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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf


Geschwisterrivalität



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Auswirkungen der Stellung in der Geschwisterreihe

Rudolf Dreikurs und Vicki Soltz, auf deren Erkenntnisse hier unter anderem zurückgegriffen wird , vergleichen die Stellung eines Kindes in der Familie mit der Stellung eines Sternes zu einem anderen Stern. Daraus ist zu schließen, dass diese Stellung sowohl natürlich als auch - im Allgemeinen - unveränderbar ist. Die Veränderungen, die sich mit dem Eintritt eines oder mehrerer Kinder in eine Familie vollziehen, sind in erster Linie qualitativ und beeinflussen ganz erheblich den Charakter dieser Familie.

Frau Brigitte war zeitweilig sehr verzweifelt und am Rande eines Nervenzusammenbruchs, nachdem Stefan geboren wurde. Die erstgeborene Anna hatte bereits vor drei Monaten ihren zweiten Geburtstag gefeiert, als das Brüderchen kam. Obwohl das Mädchen auf diese Geburt von den Eltern vorbereitet worden war und lebhaft und eifrig an allen Vorbereitungen mitwirkte, änderte sich ihr Verhalten schlagartig, als Stefan in das Baby-Bettchen eingezogen war. Sie begann, gerade erst "trocken", wieder einzunässen und einzukoten, wollte nicht mehr alleine essen sondern gefüttert werden und forderte massiv und lautstark die Zuwendung der Mutter. Mutter Brigitte war zuvor sehr froh darüber gewesen, dass Anna bereits über längere Phasen ohne die Anwesenheit der Mutter spielen konnte, dass sie begonnen hatte, sich selbst an- und auszuziehen und auch das abendliche Schlafengehen nur selten Probleme bereitete. Nun aber wuchsen die Schwierigkeiten an, die Brigitte erlebte. Sie nervten sie umso mehr, als ja Stefan ihre ungeteilte Aufmerksamkeit verlangte, wenn er wach war.

Zwei Faktoren sind es, die sich in unserem Beispiel auf Entwicklung und Verhalten von Anna - und damit auch auf Stefan - auswirkten:

Die Veränderung durch die Geburt des Jungen, der nun gleichsam Anna "entthronte" und
die relativ problematische Entwicklungsphase, in der sich Kinder in ihrem dritten Lebensjahr befinden

Die kinderpsychologische Forschung bestätigt die Erfahrungen der meisten Eltern: Unsere eineinhalb- bis dreijährigen Kinder fordern uns sehr . Sie befinden sich in einem Übergangsstadium, an dessen Ende die Kinder statt "Anna" (also sich selbst in der dritten Person anzureden) "Ich" sagen werden. Wir sprechen von der ersten Lösungsphase, die in die sogenannte "Trotzphase" einmündet und erst in der zweiten Hälfte der Kindergartenzeit abzuklingen beginnt. Als ob unsere Zweijährigen spüren, dass sich die Geborgenheit und Sicherheit, die ihnen die Kleinkindzeit mit ihrer engen Mutterbindung bescherte, nun zu Ende geht, reagieren sie mit gelegentlich extremen Verhaltensweisen. Schauen Sie bitte in die eigene Kindheit zurück oder fragen Sie herum: zum ersten Mal von zu Hause oder von der Mutter läuft ein Kind in dieser Zeit weg. Einerseits ist es zeitweise (aus unserer Sicht unbegründet) sehr ängstlich; andererseits vergißt es eigene Ängste für eine kurze Zeit, wenn es der Erkundungsdrang oder die Abenteuerlust (so interpretieren wir Erwachsenen) hinaus "in die Welt" treibt.

Wenn nun hinzukommt, dass es sich um ein erstgeborenes Kind handelt, das ungeteilte Zuwendung gewöhnt war, dann kann sich die Erfahrung, Konkurrenz zu bekommen, auf die angedeuteten sowieso bereits extremen Verhaltensweisen, verstärkend auswirken.

In der Entwicklungspsychologie spricht zum Beispiel A. Busemann (Beiträge zur pädagogischen milieukunde. O.O. 1970) vom Entwicklungsimpuls "Rivalität", das ist für Luitgard Brem Gräser (Familie in Tieren, München 1975, S. 81) "der Kampf um das Obensein". Sie schreibt darüber weiter:

"Die natürliche soziale Umwelt des Kindes ist zunächst die Familie, vor allem die Geschwisterschar. In ihr muss das Kind seinen Platz verteidigen, der ihm durch die Altersrangfolge zugeschrieben ist. Dies ist die Vorschule aller späteren Selbstbehauptung in der sozialen ebene, sie prägt den sozialen Charakter meist bis ans Lebensende. Ob man mit jener Selbstverständlichkeit Geltung beansprucht, an die man sich als Ältester in der Geschwisterschar gewöhnte, ob man ewig selbstunsicher und auf kämpferische Durchsetzung bedacht bleibt, weil man ein mittleres Kind war, oder ob man immer fremde Hilfe und ein Gegängeltwerden erwartet, weil man Letztkind war, das lässt sich oft noch am Erwachsenen eindeutig ablesen." (Brem Gräser, S.170).

Es bleibt also stets ein großes Problem, für die Erstgeborenen: Zwei Jahre hindurch hat es erreicht, dass sich alle Aufmerksamkeit der Eltern ihm zugewandt haben. Alle Kinder brauchen diese Zuwendung und möchten sie auch festhalten. Und nun ist es kein Einzelkind mehr und Angst und Unsicherheit wird das Kind erfassen. Rita Kohnstamm trägt Forschungsergebnisse vor, nach denen die Erstgeborenen mehr Ängste durchmachen müssen als die später geborenen Geschwister. Es sind die Erstgeborenen, die als einzige das Zusammenleben mit den Eltern ohne Konkurrenz erlebten. Darum können die nachgeborenen Kinder nicht in gleicher Weise Ängste erfahren .

Eine Zwischenbemerkung zu den Lösungsphasen in der kindlichen Entwicklung:
Im Grunde geraten alle Kinder in seelische Not, wenn sie merken, dass sie "groß" werden und allein, das heißt auch: weniger von den Eltern zu haben oder gar ohne Eltern, leben lernen müssen. Je älter sie werden, umso mehr wollen sie das auch. Andererseits aber wollen sie das auch wieder nicht. Ein Hin- und Her und eine große Verunsicherung kennzeichnet diese Lösungsphasen:

Die erste beginnt, wie erwähnt, im dritten Lebensjahr;
die zweite wird - etwa im zehnten/elften Lebensjahr eingeleitet von der Erkenntnis, kein Kind zu bleiben, sondern auch ohne Eltern leben zu müssen/zu können, was bis dahin für ein Kind unvorstellbar ist. Zugleich kündigt diese Phase das Ende der Kindheit an. Rudolf Steiner spricht davon, dass nun ein Kind seinen "Rubikon" überschreitet und die Welt der Kindheit verlässt, in die es nie wieder zurück kann.
Den Höhepunkt dieser Lösungsphase finden wir in der Pubertät, in der ein junger Mensch nach der eigenen Identität zu suchen beginnt und sich bei diesem Prozeß immer deutlicher und unübersehbarer von den Eltern abzugrenzen sucht.


Das erste Kind also kann, wie in unserem Beispiel die Anna, erhebliche Schwierigkeiten bereiten und die Mutter in besonderer Weise herausfordern. Selbst alle Bemühungen, dass "ich Dich doch genau so lieb habe, wie Stefan" werden daran nichts ändern, weil die Praxis eine Gleichbehandlung ausschließt: ein Säugling muss nun einmal auf dem Arm herumgetragen werden und dann ist kein Platz mehr für ein fast dreijähriges Kind. Und das ältere Kind muss lernen, damit fertig zu werden.

Kommt ein drittes Kind an, bedeutet das wieder einen Wandel in der Stellung eines jeden Familienmitglieds. Das älteste war bereits früher entthront. Nun ist das zweite dran und wird aus seiner Rolle als Nesthäkchen vertrieben. Das zweite Kind war eine Bedrohung für das erste; das dritte Kind ist eine Bedrohung für das zweite. Welche Bedeutung und welche Folgen das im Einzelnen hat, lässt sich nicht voraussagen. Die Kinder sind nicht nur an unterschiedlichen Plätzen in einer Familie, sondern bringen auch verschiedene Anlagen mit und verarbeiten zum Beispiel alles mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Empfindungen, wie Sie das im Abschnitt "Anlage und Umwelt" nachlesen können. Wie also ein älteres Kind auf das nächste reagieren wird und wie ein jüngeres Kind mit dem älteren konkurrieren wird, das erleben wir erst, wenn sie da sind. Abhängig aber ist die Deutung, die sich jedes Kind für sich selbst und seiner Bedeutung in dieser Familie gibt von der Sichtweise des Kindes selbst. Es interpretiert sich als Person und sich in seiner Rolle als erstes (zweites, drittes, viertes ...) Kind selbst. Und diesen Entscheidungsprozeß, der für das Selbstbild dieses Kindes (und später dieser Person als Erwachsener) von großer Bedeutung ist, können wir zwar nach bestem Wissen und Gewissen positiv zu beeinflussen suchen. Letztendlich aber entscheidet jedes Kind für sich selbst, wie es sich und die anderen wahrnimmt, wie es seine Beziehungen zu den anderen Familienmitgliedern erlebt und was es daraus macht.

In recht anschaulicher Weise trägt Wolfgang Endres in seinem Buch "Geschwister" (Weinheim 1992) einige Forschungsergebnisse über die Auswirkungen der Geschwisterkonstellation vor und bezieht sich dabei auf die Arbeiten von
Lucille K. Forer und Henry Still: "Großer Bruder - kleine Schwester. Die Geschwisterreihe und ihre Bedeutung" Köln 1979 und Walter Tomann: "Familienkonstellation - ihr Einfluss auf den Menschen und sein soziales Verhalten".München 1980

Auch Eltern von Einzelkindern stellt sich die Frage nach Besonderheiten und/oder Benachteiligungen ihrer Tochter/ihres Sohnes. Gestützt werden Befürchtungen darüber, dass es Einzelkinder in späteren Entwicklungsphasen schwerer haben könnten als Kinder, die mit Geschwistern heranwachsen von dem Vorurteil, dass sie egoistischer seien. Rita Kohnstamm bestätigt anhand vorliegender Forschungsergebnisse, dass Einzelkinder "im allgemeinen" zwar weniger Bedürfnis nach sozialen Kontakten hätten, dafür aber, vermutlich wegen der fehlenden Konkurrenzerfahrung, kooperativer sein könnten. Dass aber Einzelkinder gleichsam "Egozentriker" sind, kann die Forschung nicht bestätigen. Ganz allgemein gilt für Einzelkinder dasselbe, was in bezug auf die Entwicklung in einer Familie auch von Geschwisterkindern gesagt wurde und zusammenfassend können wir festhalten:

Zu der Umwelt eines Kindes, die seine Entwicklung maßgeblich beeinflusst, gehört seine Stellung in der Familie und damit der Charakter der Beziehungen zu den anderen Familienangehörigen und zwar: wie dies alles das Kind wahrnimmt. Die unterschiedlichen Anlagen und die jeweils völlig verschiedenen Situationen, in die ein Kind hineingeboren wird und sich entwickelt begründen in gegenseitiger Wechselwirkung die eigene Persönlichkeit eines jeden unserer Kinder.
Zu den verschiedenen Situationen gehören die Stellung in der Geschwisterreihe beziehungsweise in der Familie ebenso, wie die sich laufend verändernden Beziehungen zwischen den Eltern, die pädagogische Praxis oder die materiellen Lebensbedingungen.

 

 

 

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Streit unter Geschwistern

Geschwister streiten besonders häufig. Der Grund liegt auf der Hand und ist für alle, die selbst Geschwister haben, leicht nachvollziehbar: Die Geschwistereifersucht, auf deren Normalität Alfred Adler als erster hingewiesen hat , sind allgemein verbreitet. Allerdings finden wir die darauf zurückzuführenden Symptome nicht nur bei Geschwistern. Auch Kinder in Kindergruppen in Kindergarten, Schule oder Heim neigen dazu, eifersüchtig darüber zu wachen, dass alle das "gleiche" bekommen, niemand sich bei gemeinsamen Mahlzeiten ein größeres Stück nimmt, als man selbst es hat. Ich denke da zum Beispiel an das Dessert am Familientisch. In der Küche wurden die Portionen abgefüllt. Kommt dann das Tablett mit den Schüsselchen auf den Tisch, misst jedes Kind - zumindest mit den Augen - ob auch überall gleich viel drin ist. Unsere Geschwister daheim halten sogar Schokoladenriegel nebeneinander und prüfen, ob auch wirklich jeder ein gleich langes Stück bekommen hat. Sogar bei Erwachsenen kann man derartige, im Grunde Ichbezogene - Verhaltensweisen beobachten. Bei Familie Ypsilon war es der Vater, der für sich das größte (das beste) Stück (Fleisch, Kuchen u.a.m.) beanspruchte. Er hatte es so von seinem Vater gelernt. Und außerdem war er der jüngste von drei Geschwistern.

Der Platz in der Geschwisterreihe wirkt sich aus . Jedes Kind fühlt sich durch ein nachfolgendes Geschwisterchen aus seinen Rechten verdrängt und reagiert darauf mit Eifersucht, die sich jedoch nicht immer in Aggressionen gegen den Eindringling äußern muss. Es gibt Kinder, die fallen in bereits überwundene frühkindliche Verhaltensweisen zurück, wenn sie wieder am Daumen lutschen, einnässen oder unruhiger und widersetzlicher werden. Wenn dann noch die Eltern die Situation mißverstehen und das Kind bestrafen, dann fühlt es sich bestätigt in seiner Vermutung, dass das neue Kind ihm die Liebe von den Eltern weggenommen hat. Wenn ein Kind befürchtet, die Liebe und die Beachtung seiner Eltern zu verlieren, dann wird es mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln um elterliche Zuwendung kämpfen. Und wenn das nicht durch Wohlverhalten geht, dann eben im Bösen. Aggressivität und Zerstörungswut haben nicht selten darin ihre Ursachen. Und wenn die Mutter hundertmal sagt: "Ich habe dich genau so lieb, wie deine Schwester, deinen Bruder...", reden nützt nicht viel. Beweise braucht das Kind.
Erstgeborene sind im allgemeinen eifersüchtiger als Zweitgeborene und in einer Familie mit zwei Kindern kann die Situation in dieser Beziehung zeitweise ungünstiger sein, als in einer mit drei oder mehr Kindern. Das mittlere von drei Kindern freilich kann durchaus Mühe haben, ebensoviel Beachtung zu finden, wie das älteste oder das jüngste Kind.

Bei der Frage nach dem Umgang mit dieser Problematik im Familienalltag ist also zunächst noch einmal darauf hinzuweisen, dass Eifersucht unter Geschwistern, genauso wie Rivalität unter Kindern überhaupt, normal ist. Für das Einzelkind tritt unter Umständen ein Elternteil an die Stelle eines fehlenden Geschwisterchens.
"Kinder brauchen andere Kinder" ist eine wichtige Regel. Nicht zuletzt darum, um zu lernen, mit diesen Widerständen und Frustrationen, die Konkurrenzsituationen mit sich bringen (und die unser ganzes Leben begleiten) umzugehen. Da gibt es zum Beispiel das Ehepaar Zet, von denen beide Einzelkinder waren. Sie erweckten durch ihr eifersüchtiges Verhalten, das ihre Beziehung kennzeichnete, den Eindruck, dass sie Geschwister wären. Sie stritten sich "wie Kinder", sagten ihre Freunde.

Eltern, die wissen, dass Eifersucht mit all ihren Folgen normal ist, stellen sich darauf ein und betrachten eventuell auftretende Verhaltensänderungen ihres älteren Kindes nicht als gegen sich gerichtet.

Außerdem gilt auch hier alles, was für den Umgang mit Aggressivität und Gewalt gültig ist: Ruhe, Gelassenheit und weitestgehende Neutralität sind immer noch besser, als sich bei jeder Gelegenheit einzumischen. Es ist zwar leichter gesagt als getan: "Behalte immer die Nerven!" Nur, wenn wir sie verlieren und dazwischenfahren, schimpfen, drohen oder gar schlagen, dann ist das unser Problem. Verwechseln wir also nicht Ursache und Wirkung.
Wenn Kinder sich streiten, so lautet unsere Erkenntnis, dann ist das normal. Wenn wir uns darüber aufregen, dann ist das eine Angelegenheit unserer eigenen nervlichen Belastbarkeit in dieser Situation.

 

3
Hier einige pädagogische Tips, die Sie bitte mit Hilfe Ihrer Erfahrungen ergänzen:

Auf Vergleiche verzichten:
"Sieh mal, wie brav der Kleine ist; nehme Dir daran ein Beispiel"
"Selbst das Baby isst/trinkt alles auf/aus; das wirst Du doch auch können"
Wenn sich die Eltern in dieser Zeit darum bemühen, das ältere Kind (und eventuell später die älteren Kinder) mit dem jüngeren nicht zu vergleichen, kommen die älteren besser mit dem Jüngsten zurecht.

Bei Bestrafungen doppelt zurückhaltend sein!
Alle Kinder empfinden Bestrafungen als Liebesentzug oder ein Signal dafür: "Die Eltern mögen mich nicht". Bestrafungen in kritischen Phasen, zu denen zweifellos die Konkurrenzsituation durch Neugeborene zählt, bestärken die Vorstellung älterer Kinder, weniger geliebt zu sein als die jüngeren. Wenn sie sich dann gegen die Eltern nicht wehren können, kriegen es "die Kleinen" ab. Dieser Zank und Streit ruft die Eltern wieder auf den Plan: "Lass den Kleinen in Ruhe, sonst...!"
Diesen Konfliktkreis können nur die Erwachsenen durchbrechen (vgl. dazu oben die Ausführungen zu den Streitigkeiten unter Geschwistern).

Die direkte Beschäftigung mit dem Baby fördern!
Eifersucht wird geschürt, wenn wir das ältere Kind vom Baby fernhalten. Ermahnungen oder Gebote wie: "Nicht anfassen! Jetzt nicht stören! Nun lass doch endlich das Kind in Ruhe!" eignen sich nicht dazu, beide Kinder aneinander zu gewöhnen. Nicht mit Anna zum Beispiel über Stefan reden, sondern Anna ermuntern selbst mit Stefan zu reden. Wir tun das ja auch, obwohl wir wissen, dass der Säugling noch nicht antworten kann.

Der Vater wird besonders wichtig.
Ist ein zweites Kind geboren, kann der Vater sich stärker dem Erstgeborenen widmen und auf diese Weise den Zuwendungsverlust durch die Mutter etwas ausgleichen. Der Vater braucht sich gar nicht sehr um seine Älteste/seinen Ältesten zu bemühen. Sie/er kommt von ganz alleine und stellt seine Ansprüche. Darauf sollten die Väter vorbereitet sein und sich einlassen wollen.

Wir wollen uns um relative Gleichbehandlung bemühen!
Natürlich können wir Eltern von älteren Kindern mehr erwarten als von Jüngeren. Wandeln sich unsere Erwartungen aber in Forderungen um (die bei Nichtbefolgen bestraft werden), dann müssen wir uns auf erhebliche Auseinandersetzungen einstellen.
Das geht schon los mit dem "Trocken-sein". Fällt nach der Geburt des Jüngsten ein älteres Kind zurück in Baby-Gewohnheiten, dann ist das ein ganz verständliches Signal - aber kein Trotz. Es will uns nicht ärgern, sondern appelliert an uns: behaltet mit lieb, kümmert Euch um mich!
Bekommt es deswegen Ärger, wird von uns ausgelacht oder sonstwie herabgesetzt, fühlt es sich ungerecht behandelt.
Später will es vielleicht nicht abtrocknen oder sauber machen helfen, weil ja das Geschwisterchen das auch nicht tun braucht.

 

 


 

4.
Zum Schluss

Eine hohe Sensibilität ist also von uns gefordert. Dennoch lassen sich viele in der Geschwisterrivalität begründeten Konflikte, nicht vermeiden. Wir müssen uns damit abfinden und sie aushalten. Nur wenn wir die Nerven behalten, ruhig und bestimmt die Unterschiede leben und vertreten, die nun einmal entwicklungsbedingt vorhanden sind, lernen die Geschwister mit den Jahren, dies auch zu akzeptieren.

Etwas erleichtern könnten sich Eltern die Geschwisterproblematik dann, wenn das zweite Kind geboren wird, während das erste erst ein Jahr alt oder bereits im vierten Lebensjahr oder älter ist. In ganz frühen Lebensphasen wird die Rivalität (die immer vorhanden ist - auch bei Zwillingen) noch nicht so stark erlebt und die Widerstände müssen darum nicht so groß sein. Ältere Kinder hingegen, die also die erste Lösungsphase bereits hinter sich haben, widmen sich gern dem Baby. Sie sind nicht mehr gar so sehr mit sich selbst beschäftigt und freuen sich auf das kleine Geschwisterchen, kümmern sich zeitweilig gern um das Kind und können bereits recht gut von ihrem Verstand her begreifen, dass so ein kleines Kind mehr Fürsorge braucht und gönnen ihm das auch. Allerdings sollten die Eltern in bezug auf die Betreuungsaufgaben älterer Geschwister jüngeren gegenüber, keine zu hohen Erwartungen stellen. Kinder helfen generell gern, wenn sie dazu nicht gezwungen werden. Dies trifft auch für Leistungen zu, die von ihnen erwartet werden, wenn es um die Geschwister geht.
Ich empfehle die folgende Faustregeln zu prüfen:

Je weniger wir einklagen, um so mehr erhalten wir auch.

Andererseits ist zu bedenken und wohl dosiert zu beherzigen:
Wenn wir überhaupt keine Erwartungen an Kinder herantragen, werden sie auch nichts geben lernen.

 

 

Dieser Text findet sich in modifizierter Forn auch in dem Büchlein über den Umgang mit kindlichen Agrressionen, das beim Ernst Reinhardt Verlag in München erschien.

Rumpf, Joachim: Schreien, schlagen, zerstören. München 2002

 

 

Ergänzende Hinweise auf Schriften, auf die hier Bezug genommen wurde:

Kinder fordern und heraus. Wie erziehen wir zeitgemäß? Stuttgart 14/1983
Rudolf Dreikurs war Schüler von Alfred Adler. Er forschte und lehrte in den USA, wo er 1972 starb. Er und seine Schülerinnen und Schüler hinterließen einige bekannte Erziehungsratgeber, die auf der Individualpsychologie Adlers aufbauen. Vgl. zu diesem Thema auch: Mähler, Bettina: Geschwister. Hamburg 1995 (rororo - Sachbuch 3916).

Arnold Gesell: Säugling und Kleinkind in der Kultur der Gegenwart. Bad Nauheim 8/1971. Die Arbeiten von Gesell, die bereits in den vierziger Jahren erschienen, zählen zu den entwicklungspsychologischen Standardwerken

Rita Kohnstamm spricht von einem "ungünstigen Zeitpunkt", zu dem die meisten zweitgeborenen Kinder auf die Welt kommen. In: Praktische Kinderpsychologie. Die ersten sieben Jahre. Bern 3 / 1990, S. 103 vgl. auch: Wolfgang Endres: Geschwister... sie haben sich zum Streiten gern. Weinheim 1994 / 2000

Alfred Adler:Praxis und Theorie der Individualpsychologie. München 1930

Vgl. u.a.:

Beer, Ulrich: Einzelkind. Charakter und Chancen. Herbolzheim (Centaurus) 2006

Beer, Ulrich: Geschwisterrollen. Von Prinzen und Nesthäkchen. Herbolzheim (Centaurus) 2004

Karl Bühler: Abriss der geistigen Entwicklung des Kleinkindes. München 1939, S. 178ff

Dörpinghaus, Eva: Das Einzelkind. München 1992

Kümpel, Margarete: Typisch Einzelkind? So gewinnt ihr Kind soziale Kompetenz. Stuttgart 2003

Kasten, Helmut: Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Vertraute. München 2001

 

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