Einführende
Bemerkungen Der erste
Entwurf der folgenden didaktischen Hinweise für alle Fachkräfte, die
in der Elternbildung mitwirken, sind Anfang der neunziger Jahre von mir erarbeitet
und anschließend, Abschnitt für Abschnitt von unserem ersten Arbeitskreis
Elternbildung im Landkreis Waldshut kritisch durchgesehen und modifiziert worden.
Außer mir waren in diesem Arbeitskreis in den Anfangsjahren vier Frauen,
Fachkräfte aus Schule und Sozialpädagogik - auch in ihren Rollen als
Mütter - vertreten. Seit über zehn Jahren wird inzwischen nach
dem damals erarbeiteten Konzept und orientiert an den hier veröffentlichten
Hinweisen gearbeitet. Es sind die - zumeist nebenberuflichen - Fachfrauen, die
für die Gemeinnützige Familien GmbH Elternseminare anbieten. Ansprechpartner:
email an: Rudi Kappeler Stichwort:
Eltern im Gespräch. Informationen, Tipps und Erfahrungsaustausch |
1.
Über unsere fachliche Kompetenz
Was wir unter diesem Gesichtspunkt, grob skizziert, gemeinsam haben: eine
pädagogische Ausbildung und Berufserfahrung, die eigene Elternschaft,
das Interesse daran, über unsere Erfahrungen und Erkenntnisse mit anderen
Eltern zu sprechen.
Was
uns unter diesem Gesichtspunkt unterscheidet: die verschiedenen Ausbildungsgänge
und Arbeitsfelder, die unterschiedliche Lebenserfahrung, die (sich nicht
zuletzt daraus ergebenden) Haltungen, Auffassungen, Überzeugungen zu erzieherischen
Fragen und zur Entwicklung von Kindern einschließlich der entsprechenden
Rahmenbedingungen. Was
für eine erfolgversprechende Bildungsarbeit unverzichtbar ist: Die persönliche
Souveränität des Auftretens (einige Stichworte: ohne Angst; innerlich
frei von Beklemmungen; offene, den Teilnehmern zugewandte freundliche Haltung;
Ruhe statt Nervosität und Hektik) Fachliche Zuständigkeit (solides
Wissen über das Thema und alle benachbarten Wissensgebiete; reiche eigene
pädagogische Erfahrung aus der ich im Bedarfsfalle schöpfen kann)
Betrachtet sich unsere Arbeitsgruppe als Team, dann ergibt sich die Chance, die
Unterschiede zwischen uns fruchtbar werden zu lassen, in dem wir sie austauschen
und uns auf diese Weise gegenseitig neue Sichtweisen ermöglichen und uns
in Einzelfragen zu beraten und zu unterstützen. Es sind gerade diese Gesichtspunkte,
die es durchaus für erstrebenswert erscheinen lassen, interessierte Pädagoginnen
und Pädagogen mit anderen Ausbildungsschwerpunkten oder auch psychologisch
/ psychotherapeutisch ausgebildete Fachpersonen für die Elternbildungsarbeit
zu gewinnen.
|
2.
Einige didaktische Hinweise
2.1 Was wir beachten wollen
Wir
bemühen uns um eine Balance zwischen der Arbeit am jeweiligen Thema, der
Interaktion in der Gruppe und der Beteiligung jedes einzelnen. Das
Umfeld der Gruppe und das Umfeld der einzelnen Teilnehmerinnen und Teilnehmer
wird beachtet und - wann immer möglich - einbezogen. Die
Leitung ist deutlich wahrnehmbar; sie ist verantwortlich dafür, dass die
Autonomie des einzelnen gefördert und ein möglichst angstfreies Klima
geschaffen wird, sowie die Sensibilität sich selbst und den anderen gegenüber
erhalten bleibt. Jede
Veranstaltung steht unter einem Thema, an dem sowohl die Leitung als auch die
Gruppe arbeiten will. Alle
Teilnehmerinnen und Teilnehmer beachten Spielregeln für Kommunikation und
Zusammenarbeit (zu denken dabei zum Beispiel an die Postulate und Hilfsregeln
der TZI; bei Ruth Cohn 1975, S. 120 - 128). Diese
Leitlinien sind nicht als Dogmen zu verstehen, sondern nur als Hilfsregeln in
einer Erwachsenenbildung, die sich die Hilfe zur Selbsthilfe zur Aufgabe gemacht
hat. Alles was wir vorbereitend, ausführend und auswertend tun, hat
jede/r für sich selbst zu entscheiden und kann nicht vorgegeben werden. Alle
Erkenntnisse, die wir in unseren gemeinsamen Gesprächen zusammentragen, müssten
sich gleichsam erst mit unserer Persönlichkeit verbinden und in unseren Veranstaltungen
als jeweils eigene Schöpfung, als der eigene unverwechselbare und sich stets
fortentwickelnde Leitungsstil für alle Beteiligten erfahrbar werden. (Vgl.
hierzu: Ruth Cohn: Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion. Stuttgart
1975 und Ruth Cohn und Alfred Farau: Gelebte Geschichte der Psychotherapie. Stuttgart
1984)
|
2.2.
Lernen und Identität Lernen
ist ein lebenslanger Prozess. Zwischen dieser Erkenntnis und unserer Lebenswirklichkeit
klafft aber eine Lücke. Etwas Neues zu erfahren, das heißt noch nicht,
etwas gelernt zu haben. Lernen, - verstanden als relativ überdauernde Verhaltensänderung,-
bewirkt Veränderung. Oder anders gesagt: erst wenn wir etwas verändern
(unsere Einstellungen, Verhalten, Eigenschaften, Fertigkeiten u. a. m.), dann
haben wir etwas gelernt. Ob
die Eltern, die an unseren Veranstaltungen teilnehmen, nun tatsächlich in
diesem Verständnis etwas lernen wollen, das können wir noch nicht wissen.
Nicht wenige werden vermutlich kommen, um sich bestätigen zu lassen, dass
sie in Bezug auf die Erziehung und Bildung ihrer Kinder auf dem richtigen Wege
sind. Es wird Eltern geben, die ihre Art und Weise die Lebensrealität zu
sehen, als den einzig rechten Maßstab betrachten. Und zu dieser individuellen
Perspektive gehören auch die Erfahrungen, die Alltagstheorien und Überzeugungen,
die unsere Themen betreffen. Diese
Neigung, das in unserer Lebensgeschichte erworbene innere Konzept (unser "bestes
Wissen und Gewissen") als Maßstab zu verwenden, haben wir alle. Es
ist oft schwer und mühsam genug gewesen, uns zu einem Lebenskonzept durchzuringen
und feste Standpunkte zu gewinnen. Und in einigen Bereichen sind wir immer noch
nicht sicher oder sind noch auf dem Weg. Für unser seelisches Gleichgewicht
aber ist es unverzichtbar, eine bestimmte (eben unsere) Realitätsauffassung
zu haben. Wird sie in Frage gestellt, haben wir das Gefühl, den sicheren
Boden unter den Füßen zu verlieren. Wir fühlen uns selbst (als
Person) verunsichert. Darauf reagieren wir mit Angst und Abwehr. Jeder von
uns ist also an seinen Realitätsentwurf, in dem er sich eingerichtet hat,
gebunden. Zerschlägt nun die Wirklichkeit unsere geliebten, unter Umständen
aber falschen Bilder, dann ginge unsere bisherige Realitätsauffassung verloren.
Wir sprechen in derartigen Situationen von "Orientierungskrisen".
Wir müssen
uns darauf einstellen, dass wir in unseren Veranstaltungen Menschen begegnen,
die sich - allein bezogen auf unsere Thematik - in derartigen identitätsgefährdenden
Orientierungskrisen befinden. Solche Krisen können zum Beispiel dadurch ausgelöst
worden sein, dass scheinbar bewährte pädagogische Konzepte nicht mehr
greifen, dass ein Elternteil plötzlich alleine steht oder dass es erhebliche
Unterschiede gibt in den Konzepten derer, die in ein und derselben Familie an
der Erziehung und Bildung eines Kindes beteiligt sind. Wir
sollten weiter im Auge haben, dass wir selbst in und durch diese Veranstaltungen
möglicherweise uns und unseren Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine andere
Wirklichkeit vor Augen stellen. Insofern könnte die Veranstaltung dazu beitragen,
eine Orientierungskrise auszulösen. Eltern (vor allem Väter) meiden
oft gerade darum eine Teilnahme, weil sie auf liebgewordene Einstellungen und
Verhaltensweisen nicht verzichten und sich schon gar nicht in Frage stellen lassen
wollen. Es wird darum unser Bemühen sein, Lernen zu ermöglichen, ohne
Identitätskrisen auszulösen. In Einzelfällen aber sind Verunsicherungen
zu erwarten oder sogar zu wünschen. Sofern wir davon erfahren, werden wir
uns um Hilfe bemühen und sie vermitteln. |
2.3.
Lernen ermöglichen Für
die Aufgabe, Lernen zu ermöglichen, stehen einige Empfehlungen aus Konzepten
der Erwachsenenbildung zur Verfügung. (Nach: Meueler, Erhard: Erwachsene
lernen. Stuttgart 1982, S. 38 ff. Vgl. auch: Spitzer, Manfred: Lernen. Heidelberg
2002. Riemann, Fritz: Grundformen der Angst. München 1986.) Einige dieser
Erkenntnisse und Empfehlungen, die für unsere Arbeit hilfreich sein können
werden nachfolgend in kurz erläuterten Thesen vorgetragen. Die Reihenfolge
bedeutet keine Rangfolge. 2.3.1.
Jede Teilnehmerin und jeder Teilnehmer ist selbst kompetent. Es
kann kein Zweifel daran bestehen, dass jede/jeder sich in erzieherischen Fragen
auskennt. Wer nicht selbst Kinder erzogen hat, ist aber wenigstens selbst Kind
gewesen. Häufig tragen wir unsere Kindheitserfahrungen mit erziehenden Erwachsenen
(Eltern, Großeltern, Lehrer und Erzieher ...) noch heute mit uns herum.
Sie sind uns gegenwärtig, sie beschäftigen uns; vor allem aus aktuellen
Anlässen. Insofern hat jeder von uns seine Erfahrungen und zwar zu jedem
der ausgewählten Themen. Darum regen wir Erfahrungsberichte an, gehen von
den Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus und lassen zu, dass sich
alle mitteilen können. Damit
von vornherein vermieden wird, dass nur eine/r oder wenige das Geschehen bestimmen
und andere nicht zu Worte kommen, wird es zweckmäßig sein, in derartigen
Mitteilungsphasen auf die Uhr zu schauen und die Redezeit für alle gleichermaßen
zu begrenzen. Wann immer es für den Fortgang unserer Arbeit zweckmäßig
erscheint, bilden wir Kleingruppen bei einem Plenum von mehr als acht Personen.
Bereits in der
Anfangsphase empfiehlt es sich, den schützenden aber auch anonymisierenden
Rahmen der großen Gruppe aufzulösen und Zweier- oder Dreiergruppen
bilden zu lassen. Diese Sozialform stellt sicher, dass jede/r angemessen und unbefangen
zu Worte kommt. Hier können die Erwartungen an die Veranstaltung formuliert
und/oder zu bestimmten Themen etwas für die Gruppe festgehalten werden. Bei
der Einteilung kleiner Gruppen hat sich ein Losverfahren bewährt. es verhindert,
dass stets die gleichen miteinander sprechen und sichert zu, dass jede/r mit jeder/m
Kontakt bekommt.
2.3.2. Jede/r kommt mit ihren/seinen Fragen und Problemen zu Worte.
Nicht
allein die Erfahrungen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer bereichern die Gespräche
und sorgen dafür, dass die zu vermittelnden Kenntnisse und Erkenntnisse durch
Beispiele untermauert werden, sondern auch die Fragen und Probleme, mit denen
jede/r kommt oder die während des Seminars auftreten. Wenn wir die (hier:
auf die Themen bezogenen) individuellen Bedürfnisse ernst nehmen, dann müssen
wir das einbeziehen und zum Gegenstand der Aussprachen machen, was die Einzelne/den
Einzelnen bewegt. Um
auch die zurückhaltenderen Teilnehmer/innen zu ermuntern, ihre Fragen und
Probleme auf den Tisch zu legen, halten wir ständig Zettel bereit, auf denen
sich jede/r jederzeit und anonym äußern kann.
2.3.3 Wir sind für die Wissenschaftsorientierung unserer Didaktik verantwortlich.
Folgen
wir dem Modell der "Berliner Schule" (Wolfgang Schulz: Umriss einer
didaktischen Theorie der Schule. In Die Deutsche Schule 61/1969/2, S. 61-72) und
bezeichnen als Didaktik, die während einer Veranstaltung wirkende Gesamtheit
von den Absichten bzw. Zielen, den Themen bzw. Inhalten, den Verfahren bzw. Methoden
der Vermittlung und Aneignung und den Medien zu denen nicht zuletzt wir selber
gehören. Unter
wissenschaftsorientiertem Arbeiten verstehen wir, neben den Tugenden der Redlichkeit
in unserem Bemühen, der Wahrhaftigkeit unserer Aussagen und der Ehrlichkeit
uns und anderen gegenüber vor allem in Bezug auf unsere Motive und die Grenzen
unseres Wissens, dass wir bestimmte Maßstäbe beachten. Hierzu gehören
die Offenlegung von Quellen (wo haben wir unsere Kenntnisse her?) die Unterscheidung
von Wissenschaftswissen (mit Hilfe anerkannter sozialwissenschaftlicher Methoden
veröffentliche Forschungsergebnisse) und Erfahrungswissen. Es
ist aber weder nötig noch immer sinnvoll, stets auf die Quellen unseres Wissens
und unserer Erkenntnisse zu verweisen. Wichtig ist, dass die Teilnehmerinnen und
Teilnehmer erkennen können, wenn wir einerseits von unseren eigenen Erfahrungen
sprechen oder persönliche Meinungen oder Überzeugungen äußern
und wenn wir andererseits relativ gesicherte Erkenntnisse vortragen. Zur Redlichkeit
gehört in diesem Zusammenhang, uns der Vorläufigkeit der Geltung wissenschaftlicher
Forschungsergebnisse bewusst zu bleiben. In der empirischen Forschung ist es üblich,
von Wahrscheinlichkeiten zu sprechen. Wenn also zum Beispiel eine Mutter die Hausaufgaben
ihres Kindes ständig kontrolliert, ist die Wahrscheinlichkeit größer,
dass das Kind Lernschwierigkeiten bekommt (Rolf Kühn, Bedingungen für
den Schulerfolg. Göttingen 1983, S. 192). "Nichts ist verwundbarer als
eine wissenschaftliche Theorie, die ja nur den vergänglichen Versuch darstellt,
Tatsachen zu erklären, die aber keine ewige Wahrheit bietet" schreibt
C. G. Jung (In: Der Mensch und seine Symbole. Olten/Freiburg 7/1987, S. 92)
Müssen wir nun stets im Unverbindlichen bleiben? Keineswegs! Den Beweis ob
und wieweit eine Aussage ( z. B. Forschungsergebnisse oder persönliche Erfahrungen)
als allgemeingültig betrachtet werden kann, können wir durchaus selbst
entscheiden. Wenn wir Informationen erhalten, die unsere eigenen Erfahrungen bestätigen
oder wenn wir von Erlebnissen oder Gefühlen lesen, die auch wir genauso bereits
gehabt haben, dann stellen wir fest: "Ja, so ist es auch". Folgen
wir dieser Erkenntnismethode (der "Ja, so ist es auch -Methode") und
erkennen unsere eigenen Alltagserfahrungen und -Erlebnisse als Maßstäbe
für die Verallgemeinerbarkeit von Aussagen an, dann verhalten wir uns durchaus
wissenschaftlich korrekt. In der Wissenschaftstheorie lernen wir diese Methode,
in der ein Wissenschaftler seine Alltagserfahrungen für seine wissenschaftliche
Arbeit auswertet, als "Phänomenologie" kennen (vgl. dazu: Helmut
Seiffert: Einführung in die Wissenschafttheorie 2. München 6/1975, S.
26- 39).
2.3.4. Wir haben keine Rezepte anzubieten
Wir
können bei der Betrachtung kindlicher (und damit menschlicher) Grundbedürfnisse
freilich nicht von einer einfachen Wenn-Dann-Position aus argumentieren. Es lässt
sich also zum Beispiel nicht zwingend folgern: wenn ein Kind Elternliebe entbehren
muss, dann hat es später im Leben keine Chancen. Mit einer solchen Haltung
würden wir die Möglichkeiten und die Fähigkeiten leugnen, die jeder
Mensch hat, sich selbst zu beeinflussen. Der Freiheitsbegriff in der pädagogischen
Anthropologie wird ausdrücklich definiert als die Möglichkeit des selbstbestimmten
mündigen Menschen, sein Leben in eigener Verantwortung zu gestalten. (Ludwig
Kerstiens: Modelle emanzipatorischer Erziehung. Bad Heilbrunn 1974, S. 161). Bereits
J. Heinrich Pestalozzi (Meine Nachforschungen ... Bad Heilbrunn 1983) richtete
an den Menschen die Botschaft "Werk seiner selbst" zu werden und aus
eigener Kraft über seine biologischen und gesellschaftlichen Beschränkungen
hinauszuwachsen. Diese Aufgabe, an der eigenen Identität zu schaffen und
sie zu bewahren, ist für jeden von uns von ungebrochener Aktualität
(vgl. z.B. Meueler 1982, S.26 ff). Welche Schlüsselrolle hierbei der Antwort
auf die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens zukommt, beziehungsweise nach dem
Sinn alles dessen, was wir in Freud und Leid erleben, hat uns Viktor E. Frankl
überzeugend nachgewiesen (Viktor E. Frankl: Die Sinnfrage in der Psychotherapie.
München 4/1992, S. 104 ff u.a.a.O.). In dem Ausmaß, in dem wir
diese Erkenntnisse berücksichtigen, dürfen und sollen wir uns bescheiden.
Wir sind keine pädagogischen Gurus und wir haben keine Rezepte für ein
"richtiges" Familienleben anzubieten. Wir wissen aber, was Kinder brauchen
beziehungsweise was ihnen nachweislich in ihrer Entwicklung schaden kann. Darum
sprechen wir in unseren Veranstaltungen über die optimalen Voraussetzungen
kindlicher Entwicklung, wir diskutieren darüber und lernen vielleicht auch
unterschiedliche Auffassungen kennen. Unmittelbar beeinflussen können wir
die Lebensbedingungen in den einzelnen Familien nicht. Das wollen wir auch nicht,
weil das gar nicht unserem Verständnis von "Freiheit" entspräche.
Wir
bieten ein Forum an, auf dem Eltern über sich und ihre Pädagogik austauschen
und nachdenken können und auf diese Weise neue Informationen bekommen. Ob
sie aus den neu gewonnen Einsichten etwas lernen und ihr Verhalten entsprechend
modifizieren, das liegt in der eigenen Verantwortung jedes Einzelnen. Dies
ist das A und O unseres Elternbildungskonzepts: Wenn wir es überschreiben
mit "Eltern im Gespräch" dann ist unser Anliegen, Eltern miteinander
ins Gespräch zu bringen mit dem Wunsch, dass sie im Gespräch bleiben!
Je besser wir es erreichen, den Einzelnen auf seine Verantwortung für sein
eigenes Tun und Lassen hinzuweisen, zum Beispiel durch die methodischen Elemente
unserer Bildungsarbeit, um so eher wird er lernen. Insofern beeinflussen wir allerdings
und in sehr pointierter Weise die praktischen Folgen unseres Angebots.
3.5 Vielredner und heimliche Leiter können blockieren
Die
Gruppe selbst entwickelt sich. Und hier haben wir ein weiteres prozesshaftes Element.
Unter Überschriften wie "Der Mensch in der Gruppe" (Raymond Battegay;
Bern 1974) oder "Gruppendynamik" (Philip. E. Slater: Mikrokosmos. Eine
Studie über Gruppendynamik. Frankfurt/M. 1970) finden wir das, was hier gemeint
ist, in der Literatur wieder. In der Arbeitsgruppe unterhielten wir uns über
die heimliche Leiterin/ den heimlichen Leiter. Schon während der ersten Veranstaltung
kann sie/er sich zeigen. Vielleicht haben wir sogar mehr als eine/n von ihnen
in der Teilnehmergruppe. Die würden dann nicht nur mit uns, sondern auch
untereinander rivalisieren. Gemeint sind jene Personen, die eigentlich alles schon
(besser) wissen und ihre Kenntnisse und Fähigkeiten gern demonstrieren. Nicht
selten finden sie mit ihren Beiträgen kein Ende und dominieren sprachlich
das Geschehen und blockieren andere, die ebenfalls etwas sagen möchten. Nicht
alle Vielredner wollen in die Rolle des Leiters schlüpfen Vielleicht hören
sie sich nur gern reden oder haben tatsächlich wertvolle Erfahrungen einzubringen
und möchten das nun auch tun. Welche methodischen Verfahren und welche Leitungsaufgaben
stellen sich uns in derartigen Situationen? Unverzichtbar bleibt unser Führungsanspruch.
"Führung" beziehungsweise "Leitung" aber ist hier nicht
als ständige Dominanz zu verstehen. Wir wollen ja gerade nicht Lehrerverhaltensweisen
übernehmen und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Rolle von (Stoff
konsumierenden) Schülern versetzen. Mögliche Reaktionen auf dominante
(mit der Leitung konkurrierende) Personen: Wann
immer möglich, Kleingruppengespräche einfügen; Verstärkungen
vermeiden (ich verstärke, wenn ich die/den Betreffenden mehr anschaue als
andere, mich ihr/ihm mehr zuwende oder gar öfter und mehr zu ihr/ihm spreche
als zu anderen); bei Sprechpausen (sie/er muss ja mal Luft holen) eingreifen
und an die Äußerungen anknüpfend, einen eigenen Beitrag einleiten
oder andere ermuntern, etwas zu sagen; alle anderen Teilnehmerinnen/Teilnehmer
stets im Auge behalten, um Regungen (Widerspruch oder Zustimmung) zu erkennen
- dann den Redner unterbrechen und sich an die/den anderen wenden; bei resistentem
Verhalten der/des Betreffenden, mit ihr/ihm nach der Veranstaltung ein Gespräch
führen, ohne das störende Verhalten anzusprechen (das kann durchaus
die gewünschte Wirkung haben); wenn das nicht hilft, noch einmal ein
Gespräch führen und sie/ihn auf das störende Verhalten ansprechen.
Wenn gar nichts hilft, und wir spüren, dass auch den anderen die Störungen
lästig sind, wird die Teilnehmerin/der Teilnehmer zum Thema in der Arbeitsgruppe,
wo wir uns darüber austauschen und nach Lösungen suchen. |
3.
Methodische Überlegungen 3.1.
Die Vortragsvariante mit Aussprache Für
unsere Veranstaltungen haben wir neunzig Minuten zur Verfügung. In der reinen
Vortragsvariante hätten wir diese Zeit mit einem ausführlichen Vortrag
zu füllen. Diese Vorgehensweise entspricht einer universitären Vorlesung
und ist für unser Anliegen ungeeignet. Dagegen
kann es sich gelegentlich als durchaus zweckmäßig erweisen, einen Veranstaltungstermin
in Vortrag und einer Aussprache zum Vortrag zu unterteilen. Es kann sein,
dass bereits in den Vorbereitungsgesprächen eine entsprechende Erwartung
an uns herangetragen wird. Wir haben derartige Wünsche ernst zu nehmen und
blocken sie nicht von vornherein ab, sondern sprechen miteinander darüber.
Im Regelfalle werden wir mit Offenheit und Aufnahmebereitschaft unserer Gesprächspartner
rechnen dürfen. Allein die Tatsache, dass sie sich der ganzen Problematik
stellen wollen, spricht für diese Annahme. Wir können darum auch unsere
Vorstellungen über die Aufgaben der Elterngesprächskreise und unsere
methodischen Varianten vortragen. Im Gespräch über unsere Möglichkeiten
stellt es sich vielleicht heraus, dass wir mit einem Vortragsabend zum Beispiel
über das Thema: "Was Kinder brauchen" beginnen sollen; sozusagen
zum Aufwärmen. Dann nehmen wir unsere zu dieser Thematik vorbereiteten Texte
zur Hand, beleben sie mit Beispielen aus unseren eigenen Erfahrungen (als Eltern
oder Berufserzieher) und tragen sie vor. Hierbei achten wir darauf, dass unser
Vortrag nicht mehr als die Hälfte der zur Verfügung stehenden Zeit beansprucht.
Wenn wir lebendig und engagiert erzählen, dann wird niemand einschlafen.
Und je stärker die eigene Betroffenheit ist, weil wir das, was wir
vortragen, selbst erlebt haben und auf diese Weise unmittelbar theoretischen Erkenntnissen
in der Praxis begegneten (und umgekehrt), um so eher werden unsere Botschaften
empfangen. Wenn
wir unseren Vortrag beendet haben, kann es zu spontanen Beifallsbekundungen kommen
oder alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer schweigen. Nicht wenige werden sehr nachdenklich
geworden sein. Wir hatten aber bereits zu Beginn der Veranstaltung angekündigt,
dass anschließend noch Gelegenheit zu einer Aussprach ist. Bitten wir die
Anwesenden am Ende unseres Vortrags: zu
ergänzen, was sie ergänzen möchten zu sagen, womit sie sich
nicht haben anfreunden können und zu fragen, wenn sie noch Fragen haben. Bei
dieser Gelegenheit ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass eine Einzelberatung
in diesem Rahmen nicht stattfinden kann. Hier
ein Beispiel: Nach einem Vortrag über Aggression und Gewalt, berichtet
eine Mutter, dass sie ganz verzweifelt sei, weil ihr Kind bei dem geringsten Anlass
(Forderungen, Gebote oder Verbote von Seiten der Mutter) total ausraste und sogar
handgreiflich werde. Bei allem Verständnis für die Not dieser Mutter
und unserer Bewunderung darüber, dass sie ihr Problem so offen anspricht:
in dieser Situation können wir uns nicht auf eine Aussprache einlassen. Ein
Vortrag ist keine Erziehungsberatungssituation; zuviel Hintergrundinformationen
fehlen uns. Und je problematischer eine Frage ist, allein wegen der Komplexität,
die sich hinter der geschilderten Erscheinung verbirgt, umso weniger können
wir sie mit einer Aussage zutreffend beantworten. Darum ist es wichtig für
uns, rasch zu erkennen, ob uns ein Eingehen auf das geschilderte Problem aufs
Glatteis führt, weil es sich nicht mit ein paar Worten lösen kann. In
derartigen Fällen verweisen wir auf die Möglichkeit eines Kontaktes
nach der Veranstaltung und werden dann entweder einen Beratungstermin mit der
Mutter vereinbaren ("rufen Sie mich doch bitte an!") oder gleich auf
einen Fachdienst (Erziehungsberatungsstelle, Frühförderstelle u. a.)
aufmerksam machen. In
Fällen, in denen wir den Eindruck haben, Rede und Antwort stehen zu müssen,
hat es sich für mich bewährt, wenn ich antworten kann: "Was Sie
tun sollen, kann ich Ihnen nicht sagen (zum Beispiel weil ich nicht selbst in
dieser Situation war). Stattdessen erzähle ich Ihnen, wie ich mich (wir uns)
in einer ähnlichen Situation verhalten haben ..." Für
gut überschaubare Momente im Familienalltag können ganz gut auf dieser
Basis Erfahrungen ausgetauscht werden. Ich denke da zum Beispiel an eine Diskussion
auf einem Bildungsabend, in dem eine Mutter über die Trotzreaktion ihres
Kindes berichtete, das auf der Straße stehen blieb und nicht mehr weitergehen
wollte. "Was soll ich denn da machen?" war ihre Frage. Wir können
aber auch Fragen zurück reichen und in dem hier erwähnten Beispiel die
anderen Eltern berichten lassen, wie sie in derartigen Situationen mit Erfolg
reagierten. Wenn wir einen aufgeschlossenen Elternkreis beisammen haben, wird
sich an einer solchen Frage ein lebhafter und fruchtbarer Erfahrungsaustausch
entzünden. Dann hätten wir genau jene Gesprächssituation, die wir
und für eine Gesprächsrunde wünschen. Ich komme gleich noch einmal
darauf zurück. In
allen Aussprachen wird es kritisch, wenn wir uns auf Einzelfälle zu sehr
einlassen. Vergewissern wir uns in derartigen Situationen darum erst einmal,
ob das vorgetragene Beispiel typisch ist für die Thematik, die wir behandelten
und ob es die meisten anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer interessiert. Sobald
wir uns in einen längeren Dialog mit einer einzigen Person einlassen, besteht
die Gefahr, dass alle oder die meisten anderen abschalten oder gar unruhig oder
ärgerlich werden. Ich
kann zwar hier am Schreibtisch gut schreiben, dass wir ebenso freundlich wie bestimmt
derartige Diskussionen rasch beenden müssen. Wie sich jeder von uns in dieser
Situation verhält, hängt von vielen nicht planbaren situativen Einflüssen
ab, zu denen unter anderem die Atmosphäre in dem Raum, die eigene "Tagesform"
und der Ton, in dem die Fragen vorgetragen werden, gehören. Mir
fällt hierzu ein, dass mich in einer solchen Aussprache ein Teilnehmer fragte,
ob nicht auch Menschen, die ihr ganzes bisheriges Leben recht friedfertig waren,
auch später noch (also irgendwann im Erwachsenenalter) einen aggressiven,
gewaltbereiten Charakter bekommen können. Diese eigentlich reine Wissensfrage
war aber in einem recht lauten und mich zunächst befremdenden Tonfall vorgetragen
worden. Ich wusste also nicht, will er auf etwas Bestimmtes hinaus? will er provozieren?
habe ich vielleicht während meines Vortrags irgendetwas gesagt, was ihn herausgefordert
hat? In mir entstand also eine Art "kritische Situation". In einer
kurzen Denkpause (die wir uns ohne Angst und Verlegenheit einräumen dürfen)
überwand ich die entstandene Unsicherheit, besann mich auf den Sachgehalt
der Frage und konnte (wie ich annehme in aller Gelassenheit) die Frage mit einem
Vergleich beantworten: "Wenn Viktor Frankl nachgewiesen hat," so etwa
erklärte ich sinngemäß, "dass Menschen eine im positiven
Sinne von Grund auf veränderte Einstellung zu sich selbst und ihrem Leben
gewinnen können, solange sie atmen, dann kann ich mir vorstellen, dass es
auch möglich ist, negative Charakterzüge herauszubilden." (vgl.
hierzu: Frankl, V.: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. München 1990
/ Serie Piper Nr. 289). Mit dieser Antwort gab sich der Frager zufrieden.
Ob er es wirklich war, das weiß ich allerdings nicht.
3.2. Die Gesprächsrunde
Bei
dieser Form verzichten wir ganz auf Vorträge. Es ist ja auch unser Anliegen,
die Eltern miteinander ins Gespräch zu bringen. Als ich in unserer Gemeinde
vom Kindergarten eingeladen worden war, mit Eltern darüber zu sprechen, wie
Kinder dazu erzogen werden sollen, nicht mit jedem Fremden mitzugehen und auf
Distanz zu bleiben ohne jemanden zu diskriminieren, bat ich die Eltern, mir zu
sagen, welche eigenen Positionen und Erfahrungen sie zu dieser Thematik bewog.
Im Handumdrehen wurden Beispiele erzählt und spontan untereinander Anregungen
gegeben, wie Eltern in vergleichbaren Situationen reagiert hatten. Rasch war ein
lebhafter Austausch im Gange. Die
Gefahr für uns Moderatorinnen und Moderatoren dieser Gesprächskreise
besteht einmal darin, dass wir leicht ausgeklingt werden können. Wenn besonders
engagierte und in Führung und Leitung erfahrene Fachkräfte unter den
Eltern sind, dann reißen diese unversehens und ohne bewusste Absicht das
ganze Geschehen an sich (vgl. oben die "heimlichen Leiter").
Eine andere Schwierigkeit ergibt sich, wenn wir den richtigen Moment zum Eingreifen
versäumen. Einmal können wir zu rasch mit unserer Aussage dazwischen
fahren, wenn wir eine Pause des Nachdenkens unterbrechen und jenen die Möglichkeit
zu eigener Äußerung nehmen, die ein bisschen Zeit brauchen. Zum anderen
aber könnten wichtige (von uns für wichtig gehaltene) ergänzende
Informationen unter den Tisch fallen, wenn wir den richtigen Einsatz verpassen.
Ganz schnell kann es dazu kommen, so bemerkte ich an diesem Abend, dass die Eltern
vom Hundertsten ins Tausendste kommen und wir uns rasch von unserem Thema fortbewegen.
In beiden Fällen müssen wir uns zu unserer Verantwortung als Gesprächsleiterin
/-leiter bekennen, das Wort ergreifen und die Initiative wieder übernehmen
indem wir zum Beispiel unsererseits etwas zum Diskussionsgegenstand sagen oder
vielleicht darauf hinweisen, dass wir jetzt in eine anderes Thema hinein rutschen,
für das wir gern zu einem gesonderten Elternabend kommen. Wir
sollen von Anfang an sagen, dass wir die Gesprächsleitung haben und das heißt:
wir erteilen das Wort;
wir achten sorgsam auf Wortmeldungen; wir bemerken auch die, die etwas sagen
möchten, sich aber nicht getrauen, die Hand zu heben und ermutigen sie, sich
zu beteiligen; wir setzen Zäsuren, indem wir einen Themenkomplex zusammenfassen
und zum nächsten überleiten; wir sprechen das Schlusswort. Dieser
Anspruch, dass die Leitung ist deutlich wahrnehmbar ist, bedeutet dann keine Bevormundung
oder gar Entmündigung unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer, wenn wir auf
die Balance zwischen der Autonomie des Einzelnen und dem Interesse aller, am Thema
arbeiten zu wollen, achten. Vor allem verzichten wir auf jede Besserwisserei und
Bekundungen fachlicher Überlegenheit. |
4.
Bildungsarbeit ist keine Psychotherapie Wir
waren uns in der Arbeitsgruppe von Anfang einig darüber, dass wir keine Prozesse
in der Gruppe begleiten wollen, in deren Zusammenhang einzelne Teilnehmerinnen
und Teilnehmer "therapiert" werden. Das Selbstverständnis unserer
Arbeit leitet sich von unserem Auftrag ab: wir leisten Bildungsarbeit und bieten
keine therapeutisch zu interpretierende Hilfen für Einzelne oder für
die Gruppe an. Wenn wir entsprechende Erwartungen verspüren oder solche klar
geäußert werden, dann müssen wir darauf verweisen, dass derartige
Hilfen von uns im Rahmen dieser Veranstaltungen nicht angeboten werden. Auch Einzelfallhilfe
kann im Rahmen der Veranstaltungen nicht geleistet werden. Wir haben jedoch
davon auszugehen, dass sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit ihren persönlichen
Sorgen an uns wenden. Je mehr Vertrauen sie zu uns gewinnen, um so eher werden
sie uns beiseite nehmen (sie rufen uns an oder treten nach einer Veranstaltung
an uns heran) und uns ihre Probleme vortragen. Da zu unserem Kreis inzwischen
hierfür ausgebildete und erfahrene Familientherapeutinnen gehören, sind
die Wege sehr kurz geworden (vgl. auch den Hinweis am Schluss des Kapitels 6).
Im relativ geschützten Rahmen einer Gruppenveranstaltung kann eine Mutter
die Therapeutin kennen lernen und ermutigt werden, sie später um Rat zu fragen.
Wenn nicht wir helfen können, vermitteln wir geeignete Hilfen. Entsprechende
Fachdienste/Fachkräfte stehen im Landkreis zur Verfügung. |
5.
Wenn Teilnehmer unglückliche Auffassungen vertreten Auf
eine andere Dimension unserer Leitungsverantwortung verweist Erhard Meueler, wenn
er über die "kritische Umsicht" schreibt. Sein Beispiel ist die
Familienbildung. Auch in unseren Gruppen kann es passieren, dass die Alltagspraxis
beziehungsweise Einstellungen und Verhaltensweisen einiger Teilnehmerinnen und
Teilnehmern zwar übereinstimmen und darum keinen Widerspruch finden, aber
objektiv (gemessen an wissenschaftlichen Erkenntnissen) falsch sind. Nehmen wir
an, die Eltern XY berichten, dass sie auf schlechte Schulnoten ihres Kindes stets
mit Strafen reagieren. Einige andere bestätigen dieses Verhalten "ja,
so machen wir es auch" und wieder andere (vielleicht jene, die es anders
machen) schweigen dazu. Wenn
nun auch die Seminarleitung alles so stehen lässt, wird die strafende Elternhaltung
gleichsam abgesegnet. In derartigen Situationen zeigt sich die Bedeutung
einer gründlichen Vorbereitung, die sich nicht in erster Linie auf unsere
subjektiven Überzeugungen und eigenen Erziehungspraktiken beziehen darf.
Vielmehr ist kritisch-systmatisiertes Wissen auf der Grundlage gesicherter Forschungsergebnisse
oder anerkannter Theorien unverzichtbar. Auch wenn die Leiterinnen und Leiter
selbst im Zusammenhang mit der Aneignung und Verarbeitung derartigen Wissens eigene
Versäumnisse entdecken, dürfte diese Selbsterkenntnis nicht dazu verführen,
wissenschaftlich abgesicherte Erlebnisse und Handlungsempfehlungen als "falsch"
oder "unrealistisch und lebensfremd" beiseite zu legen.
Wenn wir selbst zweifeln
und uns nicht sicher sind, dann prüfen wir Theorien in unserer Arbeitsgruppe
kritisch. Wir werden unsere Auffassungen austauschen, zu Ergebnissen kommen und
diese dann in unseren Veranstaltungen vertreten.
Im Übrigen wird wohl niemand von sich sagen können, dass wir in unseren
eigenen Eltern- und Erzieherrollen stets an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert
gehandelt haben und (gemessen an diesen Maßstäben), fehlerlos sind
oder waren. Nur darf uns unsere Erfahrung (ich habe genau so gehandelt, wie die
anderen) nicht dazu verführen, in der Seminarveranstaltung zu schweigen oder
gar mit einem bestätigenden Kopfnicken zu einem anderen Thema überzugehen.
Auch die Überlegung, hier niemanden bevormunden zu wollen und deshalb nichts
zu sagen, könnte missverstanden werden. Es gilt stattdessen, dass wir objektiv
falsche Ideen, Überzeugungen oder Praktiken nicht im Raum stehen lassen dürfen.
Hier Beispiele dafür, wie wir uns in derartigen Situationen verhalten könnten:
Wenn immer möglich,
gleich aufgreifen und weiter darüber sprechen. "Das ist sehr interessant.
Dieses Thema ist so wichtig, dass wir uns gleich einmal über unsere Erfahrungen
austauschen sollten. Unterhalten wir uns darüber, wie das die anderen tun
und was bei dieser Praxis herauskommt (erreichten wir, was wir mit der Strafe
beabsichtigten?)". Verschieben
bzw. später darauf zurückkommen, wenn keine Zeit mehr ist oder die Äußerungen
beiläufig fielen und eine Vertiefung jetzt völlig unangemessen wäre.
"Das ist eine sehr interessante Praxis. Dieses Thema ist so wichtig, dass
wir es noch einmal aufgreifen sollten. Notieren wir es uns auf unser Blatt "Was
noch zu klären ist" und kommen beim nächsten Mal darauf zurück."
. Wenn uns erst
später einfällt, dass eine Aussage korrekturbedürftig ist.
"Auf dem Nach-Hause-Weg ist mir Ihr Beispiel noch einmal durch den Kopf gegangen.
Ich darf das noch einmal so wiedergeben, wie ich es behalten habe. Mir erscheint
es so interessant (oder eine andere plausible Begründung), dass wir darüber
weiter nachdenken sollten..." |
6.
Wir sind nicht allwissend Wenn
wir uns auf eine Veranstaltung, deren Thematik uns aus unserer Arbeit nicht ganz
so vertraut ist, noch so gut vorbereiten, werden wir immer wieder feststellen,
dass unsere Kenntnisse begrenzt sind. Wenn wir uns von vorn herein auf diese Begrenzung
einstellen und sie uns und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus gegebenem Anlass
ohne Verlegenheit eingestehen, dann ist eine Wissenslücke kein Defizit. Einige
Handlungsempfehlungen: Wir
geben die Frage an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zurück: "Das weiß
ich nicht. Vielleicht finden wir zusammen eine Antwort". Wenn
keine Antwort gefunden wird, dann verweisen wir auf die nächste Veranstaltung
und werden uns in der Zwischenzeit kundig machen. Wir informieren uns
mit Hilfe geeigneter Literatur (bei mir im Regelfalle vorhanden) oder/und wenden
uns an für diese Fragestellung zuständige Expertinnen oder Experten
in unserem Landkreis. Wir
bringen dieses Thema/Problem in die nächste Arbeitsgruppenbesprechung mit. Wir
werden trotz unserer individuellen Grenzen keine Probleme oder Fragen zur Entwicklung
von Kindern oder der Erziehung und Bildung in Familie, Kindergarten oder Schule
ausklammern. Besonders
mit Auffälligkeiten oder vermeintlichen oder tatsächlichen Störungen
in der Entwicklung werden wir uns zu befassen haben. Nicht immer müssen wir
bei entsprechenden Fragen gleich auf die Erziehungsberatungsstellen oder die Möglichkeit
einer psychotherapeutischen Behandlung verweisen. Für erste Informationen
über Sprachstörungen, Geschwisterrivalitäten, Konzentrationsmängel,
Bettnässen oder motorische Unruhe - um nur einige Beispiele zu nennen, -
sind wir zuständig und können Auskunft geben. Allerdings ist eine Bildungsveranstaltung,
so ist oben bereits festgehalten worden, keine Beratungsstelle. Nur wenn sie in
das Thema der Veranstaltung passen und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer keine
Einwände haben, kann auf entsprechende Elternfragen eingegangen werden. In
allen anderen Fällen haben wir es mit einer Einzelfallberatung zu tun. Und
die gehört nicht in die Veranstaltung hinein. Ob wir uns für Beratungsaktivitäten
außerhalb der Veranstaltungen - also privat - zur Verfügung stellen,
bleibt jeder/jedem selbst überlassen.
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Anmerkung
Wie einleitend bereits gesagt, handelt es sich bei diesen Texten um überarbeitete
Auszüge aus den Protokollen der Arbeitssitzungen der ersten fünf Jahre
unserer Arbeit. Die vollständigen Protokolle mit didaktischen und methodischen
Hinweisen finden sich bei Herrn Rudi Kappeler in Waldshut (Gemeinnützige
Familien GmbH) oder bei mir in einem Ordner und können dort eingesehen werden.
Die meisten der auf dieser Homepage eingestellten Texte über die Erziehung
und Bildung in den Familien standen und stehen für die Bildungsarbeit nach
wie vor zur Verfügung und werden, soweit es neue Erkenntnisse zum jeweiligen
Thema gibt, von Zeit zu Zeit ergänzt.
Görwihl
im Februar 2006 |
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