Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf
 

 

 

Über die Verantwortung von Eltern

 

 

"Liebe ist Verantwortung eines Ich für ein Du"
(Martin Buber)

 

Einführung.
Die Verantwortung von Eltern

"Pflege und Erziehung sind das natürliche Recht der Eltern ...
... und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht", so steht es in unserer Verfassung. Legen wir die Betonung auf die Worte "ihnen" und "Pflicht", dann wird ganz deutlich, dass die Mütter und Väter des Grundgesetzes von der ganz natürlich erscheinenden Selbstverständlichkeit ausgingen, dass es in erster Linie die Eltern sind, die für ihr Kind Verantwortung tragen.
"Verantwortung" das heißt hier sowohl Rechte zu haben als auch Pflichten. Folgen wir dem Wortlaut des Verfassungsartikels und halten uns vor Augen, was mit den "Rechten" zussPflege und Erziehung von Kindern gemeint ist.
Im Grunde brauchten wir an dieser Stelle nur auf den ersten Teil zu verweisen und sagen:

" Eltern kommen ihrer Verantwortung nach, wenn sie dafür sorgen, dass alles, was ihr Kind zu seiner positiven Entwicklung braucht, auch gegeben ist"

 

1
Elternverantwortung und Alltag.

Wie Elternverantwortung im Alltag aussehen kann, wird in allen Kapiteln dieser Texte für Eltern an Beispielen gezeigt. Besonders in jenem Teil, der uns über die Bedürfnisse von Kindern etwas mitteilte. Fügen wir aber noch andere Beispiele unter dem besonderen Akzent der Verantwortung hinzuss.

Halten wir uns zunächst einmal die folgende Entscheidungssituation vor Augen: Im vierten Grundschuljahr werden von den Klassenlehrerinnen und Klassenlehrern in den staatlichen Schulen die "Grundschulempfehlungen" ausgesprochen. Die Eltern und ihre Kinder erfahren auf diese Weise, für welche Schule die Lehrer ein Kind für geeignet halten: Für die Hauptschule, die Realschule oder das Gymnasium. Kein Elternteil aber muss sich an diese Empfehlung halten. Nicht selten gehen bedeutend weniger Kinder zum Beispiel auf ein Gymnasium, als empfohlen worden ist. In der vierten Klasse, an die ich jetzt denke, waren es nur zwei Buben, obwohl vier Buben und fünf Mädchen hätten von den insgesamt achtundzwanzig Kindern gehen können. Alle Eltern der betroffenen Mädchen, hatten sich also gegen das Gymnasium entschieden. Es ist das "natürliche Recht" der Eltern, derartige Entscheidungen zusstreffen und sie brauchen über ihre Gründe niemanden darüber Rechenschaft abzulegen. Die Eltern haben also das Recht, darüber zu entscheiden, welche Schule ihr Kind besuchen soll.
Wenn allerdings Eltern der Auffassung sind, ihr Kind müsse aufs Gymnasium, obwohl es keine entsprechende Empfehlung erhalten hat, dann wird es schwierig. Dann zeigt sich nämlich, dass noch andere Träger von Erziehung und Bildung - hier Kindergarten und Schule - etwas zusssagen haben. Doch darüber nachher noch mehr.

Eltern bestimmen also vom Tag der Geburt an über ihre Kinder. Dieses Elternrecht erhalten bleibt bis zur Volljährigkeit eines Kindes erhalten. Ein Kind war noch vor vierzig Jahren erst mit 21 Jahren mündig, seither sind es unsere herangewachsenen Mädchen und Jungen mit 18 Jahren. Was das für Auswirkungen haben kann, zeigt uns ein anderes Beispiel:

Eine Sechzehnjährige möchte ausgehen. Die Eltern sagen: "Aber um zehn Uhr bist Du wieder daheim". "Ich geh doch aber nur zu Katja zum Geburtstag und nicht in die Disco." "Ist uns egal. Um zehn bist Du zu Hause. Punkt." Die Tochter muss um zehn Uhr abends daheim sein. Die Eltern haben dies zu bestimmen. Ob sie ihr Gebot auch durchsetzen können und wie sie das tun, das steht auf einem anderen Blatt.

Oder nehmen wir an, das gleiche Mädchen möchte am Samstagabend in die Diskothek zum Tanzen. Die Eltern haben nichts dagegen. Was aber die Ausgangsdauer angeht, haben nun nicht mehr allein die Eltern zu entscheiden. Das Jugendschutzgesetz verbietet Minderjährigen bis 14 Jahren den Aufenthalt in öffentlichen Lokalen generell.
Die Bestimmungen zum Schutze der Jugend haben ihre guten Gründe. Und jetzt erweist sich die Bedeutung des anderen Teils des Grundrechts: es ist zuvörderst die Pflicht der Eltern dafür zu sorgen, dass Gesetze, die auch zum Schutzes ihres Kindes verkündet worden sind, einzuhalten. Es ist also nicht in erster Linie Aufgabe des Veranstalters oder der Polizei darüber zu wachen, ob die Jugendschutzbestimmungen eingehalten werden. Vielmehr ist es die "zuvörderst" den Eltern obliegende Pflicht dafür zu sorgen, dass ihren Kindern nichts passiert.

Natürlich kann ein Gastwirt zur Verantwortung gezogen werden, der an Minderjährige Alkohol ausschenkt. dass aber die Eltern eigentlich die Verantwortung dafür tragen, dass ihre minderjährigen Kinder vor Schaden (zum Beispiel dem Weg in die Alkoholsucht) bewahrt werden, ist ebenso einsichtig wie logisch. Eltern stehen in Bezug auf das Tun und Lassen ihrer Kinder in der Verantwortung. Natürlich wird auch die Selbstverantwortung der Heranwachsenden zu berücksichtigen sein. Die ist um so größer, je älter sie sind. Und sie wird in vielen Fällen um so geringer sein können, je jünger ein Kind ist.

Natürlich müssen Eltern ihre Kinder vor Schaden bewahren. Doch da sind Eltern nicht selten recht großzügig und handeln unverantwortlich. Das ist zum Beispiel immer dann der Fall, wenn Kinder, die noch keine zwölf Jahre alt sind, auf dem Beifahrersitz eines Autos mitfahren oder auf dem Rücksitz nicht angeschnallt sind bzw. keinen Kindersitz haben. Wenn Eltern Verhaltensweisen mit ihren Kindern praktizieren oder sie ihnen erlauben, die - nicht ohne Grund - verboten sind, dann zeigen sie keine Verantwortung.

Selbstverständlich laufen Kinder gelegentlich Sturm gegen die Schranken, die ihnen hier auferlegt werden müssen. Im Familienalltag gibt es wegen dieses Grundsatzes der eingeschränkten Selbständigkeit und Selbstbestimmung, Konflikte zwischen den Kindern und ihren Eltern. Es ist darum sehr wichtig, dass Kindern - sobald sie es verstehen können - dies auch gesagt wird. Der noch heute übliche Satz: "Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch setzt, hast Du zu tun, was ich sage", ist freilich denkbar ungeeignet, Heranwachsende zum Verständnis unserer Sorgen um sie zu bringen.
Hier muss auch deutlich unterschieden werden: Einem Elternteil, der dieses Argument bringt, dem geht es nicht um sein Kind sondern um seine Macht über das Kind. Er will bestimmen, Macht ausüben und allein das Sagen haben.

Ein Elternteil, dem es in erster Linie um das Kind und dessen Wohlergehen geht, der wird einen derartigen Konflikt anders lösen. Bestehen zwischen Eltern und Kindern gute Beziehungen und werden ihnen zum Beispiel frühzeitig all jene Selbständigkeiten   eingeräumt, die sie bewältigen, dann warten unsere Mädchen und Jungen auch bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie endlich mündig sind.
Wir sehen also dass es in derartigen Situationen immer auch um die Frage geht:

Geht es mir um meine Macht, meine Autorität, mein Selbstbild, meine Eitelkeit, meine Interessen
oder geht es mir um mein Kind?

Auch über die unterschiedlichen Interessen zwischen kindlichen und elterlichen Bedürfnissen ein Beispiel:

Inge, Heinz und Friedrich leben in einem Heim. Die Mutter ist nicht mehr mit dem leiblichen Vater sondern mit einem anderen Mann verheiratet. Zwischen dem Stiefvater und den Kindern gibt es erhebliche Spannungen. Darum sollte die Mutter sich bereit finden, sich mit ihren Kindern ausserhalb der Wohnung zu treffen. Das aber will ihr Mann nicht zulassen. In dieser Konfliktsituation entscheidet sie sich für den Mann und gegen die Kinder. Sie begründet ihr Verhalten mit der Frage: "Soll ich etwa wegen der Kinder meine Ehe aufs Spiel setzen?"
Die Antwort darauf kann nur sie selbst sich geben. Die Kinder, alle drei bereits in der Pubertät oder älter, hören nur heraus: "Mama will uns nicht". Selbst wenn es der Tochter leid tut, dass sich ihre Mutter in einer solchen Zwickmühle befindet: dass die Mutter ihre Ehe höherstellt als ihre Kinder, beweist ihr, warum sie in einem Heim lebt. sie ist davon überzeugt, dass Ihre Mutter nicht bereit ist, um ihrer Kinder willen, auf etwas zu verzichten.
Elternschaft aber bedeutet Verzicht.

Dabei müssen wir auch einmal an das Geld denken: Schon als junge Menschen hörten wir von älteren Freunden: überlege es dir gut, ... wenn du ein Kind hast, ist die Mark / der Euro nur noch die Hälfte wert. Und wenn man an die mit der Ausbildung oder gar einem Studium zusammenhängenden Kosten denkt, dann haben Eltern heute in ein Kind nicht selten soviel investiert, dass sie sich ein halbes Haus dafür bauen könnten. Das ist aber so selbstverständlich, dass nur die wenigsten Menschen darüber viel sprechen.

Öfter noch belasten uns Eltern die Einschränkungen, die uns unsere Kinder dadurch auferlegen, dass sie unsere Zeit beanspruchen. Elterliche Liebe, so hieß es bei den Grundbedürfnissen, sind (auch) "Zärtlichkeit, Zuwendung und Zeit". Denken wir zum Beispiel nur daran, dass wir sie, je kleiner sie sind, um so weniger allein lassen dürfen.
Nicht alle unsere Reisepläne oder Steckenpferde lassen sich mit der Elternschaft vereinbaren. Allein schon darum nicht, weil Kinder den damit verbundenen Anforderungen nicht gewachsen sind oder, was bei älteren Kindern durchaus der Fall sein kann, weil sie nicht wollen. Da müssen schon einige Abstriche gemacht werden und beide Teile - Mutter und Vater - verzichten oder nach Kompromissen Ausschau halten.

"Seit zwanzig Jahren", so sagte mir ein Elternpaar kürzlich, "waren wir nicht mehr allein in Urlaub. Nur einmal, kurz bevor wir heirateten und Stefan geboren wurde, machten wir allein auf einem Camping-Platz an der Ostsee Ferien. Dann kamen in großen Abständen noch die beiden anderen Kinder dazu. Heute kommen sie gut allein zurecht und brauchen uns nicht mehr ständig. Und wir sind für eine Woche nach Paris gefahren. Das war schon lange unser Traum."



2.
Elternverantwortung und das Kind

Schauen wir auf rechtliche Gesichtspunkte der Eltern-Kind-Beziehung, finden wir Regelungen, die annähernd mit dem übereinstimmen, was für die pädagogischen Beziehungen gilt. Wenn eine Frau und ein Mann sich für ein Kind entscheiden, dann haben sie die Pflicht für den Unterhalt des Kindes zu sorgen. Diese "Unterhaltspflicht" beruht auf Gegenseitigkeit. Das heißt, sollten die Eltern später einmal nicht für sich selbst sorgen können, dann werden die Kinder, sofern sie eigene Einkünfte haben, zum Unterhalt ihrer Eltern beitragen. Nun kann es aber sein, dass die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern nicht so günstig waren, dass die Kinder das selbstverständlich tun. Liebe kann über Gerichte nicht eingeklagt werden, wohl aber Unterhaltsleistungen. Nur wenn Eltern sich nicht um ihre Kinder gekümmert haben, als diese noch die elterliche Liebe und Fürsorge brauchten, haben die Kinder als Erwachsene einen Grund, Unterhaltsleistungen zu verweigern.

Als Heinz drei Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Der Junge wurde der Mutter zugesprochen, weil der Vater zu diesem Zeitpunkt eine längere Haftstrafe antreten musste. Die Eltern hatten sich das Kind nicht gewünscht. Die Mutter wollte noch etwas vom Leben haben und weigerte sich, dem Kind die Zeit und Pflege zu widmen, die es gebraucht hätte. Die Folge der Vernachlässigung war, dass Heinz - auch äusserlich unübersehbar - verwahrloste. In der Tagesstätte, die Heinz besuchte, wollte zum Beispiel kein Kind mit ihm spielen, weil er so übel roch. Als die Erzieherinnen den Eindruck gewannen, dass Heinz auch Hungern müsste, schalteten sie die zuständige Sozialarbeiterin ein. Beim Jugendamt war die Familie im Zusammenhang mit der Scheidung und der Regelung des elterlichen Sorgerechts bereits bekannt. Darum war dort über die Entwicklung niemand überrascht. Die Mutter war sofort damit einverstanden, das Kind in eine Pflegestelle zu geben und auf Teile des Sorgerechts zu Gunsten des Jugendamtes zu verzichten. Endlich konnte sie Tag und Nacht ohne Beeinträchtigung so leben, wie es ihr gefiel. Und in ihrem Leben war nun einmal für Kinder kein Platz.
Die Pflegeeltern hatten eigene Kinder, mit denen der Junge nicht zurechtkam. Daraufhin wollten die Ersatzeltern Heinz nicht mehr haben. Um dem Kind weitere Elternerfahrungen zu ersparen, kam er in ein Kinderheim, in dem er gut gedieh. Er besuchte die Schule bis zur Mittleren Reife, machte eine Lehre in einem technischen Beruf, erwarb dann die Hochschulreife und studierte nach seiner Wehrdienstzeit an einer Hochschule. Längst hatte der junge Ingenieur eine eigene Familie gegründet, als seine Mutter, die irgendwann wieder geheiratet hatte, ein Sozialhilfefall wurde. Ihr Mann war gestorben und die Hinterbliebenenrente reichte kaum für die Mietzahlungen. In den 35 Jahren, die inzwischen vergangen waren, hatte sich die Mutter nie um den Jungen gekümmert und seine Annäherungsversuche über Briefe und persönliche Kontakte zurückgewiesen. Natürlich hatten weder der Vater, der übrigens bald nach der Haftverbüßung einem Autounfall zum Opfer fiel, noch die Mutter, die nur über gelegentliche eigene Einkünfte verfügte, auch nur einen Pfennig Unterhalt gezahlt. Vom Sozialamt wurde der Sohn aus den genannten Gründen nicht dazu herangezogen, Beiträge zum Unterhalt seiner Mutter zu leisten.

Dieses Beispiel zeigt, dass zur Elternverantwortung auch die Sorge um das leibliche Wohl eines Kindes gehört. Tatsächlich sind die leiblichen Grundbedürfnisse wie Nahrung, Wärme, Kleidung oder Schutz so selbstverständlich, dass wir kaum noch über sie nachdenken. Und doch geraten wir Eltern immer wieder in Situationen, unsere Kinder Gefahren auszusetzen und ihnen leichtsinniger Weise oder aus Unwissenheit unseren Schutz zu entziehen. Denken wir Eltern zum Beispiel daran, dass Kinder unter acht Jahren mit dem Fahrrad nur auf Geh- oder Radwegen, nicht aber auf dem Fahrdamm fahren dürfen? Es gibt eine Reihe von wohlbegründeten Schutzvorschriften für unsere Heranwachsenden, deren strikte Beachtung ein Beweis für elterliche Verantwortung ist.

Natürlich können wir unsere Kinder nicht überall und zu jeder Zeit vor Gefahren schützen oder vor Schaden bewahren. Auch wir Erwachsenen können - trotz aller Vorsicht - im Garten von der Leiter fallen oder in der Wohnung über den Teppich stolpern und uns dabei jeweils den Arm brechen. Mit dem Hinweis darauf, dass wir im Leben stets von ungezählten Risiken und Unwägbarkeiten umgeben sind, können wir uns aber nicht davonstehlen, wenn es darum geht, die durch uns beeinflussbare Gefährdungen zu vermeiden.
Der Alltag ist voll von Geboten und Versagungen unseren Kindern gegenüber, die in erster Linie mit unserer Sorge um die körperliche und seelische Gesundheit unserer Kinder begründet werden können. Und derartige Begründungen kann ein Kind sehr gut verstehen. Auch wenn es zunächst mault und voller Zorn die Tür zuknallt. Wer seine Verantwortung ernst nimmt, hat es nicht immer leicht mit den eigenen Kindern. Doch wissen wir - und Sie können das in den entsprechenden Kapiteln nachlesen - , dass unsere Kinder Grenzen brauchen und wie wir diese Grenzen ziehen können.
Bei allem denkbaren Stress bei auf diesem Weg, gehen wir davon aus, dass unsere Kinder sich erinnern werden, wenn sie selber als Eltern Verantwortung tragen. Dann werden sie hoffentlich sagen können:
"Von meinen Eltern habe ich gelernt, dass Elternliebe Elternverantwortung ist. Meine Eltern liebten mich, denn sie wichen der Verantwortung, die sie für mich trugen, nicht aus!"

 

 

3.
Elternverantwortung und der Kindergarten

Wie sieht es mit der Verantwortung von Eltern aus, wenn das Kind im Kindergarten ist? Da es keine staatlich verordnete Kindergartenbesuchspflicht gibt, kann es auch keine automatische Teilung der Verantwortung geben. Hier müssen die Eltern freiwillig auf einen Teil ihrer Rechte und Pflichten verzichten. Das Gesetz garantiert zwar, dass in den Tagesstätten für Kinder die elterliche Erziehung fortgesetzt, an sie angeknüpft und sie ergänzt wird, doch durch den mit dem Einrichtungsträger (also einer Kirchengemeinde, einem Verein oder einer politischen Gemeinde) geschlossenen Betreuungsvertrag, gehen Teile der Elternverantwortung auf das pädagogische Personal über. Welche das im Einzelnen sind und wie groß der Umfang und welche Einflussmöglichkeiten den Eltern erhalten bleiben - seien es Rechte oder Pflichten - das regelt jeder Träger selbst. Ihre Mitverantwortung nehmen Eltern im Kindergarten am ehesten in den Elternbeiräten wahr und wenn sie sich an den vielen Mitwirkungsmöglichkeiten beteiligen, die jede Tagesstätte anbietet.

 

4.
Elternverantwortung und die Schule

Sobald ein Kind in die Schule kommt, beschränkt unsere Verfassung die Rechte von Eltern an ihrem Kind. Ein Teil, nämlich das Recht auf die jedem Kind mögliche Bildung beziehungsweise geistige Förderung, geht an Die Schule über. Zunächst an die Grundschule, in die ein Kind kommt - später an die weiterführenden Schulen bis zur Erfüllung der allgemeinen Schulpflicht. Auch der Besuch einer Sonderschule gehört hier hinein und gerade an diesem Beispiel lässt es sich ganz gut zeigen, wo die Grenzen elterlicher Gewalt liegen.
Wird bei einem Kind festgestellt, dass es den Anforderungen einer Normalschule nicht genügt, wird es zur Zeit noch in eine besondere Schule überwiesen. Dabei geht es den Schulbehörden tatsächlich darum, dem Gesetz zu folgen, und einem Kind die ihm möglichen Bildungswege zu erchließen, die seinen individuellen Möglixhkeiten entsprechende Förderung zu sichern. Um das zu können, sind Lehrer an Sonderschulen hierfür besonders qualifiziert und die unterrichtlichen Rahmenbedingungen werden dem Förderbedarf der Kinder angepasst.

Eine Zwischenbemerkung hierzu: Eltern, deren Kindern auf Grund entsprechender Behinderungen im seelischen, geistigen oder körperlichen Bereich (Sinnesschwächen) eine Sonderschule besuchen dürfen, sollten eigentlich froh über diese Einrichtung sein. Hartnäckig aber halten sich in unserer Gesellschaft Vorurteile in Bezug auf den Besuch einer Sonderschule - vor allem, wenn es sich um Schulen für Kinder mit besonderem Förderbedarf im geistigen Bereich (Förderschulen) und Kinder mit erheblichen Störungen ihrer seelischen Entwicklung (Schule für Erziehungshilfe) handelt.
Die durch die tatsächliche Förderung und die damit verbundene positive Entwicklung der Kinder an diesen Schulen nicht gerechtfertigte Diskriminierung, dürfte nicht zuletzt der Grund dafür sein, über die "Integration" der besonders förderungswürdigen Kinder im alten Klassenverband nachzudenken.
Bis aber die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, dass behinderte und nichtbehinderte Kinder über einige Modellversuche hinaus gemeinsam unterrichtet werden, wird noch viel Zeit vergehen.

Eltern also, und das macht die Grenzen ihrer Zuständigkeiten deutlich, müssen die schulischen Entscheidungen mittragen. Das gilt selbstverständlich für alle schulischen Entscheidungen - ob Lob oder Tadel oder die Auswahl von Lehrern, die Zahl der Klassenarbeiten u.v.a.m. Die Rechte und Pflichten werden geteilt. Und damit auch die Verantwortung.

Für das, was im Schulbereich geschieht, können Eltern nicht verantwortlich sein.
Wenn ein Kind zur Schule geht, dann ist die Verantwortung für Erziehung und Bildung geteilt. Die Verfassung räumt der Schule also neben den Eltern - zumindest für alles, was Leben und Lernen in und für die Schule betrifft - gleiche Rechte und Pflichten ein. Diese Situation kann im Einzelfalle zu Differenzen führen. "Ich lehne es ab, mich um die Schulaufgaben zu kümmern. Das ist schließlich Sache der Schule". Diese Haltung wäre ebenso unverantwortlich wie die eines Lehrers, der sagen würde: "Die Eltern haben dafür zu sorgen, dass die Hausaufgaben so sind, wie ich das will. Sonst sollen sie zusehen, wo sie mit dem Kind bleiben."
Die gemeinsame Verantwortung für das gleiche Kind, zwingt beide, Eltern und Lehrer, zu übereinstimmenden Handeln. Das ist der rechtliche Gesichtspunkt, dessen praktische Konsequenzen jedermann in den Schulgesetzen nachlesen kann.

Übereinstimmendes Handeln bedeutet aber nicht: jeder tut das Gleiche. Wie schon im Zusammenhang mit dem Kindergarten ausgeführt, sind Eltern dafür verantwortlich, dass sie alle im Zusammenhang mit den Schulbesuch verbundenen notwendigen Voraussetzungen schaffen. Hausaufgaben - wie der Name schon sagt, sind daheim zu erledigen, und es gehört deren ordnungsgemäße Erledigung ebenso in die Verantwortung der Eltern, wie der regelmäßige Schulbesuch und die damit verbundene Ausstattung (Arbeitsmaterial z.B.).

Überall, wo Verantwortlichkeiten geteilt werden, muss man besonders gut zusammenarbeiten. Darum misst der Gesetzgeber der Kooperation von Elternhaus und Schule eine hohe Bedeutung zu.


 

5.
Verantwortung von Pflegeeltern

Im oben angedeuteten Leben von Heinz traten zeitweise Pflegeeltern auf. Wir finden heute in der Tat bedeutend mehr Kinder in Ersatzfamilien", so der Titel eines Buches aus dem Jahre 1978, als in Kinderheimen. Vor allem Kleinkinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern leben können, werden von den Sozialen Diensten freier (Religionsgemeinschaften und andere Vereinigungen) und öffentlicher Träger (Jugendbehörden) gern Pflegeeltern anvertraut.

Es waren besonders die Forschungsergebnisse über den Zusammenhang von Entwicklungsstörungen und dem Mangel an ausreichender elterlicher Zuwendung (Stichwort: "Hospitalisierung"), die in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Öffentlichkeit so alarmierten, dass sogar die Politiker sich bewegten. Mutterschutzregelungen, Beurlaubungen von berufstätigen Frauen ohne die Sorge, den Arbeitsplatz zu verlieren, waren ebenso Folge dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Folgen früher Entbehrungen, wie der Ausbau des Pflegestellenwesens. Vor allem die Bücher über die "Verhaltensbiologie des Kindes" des Freiburger Biologen Bernhard Hassenstein (München 1973) und das des Verhaltensforschers Irenäus Eibl-Eibesfeldt über "Die Biologie des menschlichen Verhaltens" (München 1984) erregten Aufsehen
Das Ehepaar Hassenstein selbst sorgte mit Hilfe entsprechender Initiativen und Projekte für praktische Folgen und setzte sich persönlich für den Ausbau und eine aufgabengerechte Finanzierung, Förderung und Begleitung von Pflegestellen ein.

Allgemein muss gelten: Die Bedürfnisse eines Kindes sind unteilbar und sind in der Herkunftsfamilie, in einem Heim oder in einer Pflegestelle, sowie in den sie begleitenden pädagogischen Einrichtungen wie Kindergarten und Schule gleichermaßen zu beachten. Und selbstverständlich ist die Verantwortung von Pflegeeltern zunächst einmal die gleiche, wie die aller anderen Eltern.

Allerdings kommen sehr gewichtige Umstände hinzu, die einem Pflegeverhältnis zusätzliche Leistungen abverlangen. Da ist einmal zu denken an die Konkurrenzsituation, die vor allem in Konfliktsituationen auftreten kann, wenn, was die Regel ist, leibliche Mütter oder Väter noch vorhanden sind und der Kontakt zwischen ihnen und dem Kind bestehen bleibt (bleiben muss).
Da ist zum anderen zu denken an eine Fülle von Problemen, die dann auftreten können, wenn in einer Pflegestelle leibliche und Pflegekinder miteinander heranwachsen. Die natürlichen Geschwisterrivalitäten können sich verschärfen und eine Integration in wie Identifikation mit der Gastfamilie beeinträchtigen.
Oder denken wir daran, dass ein Pflegeverhältnis gleichsam "öffentlich" ist. Selbst wenn, was gelegentlich vorkommt, die Vormundschaft auf die Pflegeeltern übergeht, bleiben die Jugendbehörden noch lange in der Pflicht, über Wohl und Wehe des Pflege- oder Adoptivkindes zu wachen.
Nur drei von mehreren Erschwernissen, die an dieser Stelle nicht vertieft werden können. Sie belegen aber, dass Pflegeeltern einer sehr differenzierten und nicht selten intensiven begleitenden guten fachlichen Hilfe bedürfen.

Insofern tragen Pflegeeltern Verantwortung für ihr Pflegekind in einem, im Vergleich zu den leiblichen Eltern, außergewöhnlich hohem Ausmaß.

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