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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf


Über die Ängste unserer Kinder

 

1.
Unsere Ängste

Angst gehört zum Wesen des Menschen und begleitet unser ganzes Leben. Von den vielen Ängsten, die uns mal mehr mal weniger zu schaffen machen, sind die, die mit der kindlichen Entwicklung verbunden sind, die prägendsten. Die analytische Psychologie, denken wir an Siegmund Freud, C. G. Jung oder Alfred Adler, hat sich mit dieser Erscheinung ebenso befasst wie andere Richtungen in den Humanwissenschaften. Darum wissen wir auch, dass Angst eigentlich etwas ganz Normales ist. Es dient uns mit seinen körperlichen Erscheinungen wie Herzklopfen, feuchte Hände, weiche Knie, Zittern oder Magenbeschwerden und warnt uns vor Gefahren. Sofern wir in entsprechenden Situationen nicht vor Angst "wie gelähmt sind", tragen Angsterregungen dazu bei, uns vor Gefährdungen zu schützen, realen Gefahren zu begegnen. Bei einer Wanderung in den Bergen zum Beispiel kann es uns durchaus passieren, dass wir, weil der Weg an einem Abgrund vorbeiführt, nicht mehr weitergehen können. Wir müssen dann selbst wissen, ob und wie wir in dieser Situation die Angst überwinden und sicher weitergehen können oder aber umkehren müssen.
Im Leben haben wir uns immer wieder derartigen angstauslösenden Situationen zu stellen, die von ganz realen Bedrohungen, wie zum Beispiel ein Abgrund, ein bellender Hund, eine fremde Stadt, der Gang durch eine Unterführung oder in einer Tiefgarage... ausgehen .
Es gibt aber auch Ängste, die sich nicht auf derartige konkrete Objekte oder Situationen beziehen, sondern eher grundsätzlicher Natur sind. Sie haben ihre Ursachen in der Bedrohung von Grundlagen unserer Existenz, wie Krankheit und Tod oder Krieg und Zerstörung unserer Lebensgrundlagen.
Endlich kennen wir eine Gruppe von Ängsten, die nicht weniger elementar sind und sich eher auf das Zusammenleben mit unseren Mitmenschen beziehen beziehungsweise auf die sozialen Dimensionen unserer Existenz. Zu denken ist an Verlassenheits- und Trennungsängste, Ängste, von den anderen Menschen abgelehnt zu werden, sich nicht behaupten zu können oder zu versagen. Wenn wir diese Angstformen prüfen, dann erkennen wir den Zusammenhang mit den Bedürfnissen, die wir im ersten Kapitel erwähnten: Je mehr wir meinen befürchten zu müssen, dass Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden, umso größer die jeweiligen Ängste

 

2.
Über die Verlassenheitsangst

Kindern allerdings sind diese Zusammenhänge keineswegs bewusst. Sie erleben ihre Ängste und können deren Ursachen, soweit sie nicht auf konkrete Objekte und Situationen zurückgeführt werden können, nicht immer benennen. Einige typische Ängste, die in Entwicklung und Erziehung von Kindern eine wichtige Rolle spielen, sollen hier unter die Lupe genommen werden.

Am Anfang der kindlichen Entwicklung lässt sich die Angst vor dem Verlassenwerden erkennen. Allein aus der Tatsache her, dass ein Kind, um sich dereinst lösen und selbständig werden zu können, in der ersten Lebensmonaten an seine Mutter oder eine andere Bezugsperson "binden" können muss, ist diese Urangst erklärlich.

Ein Kind, das in der Sicherheit und Verlässlichkeit elterlicher Zuwendung heranwächst, wird sich unbefangen und wenig ängstlich seine Umwelt aneignen. Hierzu ist geforscht worden. Sie können das folgende harmlose Experiment daheim ausprobieren. Wenn sie ihrem sieben oder acht Monate alten Kind Gesellschaft leisten, während es unbekümmert - vielleicht im Wohnzimmer auf einer Decke liegend / sitzend - spielt, dann dürfen sie sich mit etwas anderem beschäftigen ohne dass sich das Kind in seinem Spiel stören lässt. Vielleicht will es gelegentlich der Mutter etwas zeigen und macht auf sich aufmerksam. Wenn die Mutter aber den Raum verlässt, wird es nicht lange dauern und das Kind hört auf zu spielen. Wenn die Mutter nicht wiederkommt, wird es über kurz oder lang zu weinen anfangen. Dann ist es höchste Zeit, wieder zum Kind zurückzugehen. Ein Kind ist in dieser Lebensphase also nur in dem Ausmaß frei und aktiv, in dem es sich beschützt und geborgen weiß. Wird es in solchen Situationen und in diesem Alter allein gelassen, wird es vor Angst "wie gelähmt" sein und sein Spiel- und Erkundungsverhalten einstellen.

Einige solcher Erfahrungen genügen und das Kind geht der Mutter nicht mehr vom Rockzipfel. Je mehr wir es dann wegschieben wollen: nun spiel endlich mal allein! umso mehr wird in ihm die Vorstellung genährt, wir wollten es nicht mehr haben. Darum nehmen wir diese Ängste ernst und tun sie nicht als "kindisch" beiseite.

Ob das Weinen des kleinen Kindes, das noch nicht laufen kann und in seinem Bettchen liegt, ein Zeichen dafür ist, dass es Hunger und Durst hat, oder eine Unmutsäußerung darüber, dass die Mutter nicht mehr da ist oder Verlassenheitsangst, das hört die Mutter an der Art des Weinens.
Besonders wichtig ist dieses Signal nachts oder abends. Oft fragen wir uns "Soll/darf man ein Kind allein lassen?". Die Antwort lautet: "Ja, aber nur wenn wir dann auch wieder da sind, wenn das Kind uns braucht". Da wir aber - bei einem Säugling zum Beispiel - vorher nicht genau wissen können, wann wir gebraucht werden, bleiben wir besser daheim, wenn niemand zur Verfügung steht, den das Kind kennt und dem es ebenfalls vertraut. Wie es sonst nachts gehalten wird, ob Eltern ihr Kind zu sich ins Zimmer nehmen oder später, wenn es laufen kann, zu sich ins Bett kommen lassen, das müssen Eltern für sich selbst entscheiden. Wenn immer aber ein Kind in der Nacht Angst bekommt und nach uns ruft, dann darf es nicht sich selbst und seinen Ängsten überlassen bleiben. Dies ist die Zuwendung, die wir unser Kind braucht, um sich geborgen und sicher zu fühlen.

Die Ängste von Kindern sind andere Ängste als unsere. Sie kommen nicht aus dem Verstand allein. Gemeint ist damit, dass wir Erwachsene uns selbst Angst machen können, wenn wir uns zum Beispiel ausmalen: "was wäre, wenn ..." Die Ursachen der Ängste von Kindern sind uns vielfach verborgen und auch die Kinder selbst können sie kaum benennen. Verlieren können sie die Ängste nur mit unserer Hilfe.
Wir lassen darum ein Kind erst dann bei Tag und Nacht und nur so lange allein, wenn und wie lange es das Alleinsein von seiner Entwicklung her auch wirklich gut verkraftet.

 

 

3.
Von der Angst, nicht beachtet zu werden

Eng verwandt mit der Angst, verlassen zu werden, ist die Angst, übersehen zu werden. Unsere Phantasie reicht sicher aus, uns vorzustellen, wie groß unsere Panik wäre, wenn uns kein Mensch in unserer Umgebung mehr wahrnähme. Nichtbeachtung widerspricht dem natürlichen Streben nach Geltung, also danach, anerkannt, gemocht oder gar geliebt zu werden. Das Geltungsstreben, so sieht es Alfred Adler, ist die Kraft in uns, die in ständigem Kampf mit unserem Minderwertigkeitsgefühl liegt. In dem Ausmaß, in dem das Minderwertigkeitsgefühl die Oberhand gewinnt, nimmt unsere Ängstlichkeit zu. Darum auch birgt zum Beispiel die Strategie, einen anderen Menschen oder gar ein Kind mit Nichtbeachtung (nicht mehr mit ihm sprechen, wegschauen u.ä.) bestrafen zu wollen, die Gefahr seelischer Beschädigung des Betreffenden, die umso größer ist, je geringer sein Selbstwertgefühl ist. Und weil sich bei unseren Kindern das Selbstwertgefühl erst allmählich entwickelt, will es durch uns gehegt und gepflegt werden. Nichtbeachtung, oder die Haltung: du bist ja nur ein Kind - werde erst mal erwachsen, dann kannst du mitreden, beschädigt die Herausbildung eines gesunden Selbstwertgefühls. Eine derartige Nichtbeachtung oder Missachtung führt zu Minderwertigkeitsgefühlen und den sie begleitenden Unterlegenheitsängsten.

Das, was hier angesprochen ist, erleben wir zum Beispiel auch im Verhältnis von Geschwistern zu ihren Eltern. Hinter den Aggressionen oder Machtkämpfen, die zum Beispiel ältere Kinder nach der Geburt eines Geschwisterchens früher oder später mit der Mutter beginnen können, verbirgt sich die Angst, für die Mutter nichts mehr, oder weniger als vorher, zu bedeuten beziehungsweise zu gelten. Im Extremfall läßt das Kind auch mal die Äußerung fallen: "Du hast mich nicht mehr lieb" oder "Du magst den Kleinen lieber als mich" und lüftet damit ein Stück den Mantel hinter dem sich seine Ängste verbergen. Mit der Bemerkung, dass das Kind Unsinn daherschwätzt oder mit der Beteuerung, dass man alle seine Kinder gleich lieb habe, ist das Problem nicht vom Tisch. Über die Liebe als Grundbedürfnis finden Sie auf der betreffenden Seite einige Ausführungen.

Wir sollten die Ängste unseres Kindes ernst nehmen und nach Ausgleich suchen und alles vermeiden, was die Rivalität der Kinder untereinander verstärken könnte. Im Kapitel über die Geschwisterrivalität sind einige Aussagen darüber zu finden, wie wir damit umgehen können. Vielleicht verringern sich dann die aggressiven Verhaltensweisen oder die Unruhe des Kindes, das um seinen Platz in der Familie, um seine Geltung und Anerkennung bangt. Die Ängste aber werden sich erst verlieren, wenn das Kind aus sich heraus und für sich selbst seinen "Wert" erkennt. Oder, wie wir sagen: wenn sein Selbstwertgefühl entwickelt ist. Der Weg dahin ist mit vielen Provokationen gepflastert, die unsere Liebesfähigkeit, unsere Geduld und unsere Nerven auf die Probe stellen.

 

4.
Die Versagens- oder Leistungsangst

Am Beispiel unserer Ängste lässt sich recht gut erkennen, wie alle Elemente unserer Existenz miteinander verwoben sind und einander beeinflussen. Ein Kind, in dem große Verlassenheitsängste lebendig sind, wird Probleme mit seinem Selbstwertgefühl haben und damit wiederum gekoppelt kann die Angst sein, den Anforderungen, die von Außen kommen, nicht gewachsen zu sein. Oder wie wir zu sagen pflegen: Die Angst, zu versagen. Es kränkt uns zutiefst - und ist von unserem Nächsten auch so gemeint - wenn sie/er zu uns sagt: "Du bist ein Versager."
Eine derartige Feststellung löst bei uns Erwachsenen Angst und - je nach Temperament oder Charakter - Depressionen oder Aggressionen aus. Bei unseren Kindern wirken sich Versagenserlebnisse ähnlich aus.

Knüpfen wir zum Beispiel an die Empfehlung an, sich für die Arbeitsergebnisse unserer Kinder zu interessieren, wie es in den Kapiteln über die Bedürfnisse und das schulische Lernen erläutert wurde. Kinder, die nicht erleben, dass Ihre "Leistungen" - und dazu gehört zuerst und vor allem das Bemühen! - auf Interesse stießen oder gar anerkannt werden, strengen sich nicht mehr an. Mit der Zeit verlieren sie die Lust, sich zu bemühen. Und wenn dann etwas nicht gleich klappt, heißt es rasch: "das kann ich nicht". Die Anerkennung und das Interesse an kindlichem Leistungsstreben durch jene Personen, die für ein Kind wichtig sind, sind eine bedeutsame Quelle der Leistungsmotivation, die in Schule und Beruf gebraucht wird. Wir haben das in den Kapiteln: "Wie Kinder lernen " und "Lernen für die Schule" oder unter dem Grundbedürfnis nach "Förderung" und "Anerkennung" bereits gesehen.
Mäkeln wir aber ständig an dem herum, was unser Kind als Ergebnis seiner Anstrengungen vorweist oder schimpfen und strafen sogar, wird es am Ende resignieren und in seinem Verhalten zeigen, dass ja "alles keinen Zweck" hat. Angst und Resignation sind Geschwister und wer sich über Leistungen die Anerkennung und Geltung nicht verschaffen kann, die doch zum Leben gehören, sucht nach Ausgleich. Verweigerungen, Aggressionen gegen andere Menschen oder Sachen und am Ende Aggressionen gegen sich selbst vom Einstieg in die Sucht bis zum Selbstmord können dann die Folgen sein.

Auch Strafen, also Reaktionen von Erzieherinnen und Erziehern, Eltern oder Lehrerinnen und Lehrern, die als Strafe beabsichtigt waren und auch so vom betreffenden Kind so erlebt wurden, erreichen nur selten den gewünschten Effekt, wie wir bereits feststellen mussten. Vielleicht entlasten sie für einen Moment die Situation. Doch eine andauernde Verhaltensänderung, die obendrein noch auf einer Einsicht des Kindes beruht: "das war jetzt falsch, das darf ich so nicht machen", ist kaum zu erwarten.
Vor allem angstauslösende Erlebnisse im Zusammenhang mit Leistungserwartungen, die an uns herangetragen werden , können zu ausweichenden Verhaltensweisen führen.

Friedhelm besucht die Vorschule. Obwohl er das einzige Kind seiner sehr um ihn besorgten Eltern ist, war er zum Zeitpunkt der Einschulung noch nicht schulreif. Ihm mangelte es an der Fähigkeit, sich in einer Gruppe sozial angemessen zu verhalten. Im Kindergarten befand er sich stets in Rivalitätskonflikten, die er mit Gewalt zu lösen suchte. Nun sollte er in der Vorschule noch etwas Zeit erhalten. Vielleicht verlieren sich die Aggressionen, hofften Eltern und Lehrer.
Auf dem täglichen Weg zur Vorschule hin aber begegneten Friedhelm andere Schulkinder. Einige von diesen, die nun schon in der ersten Klasse waren, hänselten ihn. Da diese Kinder stärker und außerdem in der Überzahl waren, vermied Friedhelm es, ihnen zu begegnen. Er machte einen Umweg. Dort auch traf ihn seine Mutter eines Tages und fand heraus, warum er diesen, von ihr verbotenen Weg entlang einer verkehrsreichen Straße bevorzugte. Nun hatte sie auch eine Erklärung dafür, dass seine aggressiven Ausbrüche daheim und in der Vorschule eher zu- als abgenommen hatten. Denn die Angst und Wut auslösenden Begegnungen mit den anderen Kindern, musste Friedhelm irgendwie verarbeiten. Ihm stand zur Verarbeitung nur seine ihm vertraute Strategie, selbst gewalttätig zu sein, zur Verfügung. Damit wiederum löste er strafende Erzieherreaktionen aus. Damit vergrößerten sich Frust und Angst und verbanden sich in der Seele des Kindes eng mit den Erwartungen der Erwachsenen an ihn, Leistung zu zeigen und sich angepasst zu verhalten...

Diesen Teufelskreis können allein die Erwachsenen durchbrechen. Ein Kind findet schon darum nicht heraus, weil ihm Ursache und Wirkung nicht bewusst werden. Nicht einmal die Tatsache, dass Friedhelm selbst die Hänselei seiner ehemaligen Kindergartengefährten durch sein aggressives Verhalten verursacht hatte, die sich nun, Monate später, dafür "rächen", könnte er erkennen. Und Bemerkungen von Seiten der Eltern wie, "siehst du nun, was du davon hast" oder "bist selbst Schuld" würden die Ängste des Jungen nur vergrößern. Statt dessen wären Verständnis, guten Zuspruch und viel Zuwendung, Zärtlichkeit und Zeit eher geeignet, Friedhelm aus seinen Verstrickungen herauszuhelfen. Das erfordert von den Eltern viel Kraft und Geduld. Insofern, und das war in unserem Beispiel auch der Fall, brauchten die Eltern und die Lehrerin Hilfen für sich, um dieser Aufgabe, Friedhelm aus seinen Ängsten herauszuhelfen, über einen längeren Zeitraum hinweg gewachsen zu sein.
Die Angst auch künftig zu versagen, die Angst, die Zuneigung der Eltern zu verlieren und die reale Angst vor anderen Kindern, kamen in unserem Beispiel zusammen. Dass Leistungsschwächen weniger ein Zeichen mangelnder Fähigkeiten als vielmehr die Folgen von Entmutigungen und Ängsten sind, ist vielfach belegt worden.
Jeder, der schon einmal vor einer Prüfung gestanden hat, wird nun entgegenhalten, dass Angst nicht immer zu Versagen führt. Prüfungs- und Leistungsängste begleiten unser Leben zwangsläufig ebenso, wie alle anderen Formen der Angst. Doch nur im Ausnahmefalle sind Prüfungskandidaten in entsprechenden Situationen "vor Angst wie gelähmt" und bringen kein Wort heraus. In den meisten Fällen "vergessen" die Prüflinge ihre Angst sehr rasch, die Erregung klingt ab und sie sind wieder voll handlungsfähig. Wer freilich unter diesen Prüfungsängsten besonders gelitten hat und sich für seine Ängste sozusagen "vor sich selber schämt" oder gar Angst kriegt vor der Angst, wird derartige Situationen zu vermeiden suchen und Prüfungen, wann immer es geht, aus dem Wege gehen. Die Ängste aber bleiben. Stärke und Auswirkungen derartiger Prüfungsängste sind nicht zuletzt abhängig von den bisherigen Lebenserfahrungen. Auch hierzu ein Beispiel:

Ernst war in der Schule ein guter Schüler. Er blieb auch in seiner Berufsausbildung vor allem in den theoretischen Fächern ein Musterschüler. Seine Abschlußprüfungen bestand er mit sehr gutem Erfolg. Vor den Prüfungen hatte zwar "Lampenfieber" - aber keine Angst, zu versagen.
Im gleichen Lebensabschnitt in den die Berufsabschlussprüfungen fielen, besuchte er eine Fahrschule. Ernst aber war daheim überbehütet herangewachsen. Seine Mutter hatte ihm zum Beispiel nicht erlaubt, mit anderen Kindern ins Schwimmbad zu gehen; er konnte also nicht schwimmen. Wenn immer er Fahrrad fahren wollte, waren es die Eltern, die Panik machten und ihm einredeten, dass er zu unsicher sei und im Verkehr gefährdet. "Der Junge ist ja so unpraktisch" erzählten sie jedem und redeten das auch ihrem Sohn ein. Als er sich bei der Fahrschule anmeldete, rieten ihm die Eltern ab: "das schaffst du sowieso nicht".
Je näher der Prüfungstag heranrückte, umso höher stieg die Angst in Ernst hoch. Am Vorabend der Prüfung bekam er Fieber. Die Prüfung wurde ausgesetzt. Beim nächsten Termin erging es ihm nicht viel besser. Immerhin trat er an, schaffte die theoretische Prüfung locker und fiel in der praktischen Prüfung durch. Auch die Wiederholungsprüfung verpatzte er. Da gab er auf. Erst zehn Jahre später, längst stand er auf eigenen Füßen und kannte sich und seine Möglichkeiten und Grenzen besser und konnte vor allem mit seinen Ängsten umgehen, versuchte er es noch einmal. Da bestand er die Führerscheinprüfung sofort und nach relativ wenigen Fahrstunden.

Die Geschichte von Ernst bestätigt, dass Versagensängste gleichsam anerzogen beziehungsweise erlernt werden können. Sie weist aber auch daraufhin, dass wir nicht unser ganzes Leben mit einer solchen Hypothek herumlaufen müssen. Ernst war unter anderem über berufliche Erfolge und einer guten Partnerbeziehung genug Selbstvertrauen zugewachsen. Er erkannte die Ursachen seiner Ängstlichkeit und überwand sie.

 

 

5.
Vom Umgang mit Ängsten

Gerade weil Urängste, wie die Verlassenheitsangst, die Angst nichts zu gelten oder zu versagen, so stark sein können, sollten wir Erwachsenen unseren Kindern nicht noch künstlich Ängste vermitteln.
Mit Sprüchen wie "sei doch kein Angsthase", "nun stell dich nicht so an", "du bist doch kein Baby mehr" oder gar "Feigling" bringt man kein Kind ins Wasser, das am Ufer steht und schreit, weil seine Mutter ihm davonschwimmt. Ängste lassen sich durch derartige Bemerkungen nicht beeinflussen. Im Gegenteil: versuche ich ein Kind zu zwingen, seine Angst zu überwinden, indem ich seine Abwehr mit Gewalt zu brechen suchen, kann ich es dauerhaft schädigen. Auch Drohungen können Angst machen: "Wenn du nicht aufisst, dann ist Mama traurig", "wenn du nicht lieb bist, werde ich krank", sind Äußerungen, die Schuldängste entwickeln können, die wiederum in extreme Scheu vor sozialen Kontakten, aber auch in hemmungslose Aggressivität einmünden können.

Angst kann aber auch eine lustvolle Komponente haben. Denken wir an das Spiel: "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?" "Niemand" antworten alle Kinder. Und dann kommt er/sie herangestürmt und versucht ein Kind zu fangen. Alle kreischen vor Vergnügen laut auf und rennen davon. Bei dieser Art von Spielen gruselt es einem so schön. Nicht selten sind unsere Entdeckungsreisen in unbekannte Bereiche - der Keller eines Hauses im Rohbau oder der Straßenzug nebenan - von einer Mischung zwischen Angst und Spannung und Erregung verknüpft. So befähigt diese Lust an der Angst, die wir aber auch gern als "sich gruseln" bezeichnen, Kinder, sich die Welt anzueignen, und Selbstvertrauen, Selbstsicherheit und Selbstständigkeit zu gewinnen. Auch beim Lesen kann ein Kind gut mit- und nacherleben, wie Ängste verarbeitet werden und sich auflösen. Gelegentlich kommt man ihnen mit Humor und einem befreienden Lachen gut bei. Hier erinnern wir uns unwillkürlich an das Märchen bei den Gebrüdern Grimm: "Von einem, der auszog, das fürchten zu lernen". Dieses Märchen verrät uns zugleich, dass sich auch unsere Vorfahren immer wieder mit ihren Ängsten herumschlugen und nach Wegen suchten, mit ihnen umzugehen.
Aber diese Prozesse, wie neue Situationen, spielen in fremder Umgebung oder das Lesen gruseliger Geschichten werden vom Kind selbst in Gang gesetzt, es steuert sich selbst und muss sich in kritischen Situationen selbst überwinden oder es später noch einmal probieren oder aufgeben.

Doch wehe, einem Kind wird mit dem schwarzen Mann gedroht, der in der Nacht um die Häuser schleicht und die unartigen Kinder holt. Gerade wenn Kinder sich im Vorschulalter, also in der "magischen Phase" befinden, in denen Märchen und Wirklichkeit ineinander fließen, können Eltern und Großeltern mit derartigen Drohungen Ängste entfachen, die ein Leben lang erhalten bleiben und nicht selten seelische Störungen begründen. Prüfe sich jeder von uns selbst sorgsam daraufhin, ob nicht ihre/seine Ängste und Unsicherheiten auf derartige reale Erlebnisse aus der Kindheit zurückgeführt werden müssen. Die Ursachen zu erkennen ist der erste Schritt zur Überwindung. Gewiss gibt es noch andere denkbare Auslöser von Ängsten. Nicht immer stehen Drohungen oder Bestrafungen am Anfang. Doch sind Diskriminierungserfahrungen, also solche, bei denen ein Kind sich in seiner menschlichen Würde verletzt fühlt, häufig beteiligt.
Ängste lassen sich beeinflussen beziehungsweise entwicklungsfördernd verarbeiten, wenn wir sie - wie oben gezeigt - im Spiel erfahren oder über das Märchen miterleben. Gerade in den Grimmschen Märchen werden Ängste gestaltet, von denen das Kind ohnehin - oft unbewusst - umgetrieben wird. Die Ängste werden überwunden, aufgelöst, besiegt, die Geschichte zu einem guten Ende geführt. In der Geborgenheit der vertrauten Umgebung, eng an die Mutter/den Vater gedrückt, können Angst und Spannung verarbeitet und mit Hänsel und Gretel getanzt und gesungen werden. Allein dieses Beispiel weist aber auf die Gefahren, die von Medienangeboten wie Fernsehen oder Video-Filmen ausgehen können, die Eltern nicht ausgewählt haben und die sie nicht begleiten.

 

 

6.
Einige Hinweise zum Schluss

"...das Gefühl der Angst ist eigentlich die Erscheinung der gesamten Ich-Entwicklung" schreibt Michaela Glöckler (Eltern Fragen Heute. Stuttgart 1992, S.,147). Die Ängste beginnen mit Formen der Trennungsangst bis hin zur Angst vor Krankheit und Tod. Insofern gehören Ängste zur menschlichen Existenz. Können diese Ängste überwunden werden? Die Antwort auf diese Frage muss jeder für sich selber finden. Michaela Glöckler weist in ihrem Buch auf die christliche Botschaft. "In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost, Ich aber habe die Welt überwunden" (Evangelium des Johannes).
In unserer Eigenschaft als Erziehende sind zunächst wir es, an die sich unsere ängstlichen Kinder, Trost und Hilfe suchend, anlehnen. Sind wir selbst sogenannte "ängstliche Naturen" wird unser Kind möglicherweise wenig Hilfe erwarten dürfen oder gar erst von uns einige Ängste erlernen. Unser Vorbild wirkt auch hier. Das kann im Einzelfall heißen, dass erst einmal Mutter und Vater die eigenen Ängste "in den Griff" bekommen müssen, um ihren Kindern bei der Angstbewältigung zur Seite stehen zu können. Die existentiellen Ängste aber werden wir ihnen auf die Dauer nicht nehmen können. Wir können ihnen jedoch die Fähigkeit mitgeben, so mit ihren Ängsten zu leben, dass sie von ihnen nicht zerstört werden. Diese Fähigkeit erwerben sie am ehesten, wenn wir unsererseits die Ängste unserer Kinder nicht vergrößern oder gar mit Angstmachen erziehen.
Eva Leupold gibt Eltern und Erzieherinnen/Erziehern in der Zeitschrift "kindergarten heute" (Dezember 1994) folgende Hinweise, die die bisherigen Ausführungen in einigen Punkten zusammenfassen: Angst hat, wie wir sahen, oft etwas mit neuen und unbekannten Situationen zu tun. Derartige Ängste klingen von allein ab, wenn sich ein Kind an diese bisher unbekannten Situationen gewöhnt hat.Wenn nicht auch die Eltern zu viel Angst haben oder Ängste zeigen, dann wird auch ein Kind weniger ängstlich sein. Das Vorbild von den für ein Kind wichtigen Bezugspersonen, das können natürlich auch andere Kinder sein, spielt eine wichtige Rolle. Darum dürfen wir unser eigenes Verhalten nicht unterschätzen. An unserem Beispiel erlebt unser Kind, wie wir mit angstauslösenden Situationen umgehen. Lernen durch Beobachtung und Nachahmung ist ein wichtiger Motor der kindlichen Entwicklung. Das haben wir bei allen Themen bestätigt gefunden. Wenn wir Ängste bei unseren Kindern oder uns in bestimmten Situationen feststellen, dann sollten wir uns ihr auch stellen. Wenn wir angstauslösende Situationen meiden, dann haben wir vielleicht eine augenblickliche Erleichterung, die Angst kann aber langfristig größer werden. Haben wir also den Mut und stellen uns der Situation immer wieder, dann werden unsere Ängste abnehmen und mit der Zeit verschwinden.



© Dr. Joachim Rumpf
79733 Görwihl im November 2005
überarbeitet im November 2007

 

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