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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Über den Umgang mit Geld

  

 

 

 

Einführung

Vom Geld ist eigentlich in der Pädagogik selten die Rede. Davon spricht man nicht. Geld verdienen, Einkünfte haben, finanziell gesichert zu sein oder wie ein Mensch mit Geld umgehen können sollte, ohne sich zu übernehmen: alles das sind keine offiziellen Zielvorstellungen von Erziehung und Bildung. Was später in Beruf und Privatleben selbstverständlich ist, fällt in der pädagogischen Literatur und Ausbildung unter den Tisch. Dabei spielt das Geld in unseren, auf Geldwirtschaft beruhenden gesellschaftlichen Systemen im Leben des Einzelnen, wie für die Gemeinschaft eine ganz zentrale, in nicht wenigen Fällen: die zentrale Rolle. Übrigens auch in jenen sozialen Feldern, in denen das Heil des Menschen nicht in materiellen Gütern, sondern in seiner Seele gesehen wird. Zu denken ist da zum Beispiel an die Religionsgemeinschaften, die von alters her das Ausmaß der Verbindung ihrer Glieder zur Kirche am Spendenaufkommen maßen. Kürzlich sagte unser Bürgermeister in der Gemeindeversammlung, dass vom Kirchensteueraufkommen auch unser Kindergarten mitfinanziert wird. Bei vielen Gelegenheiten wird also an Geld gedacht und es ist ein allgemein anerkannter Wert, Geld zu verdienen, Geld zu haben oder gar vermögend zu sein. Reichtum (und Schönheit) sind gültige Ideale in unserer Zeit und in unserer Gesellschaft. Diese Ideale sind so absolut, dass es in der Regel gleichgültig ist, auf welche Weise jemand zu seinem Reichtum kam, wenn er dabei nur nicht allzu offensichtlich geltendes Recht verletzte.

In diesem Kapitel über die Erziehung und Bildung in der Familie geht es um Informationen darüber, welche Bemühungen von Elternseite sich bewährt haben, wenn sie ihren Kindern einen wirtschaftlich verantwortbaren Umgang mit diesem kostbaren Gut vermittelten.

Wer von Ihnen, liebe Besucherin, lieber Besucher, andere Erfahrungen als die hier mitgeteilten gesammelt hat oder ganz andere Auffassungen über den Umgang mit Geld vertritt, ist herzlich eingeladen, mir das mitzteilen. Ihre Zuschriften werden von mir gern veröffentlicht


Wie Kinder wirtschaften lernen

In unserem Alltag verbringen wir viele Stunden damit, Geld zu verdienen und andere Stunden, um Geld auszugeben.
Auf diese gesellschaftliche Wirklichkeit bereiten wir unsere Kinder selbstverständlich vor: Sie erleben tagtäglich, welchen Wert Geld hat. Ohne Geld kann man nicht einkaufen gehen. Die hierfür notwendigen Voraussetzungen schaffen wir uns, in dem wir Geld herbeizuschaffen suchen und es so verwalten, dass wir keine Not leiden müssen.
Kindern geht es in Bezug auf die Einkommensquelle ihrer Eltern so wie den Erwachsenen in Bezug auf die Reichen in der Gesellschaft: sie fragen nicht danach, auf welche Weise das Geld erworben wurde. Wohl aber interessiert es unsere Kinder bereits, wieviel Geld vorhanden ist. Bevor sie erfahren, auf welche Weise Mutter oder Vater Geld verdienen, erleben sie, dass man nicht beliebig viel Geld zur Verfügung hat, dass man haushalten oder gar sparen muss.
Und es ist an dieser Stelle hinzuzufügen: hoffentlich erfahren das alle Kinder und so früh wie möglich. Denn die Aufgabe der Erziehung in diesem Punkt kann sich nicht mit der Vermittlung von Informationen darüber begnügen, dass jedermann Geld gegen Leistung erhält. Wir müssen unsere Kinder dazu anhalten, mit Geld wirtschaften zu lernen .also mit einem bestimmten Betrag über eine bestimmte Zeit auskommen zu müssen. Wer den Umgang mit Geld nicht gelernt hat, wer also nicht "wirtschaften" kann, dem helfen keine Bildungsabschlüsse, nicht die Höhe seiner Einkünfte oder gar ererbte Vermögen auf Dauer aus den Schwierigkeiten heraus, die er sich einbrockt.

Was heißt denn nun "wirtschaften lernen"? Das heißt, wie eben festgestellt, mit einer bestimmten Geldmenge eine bestimmte Zeit auszukommen. Bei Gehalts- und bei Lohnempfängern beträgt diese Frist einen Monat.
Das heißt zum anderen, diese Geldmenge - also das Monatseinkommen - so aufzuteilen, dass es für alle lebensnotwendigen Aufwendungen in zumindest für diesem Zeitabschnitt reicht. Wir alle kennen das und wissen, dass wir neben den Kosten für Lebensmittel, die für Kleidung, Miete und Mietnebenkosten, Telephon, Auto u.a. zu kalkulieren haben. Im Grunde braucht jedes Familienbudget seine eigene Ausgabenplanung und -Kontrolle. Ausgaben für Kleider, Möbel oder andere größere Aufwendungen sind aus einem Monatseinkommen allein nicht finanzierbar.
Das heißt also zum dritten: Hier müssen Anteile aus mehreren Monatseinkommen zusammenkommen, also zurückgelegt oder gespart werden, um sich diese Ausgaben leisten zu können.

Diese drei Elemente der Haushaltführung vermitteln wir Kindern dann, wenn sie auf die gleiche Weise lernen, ihr Taschengeld zu verwalten. Sobald unser Kind in der Lage ist, eine Woche zu überblicken, gleichsam sieben Tage planen zu können - und das ist im allgemeinen so im achten Lebensjahr der Fall - erhält es ein eigenes, das heißt frei verfügbares Budget. Wieviel Geld aber können wir den Kindern geben? In der Taschengeldhöhe können wir uns nach den Taschengeldsätzen richten, wie sie für Kinder in öffentlicher Erziehung gezahlt werden. Die Höhe ist wie Löhne und Gehälter auch, verschieden. Sie betrug zum Beispiel im Jahre 2005:

 

Taschengeld für Kinder in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe (z. B. Kinderheime)
Kleidergeld für Kinder in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe (z. B. Kinderheime)
bis zur Vollendung des
monatlich in Euro
bis zur Vollendung des
monatlich in Euro
5: Lebensjahes
4
6. Lebensjahres

6: Lebensjahres
5
Mädchen und Jungen
26
8: Lebensjahres
9
13. Lebensjahres

10. Lebensjahres
13
Mädchen und Jungen
31
12. Lebensjahres
18
ab 14. Lebensjahr

14: Lebensjahres
27
Jungen
36
16. Lebensjahres
36
ab 14. Lebensjahr

18. Lebensjahres
42
Mädchen
41
ab Volljährigkeit
90


 

Dieses Taschengeld erhalten in genau dieser Höhe alle Kinder regelmäßig. Auf diese Weise wird den Kindern ermöglicht, ihrerseits das Geld einzuteilen. Für unsere Familien sind diese Daten eine wertvolle Orientierungshilfe sein: Natürlich werden wir eltern variieren: Wenn unsere Kinder älter werden, können wir ihnen ihr Geld auch monatlich zahlen beziehungsweise überweisen. Es hat sich im Rahmen der "Gelderziehung" als durchaus zweckmäßig erwiesen, Kindern ein eigenes Girokonto einzurichten. So gewöhnen sie sich früh an den Umgang mit Banken oder Sparkassen und zum Beispiel daran, Kontoauszüge lesen zu können.

Natürlich entscheiden die Kinder selbst, was sie mit ihrem Geld machen. Dies ist auch im Bürgerlichen Gesetzbuch so verankert: Bei Beträgen, die sich im Taschengeldrahmen bewegen, sind Minderjährige geschäftsfähig (vgl. § 110 BGB).
Zur eigenen Verantwortung gehört aber auch, Konsequenzen aus seiner Haushaltsführung zu tragen. Das heißt unter anderem: wenn das Geld ausgegeben ist, dann hat ein Kind nichts mehr. Wir Eltern dürfen ohne Not keinen Zuschuss oder einen Vorschuss gewähren. Hier wird sich wieder einmal bewähren, wenn wir uns daran gewöhnt haben, konsequent Grenzen zu setzen. Als Druckmittel setzen wir Geld nicht ein. Das heißt, wir verzichten darauf, das Taschengeld zu sperren oder gar Geldstrafen zu verhängen. Dagegen kann es im Ausnahmefalle richtig sein, ein Kind dazu anzuhalten, sein Taschengeld oder Teile davon zur Wiedergutmachung einzusetzen. Wenn es zum Beispiel einem anderen Kind absichtlich oder leichtfertig einen Vermögensschaden zugefügt hat, sollte es sich angemessen an der Wiedergutmachung beteiligen.

Hierfür ein Beispiel: unser Kind leiht sich ein Fahrrad beim Nachbarkind aus, obwohl es von uns immer wieder hörte, dass man nichts leihen oder verleihen sollte. Mit diesem Fahrrad stürzt es. Unser Kind hat sich dabei verletzt, was wir, trotz allem Schreck als hilfreiche Konsequenz ansehen dürfen. Das Fahrrad aber war ebenfalls beschädigt und musste repariert werden. Wir Eltern oder unsere Versicherung haben die Kosten zu übernehmen. Unser Kind aber wird daran beteiligt. Der zu entrichtende Betrag wird vom Alter und der Vermögenslage unseres Kindes abhängen. Einen Erstklässler werden wir vielleicht mit einer oder zwei Euro beteiligen. Einen Achtklässler entsprechend höher. Es hat sich für die Wirkung dieser Wiedergutmachung als wertvoll erwiesen, wenn unser Kind seinen Anteil persönlich überreicht. Es ist diesem Wiedergutmachungsprozess jede Anonymität zu nehmen!

Nicht in allen Familien reicht das Einkommen aus, um den Kindern regelmäßig ein angemessenes Taschengeld zu bezahlen. Generell gilt, was schon in unseren Kindertagen üblich war: wir Eltern sollten unseren Kindern bei der Suche nach kleinen Jobs behilflich sein. Gerade wenn Kinder wissen, dass die finanzielle Not im Elternhause groß ist, könnten sie ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie von ihren Eltern Geld bekommen. Vielleicht fühlen sie sich dann auch nicht frei genug, ihr Geld auch für sich auszugeben. Wenn sie aber ihr Geld durch Hilfen beim Nachbarn oder in Ferienjobs verdienten, dann sind sie zufrieden, weil sie ihre Eltern in Bezug auf das Taschengeld entlasten können. Diese Überlegung aber darf nicht falsch gedeutet werden, wie am folgenden Beispiel erläutert werden soll:

Ernst freute sich auf seinen sechzehnten Geburtstag. Er wollte diesen Tag mit seinen beiden Eltern und mit der älteren Schwester verbringen, die ebenfalls, wie er, in einem Heim lebte und dort eine Ausbildung machte. Mutter und Vater, beide getrennt voneinander lebend und beide Sozialhilfeempfänger,. kamen auch in die nahe gelegene Kreisstadt, um dort, für drei Stunden vereint mit ihren beiden Kindern, Ernsts Geburtstag zu begehen. Am Abend im Heim zurück, erzählte er, wie es war. Mutter und Vater führten die Kinder in eine Gaststätte. Als es ans Bezahlen ging, hatte, außer der neunzehnjährigen Tochter, niemand Geld dabei. Sie musste nun die Zeche von ihrem Taschengeld bezahlen, was sie auch gern und klaglos tat. Sie hatte auf Grund ihrer Erfahrungen mit Mutter und Vater schon damit gerechnet. Und den Eltern war das nicht ein bisschen peinlich.

Dieses Geburtstagsereignis war im Frühling 2003, also keineswegs in längst vergangenen Zeiten. Möglicher Weise bedienen sich in unserer Gesellschaft auch andere Eltern und durchaus nicht um ihnen eine Freude zu machen, aus dem Vermögen ihrer Kinder. Dort wo das so ist, fällt es Kindern schwer, richtig mit Geld umgehen zu lernen.

In vielen Familien besteht unter Umständen die Gefahr, dass Kinder zuviel Geld zu ihrer freien Verfügung haben. Es kann eine Gefährdung für die Entwicklung von Kindern bedeuten, wenn wir Eltern uns zuvor nicht erst davon überzeugt haben, dass unsere Kinder mit Geld umgehen können und es ohne Schaden zu nehmen, verwenden. Natürlich sind die Maßstäbe verschieden. Es gibt sicher Eltern, die sich nicht gern an die Budgerichtlinien der öffentlichen Hand orientieren wollen: den einen ist die Taschengeldhöhe zu gering; Anderen wieder zu hoch.Auch in Bezug auf die Verwendung haben Erwachsene unterschiedliche Vorstellungen. Während ein Elternpaar nichts dabei findet, wenn sich ein Achtjähriger einen Schokoriegel kauft, möchten andere Eltern lieber, dass er sein Geld für eine Banane ausgibt.
Doch hierzu gibt es keine Regeln aus der Pädagogik, sondern allein das Gebot, dass Kinder selbst entscheiden können sollten, wofür sie ihr Geld ausgeben! Es muss in allen Fällen in diesem so wichtigen und für die Zukunft der Kinder so bedeutungsvollem Gebiet, das Prinzip der Eigenverantwortung konsequent angewendet werden, wenn sie lernen sollen, mit Geld angemessen umzugehen.
Die Rahmenbedingungen sind auch in diesem Bereich unseres Familienlebens wichtig. Hierzu sind einige günstige Verhaltensweisen zu rechnen, die nachfolgend genannt und erläutert werden:

 

 

Einige Rahmenbedingungen und Erfahrungen

1. Selbstverständlichkeit:
Alle hier erwähnten Einstellungen und Verhaltensweisen werden selbstverständlich im Alltag umgesetzt. Das heißt, dass sie nicht besonders betont werden oder sonstwie aus dem üblichen Rahmen unseres Zusammenlebens herausfallen. Wir geben ihnen den Charakter der Selbstverständlichkeit über das sich gesondert zu reden nur dann lohnt, wenn wirklich gravierende Ereignisse dazu auffordern: Solche Ereignisse können sein: eine besonders große Ausgabe, das erste Taschengeld, das erste selbstverdiente Geld.

2. Offenheit:
Was Mutter und Vater verdienen ist zwischen ihnen kein Geheimnis. Wenn Kinder sich dafür interessieren, wenn sie also von sich aus nachfragen (ernst zu nehmen ist ein entsprechendes Interesse etwa ab der Pubertät); sollte offen darüber gesprochen werden. Jüngere Kinder geben sich zufrieden, wenn ihnen gesagt wird, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchen, da es immer genug zu essen geben wird und man über die Einkommenshöhe nicht sprechen möchte. Die Finanzsituation einer Familie gehört zu deren Intimsphäre; es müsste also sichergestellt sein, dass entsprechende Kenntnisse in der Familie bleiben und von den Mädchen und Jungen nicht nach Außen getragen werden. Unsere Heranwachsenden haben, wenn sie sich überhaupt dafür interessieren, hierfür auch Verständnis.

3. Gemeinsamkeit:
Gerade was Budgetverwaltung und Rücklagen für bestimmte Ausgaben (Miete, Ferien, neues Auto, oder eine andere größere Anschaffung) betrifft, stellen wir in Familien dann eine beiläufige Gemeinsamkeit her, wenn Vater und Mutter derartige Probleme und Entscheidungen in Gegenwart ihrer Kinder besprechen. Der beiläufige, selbstverständliche Charakter wird gewahrt, wenn solche Gespräche bei Tisch oder während gemeinsamer Autofahrten stattfinden, die Kinder also Zeugen dieser Gespräche werden, ohne daran teilnehmen zu müssen. Kinder können bei derartigen Gelegenheiten sich in der Art und Weise an Gesprächen beteiligen, die ihrem Reife- und Interessensstand entsprechen. Gesonderte Familienkonferenzen zu diesen Fragen sind nicht nötig. Sie gäben den entsprechenden Vorgängen und Entscheidungen eine Bedeutung, die sie normalerweise im kindlichen Erleben nicht haben. Wenn Eltern freilich daran denken, ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen, sind sie gut beraten, ihre Kinder in diese Vorbereitungen einzubeziehen und es läSSt sich als Faustregel festhalten: je größer (einschneidender oder bedeutungsvoller) die Folgen von Ausgabenanlässen voraussichtlich für die Kinder sein werden, um so eher sollten die Kinder in Informations- und Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden.

4. Konfliktfreiheit:
Überall dort, wo um das Geld herum im Lebensbereich der Kinder gestritten wird, ist die Gefahr groß, dass Kinder bei dem Gedanken an Geld Ängste entwickeln. Der Umgang mit Geld wird dann nicht von der hierfür notwendigen Gelassenheit bestimmt, sondern von anderen Gefühlen begleitet. Es sind nicht zuletzt tief verwurzelte, weil in der Kindheit aus der familialen Umgebung aufgesogene Ängste und Sorgen, die bei dem Einen später zu Raffgier bei einem anderen zu Geiz, bei wieder anderen Personen zum Streben nach Sicherheit um jeden Preis führen können. Sorgen um "das liebe Geld" kennen wir alle. Es wird wenig Lebensgeschichten geben, in denen in dieser Beziehung immer alles glatt gegangen ist. Mancher von uns kennt das bedrückende, in der Nähe panischer Angst angesiedelte Gefühl, das dann auftritt, wenn man plötzlich ohne Geld dasteht, wenn man, im Regelfalle selbstverschuldet, "pleite" ist. Doch wenn Erwachsene Probleme im Umgang mit Geld haben, ist das ihre Sache. Sobald Kinder davon betroffen sind, ändert sich das. Nirgendwo tritt die Elternverantwortung deutlicher zu Tage, als in diesem Bereich. Das heißt, wenn Kinder zu versorgen sind, muss mit Geld so umgegangen werden, dass es keine gravierenden Mangelsituationen und dass es deswegen keine Konflikte gibt. Wer hier Probleme hat, tut gut daran, sich schleunigst nach Hilfe umzutun. Alles ist erlernbar: auch eine richtige Haushaltführung.

6. Geldschwierigkeiten:
In verschuldeten oder unverschuldeten Notsituationen - zum Beispiel hervorgerufen durch Überschuldung und/oder Arbeitslosigkeit - ist es dringend nötig, ebenfalls den Kindern offen die Verhältnisse darzulegen und sie nicht zu verschleiern. Kinder verstehen unsere Sparsamkeit besser, wenn sie deren Gründe kennen. Wenn sie nicht Bescheid wissen, kommen sie vielleicht auf die Idee, wir würden ihnen ein neues Fahrrad darum nicht kaufen, weil wir sie nicht mögen oder weil uns etwas anderes wichtiger ist, als sie es sind.
Das andere Extrem ist natürlich genau so schädlich: Wenn jemand nur wenig Geld hat und eigentlich kaum über die Runden kommt und dennoch ein besonders teures Fahrrad kauft und dabei Schulden machen muss, handelt er schlichtweg falsch. Vielleicht meinen diese Eltern "aber mein Kind darf das nicht merken / soll darunter nicht leiden" und was es dieser Sprüche noch mehr geben mag. Unter Umständen geht es überhaupt nicht um das Kind sondern viel mehr um das Ansehen bei den Nachbarn: "die sollen nicht denken, dass wir uns das nicht leisten könnten!"
Wer sich um derartiger Äußerlichkeiten wegen in Schulden und damit nicht selten in große Not stürzt, der tut seinen Kindern keinen Gefallen. Kinder lieb haben, das heißt nicht Kinder "kaufen" sondern ihnen gegenüber offen sein, ihnen vertrauen und mit ihnen Leid und Freud teilen. Natürlich können Kinder traurig sein oder gar zornig, wenn wir ihnen erklären, dass wir ihnen ihre Wünsche nicht erfüllen. Sind sie sich aber unserer Liebe gewiss, dann wird das unsere Beziehungen nicht trüben.

Der Deutsche Caritasverband hat festgestellt, dass "Jugendliche immer häufiger pleite" sind: Neben Arbeitslosigkeit, Scheidung und Krankheit spielen bei jungen Menschen Unerfahrenheit und übersteigerte Konsumansprüche eine große Rolle bei der Überschuldung. Wo aber haben die Betroffenen Schuldner den Umgang mit Geld und Bankgeschäften gelernt? Die Vermutung ist berechtigt, dass das Vorbild von uns Älteren wirkt. In der Tagespresse ist zu lesen, dass zur Zeit so viele Haushalte zahlungsunfähig seien, wie noch nie nach der Wiedervereinigung. Gerade weil Kreditinstitute und Kaufhäuser, Autohändler und Reiseunternehmer, um nur einige Branchen zu nennen, unkritischen Kunden den Mund wässerig machen, lassen sich immer mehr Frauen und Männer verführen. Geldgeschäfte kennen keine Moral sondern allein rechtliche Rahmenbedingungen. Die Pädagogik aber ist ohne Moral, ohne Werte und Normen, undenkbar. Immer geht es in der Erziehung auch um Zielfragen.


Und wohin wollen wir unser Kind in Bezug auf den Umgang mit Geld führen? Zu einem Schuldenberg? Leichtfertig übernehmen nicht wenige Eltern die Maßstäbe, die von Bildschirmen und in aufwendigen Verkaufs- und Werbekatalogen in die Wohnstuben hereinkommen. Von einem bekannten Kreditinstitut war zu lesen, dass ihm es immer wieder gelingt, Menschen dazu zu verführen, viele Tausend Euro Schulden zu machen. Nicht selten mit dem Versprechen: Sie können sich heute alle Wünsche erfüllen - wir helfen Ihnen dabei. Die Schuldnerberatungsstellen landauf landab wissen ein Lied vom Leid all jener Frauen und Männer zu singen, die nicht haben warten wollen, bis sie genügend Geld erspart hatten.

Schulden kann nur jemand machen, der einen Gegenwert besitzt. Zum Beispiel ein sicheres Einkommen oder - im Falle einer Hypothek - ein Haus. Und die Höhe der monatlichen Verpflichtungen darf das tägliche Brot und alles, was dazu gehört, wie das Taschengeld der Kinder, nicht gefährden. Und gar einen Kredit aufzunehmen für einen Gegenstand, den man leichte verliert, beziehungsweise dessen Wert verfällt, so wie das zum Beispiel bei einem Auto der Fall sein kann, wenn es beschädigt oder gar durch einen Unfall unbrauchbar geworden ist, ist schlichtweg zu riskant und ohne entsprechende Absicherungen unverantwortlich.

Wir sollten im Alltag unseren Kindern vorleben, dass man ruhiger schläft und ausgeglichener sein kann, wenn man nicht mehr ausgibt, als man einnimmt.

7. Diebstahl:
Was tun, wenn wir entdecken, dass unser Kind heimlich Geld an sich genommen hat? Zunächst einmal ist zu diesem Problem daran zu erinnern, dass es auch in unserem Leben Phasen gegeben haben mag, in denen wir lange Finger hatten oder mit dem Gedanken spielten, uns auf diese wenig akzeptierte Weise etwas anzueignen.
Keine Sorge, liebe Eltern! Wenn Diebstahl nicht zu unserer, der Eltern, Alltagsnorm gehört, dann übernehmen unsere Kinder genauso selbstverständlich unsere Vorstellungen von "Mein und Dein", wie sie die meisten unserer Wertvorstellungen bewahren. Abweichungen oder Krisen auf diesem Wege gehören zu unserem Leben. Wie wir damit umgehen können zeigt Ihnen das folgende Beispiel:

Beim Betten richten entdeckt die Mutter bei ihrer achtjährigen Tochter einen Fünfzigeueoschein. Da das Kind über eine derartige Summe auf legale Weise nicht verfügen konnte, musste der Geldschein aus einem der Elterngeldbeutel, die stets offen in der Holzschale auf der Kommode liegen, stammen. Die Familie gehört zu jenen, in denen man nicht unbedingt den Verlust eines Geldscheines gleich bemerken muss, da einmal genügend Geld vorhanden ist und zum anderen Vater und Mutter je nach Bedarf und ohne vorherige Absprachen über das Haushaltsgeld verfügen. Wohl aber war den Eltern aufgefallen, dass das Mädchen in den letzten Tagen stiller und schlechter gelaunt war, als sonst üblich. Was tun? Zunächst ließ die Mutter den Geldschein im Versteck und die Eltern berieten miteinander über ihr weiteres Verhalten. Nur kein Drama daraus machen! Das war die erste Devise und die zweite: wir müssen dem Kind helfen, aus seiner schwierigen Situation wieder herauszukommen. Denn dass das Mädchen sich nicht wohlfühlt, zweifellos von Schuldgefühlen geplagt wird, ist wegen der schlechten Laune ja offensichtlich. Da die direkte Ansprache: "hör mal, ich habe da was bei Dir gefunden ..." wohl auch nicht der richtige Weg war, verständigten sich die Eltern darauf, dem Kind voll vertrauen zu wollen. Das heißt, darauf zu vertrauen, dass es selbst den Weg aus dem selbstverschuldeten Dilemma findet.
Die einzige konkrete Hilfe hierzu ist der bewusst hergestellte persönliche Kontakt, wie das folgende Beispiel zeigt

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Da seit den frühen Kindertagen die Tochter gern vor dem Schlafengehen der Mutter ihre kleinen und großen Sorgen anvertraut oder ihre Tageserlebnisse berichtet hatte, blieb die Mutter am Abend etwas länger als sonst üblich zum Gute-Nacht-sagen in der Nähe des Bettes. Vier Tage mussten die Eltern warten. Noch immer lag der Geldschein in seinem Versteck. Am fünften war es dann soweit: die Tochter zog den Schein heraus, gab ihn der Mutter und erzählte ihr alles.
Die Mutter hörte die übliche Geschichte, die wir bei Kindern dieses Alters immer wieder erleben können. Das Mädchen wollte für das Geld Süßigkeiten und andere begehrenswerte Dinge kaufen und sie einem Nachbarskind schenken, das entsprechende Zuwendungen mehr oder weniger direkt zur Bedingung des Fortbestandes ihrer Freundschaft gemacht hatte. Etwa nach dem Motto: wenn du mir keine Schoki gibst, spiele ich nicht mehr mit dir. Und für die Wünsche der Spielgefährtin war das Taschengeld für die Tochter natürlich nicht berechnet.
Die Mutter nahm ihr Kind in den Arm und tröstete es. Und damit war die Angelegenheit erledigt und wurde nie wieder erwähnt. Das Mädchen wuchs heran; im Umgang mit Geld war sie stets zuverlässig, ehrlich und sorgsam.


8. Soziale Zwänge:

Es war im Zusammenhang mit den Bedürfnissen unserer Kinder die Rede vom "Vertrauen" und davon, dass wir ihnen etwas zutrauen müßten, wenn sie selbständig und souverän ihre Angelegenheiten meistern lernen sollen. Besonders in diesem Bereich - im Umgang mit dem Geld - haben diese Verhaltensregeln hohe Bedeutung. Sogar sparen lernen unsere Kinder, wenn wir nur das Vertrauen in sie setzen, dass sie verstehen, wenn wir nicht so viel Geld für sie ausgeben können, wie wir es gerne täten.

Auf einem Elternabend klagte ein Großvater darüber, dass sein Enkelkind Schwierigkeiten in der Schule bei seinen Klassenkameraden habe, weil er nicht ebenfalls einen Schulranzen der Marke XY besäße. Die Ranzen der Marke XY seien aber erheblich teurer als andere und es sei nicht einzusehen, dass das soziale Umfeld ein derartiges "Diktat" ausübe.
Der Großvater hat Recht: es ist tatsächlich nicht einzusehen, dass irgendwer irgendeinen Druck auf mein Kind ausübt, nur weil ich nicht mehr Geld ausgeben will, als ich für richtig halte. Und dem Druck beziehungsweise der Diktatur von Marken und Trends beugen sich unsere Kinder um so eher, je mehr sie den Eindruck gewinnen, nur auf diese Weise anerkannt zu sein. Die Eltern in der betroffenen Klasse beschlossen, sich gemeinsam mit ihren Kindern und den Lehrern einmal zusammenzusetzen und sich darüber zu unterhalten. Wenn sich auf diese Weise auch nicht alle Eltern überzeugen lassen, sich weiterhin dem Druck von Werbung und der Begehrlichkeit ihrer Kinder nachgeben, so kommt doch ein Dialog darüber zu Stande.

Wenn in Schulen in Baden-Württemberg darüber nachgedacht wird, ob man Kindern nicht eine Schuluniform verpassen solle, um dies leidige "Marken-Thema" in den Griff zu bekommen, so träfe eine solche Regelung nicht den Kern. Bei den Familien und den Schülerinnen und Schülern selbst wäre anzusetzen. Der Wirtschaftsmacht "Werbung" können wir nicht ausweichen. Sogar Schauspieler, Sportler oder Politiker reiten auf diesem Goldesel mit. Der einzelne Bürger kann sich dem allen nur dann entziehen, wenn er genug Selbstbewußtsein und Autonomie besitzt und außerdem die Kraft und den Mut hat, sich mit anderen, die ebenfalls diesem Einfluss widerstehen wollen, solidarisiert. Unsere Kinder aber sind dem hilflos ausgeliefert und meinen tatsächlich, dass ein Produkt Kinder froh macht oder dass eine bestimmte Jeans-Marke oder der Schulranzen aus dem Hause XY ihnen Ansehen geben.

Hier hilft nur vor Ort, in Kindergärten und Schulen laut und unmissverständlich andere Signale zu setzen, wenn unsere Kinder oder einige von ihnen zu leiden beginnen. Sobald wir uns einem Problem nähern, das viele angeht, wird uns die Bedeutung ökologischen Denkens vor Augen geführt, wie wir es im Kapitel über die Übereinstimmung in der Erziehung kennen gelernt hatten. Gerade wenn es um Themen geht, die Eltern und Kindern gleichermaßen großen Kummer bereiten und Auslöser vieler Familienkonflikte sind, wäre eine angemessene Öffentlichkeit in den Exosystemen "alle Eltern und Kinder einer Klasse oder Schule" und darüber hinaus "alle Bürgerinnen und Bürger eines Gemeinwesens" herzustellen. Hier sollten wir ansetzen und nicht bei Regierungen, Parlamenten oder Verwaltungsbehörden. Diese Exosysteme haben vielmehr die Verantwortung dafür, derartige Bestrebungen, wie ich sie hier vorschlage, vor Ort anzuregen und zu unterstützen.

Bei Erzieherinnen und Lehrerinnen und Lehrern laufen Eltern mit derartigen Anliegen offene Türen ein. Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Kinder wegen Normen, die nicht von uns akzeptiert werden, in Not geraten. Oft aber steht eine einzelne Familie all diesen sozialen Zwängen hilflos gegenüber. Und aus Sorge, dass ihr Kind zum Außenseiter werden könnte, geben sie dem Drängen ihres Kindes nach. Diesmal aber geht es nicht um die Frage: können wir uns das leisten oder nicht? Es geht immer auch darum, ob wir diese Geldausgaben wollen oder nicht wollen. Als Maßstab dienen uns die Bedürfnisse unserer Kinder. Darum hilft in diesen Situationen, vor allem wenn sie sich zu Gefährdungen für unsere Kinder auswachsen können (z. B. weil sie die Maßstäbe verlieren ...) nur gemeinsames Handeln. Überall, wo es zweckmäßig erscheint, endlich etwas zu verändern; bewährten sich bisher die folgenden Vorgehensweisen:


Kontaktaufnahme mit anderen Eltern/den Elternvertretern: geht es Ihnen genauso?

Kontaktaufnahme mit der Erzieherin/der Lehrerin/dem Lehrer: ist Ihnen das auch schon aufgefallen? Ich/wir möchten das Problem in einem Elternabend ansprechen.

Elternabend zum Thema: Soziale Zwänge in dieser Gruppe / Klasse / Schule
Auf dem Elternabend austauschen, überlegen und sich verständigen, welche Schritte eingeleitet werden.
Zum Beispiel: eindeutige Absprachen treffen über das, was alle wollen und was alle nicht wollen;

mit Kindern sprechen;

in die Öffentlichkeit gehen (Gemeindeblatt); Elternbriefe verfassen;

gemeinsam handeln und nach einer bestimmten Zeit in einem weiteren Elternabend schauen, was aus den Absprachen geworden ist.

Nur wenn in einer Gemeinde beziehungsweise in dem Einzugsbereich eines Kindergartens oder einer Schulklasse/einer Schule über diese Probleme öffentlich gesprochen wird oder sogar Übereinstimmung in der Vorgehensweise zwischen allen Betroffenen erzielt wird, besteht Aussicht; etwas zu verändern. Wir brauchen dieses Zusammenwirken, denn Eltern erziehen nicht allein!

 

 

Zum Schluss

Unschwer lässt sich erkennen, dass alle die hier besprochenen Bedürfnisse von Kindern nicht nur innerhalb einer Familie beachtet werden sollten, sondern in Kindergarten und Schule und darüber hinaus in unserem ganzen Leben eine gleichrangige Bedeutung haben. Es sei in diesem Zusammenhang noch einmal auf Pestalozzi verwiesen. Er war es, der dem Menschen die Aufgabe stellte, "Werk seiner selbst" zu werden. Wir können das, was Pestalozzi meinte, mit den von Maslow genannten Bedürfnissen vergleichen und sagen: nach der Befriedigung der physischen und Sicherheits- Bedürfnisse, sowie dem Wunsch nach Anerkennung und Akzeptanz von den Eltern und in den gesellschaftlichen Gruppen, erfüllt sich ein Menschenleben, wenn es dem Einzelnen gelingt, seinen eigenen unverwechselbaren Weg zu finden Es haben gewiss viele Mütter, Väter und Erzieherinnen und Erzieher in der eigenen Kindheit manches von dem entbehren müssen, was hier alles genannt worden ist. Und sie werden sagen: "trotzdem ist aus mir etwas geworden". Damit bringen sie zum Ausdruck, dass wir im Erwachsenenalter ein "Werk unser selbst" wurden. Der Pädagoge Armin Krenz überträgt gleichsam das Pestalozziwort in unsere Zeit, wenn er schreibt (In: Wie Kinder Werte erfahren. Freiburg 1999, S. 53):

"Ich bin der, der ich bin, und kann mich jederzeit ändern, wenn ich es will."

Auf unserem Willen also kommt es an und auf die Kraft, gegenüber uns selbst unseren Willen durchzusetzen, wenn wir etwas ändern möchten. Und auf diese Weise überwanden wir auch die negativen Erfahrungen unserer Kindheit und Jugend. Ob wir unseren Kindern diese Erfahrungen ersparen wollen und ihnen das geben, was sie für ihr Gedeihen brauchen, das liegt in unserer Verantwortung. Dass damit nur einige Grundbedingungen gegeben sein werden und im übrigen noch viel in Erziehung und Bildung zu tun bleibt, das zeigen uns jene Kapitel, in denen noch einige andere Themen aus dem pädagogischen Alltag in Familien besprochen werden. Stets aber denken wir an das zurück,
was Kinder brauchen, denn hier finden wir die meisten Antworten zum Beispiel auf die Fragen nach dem "Wie": Was kann ich tun oder was muss ich lassen, um zu erreichen, dass mein Kind selbständig wird und sein Leben meistert.

 

 

 

 

Görwihl im November 2006

 

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