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Schriften
zur Erziehung und Bildung im WWW von Dr. Joachim Rumpf |
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1 Auswirkungen der Stellung in der Geschwisterreihe Rudolf Dreikurs und Vicki Soltz, auf deren Erkenntnisse hier unter anderem zurückgegriffen wird , vergleichen die Stellung eines Kindes in der Familie mit der Stellung eines Sternes zu einem anderen Stern. Daraus ist zu schließen, dass diese Stellung sowohl natürlich als auch - im Allgemeinen - unveränderbar ist. Die Veränderungen, die sich mit dem Eintritt eines oder mehrerer Kinder in eine Familie vollziehen, sind in erster Linie qualitativ und beeinflussen ganz erheblich den Charakter dieser Familie.
Zwei Faktoren sind es, die sich in unserem Beispiel auf Entwicklung und Verhalten von Anna - und damit auch auf Stefan - auswirkten: Die
Veränderung durch die Geburt des Jungen, der nun gleichsam Anna "entthronte"
und Die kinderpsychologische Forschung bestätigt die Erfahrungen der meisten Eltern: Unsere eineinhalb- bis dreijährigen Kinder fordern uns sehr . Sie befinden sich in einem Übergangsstadium, an dessen Ende die Kinder statt "Anna" (also sich selbst in der dritten Person anzureden) "Ich" sagen werden. Wir sprechen von der ersten Lösungsphase, die in die sogenannte "Trotzphase" einmündet und erst in der zweiten Hälfte der Kindergartenzeit abzuklingen beginnt. Als ob unsere Zweijährigen spüren, dass sich die Geborgenheit und Sicherheit, die ihnen die Kleinkindzeit mit ihrer engen Mutterbindung bescherte, nun zu Ende geht, reagieren sie mit gelegentlich extremen Verhaltensweisen. Schauen Sie bitte in die eigene Kindheit zurück oder fragen Sie herum: zum ersten Mal von zu Hause oder von der Mutter läuft ein Kind in dieser Zeit weg. Einerseits ist es zeitweise (aus unserer Sicht unbegründet) sehr ängstlich; andererseits vergißt es eigene Ängste für eine kurze Zeit, wenn es der Erkundungsdrang oder die Abenteuerlust (so interpretieren wir Erwachsenen) hinaus "in die Welt" treibt. Wenn nun hinzukommt, dass es sich um ein erstgeborenes Kind handelt, das ungeteilte Zuwendung gewöhnt war, dann kann sich die Erfahrung, Konkurrenz zu bekommen, auf die angedeuteten sowieso bereits extremen Verhaltensweisen, verstärkend auswirken. In der Entwicklungspsychologie spricht zum Beispiel A. Busemann (Beiträge zur pädagogischen milieukunde. O.O. 1970) vom Entwicklungsimpuls "Rivalität", das ist für Luitgard Brem Gräser (Familie in Tieren, München 1975, S. 81) "der Kampf um das Obensein". Sie schreibt darüber weiter: "Die natürliche soziale Umwelt des Kindes ist zunächst die Familie, vor allem die Geschwisterschar. In ihr muss das Kind seinen Platz verteidigen, der ihm durch die Altersrangfolge zugeschrieben ist. Dies ist die Vorschule aller späteren Selbstbehauptung in der sozialen ebene, sie prägt den sozialen Charakter meist bis ans Lebensende. Ob man mit jener Selbstverständlichkeit Geltung beansprucht, an die man sich als Ältester in der Geschwisterschar gewöhnte, ob man ewig selbstunsicher und auf kämpferische Durchsetzung bedacht bleibt, weil man ein mittleres Kind war, oder ob man immer fremde Hilfe und ein Gegängeltwerden erwartet, weil man Letztkind war, das lässt sich oft noch am Erwachsenen eindeutig ablesen." (Brem Gräser, S.170). Es bleibt also stets ein großes Problem, für die Erstgeborenen: Zwei Jahre hindurch hat es erreicht, dass sich alle Aufmerksamkeit der Eltern ihm zugewandt haben. Alle Kinder brauchen diese Zuwendung und möchten sie auch festhalten. Und nun ist es kein Einzelkind mehr und Angst und Unsicherheit wird das Kind erfassen. Rita Kohnstamm trägt Forschungsergebnisse vor, nach denen die Erstgeborenen mehr Ängste durchmachen müssen als die später geborenen Geschwister. Es sind die Erstgeborenen, die als einzige das Zusammenleben mit den Eltern ohne Konkurrenz erlebten. Darum können die nachgeborenen Kinder nicht in gleicher Weise Ängste erfahren . Eine
Zwischenbemerkung zu den Lösungsphasen in der kindlichen Entwicklung: Die erste
beginnt, wie erwähnt, im dritten Lebensjahr;
Kommt ein drittes Kind an, bedeutet das wieder einen Wandel in der Stellung eines jeden Familienmitglieds. Das älteste war bereits früher entthront. Nun ist das zweite dran und wird aus seiner Rolle als Nesthäkchen vertrieben. Das zweite Kind war eine Bedrohung für das erste; das dritte Kind ist eine Bedrohung für das zweite. Welche Bedeutung und welche Folgen das im Einzelnen hat, lässt sich nicht voraussagen. Die Kinder sind nicht nur an unterschiedlichen Plätzen in einer Familie, sondern bringen auch verschiedene Anlagen mit und verarbeiten zum Beispiel alles mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Empfindungen, wie Sie das im Abschnitt "Anlage und Umwelt" nachlesen können. Wie also ein älteres Kind auf das nächste reagieren wird und wie ein jüngeres Kind mit dem älteren konkurrieren wird, das erleben wir erst, wenn sie da sind. Abhängig aber ist die Deutung, die sich jedes Kind für sich selbst und seiner Bedeutung in dieser Familie gibt von der Sichtweise des Kindes selbst. Es interpretiert sich als Person und sich in seiner Rolle als erstes (zweites, drittes, viertes ...) Kind selbst. Und diesen Entscheidungsprozeß, der für das Selbstbild dieses Kindes (und später dieser Person als Erwachsener) von großer Bedeutung ist, können wir zwar nach bestem Wissen und Gewissen positiv zu beeinflussen suchen. Letztendlich aber entscheidet jedes Kind für sich selbst, wie es sich und die anderen wahrnimmt, wie es seine Beziehungen zu den anderen Familienmitgliedern erlebt und was es daraus macht. In
recht anschaulicher Weise trägt Wolfgang Endres in seinem Buch "Geschwister"
(Weinheim 1992) einige Forschungsergebnisse über die Auswirkungen der Geschwisterkonstellation
vor und bezieht sich dabei auf die Arbeiten von Auch Eltern von Einzelkindern stellt sich die Frage nach Besonderheiten und/oder Benachteiligungen ihrer Tochter/ihres Sohnes. Gestützt werden Befürchtungen darüber, dass es Einzelkinder in späteren Entwicklungsphasen schwerer haben könnten als Kinder, die mit Geschwistern heranwachsen von dem Vorurteil, dass sie egoistischer seien. Rita Kohnstamm bestätigt anhand vorliegender Forschungsergebnisse, dass Einzelkinder "im allgemeinen" zwar weniger Bedürfnis nach sozialen Kontakten hätten, dafür aber, vermutlich wegen der fehlenden Konkurrenzerfahrung, kooperativer sein könnten. Dass aber Einzelkinder gleichsam "Egozentriker" sind, kann die Forschung nicht bestätigen. Ganz allgemein gilt für Einzelkinder dasselbe, was in bezug auf die Entwicklung in einer Familie auch von Geschwisterkindern gesagt wurde und zusammenfassend können wir festhalten: Zu
der Umwelt eines Kindes, die seine Entwicklung maßgeblich beeinflusst, gehört
seine Stellung in der Familie und damit der Charakter der Beziehungen zu den anderen
Familienangehörigen und zwar: wie dies alles das Kind wahrnimmt. Die unterschiedlichen
Anlagen und die jeweils völlig verschiedenen Situationen, in die ein Kind
hineingeboren wird und sich entwickelt begründen in gegenseitiger Wechselwirkung
die eigene Persönlichkeit eines jeden unserer Kinder.
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2 Geschwister streiten besonders häufig. Der Grund liegt auf der Hand und ist für alle, die selbst Geschwister haben, leicht nachvollziehbar: Die Geschwistereifersucht, auf deren Normalität Alfred Adler als erster hingewiesen hat , sind allgemein verbreitet. Allerdings finden wir die darauf zurückzuführenden Symptome nicht nur bei Geschwistern. Auch Kinder in Kindergruppen in Kindergarten, Schule oder Heim neigen dazu, eifersüchtig darüber zu wachen, dass alle das "gleiche" bekommen, niemand sich bei gemeinsamen Mahlzeiten ein größeres Stück nimmt, als man selbst es hat. Ich denke da zum Beispiel an das Dessert am Familientisch. In der Küche wurden die Portionen abgefüllt. Kommt dann das Tablett mit den Schüsselchen auf den Tisch, misst jedes Kind - zumindest mit den Augen - ob auch überall gleich viel drin ist. Unsere Geschwister daheim halten sogar Schokoladenriegel nebeneinander und prüfen, ob auch wirklich jeder ein gleich langes Stück bekommen hat. Sogar bei Erwachsenen kann man derartige, im Grunde Ichbezogene - Verhaltensweisen beobachten. Bei Familie Ypsilon war es der Vater, der für sich das größte (das beste) Stück (Fleisch, Kuchen u.a.m.) beanspruchte. Er hatte es so von seinem Vater gelernt. Und außerdem war er der jüngste von drei Geschwistern. Der
Platz in der Geschwisterreihe wirkt sich aus . Jedes Kind fühlt sich durch
ein nachfolgendes Geschwisterchen aus seinen Rechten verdrängt und reagiert
darauf mit Eifersucht, die sich jedoch nicht immer in Aggressionen gegen den Eindringling
äußern muss. Es gibt Kinder, die fallen in bereits überwundene
frühkindliche Verhaltensweisen zurück, wenn sie wieder am Daumen lutschen,
einnässen oder unruhiger und widersetzlicher werden. Wenn dann noch die Eltern
die Situation mißverstehen und das Kind bestrafen, dann fühlt es sich
bestätigt in seiner Vermutung, dass das neue Kind ihm die Liebe von den Eltern
weggenommen hat. Wenn ein Kind befürchtet, die Liebe und die Beachtung seiner
Eltern zu verlieren, dann wird es mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln
um elterliche Zuwendung kämpfen. Und wenn das nicht durch Wohlverhalten geht,
dann eben im Bösen. Aggressivität und Zerstörungswut haben nicht
selten darin ihre Ursachen. Und wenn die Mutter hundertmal sagt: "Ich habe
dich genau so lieb, wie deine Schwester, deinen Bruder...", reden nützt
nicht viel. Beweise braucht das Kind. Bei
der Frage nach dem Umgang mit dieser Problematik im Familienalltag ist also zunächst
noch einmal darauf hinzuweisen, dass Eifersucht unter Geschwistern, genauso wie
Rivalität unter Kindern überhaupt, normal ist. Für das Einzelkind
tritt unter Umständen ein Elternteil an die Stelle eines fehlenden Geschwisterchens.
Eltern,
die wissen, dass Eifersucht mit all ihren Folgen normal ist, stellen sich darauf
ein und betrachten eventuell auftretende Verhaltensänderungen ihres älteren
Kindes nicht als gegen sich gerichtet. Außerdem
gilt auch hier alles, was für den Umgang mit Aggressivität und Gewalt
gültig ist: Ruhe, Gelassenheit und weitestgehende Neutralität sind immer
noch besser, als sich bei jeder Gelegenheit einzumischen. Es ist zwar leichter
gesagt als getan: "Behalte immer die Nerven!" Nur, wenn wir sie verlieren
und dazwischenfahren, schimpfen, drohen oder gar schlagen, dann ist das unser
Problem. Verwechseln wir also nicht Ursache und Wirkung.
Wenn Kinder sich streiten, so lautet unsere Erkenntnis, dann ist das normal. Wenn wir uns darüber aufregen, dann ist das eine Angelegenheit unserer eigenen nervlichen Belastbarkeit in dieser Situation. |
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3 Auf
Vergleiche verzichten: Bei
Bestrafungen doppelt zurückhaltend sein! Die
direkte Beschäftigung mit dem Baby fördern! Der
Vater wird besonders wichtig. Wir
wollen uns um relative Gleichbehandlung bemühen!
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4.
Eine hohe Sensibilität ist also von uns gefordert. Dennoch lassen sich viele in der Geschwisterrivalität begründeten Konflikte, nicht vermeiden. Wir müssen uns damit abfinden und sie aushalten. Nur wenn wir die Nerven behalten, ruhig und bestimmt die Unterschiede leben und vertreten, die nun einmal entwicklungsbedingt vorhanden sind, lernen die Geschwister mit den Jahren, dies auch zu akzeptieren. Etwas
erleichtern könnten sich Eltern die Geschwisterproblematik dann, wenn das
zweite Kind geboren wird, während das erste erst ein Jahr alt oder bereits
im vierten Lebensjahr oder älter ist. In ganz frühen Lebensphasen wird
die Rivalität (die immer vorhanden ist - auch bei Zwillingen) noch nicht
so stark erlebt und die Widerstände müssen darum nicht so groß
sein. Ältere Kinder hingegen, die also die erste Lösungsphase bereits
hinter sich haben, widmen sich gern dem Baby. Sie sind nicht mehr gar so sehr
mit sich selbst beschäftigt und freuen sich auf das kleine Geschwisterchen,
kümmern sich zeitweilig gern um das Kind und können bereits recht gut
von ihrem Verstand her begreifen, dass so ein kleines Kind mehr Fürsorge
braucht und gönnen ihm das auch. Allerdings sollten die Eltern in bezug auf
die Betreuungsaufgaben älterer Geschwister jüngeren gegenüber,
keine zu hohen Erwartungen stellen. Kinder helfen generell gern, wenn sie dazu
nicht gezwungen werden. Dies trifft auch für Leistungen zu, die von ihnen
erwartet werden, wenn es um die Geschwister geht. Je
weniger wir einklagen, um so mehr erhalten wir auch. Andererseits
ist zu bedenken und wohl dosiert zu beherzigen:
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Dieser Text findet sich in modifizierter Forn auch in dem Büchlein über den Umgang mit kindlichen Agrressionen, das beim Ernst Reinhardt Verlag in München erschien. Rumpf, Joachim: Schreien, schlagen, zerstören. München 2002
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Ergänzende Hinweise auf Schriften, auf die hier Bezug genommen wurde: Kinder
fordern und heraus. Wie erziehen wir zeitgemäß? Stuttgart 14/1983 Arnold Gesell: Säugling und Kleinkind in der Kultur der Gegenwart. Bad Nauheim 8/1971. Die Arbeiten von Gesell, die bereits in den vierziger Jahren erschienen, zählen zu den entwicklungspsychologischen Standardwerken Rita Kohnstamm spricht von einem "ungünstigen Zeitpunkt", zu dem die meisten zweitgeborenen Kinder auf die Welt kommen. In: Praktische Kinderpsychologie. Die ersten sieben Jahre. Bern 3 / 1990, S. 103 vgl. auch: Wolfgang Endres: Geschwister... sie haben sich zum Streiten gern. Weinheim 1994 / 2000 Alfred Adler:Praxis und Theorie der Individualpsychologie. München 1930 Vgl. u.a.: Beer, Ulrich: Einzelkind. Charakter und Chancen. Herbolzheim (Centaurus) 2006 Beer, Ulrich: Geschwisterrollen. Von Prinzen und Nesthäkchen. Herbolzheim (Centaurus) 2004 Karl Bühler: Abriss der geistigen Entwicklung des Kleinkindes. München 1939, S. 178ff Dörpinghaus, Eva: Das Einzelkind. München 1992 Kümpel, Margarete: Typisch Einzelkind? So gewinnt ihr Kind soziale Kompetenz. Stuttgart 2003 Kasten, Helmut: Geschwister. Vorbilder, Rivalen, Vertraute. München 2001
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