszent - heranwachsend) und unterschieden nach

Frühadoleszenz, - ca. 11 bis 14 Jahre
mittlere Adoleszenz, - ca. 14 bis 17 Jahre
späte Adoleszenz, ab 17 bis ... Jahren

Die Frühadoleszenz ist eine Zeit der Trauer, in der sich das Verhältnis zu Körper, Sexualität, zu sich selbst, den Gleichaltrigen und den Eltern zu wandeln beginnt. Verwirrt und orientierungslos will der Heranwachsende die Eltern behalten und sich doch von ihnen lösen. Einerseits gibt er sich erwachsen, stark und klotzig, andererseits trennt er sich noch nicht von seinem Schmusetier. Gedanken an Selbstvernichtung können auftreten, wenn der junge Mensch keinen Sinn an diesen Widersprüchen erkennt und sich von allen verlassen fühlt. Darum ist es in dieser Phase besonders wichtig, in Gruppen Gleichaltriger eingebunden zu sein und sich dort gebraucht zu wissen. Bereits im vorangegangenen Abschnitt wurde darüber berichtet, dass sich gerade Heranwachsende in dieser Phase durch ein betontes Engagement auszeichnen - wenn sie auch noch nicht auf die Anleitung und Unterstützung durch Erwachsene verzichten können. Zu denken ist da zum Beispiel an die Trainer in Sportgruppen, die Jugendleiter in Jugend- und Kindergruppen, die Dirigenten von Kinderchören u. a.

Nicht zu unterschätzen sind in diesen Phasen die erwachenden und nach Spannungsabfuhr drängenden sexuellen Bedürfnisse, die sie begleitenden Phantasien, Spiele und beginnende Bemühungen um Partner des jeweil anderen Geschlechts. Dieser Thematik, der Sexualerziehung,  sind wegen seiner Bedeutung in unserem Leben eigene Texte gewidmet.

 

In der mittleren Adoleszenz fühlt sich ein junger Mensch zeitweilig total überfordert. Dieses Gefühl hat gute Gründe, wenn wir daran denken, dass er ja nicht nur mit seinem Körper und seiner erwachten Sexualität zurecht kommen muss. Es ist die gleiche Zeit, in der Weichen für die Zukunft gestellt werden, wenn es um Berufswahlentscheidungen, Schulabschlüsse und Praktika geht, in denen sie/er sich bewähren sollen. Viele eigene Wünsche und eigene Vorstellungen bauen sich auf, die von den Erwachsenen nicht geteilt oder verstanden werden, da sie nicht selten keine Realisierungsmöglichkeit haben. Der Drang, frei zu sein, keine Einschränkungen (er-)dulden zu müssen, kann übermächtig werden. Konflikte, die sich zu richtigen Machtkämpfen ausweiten, können an der Tagesordnung sein. Marianne Arlt beschreibt die entsprechenden Erfahrungen mit ihrem Sohn recht anschaulich ("Pubertät ist, wenn die Eltern schwierig werden". Freiburg 1992). Die Heranwachsenden ziehen sich in sich selbst zurück. Wunschgebilde, Träume und Phantasien bestimmen die Innenwelt. Die Flucht aus der Wirklichkeit führt gelegentlich zu Drogen wie Alkohol, Zigaretten oder gar "harte Drogen". Begleitet wird diese Phase von Bemühungen um Abgrenzung einerseits und Anpassung andererseits. "Zu sein wie kein anderer - zu sein wie alle anderen", so bezeichnet Erikson die Suche nach Identität als Aufgabe der Pubertät. Wie kein anderer - das heißt vor allem, nicht so sein, wie die als spießig erlebten Eltern oder Erwachsenen überhaupt. Zu sein, wie alle anderen, das heißt vor allem "cool" sein und "trendy". Da werden Sänger und Musiker, Sportler oder andere in der jeweiligen Szene gültigen Vorbilder für die Heranwachsenden wichtig. Sie wollen dazu gehören und sich dadurch von der Erwachsenenwelt unterscheiden.
Je problematischer im Erleben des Heranwachsenden und seiner Eltern diese Phase verläuft, um so größer die Gefahr der Regression: Schule schwänzen, weglaufen, aber auch dissoziale Verhaltensweisen als Probierverhalten und/oder Protest, sind Anzeichen krisenhaft verlaufender Lösungsprozesse. Neben Unfällen und bösartigen Tumoren sind Selbstmorde die häufigste Todesursache in dieser Altersgruppe. Nicht selten verlassen sie die Schulen oder Ausbildungsstätten, Jugendgruppen oder Vereine, in denen sie sich bisher engagierten und suchen nach neuen Orientierungen in anderen, vor allem eher informellen Gruppen. Von den vielen biografischen Zeugnissen, die uns über diese kritische Phase vorliegen und die uns zeigen, dass es auch in früheren Generationen nicht anders war als heute, sei das von Hermann Hesse ausgewählt. Ohnehin ein Junge, der seinen Eltern und Erziehern viel zu schaffen machte, erreichten die Konflikte mit den Eltern 1892 einen Höhepunkt, als der damals fünfzehnjährige Hermann an seinen Vater schrieb und ihn bezeichnender Weise sogar mir "Sie" ansprach:

"Sehr geehrter Herr! Da Sie sich so auffällig opferwillig zeigen, darf ich Sie vielleicht um 7 M oder gleich um den Revolver bitten. Nachdem Sie mich zur Verzweiflung gebracht, sind Sie doch wohl bereit, mich dieser und sich meiner rasch zu entledigen. Eigentlich hätte ich ja schon im Juni krepieren sollen..."

Späte Adoleszenz

Nach und nach treten im Regelfalle die als krisenhaft erlebten Erscheinungen zurück und machen einem Weg in ruhigere Gefilde frei. Die Kämpfe zwischen den Generationen lassen an Heftigkeit nach, die Eltern werden wieder mehr und mehr geduldet und zunehmend wieder geachtet. Statt Resignation kommt Aufbruchstimmung auf, die Zuversicht in die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten wächst und Lebenspläne nehmen eine realistischere Gestalt an.
Hilfreich sind in dieser Phase Kontakte mit Gruppen junger Menschen, die einen eigenen Stil, eine eigene Kultur entwickeln und in der sich unsere Heranwachsenden angenommen und geborgen fühlen können. Was zunächst bleibt, ist der Widerspruch zwischen innerer Unabhängigkeit und äußerer wirtschaftlicher Abhängigkeit von den Eltern. In einer Zeit, in der immer mehr junge Menschen immer später in das Erwerbsleben treten, ist das ein Thema. Bedauerlicher Weise treten auch immer mehr junge Menschen in gar kein Erwerbsleben ein, das ihnen ein angemessene wirtschaftliche Selbständigkeit durch eigene Leistung ermöglicht. Die Folgen einer derartigen Entwicklung sind noch nicht abzusehen. Sie deuten sich aber an in zunehmender Gewaltbereitschaft und Kriminalität.
Ob die jungen Menschen noch mehr oder weniger von den Einkünften der Eltern abhängen oder nicht: nach Abschluss der Adoleszenz, gehören sie "entlassen". Eltern, so meinen wir das, halten sie nicht fest, wenn die jungen Frauen und Männer ausziehen bzw. an einem anderen Ort ihre Ausbildung abschließen wollen.

Da jeder Heranwachsender in diesen Phasen die gleichen krisenhaften Erscheinungen durchlebt, wenn sie auch individuell unterschiedlich als "Störung" nach Außen treten, haben wir Eltern sie als ganz normal einzuordnen. Die zentrale seelische Konfliktursache ist im Grunde, wie bereits in der ersten Lösungsphase, die Erkenntnis, sich nun "allein" auf den Weg ins Leben machen und den Schutz und die Geborgenheit des Elternhauses entbehren zu müssen. Verstärkt werden diese - zumeist unbewussten Ängste - durch eine Fülle an Erwartungen, vor die sich der junge Mensch gestellt sieht (oder auch nur gestellt meint). Erfolge in Schule und Beruf, in sozialen Gruppen, in Bezug auf seine Geschlechtsrolle oder auf seine Selbständigkeit und Eigenverantwortung bringen ihn immer wieder in Stresssituationen.
Diese Zeit also durchleben alle mit all ihren Höhen und Tiefen, mit Momenten der Verzweiflung aber auch Momenten herrlicher Unbekümmertheit und Zuversicht in die eigene Zukunft.

 

Wenn wir Eltern diese gleichsam gesetzmäßig verlaufenden Lebensphasen akzeptieren können, und wenn wir die gelegentlichen Kämpfe unseres Kindes mit uns und gegen uns nicht als gegen uns als Person gerichtet, sondern als Ausdruck des Ringens um Lösung von uns betrachten, dann können wir etwas gelassener mit den uns daraus erwachsenden Problemen umgehen. Und wenn wir uns fragen, welche Grundhaltung uns Eltern und den Berufserziehern zu empfehlen ist, um mit unseren pubertierenden Mädchen und Jungen im Gespräch bleiben zu können, dann helfen uns neben Antworten aus der erziehungswissenschaftlichen und sozialpsychologischen Forschung unsere eigenen Erfahrungen, die ich in folgende Haltungen zusammenfassen möchte:

Unseren Kindern vertrauen, sie respektieren und sie als eigenständige Persönlichkeiten akzeptieren.
Dazu gehört, dass wir uns für sie und das was sie tun und lassen interessieren, dass wir gemeinsam etwas unternehmen.
Die Kölner Psychologin Elisabeth Raffauf (www.elisabethraffauf.de) empfielht Eltern, dass sie einander gegenseitig vertrauen und sich nicht in Gegenwart ihres Kindes über dieses Kind streiten (SWR Aula vom 22.06.2014, Manuskript, S. 9)

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