Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf


Kinder spielen

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Einführung

Die Bedeutung des Spiels für die Persönlichkeitsentwicklung

Alles wird dem gesunden Kind zum Spiel. Das Spiel ist die Existenzweise unserer Kinder, das "eigentliche Feld kindlicher Tätigkeit ... im Spiel vollziehen sich wesentliche Teile kindlichen Lernens und kindlicher Lebenserfahrung" ,

Kinder sind Meister des Konjunktivs" schreibt Klaus A. Daigl und bestätigt unsere eigenen Erfahrungen: "ich wäre jetzt die Mutter, du wärst das Kind, das wäre unser Haus, das wäre ein Teller...".
So verteilen unsere Kinder ihre Rollen untereinander, sie verwandeln Menschen und Gegenstände und ihre Vorstellungskraft erlaubt ihnen, alle möglichen Lebenssituationen zu erproben. "Du tätst mich besuchen, du tätst mit dem Auto kommen, du tätst Kaffee machen ..." (1)

Zeitdimensionen haben für Kinder ebenso eine andere Wirklichkeit, wie Räume und Zustände. Kinder spielen Blinde und Kranke, versetzen sich in Tag und Nacht, ihr Spielzimmer oder die Puppenecke im Kindergarten werden zu Straßenbahnen, Autos, Schulen oder Krankenhäusern. Jeder von uns hat an diese Periode seiner Kindheit eigene Erinnerungen. Da ist zu denken an die Schilderung eines Großvaters, der noch gern an das Gefühl der Geborgenheit und eigener Allmacht (Zauberkraft, Stärke) zurückdachte, wenn er zwischen den vier Beinen eines umgedrehten Tisches sitzend, manches Abenteuer erlebte. Dieser Zwischenraum wurde ihm zum Flugzeug, war Kinderzimmer (das er in den beengten Wohnverhältnissen nicht hatte), zum Auto, in dem auch seine Spielgefährten Platz fanden vor allem aber zu einem Rückzugsraum, wenn er - nach Ärger oder Enttäuschungen - seine Ruhe haben und allein sein wollte.

Diese Kraft und Fähigkeit, Phantasie mit Erfahrungen zu mischen und daraus in einem in erster Linie gedanklich schöpferischen Akt etwas ganz Neues zu schaffen, fördert die Entwicklung von Kindern in hohem Maße.

Erwachsenen muss diese Fähigkeit zur Phantasie nicht verloren gehen. Wir sagen dann gern: "Wir träumen"; zum Beispiel davon, was wir mit dem vielen Geld täten, wenn wir es denn gewinnen würden. Allerdings brauchen bereits viele von uns Hilfen, sozusagen Krücken, die uns beim Träumen Inhalte vorgeben. Früher sprach man sogar von Traumfabriken, und meinte damit die Filmstudios von Hollywood oder Babelsberg bei Berlin.
Heute kommen die Traummuster über den Bildschirm in die Wohnungen.
Gelegentlich bringen sie auch Anregungen und den Kindern neue Spielfiguren, zusätzlich zum Teddybären, zum Stoffhund oder anderen Tieren. Und dies ist eine weitere typische Normalität im Kindesalter: die Vorliebe für Puppen und Stofftiere, die dann, wieder durch die Kraft kindlicher Vorstellung und Zuschreibung, zum Spielgefährten oder Tröster werden. (2)

Die Bedeutung des kindlichen Spiels ist unüberschätzbar. Hans Zulliger konnte nachweisen, dass im Spiel heilende Kräfte wirken, die das Seelenleben von Kindern günstig zu beeinflussen vermögen. Kinder können das, was ihnen auf der Seele lastet, herunterspielen. Und das, was sie im Alltag ständig tun, ermöglicht seelisch kranken Kindern ein Therapeut und hilft ihnen dabei, sich selbst zu heilen . (3)

Also gehört zu den Hauptaufgaben einer Erziehung im Elternhaus, den Kindern spielen zu ermöglichen, Spiele anzuregen und - nicht zuletzt - mit Kindern gemeinsam zu spielen.
Gesellschaftsspiele zum Beispiel, die wir mit unseren Kindern spielen, schaffen Bindungen, lassen unsere Kinder sich in der Familie wohlfühlen, rücken die Eltern, vor allem den hier und da als übermächtig erlebten Vater, näher an die Kinder heran und beeinflussen und trainieren nicht zuletzt wichtige Eigenschaften, wie zum Beispiel Neugierde, etwas durchhalten und zu Ende spielen, zusammenhalten aber auch Reaktionsvermögen oder Merk- und Unterscheidungsfähigkeit. Eltern von Kindergartenkindern oder von Kindern in der Grundschuleingangsstufe, äußern gelegentlich die Sorge, dass ihre Kinder nicht genug "lernen" und "zuviel spielen". Spielen aber ist keine Spielerei! Alles, was ein Kind an seiner natürlichen Existenz- und Lernweise hindert und ihm die Möglichkeiten nimmt oder einschränkt, sich die Welt spielerisch anzueignen, schadet seiner Entwicklung.

Das Spiel, so können wir ohne jede Übertreibung festhalten, ist der Schlüssel zu einem aktiven Leben und eine elementare Voraussetzung allen Lernens.

 

 

Spielen muss möglich sein

Das, was hierunter zu verstehen ist, lässt sich recht einfach beschreiben. Jedes Kind braucht Platz zum Spielen. Auch unter recht beengten Wohnverhältnissen, werden Kinder ein Eckchen für sich finden. Einsichtige Eltern helfen ihnen dabei und bieten Gestaltungsräume für die Kinder an. Urgroßmutter nahm die Tischdecken vom Wohnzimmertisch und das gelbe Wachstuch kam zum Vorschein. Darauf konnten die Kinder malen oder mit Holzbausteinen Häuser oder Burgen errichten. Oder der gleiche Tisch wird, wie oben Großvater erzählte, umgedreht. Zwischen den Tischbeinen entstand die eigentliche Kinderwelt.

Wenn auch heute Hof und Straße Kindern nicht mehr zur Verfügung stehen, wie in früheren Generationen, so sind doch an deren Stelle Kinderspielplätze oder unbebaute Grundstücke getreten. In den großen Parkanlagen oder anderer, hierfür ausdrücklich ausgewiesener Grünflächen Münchens, Frankfurts, Düsseldorfs, Berlins oder anderer Großstädte, können sich viele Kinder tummeln. In unseren Tagen reichen die zur Verfügung stehenden Kinderspielflächen aus, kommen meistens in ihrer Gestaltung den Bedürfnissen unserer Kinder entgegen und bieten ihnen Anregungen und neue Erfahrungen an. Nehmen wir noch hinzu, dass heute mehr als achtzig Prozent aller Haushalte über gesonderte Kinderzimmer verfügen, die, wenn auch nicht selten im Vergleich zu den anderen Räumen recht klein, den Kindern ungestörtes Spielen ermöglichen, dann sind die Rahmenbedingungen für viele Kinder in unserem Lande nicht schlecht. Auch die Ausstattung mit Spielzeug ist enorm. Selbst ein flüchtiger Blick in die Kindergärten und Kinderzimmer kann uns schwindlig werden lassen: so groß ist das Angebot an vielfältigen Spielzeugen. Schwierig ist es zu entscheiden, was gutes Spielzeug ist und was nichts taugt. Zur Illustration ein Erfahrungsbericht:

Heinz bekam zum achten Geburtstag von seiner Tante einen großen Karton. Freudig erregt, machte er sich ans Auspacken. Die Familie schaute zu und auch die Tante saß strahlend dabei. Ihre Mimik verriet allen, dass sie stolz war auf ihre Auswahl und dessen sicher, mit ihrem Geschenk den Vogel abgeschossen zu haben.
Bald stand das Geschenk vor aller Augen: Ein bunt bemaltes Blechungeheuer - eine Art "Außerirdischer" stand im Raum. Groß wie ein Fußball mit vier Füßen und mehreren Greifarmen von denen einer eine menschliche Gestalt hielt. Diese Gestalt konnte Heinz aus der Greifhand lösen und in eine andere hineintun. Und noch etwas konnte Heinz mit dem Blechungeheuer machen: es mit Hilfe eines kleinen Schlüssels aufziehen. Dann lief drinnen ein Uhrwerk ab, dabei entstand natürlich ein blechernes Getöse und die Arme und Beine bewegten sich hin und her. Der Blechball drehte sich dabei ein wenig auf der Stelle.
Heinz war ein sehr höflicher Junge. Er gab seiner Tante den erwarteten Kuss zum Dank, griff sich seine Blechmaschine und verschwand Richtung Kinderzimmer, wo seine Gäste warteten. Nun durfte jeder mal aufziehen und sich das Geräusch anhören und das Blechmännchen umstecken. Am Abend prüfte Heinz, was er denn noch mit diesem Spielzeug anfangen könnte. Und weil er ebenso geschickt wie erfinderisch war, zerlegte er den Blechmantel und baute den Aufziehmechanismus aus. Die Blechhülle verschwand im Müll und der Motor wurde auf ein Brettchen montiert, von wo aus er über die Antriebswelle irgendwelche Lego- Konstruktionen bewegte.
Nur gut, dass dies die Tante nicht mehr sah!

Wir können diesem Beispiel entnehmen, dass für die meisten Kinder ein Spielzeug dann gut ist, wenn mit ihm etwas angefangen werden kann und zwar im Sinne von Kreativität, Aktivität und Konstruktivität. Fehlen diese Elemente und nimmt die Gestalt oder Gestaltung des Spielgeräts auch noch die Möglichkeit, die eigene Phantasie spielen zu lassen, wird es für ein Kind rasch langweilig, es wird beiseite gelegt oder, wie in unserem Beispiel, zerstört.
Sogenanntes "wertloses Material" wie zum Beispiel Papprollen, Kartons, Holzstücke, alte Kisten oder bunte Stoffreste können gelegentlich mehr Freude bereiten, als perfekte technische Spielzeuge. Gewiss träumen viele Mädchen und Jungen von Puppenhäusern oder Eisenbahnen. Es reicht aber den Kindern nicht, wenn sie das Puppenhaus nur anschauen und Püppchen nur hierhin oder dorthin setzen oder das Geschirr aus- und einräumen können. Es genügt bei der Eisen- oder Autobahn auch nicht, wenn nur der Trafo bedient werden kann. Der Spaß, einen Zug im Kreis herumfahren zu lassen, muss durch Variationsmöglichkeiten ergänzt werden. Und wenn ein Kind nur den Zug entgleisen lassen darf!
Die Ausdauer unserer Kinder ist altersbedingt verschieden. Insofern hat auch eine Eisenbahn, mit der, ist sie einmal aufgebaut oder gar fest auf einem Untergrund montiert, ein Kind eigentlich nicht mehr konstruktiv umgehen kann, nur einen zeitlich begrenzten Reiz. Dann wird sich ein Kind anderen interessanten Spielen zuwenden.
Und wie sieht es mit den Kinderwünschen aus? "Was wünschst du dir denn zu Weihnachten?" wird ein Kind gefragt. Hier sind die Augen sehr groß und die Wünsche können in's Unermessliche steigen. Gewöhnen wir unsere Kinder frühzeitig daran, dass sie nicht alles Spielzeug haben können. Lassen wir uns mit unseren Kindern Zeit, in den Spielwarenabteilungen herumzulaufen und sich all die Herrlichkeiten zu betrachten. Dort haben wir die Gelegenheit ihnen nahezubringend, dass man nicht alles haben kann, sondern auswählen und sich entscheiden muss. Was dann auf den Gabentisch kommt, das freilich entscheiden wir. Wir auch können beurteilen, welches Spielzeug einem Kind in seiner Entwicklung schadet oder nützt. Und in unseren Entscheidungen lassen wir Eltern uns nicht von sozialem Druck oder gar Prestigevorstellungen leiten. Nicht weil es "andere auch" haben, schaffen wir Spielzeug an, sondern, weil wir von dessen Wert für unser Kind überzeugt sind.
Übrigens ein Tip aus der elterlicher Trickkiste: wenn unser Kind sich mal gar zu sehr etwas wünscht, was wir Eltern für ebenso überflüssig wie kitschig halten (im Grunde aber die Entwicklung unseres Kindes nicht beeinträchtigt), dann können wir den Kinderwunsch an Oma und Opa herantragen. Wir bleiben zwar bei unserem "Nein" und unseren Prioritäten; unser Kind aber wird seine Freude haben, ohne dass wir unser Gesicht verlieren.

 

 

Im Geiste höre ich jetzt, was die Skeptiker oder die Realisten denken: Wo lebt denn der Herr Rumpf? Hat der nichts von jenen technischen Spielangeboten gehört, die zur Zeit "in" sind? Und dann denken die betreffenden Eltern, wie sie von ihren Kindern gelöchert werden, ihnen das neueste Knall- und Schießprogramm oder wenigstens eines mit Auto- oder Motorradwettrennen für den Computer zu kaufen.

Nein, diese Entwicklung ist mir nicht verborgen geblieben und wird in den Kapitel über den Umgang mit elektronischen Medien berücksichtigt.

Ich apelliere an Sie, liebe Leserin, lieber Leser, genau hinzuschauen! Vor allem anderen sollte ein Kind in dem Verständnis haben spielen können und dürfen, wie es hier beschrieben wird. Also mit den Elementen wie aktiv entdeckend und erkundend, kreativ und mit vollem Körpereinsatz und mit möglichst vielen anderen Kindern!

 

 

Einen besonderen Anstoß zum Spielen braucht kein gesundes Kind. Alles wird ihm zum Spiel. Eltern und Erzieher haben darum eigentlich mehr darauf zu achten, dass sie das Spiel des Kindes nicht unnötig einschränken. Eine unnötige Einschränkung wäre zum Beispiel die Behinderung des Kinderspiels in Wohnzimmer oder Küche, wenn kein Kinderzimmer zur Verfügung steht und Kinder nicht draußen spielen können. Die Älteren unter uns werden sich noch daran erinnern, dass es in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in kleinbürgerlichen Familien eine "gute Stube" gab. Das war ein Raum, der nur bei besonderen Gelegenheit geöffnet wurde. Selbst wenn Kinder keinen Raum für sich hatten: dort durften sie nicht hinein. Die gute Stube (der Salon) musste aufgeräumt und sauber bleiben.

Die Zeiten haben sich geändert. Und trotzdem gibt es Wohnungen, in denen Kinder nicht ungeniert spielen können. Mal sind die Möbel zu teuer gewesen und könnten beschädigt werden, mal sind sie für Kinder gefährlich, wie Möbel aus Glas oder Metall. Oder es ist einfach nicht genügend Platz da. Und wenn Mutter und Vater abends nach Hause kommen, dann soll Ruhe sein. Der Fernseher oder Computer wird dann zum Kompromiss. Er schafft die Ruhe, die die Eltern brauchen und "stellt die Kinder ab". Aber auch in Wohnquartieren, die an verkehrsreichen Straßen liegen, weichen die Eltern auf den Fernseher aus. Dort ist es für Kinder viel zu gefährlich, draußen zu spielen. Kinder aus Wohngebieten mit starkem Autoverkehr verbringen darum deutlich mehr Zeit vor dem Bildschirm, als Kinder aus verkehrsberuhigten Zonen .(4)

 

 

Spielen wir gern mit unseren Kindern?

So verschieden wie wir Menschen sind, so unterschiedlich sind die Gründe, die wir haben, nicht zu spielen. Sobald wir, wie zum Beispiel in einer Gruppe oder beim Kindergeburtstag, sozusagen "gezwungen" sind, zu spielen, macht es ja auch Spaß. Es lässt sich immer wieder feststellen, dass viele von uns Erwachsenen bestimmte Spiele eigentlich recht gern spielen. Dennoch schaffen wir es oft nicht, aus dem Alltagstrott herauszukommen und mit den Kindern oder mit allen Familienmitgliedern zu spielen. Das Fernsehen frisst freilich viel Zeit überall dort, wo die Geräte nicht ausgeschaltet werden. Der Zusammenhang zwischen schädlichen Auswirkungen eines passiven Medienkonsums und der seelischen, geistigen und sozialen Entwicklung unserer Heranwachsenden ist uns allen, auch ohne genaues Detailwissen, klar. Abschalten ohne attraktive Alternativen ist aber vielfach nicht mehr möglich. Zu den besonders attraktiven Alternativen gehört für unsere Kinder, vor allem für die jüngeren Kinder, das Spiel mit den Eltern.

Nun gibt es Familienmitglieder, die spielen nicht, weil sie ungern verlieren. Häufig gehören unsere Kinder dazu. Es gibt aber Spiele oder es lassen sich Spielregeln erfinden, bei denen es keine Verlierer gibt.
Es gibt auch Familienangehörige, die nie Zeit haben oder lieber etwas anderes machen. Denken wir an Vereine, an den Sport oder das Lesen. Hier sorgt dann der Elternteil, der diese Hobbies nicht pflegt oder der die größere Einsicht hat, für den Ausgleich und spielt mit den Kindern.
Gelegentlich erschweren zu große Altersunterschieden zwischen den Kindern das gemeinsame Spiel.

Eine Lösung bietet sich an, für alle, die die Notwendigkeit gemeinsamen Spielens einsehen, aber denen die Spiel-Ideen ausgehen: sie können sich darüber informieren, welche Spiele es gibt! So, wie es Spiele gibt ohne Verlierer, gibt es Spiele, die sich für verschieden Altersstufen eignen und Spiele, die Bildungseffekte haben, also Wissen vermitteln. Es lässt sich sagen, dass es im Land der Spiele für jeden etwas gibt. Eine wertvolle Hilfe sind Spiele-Bücher, die, je anschaulicher in ihren Darstellungen, um so bereichernder in Ihren Anregungen sind. Sie sind nicht einmal sehr teuer und in Kaufhäusern ebenso zu finden, wie in Buchhandlungen oder bei Buchclubs. In jedem Falle aber empfiehlt es sich dringend, erst einmal hineinzuschauen und zu prüfen, ob man sich leicht und rasch in Bild und Wort orientieren kann.
Zu den Hindernissen, in der Familie miteinander zu spielen, gehören aber auch Stimmungen oder unterschiedliche Arbeitszeiten. Manchmal mag es auch aufreibend gewesen sein, bis sich alle auf ein Spiel geeinigt hatten. Und weil dieser Entscheidungsprozeß dann so "nervig" ist, mag man es gar nicht mehr probieren.
Auch hierzu eine Empfehlung: Wenn jemand in der Familie oder aus der Kindergruppe mit der Frage beginnt. "Was wollen wir (was wollt ihr) spielen?", dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn es oft keine Einigung gibt und am Ende möglicherweise alle im Streit auseinander gehen. Zwei können sich eher einigen. Dann beginnt zum Beispiel der Vater mit einem Kind oder mit der Mutter ein Würfelspiel. Und dann kommt das eine oder andere Familienmitglied und möchte auch mitspielen. Wer nicht will, muss ja nicht mitspielen. Das Spiel verliert seinen Charakter und seinen Wert, wenn es zur Pflicht wird. Auch in der Kindergruppe - beim Kindergeburtstag zum Beispiel - werden von bestimmten Kindern oder von den teilnehmenden Erwachsenen einfach Spiele begonnen. Wer mitmachen will ist willkommen. Kinder, die dann beiseite stehen - "so ein Babykram, da mache ich nicht mit" - sperren sich selber aus. Ruhig weiterspielen und neue Ideen umsetzen - also nicht vorschlagen, sondern praktisch zu spielen beginnen, - ist der zweckmäßigste Weg, Kinder zum Mitspielen zu gewinnen.

Eine ebenso gefährliche wie schlichtweg dumme Argumentation ist die, darum nicht zu spielen, weil das Spiel als nicht nützlich, als "Nichtstun" oder als Zeitverschwendung betrachtet wird. Wir treffen Bürgerinnen und Bürger an, die darum die Arbeit von Erzieherinnen in Kindergärten nicht zu würdigen wissen, weil die ja "nur" spielen. Die "Spieltanten", so werden Erzieherinnen gelegentlich von Stammtischpolitikern abfällig bezeichnet, leisten nichts. Gerade in ihrer beruflichen Fähigkeit, Spiele entwicklungsfördernd auswählen und einsetzen zu können, liegt die besondere Kompetenz dieser Berufsgruppe. Erzieherinnen in Kindertagesstätten sind die "Expertinnen" für das Kinderspiel in unserer Gesellschaft. Wir Eltern sollten ihr Expertenwissen nutzen und uns von ihnen bei Gelegenheit beraten lassen, wenn wir uns über den Wert eines Spiels nicht im Klaren sind.

Wenn wir es mit Menschen zu tun haben, die vom Spiel nichts wissen wollen, dann offenbaren sich mit derartigen Argumente sehr unglückliche Naturen. Ihnen wird das Lachen, vor allem das Lachen über sich selbst, das wir als Humor und damit als ein Kennzeichen menschlicher Reife einzuordnen haben, schwer fallen.(6) In diesem Zusammenhang ist an die Bemerkung vom "Nicht-verlieren-können" zu denken. Vielleicht ist ein Merkmal dafür, dass sich die betreffenden Persönlichkeiten für besonders wichtig nehmen? Heranwachsende erlangen frühestens mit der Pubertät jene Fähigkeit der Selbstdistanzierung, die sie erkennen lässt, dass sie nicht der Nabel der Welt sind. Kindern freilich ist das noch nicht möglich und darum verstehen wir auch, dass sie so schlecht verlieren können und jedes mal unseren Trost brauchen. (7)

Es ist sehr schwer, etwas gegen das Argument einzuwenden: "nach Feierabend sind wir einfach zu müde; dann haben wir keine Lust mehr, mit unseren Kindern zu spielen; wir wollen nur noch unsere Ruhe haben".
Eltern, die an einem Seminar über das Spiel teilnahmen , haben zu diesem Problem ein Gedicht verfasst, das wiedergegeben wird, weil es genau das trifft, was hierzu gesagt werden kann:

"Nach des Tages Mühen,
woll'n Eltern nicht mehr spielen!
Sie wollen nur noch ihre Ruh'
und nicht "Mikado" oder "Blinde Kuh".
Doch, liebe Eltern, seid nicht dumm,
Kinderjahre geh'n schnell rum!
Gebt Euren Kindern Eure Zeit,
sie danken's mit Anhänglichkeit!"

 

 

Formen des Spiels

Die Aufteilung der schier unerschöpflichen Fülle von Spielen ist nicht leicht. Es lassen sich zum Beispiel Brettspiele, Bewegungsspiele, Kartenspiele oder Konstruktionsspiele voneinander unterscheiden. Bei den Bewegungsspielen wiederum gibt es viele, die wir früher spielten und die unseren Kindern heute noch vertraut sind: da gibt es Kreisspiele, Hüpfspiele, Versteckspiele oder eine ganze Reihe von Ballspielen. Man kann die Spielformen auch nach der Anzahl der möglichen Spielteilnehmerinnen und -teilnehmer unterscheiden.. Diese Systematik ist den tatsächlichen Spielsituationen bei Kindern und Erwachsenen nachempfunden und hat sich in Veranstaltungen mit Eltern, in denen es um die Spielpraxis ging, bewährt.

Es können hier beileibe nicht alle Spielformen erwähnt werden, die sich in Spielkarteien und anderen Spiele-Sammlungen befinden. (5) In Kinder- und Familienfreizeiten kann man Spiele einführen, die man zu zweit spielen kann und für die es keinerlei besonderer Vorbereitung braucht und nur geringfügiges Spielmaterial vorhanden sein muss: kariertes Papier und einen Bleistift. Wo zwei beieinander sind, ist das "Schiffe versenken" ein spannendes und faszinierendes Spiel in dem sich ein bisschen Glück und viel Kombinationsgabe miteinander verbinden. Eltern, die an einem Spielseminar teilnahmen, meinten zu diesem Spiel:

"Dieses Spiel schafft Ruhe, es lässt sich in jeder Situation verwenden., die Spielregeln lassen sich variieren und außerdem fördert es die Kontakte zwischen den Spielern. Dieses Spiel ist überall spielbar; sogar in der Schule "unter der Bank".

Ein weiteres Spiel, bei dem wir überhaupt keine Materialien brauchen, ist das Knobeln. Jenes Spiel mit den Händen, in dem die beiden Partner symbolisch Papier, Schere, Stein und Brunnen darstellen und das ebenfalls überall gespielt werden kann. Da in der Regel auf diese Weise etwas ausgeknobelt wird, hat dieses Spiel von diesem Ziel her seinen Sinn.
Darüber hinaus gibt es ein reiches Angebot an Spielen, die ohne großen Aufwand daheim in der Familie, an Kindergeburtstagen oder anderen Anlässen unter Kindern, Kindern gemeinsam mit Erwachsenen und unter Erwachsenen gespielt werden können. Da wird man bald nach Spielen Ausschau halten, an der auch mehrere Spielerinnen und Spieler teilnehmen können. Stadt - Land - Fluss oder Mikado sind ebenfalls ebenso einfach wie lehrreich.

Unter den Tischspielen an denen zwei oder mehrere Spielerinnen und Spieler teilnehmen können, gibt es sehr viele, die von großen Spieleherstellern angeboten werden und weite Verbreitung gefunden haben. "Sagaland", "Monopoly", "Scotland Yard", "Hase und Igel", "Deutschland-Reise" gehören dazu. In vielen Familien wird vor allem mit jüngeren Kindern gern ein Bilder-Lotto und Memory gespielt. Ständig kommen neue Spiele auf den Markt. (8) Wichtig ist, dass wenigstens eine(r) die Spielregeln bereits gut kennt und rasch vermitteln kann. Irgendwann nehmen wir alle ein Spiel zum ersten Mal in die Hand. Und darum ist eine gute, verständlich geschriebene Anleitung unverzichtbar.

Dass Kinder ebenso selbständig wie selbstvergessen spielen können, ist oben bereits erwähnt. Dass zu Spielen auch "Regeln" gehören, das lernen Kinder "spielerisch" und damit regelhaftes Verhalten überhaupt. Dass Kinder sich selbst Spiele oder Spielvarianten und damit Spielregeln ausdenken, das haben die meisten Eltern als Kinder selbst erfahren. Noch heute haben Kinder Freude daran, selbst krativ zu sein, wenn es darum geht, Spiele und Spielregeln nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten beziehungsweise zu "erfinden" (9).

 

 

Spielleidenschaft

Obwohl es manche Erwachsene gibt, die mit ihren Kindern nicht spielen wollen, haben sie aber selbst Freude an Spielen sowohl in passiver Weise, wie in aktiver. Zu den passiven Spielfreunden gehören zum Beispiel alle Zuschauer. Gäbe es sie nicht, wären Fußball und Tennis kein so gutes Geschäft für alle, die beteiligt sind. Damit lässt sich zugleich eine Wertung verbinden: wer nur zuschaut und wenig oder überhaupt nicht selbst spielt, befindet sich im Grunde in der gleichen Situation, wie ein Fernsehgucker. Er ist ein passiver Empfänger und kein aktiver Erkunder. Was dabei herauskommen kann, wenn sich beim Zuschauen nur die Gefühle beteiligen dürfen, die gelegentlich mit Alkohol noch etwas aufgewärmt werden, das zeigen uns die leidigen Fußballkrawalle im In- und Ausland.

Neben dieser passiven Spiel(er)-Leidenschaft, die der eigenen Persönlichkeitsentwicklung um so mehr schadet, je weniger sie in eigenem aktiven Tun (Spiel) außerhalb der Zuschauerrolle ihre Ergänzung findet, gibt es aktive Formen bei Jugendlichen und Erwachsenen, die zur Leidenschaft werden und sogar in eine Sucht einmünden können. Schädlich - zumindest in ihren Auswirkungen auf das soziale Umfeld, wie Freunde, Eltern und Partner - sind alle Suchterscheinungen, die uns unfähig werden lassen, den "normalen" Anforderungen unseres Lebens gerecht zu werden. Wir alle kennen Menschen, die sich und ihrer Umwelt wegen ihrer Süchte (Putzsucht, Fresssucht, Trunksucht, Videosucht, Internetsucht...) zur Last fallen. Aus dem Bereich des Spielens ein Beispiel:

Der früher so ehrgeizige, jetzt vierundzwanzigjährige Andreas, der Schule und Ausbildung problemlos durchlaufen hat und auch nahtlos in eine gute Position einsteigen konnte, steckt bis zum Hals in Schulden. Seine Firma hat sogar Pfändungsbescheide bekommen. Kündigungsgrund war dann aber schließlich, dass er mit ersten Unterschlagungen - 3000,-- DM in vier Monaten - aufgeflogen ist. Und das alles, weil er die Finger nicht von den Automaten lassen kann.
Angefangen hat die ganze Misere vor acht Jahren. Andreas ist mit seinen Klassenkameraden, auch mit Freunden aus dem Fußballclub, auf dem Heimweg schon mal in einen Spielsalon gegangen. Nur so zum Spaß. Bei den anderen ist es beim Spaß geblieben. Er aber ist nicht mehr losgekommen von den klingelnden Geräten: "Da hörst und siehst du nicht mehr, was um dich herum vorgeht, nimmst keine Menschen mehr wahr, bist nur noch high."
Er hat bald täglich gespielt, meist gleichzeitig an mehreren Apparaten. Bald reichte sein Taschengeld nicht mehr. Und der große Gewinn ist auch nie aus den Automaten gefallen. So hat er Freunde angepumpt und schon mal ein paar Mark aus Mutters Portemonnaie geklaut. Weil Andreas aber eigentlich ein ehrgeiziger Mensch ist, hat er Schule und Ausbildung trotzdem durchgezogen. Endgültig gepackt hat ihn die Spielsucht dann aber, als er eine gut bezahlte Stelle und erstmals größere Summen in die Finger bekam.

Ob an Spielautomaten oder in Spielclubs und Spielcasinos: die dem Glücksspiel verfallenen Menschen sind seelisch krank und bedürfen der Hilfe. Die Ursachen lassen sich in den meisten Fällen - genauso wie bei allen anderen Suchterkrankungen - in Defiziten aus jenen Bereichen ausmachen, die wir als Grundbedürfnisse auf dieser Homepage gründlich kennen gelernt haben.
Spielleidenschaft und Spielsucht auf der einen Seite und das Spiel um meiner Lust und Freude, zu meiner Entspannung und Erholung auf der anderen Seite, haben für gefährdete Menschen eine Brücke zueinander. Unser Beispiel wies darauf hin: Mit dem Spiel an Fußball- und Billardtischen sowie an einigen Automaten, an Computern und in der Gesellschaft guter Freunde fing es an. Doch bald stand Andreas einsam und allein gegen die Automaten spielend tagaus tagein in den Spielsalons. Mit diesen zerstörerischen Formen verwandt sind viele Spiele, die am Computer gespielt werden können. Da sie aber in den eigenen vier Wänden, sozusagen in der Privatsphäre, ihren Platz haben, sind für deren Verbreitung und Gebrauch allein die zuständig, die die erzieherische Verantwortung tragen.

Lassen wir dieses Kapitel aber nicht düster ausklingen und knüpfen an die Ausführungen vom Anfang an:
Das Spiel ist eine Tätigkeit, auf die der Mensch nicht verzichten kann. Wenn wir zum Beispiel nach Frankreich in die Ferien fahren, dann sehen wir in jedem Dorf Männer an der Boule-Bahn stehen und gemächlich ihre Kugeln reiben und werfen. Oder denken wir an die vielen Minigolfanlagen, die sich bei uns zu Lande, meistens in der Nähe von Schwimmbädern oder Freizeitparks befinden und stets gut besucht sind. Und - wenn wir wieder an unsere Kinder denken: sind nicht die Spielplätze stets bevölkert? Wenn Familie M. mit ihren drei Kindern am Samstagnachmittag in die Stadt fuhren, dann legten die drei Kinder im Alter von elf, sieben und vier Jahren gleichermaßen großen Wert darauf, die Spielplätze im Stadtpark oder am Museum zu besuchen. Die Kinder interessierte die Einkaufswünsche von Mutter und Vater kaum! Allein der Besuch der Spielplätze, wo andere Spielgeräte als daheim, andere Kinder und unbekannte Abenteuer auf sie warteten, war ihnen wichtig. "Kinder brauchen andere Kinder" heißt eine Empfehlung aus der Entwicklungspsychologie. Bieten wir sie ihnen an und besuchen Spielplätze, wo sie der Abgeschlossenheit unserer Wohnungen und Einfamilienhäuser entrinnen können. Außerdem - nicht entweder - oder! - erlauben wir unseren Kindern, dass sie ihre Spielgefährtinnen mitbringen und schauen dabei nicht auf Herkunft oder Verdienst der Eltern. Kinder müssen ihre Erfahrungen für das Leben selber machen. Das können sie nur dann tun, wenn wir ihnen das ermöglichen; und zwar mit Hilfe des Spielens und mit Spielgefährten.

"Kinder brauchen andere Kinder" ist ein Abschnitt in dem Kapitel über das Lernen überschrieben. Der soll hier nicht wiederholt werden. Er gehört aber in die gleiche "Schublade", Lesen Sie bitte dort weiter, wenn Sie ihn noch nicht angeschaut haben!

 

 

(1) Klaus A. Daigl: Kleine Planspiele für Helfer. (Lambertus Verlag) Freiburg 1988

(2) Andreas Flitner: Spielen - Lernen. Praxis und Deutung des Kinderspiels. München 1972. Jean Chateau: Das Spiel des Kindes. Paderporn 1976

(3) Hans Zulliger: Heilende Kräfte im kindlichen Spiel. Frankfurt 1970

(4) Mario Hüttenmoser u.a.: Lebensräume für Kinder. Bericht 70 des Nationalen Forschungsprogramms Stadt und Verkehr. Zürich 1995

(5) Es gibt heute viele derartige Bücher, die zu empfehlen wären. stellvertretend für andere möchte ich eines nennen, das ich benutze: Das große Buch der Spiele. Herausgeber: Editions des Connaissances Modernes. Freiburg/Schweiz 1974

(6) Humor als Merkmal einer reifen Persönlichkeit beschreibt zum Beipiel einer der Begründer der Humanistischen Psychologie, Gordon W. Allport in seinem Werk: Gestalt und Wachstum der Persönlichkeit. Meisenheim a. Gl. 1970

Dass diese Überlegung kritisch gesehen werden muß, zeigt uns der Charakter Voltaires, des französischen Philosophen und Dichters aus dem achtzehnten Jahrhundert Einerseits war er sehr wohl in der Lage zu sich selbst auf Distanz zu gehen und sich über sich selbst kritisch zu äußern. Andererseits ist überliefert, daß er gern Schach spielte aber sehr ungern verlor. Kluge Freunde - wie kluge Eltern in unseren Tagen bei ihren Kindern- halfen darum etwas nach, um ihn gewinnen zu lassen. Voltaire freute sich dann jedesmal sehr (wie unsere Kinder auch). Und ist es nicht schön, anderen eine Freude zu machen?

(7) Spiele ohne Verlierer finden sich in Büchern wie: Kooperative Spiele" von Terry Orlick, (Beltz-Verlag) Weinheim 1982 oder "Kreatives Spiel" von Peter Thiesen (Stam-Verlag) Köln 1989

(8) Die Schwalbacher Spielkartei zum Beispiel ist vor einigen Jahren abgelöst worden durch die "Mainzer Spielkartei" aus dem Matthias-Grünewald-Verlag Mainz

(9) Sigrid Dibold: 1 x aussetzen oder 3 Felder zurück. Kinder erfinden Regelspiele. In: Kindergarten heute, Nr. 11-12/2005, S. 28-30

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