Die Verselbständigungsphase "Pubertät"
"Sie scheinen
... das Wohlleben zu lieben, haben schlechte Manieren und verachten
die Autorität, sind Erwachsenen gegenüber respektlos und verbringen
ihre Zeit damit, herumzulungern und miteinander zu plaudern. Sie widersprechen
ihren Eltern, nehmen Gespräch und Gesellschaft für sich allein
in Anspruch, essen gierig und tyrannisieren ihre Lehrer".
Dies wusste Sokrates (Sokrates, wirkte im vierten Jahrhundert v. Chr.
in Athen) über die Jugend seiner Zeit zu berichten.
Zur Jugendgeneration gehörten wir Eltern vor einigen Jahren, genauso,
wie unsere Heranwachsenden heute zu ihrer Generation gehören. Und
damit haben wir ein erstes Merkmal, das für unsere jetzigen und
die nachwachsenden Mädchen und Jungen zutrifft: sie gehören
alle den kulturellen, den sozialen, den politischen und wirtschaftlichen
Situationen beziehungsweise Strömungen ihrer Zeit an. Elemente
dieser Strömungen tragen sie in unsere Familie mit hinein und konfrontieren
uns mit ihnen auch und gerade dann, wenn wir Älteren nicht gerade
davon begeistert sind.
Hier einige Informationen
zu diesen Pubertätsphasen:
Als "Pubertät" wird ein von physiologischen Entwicklungsgesetzen
zwingend vorgegebener Prozess der Reifung bezeichnet. Biologisch angeregt
wird dieser Wachstumsschub von Geschlechtshormonen die der Körper
zu produzieren beginnt. Männliche Geschlechtshormone (Androgene)
und weibliche Geschlechtshormone (Östrogene) werden massenhaft
ausgeschüttet und bewirken erhebliche Veränderungen in Körper
und Seele. Körperlich zeigen sich derartige Veränderungen
in einem disharmonischen Erscheinungsbild wie zum Beispiel relativ große
Füße, lange dünne Gliedmaßen, picklige Haut. Bei
Mädchen entwickeln sich die Brüste und erste Regelblutungen
treten auf u.a. m.. In Bezug auf die seelische Entwicklung erleben wir
eine ganze Abfolge von Veränderungen, die nicht selten krisenhaften
Charakter annehmen. Gebräuchlich ist der Begriff "Adoleszenz"
für die seelische und soziale Entwicklung im Jugendalter (von adoleszent
- heranwachsend) und unterschieden nach
Frühadoleszenz,
- ca. 11 bis 14 Jahre
mittlere Adoleszenz, - ca. 14 bis 17 Jahre
späte Adoleszenz, ab 17 bis ... Jahren
Die Frühadoleszenz
ist eine Zeit der Trauer, in der sich das Verhältnis zu Körper,
Sexualität, zu sich selbst, den Gleichaltrigen und den Eltern zu
wandeln beginnt. Verwirrt und orientierungslos will der Heranwachsende
die Eltern behalten und sich doch von ihnen lösen. Einerseits gibt
er sich erwachsen, stark und klotzig, andererseits trennt er sich noch
nicht von seinem Schmusetier. Gedanken an Selbstvernichtung können
auftreten, wenn der junge Mensch keinen Sinn an diesen Widersprüchen
erkennt und sich von allen verlassen fühlt. Darum ist es in dieser
Phase besonders wichtig, in Gruppen Gleichaltriger eingebunden zu sein
und sich dort gebraucht zu wissen. Bereits im vorangegangenen Abschnitt
wurde darüber berichtet, dass sich gerade Heranwachsende in dieser
Phase durch ein betontes Engagement auszeichnen - wenn sie auch noch
nicht auf die Anleitung und Unterstützung durch Erwachsene verzichten
können. Zu denken ist da zum Beispiel an die Trainer in Sportgruppen,
die Jugendleiter in Jugend- und Kindergruppen, die Dirigenten von Kinderchören
u. a.
Nicht
zu unterschätzen sind in diesen Phasen die erwachenden und nach
Spannungsabfuhr drängenden sexuellen Bedürfnisse, die sie begleitenden
Phantasien, Spiele und beginnende Bemühungen um Partner des jeweil
anderen Geschlechts. Dieser Thematik, der Sexualerziehung, sind wegen seiner Bedeutung in unserem Leben eigene Texte gewidmet.
In der mittleren
Adoleszenz fühlt sich ein junger Mensch zeitweilig total überfordert.
Dieses Gefühl hat gute Gründe, wenn wir daran denken, dass
er ja nicht nur mit seinem Körper und seiner erwachten Sexualität
zurecht kommen muss. Es ist die gleiche Zeit, in der Weichen für
die Zukunft gestellt werden, wenn es um Berufswahlentscheidungen, Schulabschlüsse
und Praktika geht, in denen sie/er sich bewähren sollen. Viele
eigene Wünsche und eigene Vorstellungen bauen sich auf, die von
den Erwachsenen nicht geteilt oder verstanden werden, da sie nicht selten
keine Realisierungsmöglichkeit haben. Der Drang, frei zu sein,
keine Einschränkungen (er-)dulden zu müssen, kann übermächtig
werden. Konflikte, die sich zu richtigen Machtkämpfen ausweiten,
können an der Tagesordnung sein. Marianne Arlt beschreibt die entsprechenden
Erfahrungen mit ihrem Sohn recht anschaulich ("Pubertät ist,
wenn die Eltern schwierig werden". Freiburg 1992). Die Heranwachsenden
ziehen sich in sich selbst zurück. Wunschgebilde, Träume und
Phantasien bestimmen die Innenwelt. Die Flucht aus der Wirklichkeit
führt gelegentlich zu Drogen wie Alkohol, Zigaretten oder gar "harte
Drogen". Begleitet wird diese Phase von Bemühungen um Abgrenzung
einerseits und Anpassung andererseits. "Zu sein wie kein anderer
- zu sein wie alle anderen", so bezeichnet Erikson die Suche nach
Identität als Aufgabe der Pubertät. Wie kein anderer - das
heißt vor allem, nicht so sein, wie die als spießig erlebten
Eltern oder Erwachsenen überhaupt. Zu sein, wie alle anderen, das
heißt vor allem "cool" sein und "trendy".
Da werden Sänger und Musiker, Sportler oder andere in der jeweiligen
Szene gültigen Vorbilder für die Heranwachsenden wichtig.
Sie wollen dazu gehören und sich dadurch von der Erwachsenenwelt
unterscheiden.
Je problematischer im Erleben des Heranwachsenden und seiner Eltern
diese Phase verläuft, um so größer die Gefahr der Regression:
Schule schwänzen, weglaufen, aber auch dissoziale Verhaltensweisen
als Probierverhalten und/oder Protest, sind Anzeichen krisenhaft verlaufender
Lösungsprozesse. Neben Unfällen und bösartigen Tumoren
sind Selbstmorde die häufigste Todesursache in dieser Altersgruppe.
Nicht selten verlassen sie die Schulen oder Ausbildungsstätten,
Jugendgruppen oder Vereine, in denen sie sich bisher engagierten und
suchen nach neuen Orientierungen in anderen, vor allem eher informellen
Gruppen. Von den vielen biografischen Zeugnissen, die uns über
diese kritische Phase vorliegen und die uns zeigen, dass es auch in
früheren Generationen nicht anders war als heute, sei das von Hermann
Hesse ausgewählt. Ohnehin ein Junge, der seinen Eltern und Erziehern
viel zu schaffen machte, erreichten die Konflikte mit den Eltern 1892
einen Höhepunkt, als der damals fünfzehnjährige Hermann
an seinen Vater schrieb und ihn bezeichnender Weise sogar mir "Sie"
ansprach:
"Sehr geehrter Herr! Da Sie sich so auffällig opferwillig
zeigen, darf ich Sie vielleicht um 7 M oder gleich um den Revolver bitten.
Nachdem Sie mich zur Verzweiflung gebracht, sind Sie doch wohl bereit,
mich dieser und sich meiner rasch zu entledigen. Eigentlich hätte
ich ja schon im Juni krepieren sollen..."
Späte Adoleszenz
Nach und nach
treten im Regelfalle die als krisenhaft erlebten Erscheinungen zurück
und machen einem Weg in ruhigere Gefilde frei. Die Kämpfe zwischen
den Generationen lassen an Heftigkeit nach, die Eltern werden wieder
mehr und mehr geduldet und zunehmend wieder geachtet. Statt Resignation
kommt Aufbruchstimmung auf, die Zuversicht in die eigenen Möglichkeiten
und Fähigkeiten wächst und Lebenspläne nehmen eine realistischere
Gestalt an.
Hilfreich sind in dieser Phase Kontakte mit Gruppen junger Menschen,
die einen eigenen Stil, eine eigene Kultur entwickeln und in der sich
unsere Heranwachsenden angenommen und geborgen fühlen können.
Was zunächst bleibt, ist der Widerspruch zwischen innerer Unabhängigkeit
und äußerer wirtschaftlicher Abhängigkeit von den Eltern.
In einer Zeit, in der immer mehr junge Menschen immer später in
das Erwerbsleben treten, ist das ein Thema. Bedauerlicher Weise treten
auch immer mehr junge Menschen in gar kein Erwerbsleben ein, das ihnen
ein angemessene wirtschaftliche Selbständigkeit durch eigene Leistung
ermöglicht. Die Folgen einer derartigen Entwicklung sind noch nicht
abzusehen. Sie deuten sich aber an in zunehmender Gewaltbereitschaft
und Kriminalität.
Ob die jungen Menschen noch mehr oder weniger von den Einkünften
der Eltern abhängen oder nicht: nach Abschluss der Adoleszenz,
gehören sie "entlassen". Eltern, so meinen wir das, halten
sie nicht fest, wenn die jungen Frauen und Männer ausziehen bzw.
an einem anderen Ort ihre Ausbildung abschließen wollen.
Da jeder Heranwachsender
in diesen Phasen die gleichen krisenhaften Erscheinungen durchlebt,
wenn sie auch individuell unterschiedlich als "Störung"
nach Außen treten, haben wir Eltern sie als ganz normal einzuordnen.
Die zentrale seelische Konfliktursache ist im Grunde, wie bereits in
der ersten Lösungsphase, die Erkenntnis, sich nun "allein"
auf den Weg ins Leben machen und den Schutz und die Geborgenheit des
Elternhauses entbehren zu müssen. Verstärkt werden diese -
zumeist unbewussten Ängste - durch eine Fülle an Erwartungen,
vor die sich der junge Mensch gestellt sieht (oder auch nur gestellt
meint). Erfolge in Schule und Beruf, in sozialen Gruppen, in Bezug auf
seine Geschlechtsrolle oder auf seine Selbständigkeit und Eigenverantwortung
bringen ihn immer wieder in Stresssituationen.
Diese Zeit also durchleben alle mit all ihren Höhen und Tiefen,
mit Momenten der Verzweiflung aber auch Momenten herrlicher Unbekümmertheit
und Zuversicht in die eigene Zukunft.
Wenn wir Eltern
diese gleichsam gesetzmäßig verlaufenden Lebensphasen akzeptieren
können, und wenn wir die gelegentlichen Kämpfe mit uns und
gegen uns nicht als gegen uns als Person gerichtet, sondern als Ausdruck
des Ringens um Lösung von uns betrachten, dann können wir
etwas gelassener mit den uns daraus erwachsenden Problemen umgehen.
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