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Schriften
zur Erziehung und Bildung im WWW von Dr. Joachim Rumpf | |
| Kinder lernen
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Einführung In diesem Kapitel
geht es in der Hauptsache um das Lernen. In einer Zeit, in der das lebenslange
Lernen als Voraussetzung für ein berufliches Überleben in unseren westlichen
Industrienationen gilt, kommt dieser Thematik eine besondere Bedeutung zu. Gewiss
meinen Unternehmer, Bildungspolitiker, Lehrer oder wir Eltern, wenn im Zusammenhang
mit der Zukunft und dem beruflichen Erfolg unserer Kinder vom "Lernen"
gesprochen wird, eher das gezielte, geplante und von Experten begleitete Lernen,
wie es im Kindergarten beginnt und über Schule und Berufsausbildung bis hin
zu Fort- und Weiterbildung immer wieder gefordert oder angeboten wird. Doch nicht
dieses gleichsam instrumentalisierte Lernen steht im Vordergrund unserer Ausführungen.
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| Kinder brauchen andere Kinder
Eine
wichtige Neugierde richtet sich auf andere Kinder. Bereits die Kleinsten krabbeln
aufeinander zu, betasten sich, greifen zu, ziehen sich an den Haaren und Kleidungsstücken
und werfen dabei stets einen Blick hinauf zur Mutter. Aus ihrer Nähe wächst
ihnen gleichsam der Mut zu diesem "Kontaktsuchverhalten" zu. Für Kinder sind andere Kinder wichtig. Soziales Verhalten lernt zum Beispiel ein Kind am besten in einer Gruppe mit Kindern, die zunächst altersmäßig nicht gar so weit auseinander sind. Natürlich müssen sie nicht gleichaltrig sein, so wie das in den Klassen öffentlicher Schulen meistens der Fall ist. Worauf kommt es denn an? Kinder sollen erleben können, dass der Umgang mit ungefähr gleich alten, gleich starken und gleich schwachen, gleich geschickten und ungeschickten Kindern anders ist, als der mit den Eltern und Großeltern oder mit dem älteren oder jüngeren Geschwisterchen. Darum ist es für die soziale Entwicklung von Kindern so wertvoll, dass sie mit anderen Kindern spielen können, sei es drinnen in der Wohnung, wo einsichtige Eltern hierfür Raum geben und Kinder aus der Nachbarschaft zulassen. Draußen, in Garten und Hof oder im Kindergarten, auf dem Spielplatz oder auf Spielstraßen begegnen unsere Kinder ebenfalls anderen Kindern.. Dort sammeln sie Erfahrungen - das heißt also: sie "lernen" - die wir ihnen so gar nicht vermitteln können, wie zum Beispiel Wettbewerb:
wer ist am schnellsten, am mutigsten ... Noch einmal sei betont: Es ist etwas ganz anderes, wenn ein Kind diese Erfahrungen im Umgang mit anderen Kindern als im Umgang mit den von ihm als übermächtig erlebten Erwachsenen macht. Wir Erwachsene können ein Kindergartenkind auch gegen seinen Willen hochheben und woanders hintragen, wenn wir das aus irgendeinem Grunde so wollen. Umgekehrt geht das nicht. Und steht unserem Kind ein anderes Kind im Weg, dann muss es sich mit ihm irgendwie verständigen, wenn es vorbei will: wegtragen kann es das andere Kind nicht.
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Es gibt noch andere Einflüsse ... Machen wir uns den Wert positiver sozialer Kontakte am
Beispiel der Sprachentwicklung deutlich "Als ich vor vielen Jahren Schulanfänger
unterrichtete, fiel mir in einer Klasse der Peter dadurch auf, dass nichts von
dem, was ich vermittelte hängen blieb. Er kam weder in Deutsch noch in Rechnen
richtig voran und gehörte bald zu den Schlusslichtern der Klasse. In jenen
Jahren war es noch üblich gewesen, die Kinder vor der Einschulung auf ihre
Schulreife hin zu untersuchen. Den Testunterlagen zufolge aber war das Kind
normal entwickelt und voll schulreif. Bevor ich mich mit den Eltern über diese
mir, bei diesem ansonsten lebhaften und aufgeschlossenen Jungen unverständliche
Entwicklung Klarheit verschaffen konnte, lieferte Peter in einer
Unterrichtsstunde selbst eine Erklärung. Bei einer passenden Gelegenheit
meldete er sich zu Wort und verkündete laut und unbekümmert in seiner
Muttersprache: "Mei Papa sagt immer: wer schafft isch e Dubel" (ins
Hochdeutsche übersetzt: wer arbeitet ist dumm). Als ich dieser Äußerung
nachging und mit der gebotenen Vorsicht in der Familie recherchierte,
bestätigte es sich: der Papa hatte zwar ein Handwerk gelernt, hielt aber nichts
von regelmäßiger Arbeit, statt dessen mehr von Wirtshausbesuchen. Da er seine
Lebensweise in der Familie und außerhalb als alleinseligmachende Tugend
verkündete, blieb dem Jungen gar nichts anderes übrig, als seinem Vorbild zu
folgen. Denn Vater und Sohn liebten sich; die Mutter hatte in dieser Familie
nicht viel zu sagen." Doch auch in abgeschwächter Form können sich Vorbilder
nachteilig auf das Interesse von Kindern an schulischer Arbeit auswirken. Da
ist nur daran zu denken, dass alle Vorbilder in der Umgebung des Kindes, die
unzufrieden sind mit ihrer Arbeit oder gar an ihr leiden, keineswegs das Interesse
ihrer Kinder an Arbeit oder die für die Hausaufgaben notwendige Arbeitshaltung
fördern. Im alltäglichen Zusammenleben fügen sich viele unbedachte
Kleinigkeiten zu Grundhaltungen der Unlust und Verdrossenheit zusammen.
Beispiele gibt es so viele, wie es alltäglich notwendige Tätigkeiten gibt. Die
Kinder registrieren sehr genau, wer in der Familie mit welcher Haltung welche
Arbeiten macht. Betten beziehen und sauber machen, abwaschen, aufräumen, Briefe
schreiben, Rechnungen bezahlen, einkaufen gehen und vieles andere mehr
begleitet unser Leben und wir können sagen: das ist unsere Privatsphäre; es
geht niemanden etwas an, wie wir sie gestalten. Jeder fühlt sich auf seine
Weise wohl. Und das ist sein gutes Recht. Doch niemand sollte vergessen, dass
die Kinder von uns, von Eltern, älteren Geschwistern, Großeltern und den
Erzieherinnen und Lehrerinnen und Lehrern lernen, ob sich die Mühen des Lernens
lohnen. |
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Am 4.
Februar 2007 hörte ich in der Sendung "Aula" im SWR 2 den Vortrag von Professor Ulrich Hermann:
"Mehr Disziplin? Nein, danke" und war zutiefst beeindruckt. Hatte es
doch der Erziehungswissenschaftler aus Tübingen verstanden, das, was es für ein
optimales Lernen braucht, und über das auf dieser Homepage in verschiedenen
Zusammenhängen immer wieder berichtet wird, in einer halben Stunde "auf
den Punkt" zu bringen. Hier möchte ich nur einen Auszug, die letzten drei Absätze
seines Vortrages abdrucken und darf in diesem Zusammenhang noch einmal auf die
"Grundbedürfnisse" verweisen, über die an anderer Stelle dieser
Homepage Auskunft gegeben werden. Hier der
Textauszug: "Wie erreicht man es, dass in den
Klassenzimmern nicht Trägheit, Ratlosigkeit und Hilflosigkeit grassieren?
Gewiss nicht durch Leistungs- und Notendruck, sondern durch die Neugestaltung
der sozialen Kommunikation unter den Schülern und mit den Lehrern, vor allem
klassenübergreifend: Die Stärkeren helfen den Schwächeren als Tutoren; Fehler
und Versagen werden als Chance wahrgenommen, einen neuen Anlauf zum Erfolg zu
machen; der Lehrer tritt immer wieder an den Rand des Geschehens und moderiert
verselbständigte Arbeitsgruppen. Leistungsüberprüfungen sind in ihren
Ergebnissen korrigierbar, Beurteilungen sind keine Verurteilungen, und die
Lehrkräfte wissen, dass in ihren Schülern noch ganz andere Potenziale und
Kompetenzen schlummern als diejenigen begrenzten Kenntnisse und Fertigkeiten,
die grade abgefragt werden, aber Lebensschicksale entscheiden können. Wenn die
Schüler wissen, warum und mit wem und wozu sie etwas erarbeiten sollen, sind
sie in der Regel eifrig bei der Sache - und das Trägheitsproblem hat sich
erledigt. Es muss aber der "Ernstfall" der Herausforderung sein, um
den es geht, und nicht ein beliebiger Lehrplansplitter mit Antworten auf
Fragen, die die Schüler gar nicht gestellt haben - worauf sie mit
Interesselosigkeit reagieren, die sich als Disziplinlosigkeit äußert. Wenn Schülerinnen und Schüler nicht als
Personen wahrgenommen werden, haben sie kein Motiv, etwas zu leisten: Für wen
denn auch?! In der Odenwaldschule, einem Landerziehungsheim an der Bergstraße,
bemerkte ich ein Ritual: Am Eingang zum Speisesaal begrüßte der Schulleiter
Wolfgang Harder mittags jeden eintretenden Schüler mit Handschlag. Seine
Erklärung: Jeder muss mindestens einmal am Tag das Gefühl vermittelt bekommen,
dass man ihm in die Augen geschaut und ihn als Person wahrgenommen hat.
"Und was ist mit einem, der sich gerade etwas hat zu Schulden kommen
lassen?" "Grade der braucht die Gewissheit und das Gefühl, dass er
doch zu uns gehört." Blickkontakte und ein Händedruck bauen Brücken
zwischen Menschen, und wenn dann mal Autorität gefragt ist, dann stolziert sie
nicht Achtung gebietend einher, sondern ergibt sich aus dem "Ich bin an
Deiner Seite!" Dies ist das Credo einer Pädagogik der Ermutigung, die Selbstsicherheit und Zuversicht freisetzt. So wird Ich-Stärke ermöglicht und gefestigt. Das geht nicht ab ohne Risiken und Rückschläge, weshalb stützende Eltern, Erzieher und Lehrer gebraucht werden - nicht um ihre Disziplinvorstellungen durchzusetzen, sondern um die Kinder und Jugendlichen daran zu erinnern, dass sie da noch ein unerledigtes Selbstdisziplinproblem haben. Und ihnen dabei helfen, es zu beheben - was sie wohl können, wenn sie sich daran erinnern, dass sie eben dieses Problem auch hatten, als sie noch jung waren. |
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