Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf


Drohen, Strafen, Grenzen setzen

 

1.
Einführung

Eine ganz allgemeine Erfahrung sei diesem Kapitel vorangestellt:
Obwohl in der überwältigenden Mehrzahl der Familien Schimpfen, Drohungen und Strafen im erzieherischen Umgang mit Kindern selbstverständlich sind, ist das Interesse an Elternabenden sehr groß, wenn es um die Antworten auf die Frage geht: "Wie man sich Schimpfen und Strafen sparen kann". Offenbar leben wir Eltern, aber auch Erzieherinnen und Erzieher oder Lehrerinnen und Lehrer, in einem gewissen Zwiespalt: Einerseits bestrafen wir fleißig, andererseits aber wollen wir das gar nicht tun. Wenn wir strafen, plagt die meisten von uns ein schlechtes Gewissen. Wir beruhigen es, in dem wir sagen: es geht ja nicht anders. Kürzlich erklärte eine Journalistin aus der Schweiz, die selbst ein kleines Kind hat: "Man kann doch nicht ohne Strafen erziehen und eine hinter die Ohren ist von Zeit zu Zeit nötig". Die "strafende Hand" ist also nicht allein ein Problem der Deutschen. Denn Ohrfeigen zählen in Deutschland zu den häufigsten erzieherischen Strafen. In mehr als 80 Prozent aller Familien wird Gewalt angewendet. Die Autoren von Erziehungsratgebern, die in unseren Tagen (wieder einmal) mehr Disziplin und Gehorsam von Seiten der Kinder erwarten, bestärken also Eltern in ihrer Hilflosigkeit und laufen mit ihren Erwartungen offene Türen ein.

Unlust, Verweigerung oder Widerstände sind bei Heranwachsende ganz normale Haltungen und Verhaltensweisen. Ihnen angemessen zu begegnen und Kindern zu helfen, aus ihren Verstrickungen herauszufinden ohne Schaden an ihrer Persönlichkeit zu nehmen, ist eine permanente Herausforderung für alle, die mit Kindern umgehen. Ob Strafen hierfür ein geeignetes Mittel sind, das sollte jeder bei sich selbst abfragen und hierbei zunächst an die eigene Kindheit denken..

 

 

2.
Was sind Strafen?

Ganz allgemein und sehr weit gefasst ließe sich sagen, dass wir jedes zwischenmenschliche Verhalten, das wir als Strafe auffassen - wir fühlen uns bestraft oder wir wollen bestrafen - damit meinen. In unserem Rechtssystem zum Beispiel füllen Straftheorien, Strafpraxis oder Gesetze, Urteile und Kommentare zum Strafproblem ganze Bibliotheken. Wir sprechen in unserem Zusammenhang aber nur von der "pädagogischen Strafe" also einer Handlung im Zusammenhang mit einer erzieherischen Absicht.
Erzieherinnen und Eltern formulierten in einem gemeinsamen Gespräch:

"Strafe ist jedes Verhalten, das einen anderen verletzt"
"Strafe findet ihren Ausdruck in Zwängen, Demütigungen, Kränkungen, in Gewalt (Schläge), die nicht Notwehr ist"
"Strafen sind auch Zuschreibungen wie: du bist schlecht, dumm, böse... aus dir wird ja eh nichts; oder Beschimpfungen wie: Dummkopf, dumme Pute, Taugenichts, frecher Kerl"

Diese Beispiele zeigen uns, was Strafe nicht ist: Sie ist keine gleichsam natürliche Konsequenz, die sich aus einem Verhalten ergibt. Es wäre für uns zu schön, weil so bequem, hätten Strafen den objektiven Charakter von Naturgesetzen: wenn die Puppe auf den Boden fällt, geht sie entzwei. Dieser Vorgang besitzt auch dann keinen Strafcharakter, wenn das Kind zuvor von den Eltern auf die "logische Folge" seiner Handlung aufmerksam gemacht wird. Das Kind wäre zwar betrübt, weil die Puppe zerbrochen ist, kann sich aber nicht bestraft fühlen, weil die Eltern diesen Vorgang nicht herbeigeführt haben. Erst wenn die Eltern anschließend schimpfen: "Du bist doch ein ungezogenes Kind... wir haben es dir ja gleich gesagt ..., das hast du nun davon ..., jetzt setzt es was ..." beginnt die Bestrafung. Wir sehen an diesem Beispiel:
Zur Strafe gehört die Strafabsicht des Erziehenden.

Das reicht aber nicht aus, da sich ein Kind durchaus nicht immer bestraft fühlen muss, wenn wir strafen. Die Wirksamkeit einer Strafe hängt von den Beziehungen ab, die zwischen Kind und Erwachsenem bestehen. Der Charakter der Beziehungen zwischen beiden kann dazu führen, dass sich ein Kind weder durch Strafen noch durch Belohnungen angesprochen fühlt. Mit einem mangelhaften oder fehlendem Echo bei einem Kind oder Jugendlichen müssen wir dann rechnen, wenn die gegenseitigen Beziehungen auf Gleichgültigkeit beruhen.
Eine negative Reaktion (ein Kind setzt zur Gegenwehr an, wird seinerseits traurig, zornig, aggressiv) dagegen zeigt uns, dass es emotional betroffen ist. Gelegentlich erwächst aus diesen gefühlsmäßig aufgeladenen Situationen die Chancen zu Einsicht, Verständigung und Versöhnung. Besser wäre es freilich, es käme gar nicht erst zu diesen Straffolgen.

Schwierig wird es auch, wenn ein Kind die Strafwürdigkeit seines Verhaltens gar nicht erkennen kann. Unverständnis aber führt zu Unsicherheit und Angst und macht alles nur noch schlimmer, weil das Kind, gleichsam "nun erst recht", sein Verhalten fortsetzt. Hierzu kann es kommen, wenn zum Beispiel die Vorstellungen was gut ist und richtig in einer Familie auf der einen Seite, im Kindergarten oder Schule auf der anderen Seite weit auseinander liegen.

In Bernds Familie ist es zum Beispiel üblich, dass die Eltern grob und unhöflich miteinander und mit Bernd und seinen Geschwistern umgehen. Bernd übernimmt die für ihn vorbildlichen Verhaltensweisen und trägt sie in die Kindergartengruppe und fällt dort damit unangenehm auf. Vor allem aber gerät er mit seinen (beziehungsweise den elterlichen Verhaltensweisen) in deutlichem Widerspruch zu den Erziehungsvorstellungen und sozialen Verhaltensnormen der Erzieherinnen.
Wenn diese sich nun gezwungen sehen, andere Kinder vor Bernd in Schutz zu nehmen, ja, ihn sogar zu bestrafen, könnte der Junge die Gründe gar nicht begreifen. Er würde sich ungerecht behandelt fühlen und noch aggressiver werden. Mit Hilfe von Strafen lassen sich zwar in derartigen Fällen vorübergehend insofern Erfolge erzielen, als Kinder erfahren, dass sie sich in einer anderen sozialen Umgebung anders verhalten müssen. In einigen Fällen ist sogar eine Anpassung nicht jedoch eine tiefreichende Verhaltensänderung zu erwarten.
Noch am gleichen Tage aber wird die Erzieherin bei Bernd erneut eingreifen müssen und so wird es jeden Tag - mal mehr mal weniger für alle Beteiligten erträglich - zugehen.

Dieses Beispiel lässt sich auf viele Unterschiede von Norm- und Wertvorstellungen zwischen den Lebensbereichen Elternhaus, Kindergarten und Schule übertragen und zeigt uns, ohne dass wir an dieser Stelle näher darauf eingehen können, wie wichtig eine gute Zusammenarbeit in Fragen der Erziehung und Bildung unserer Kinder ist (vgl. dazu den Beitrag: Übereinstimmung in der Erziehung).

 

3.
Straffolgen

Mit einem Beispiel soll zunächst auf mögliche Folgen der Strafpraxis aufmerksam gemacht werden.

Als Michael in die Hortgruppe eintrat, war er in der gleichen Kindertagesstätte schon seit seinem vierten Lebensjahr als unbekümmerter fröhlicher Springinsfeld bekannt und geschätzt. Der Junge hatte einen recht "eigenen" Kopf, der manchmal recht "dick" sein konnte. Gleichzeitig mit Michael begann im Hort eine neue Erzieherin mit ihrer Arbeit. Es war eine ruhige, freundliche und recht bestimmt auftretende Kollegin.
Eines Tages bekam sie mit Michael Streit, als sie ihm erklärte, dass er sein Sachkundeheft ordentlicher führen müsse. Beide waren nicht so gut drauf und blieben stur. Die Erzieherin sagte: "so machst du das jetzt!" und Michael reagierte genau so bestimmt: "nein, das müssen wir nicht so machen". Im Verlaufe der immer lauter werdenden Auseinandersetzungen fuhr ihn die Erzieherin heftig an, packte ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. Nur ein wenig - aber es reichte im doppelten Sinne:
Michael war daraufhin still und fügte sich.
Michael zog sich zurück, wenn immer die Erzieherin in seiner Nähe war; er tat zwar, was sie gebot; aber sie konnte nicht mehr mit ihm sprechen.

Es war in einem späteren Gespräch mit der Erzieherin nicht mehr aufzuklären, ob die Erzieherin ihn unsanft anfuhr beziehungsweise bestrafte, weil sie zeigen wollte, dass sie nichts durchgehen lassen wird, oder ob sie an diesem Tage mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden war. Für den Effekt ist das auch von untergeordneter Bedeutung: Michael blieb ihr gegenüber reserviert. Er war weiterhin ein fröhliches und dynamisches Kind. Nur zwischen den beiden war das Vertrauensverhältnis dahin. Die Beziehungen blieb gestört.

Dieses Beispiel aus einer Horteinrichtung bestätigt uns, was wir, bei entsprechender Empfindsamkeit der Beteiligten, im Leben immer wieder erfahren: Ein böses Wort, eine einzige (sogar missverstandene) Äußerung oder Geste können genügen, zwischenmenschliche Beziehungen wie, Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit oder gar Liebe zu beeinträchtigen. Es wäre so schön, wenn wir die Beziehungen innerhalb einer Familie nicht mit derartigen Störungsursachen belasten würden! Gerade Besuche von Verwandten oder Aufenthalte bei Oma und Opa könne durchaus zu derartigen Missverständnissen und Beziehungsstörungen Anlass geben!

Ich werde nie vergessen, dass eine meiner beiden Großmütter unserer Mutter einen Stock überreichte, damit sie uns damit verprügeln könnte. "Du lässt dir ja auf der Nase herumtanzen", war ihr Kommentar zu diesem "Geschenk".
Meine Schwester und ich, damals gerade in der Grundschule, waren empört und zerbrachen den Stock. Von dieser Oma wollten wir fortan nichts mehr wissen. Wir weigerten uns, sie zu besuchen und verschwanden, wenn sie kam. Und so blieb es bis zu ihrem Tode (J.R.).

Schauen wir weiter auf Straffolgen. Hier sind die nachfolgenden Ergebnisse einer Befragung von Erzieherinnen und Erziehern und die von Eltern interessant. Die Frage lautete: "Was haben bei Ihnen nach Ihrer Erfahrung Strafen durch Eltern bewirkt?" Als Antworten waren möglich:

1. Ich habe mein Verhalten in der von den Eltern gewünschten Weise geändert.
2. Ich habe mein Verhalten nicht geändert bzw. nun
3. genau das Gegenteil von dem getan, was die Eltern bei mir durch die Strafe erreichen wollten.

Nur zu einem Drittel bewirkten Strafen eine Verhaltensänderung in der von den strafenden Eltern gewünschtem Sinne.
In zwei Dritteln erfüllten die Strafen ihren Zweck nicht. Ein Teil von den Befragten gab an, nun erst recht das Gegenteil von dem getan zu haben, was die Eltern wollten.

Strafen, also Reaktionen von Erzieherinnen und Erziehern, Eltern oder Lehrerinnen und Lehrern, die als Strafe beabsichtigt waren und auch vom betreffenden Kind so erlebt wurden, erreichen nur selten den gewünschten Effekt.

Vielleicht entlasten sie für einen Moment die Situation. Doch eine andauernde Verhaltensänderung, die obendrein noch auf einer Einsicht des Kindes beruht: das war jetzt falsch, das darf ich so nicht machen, ist kaum zu erwarten. Schauen wir aber noch ein bisschen genauer hin, was wir mit Schimpfen und Strafen anrichten können:

Rene war im zweiten Schuljahr, als er im Rechenunterricht aufgerufen wurde. Weil er nicht aufgepasst hatte, ging der Lehrer zu ihm und tat, was er üblicherweise zu tun pflegte: Er gab Rene eine schallende Ohrfeige.
Daheim, wo Schläge nicht üblich waren, verschwieg Rene den Vorfall. Er wusste aus Erfahrung, denn die ältere Schwester ging bereits ins vierte Schuljahr, dass die Eltern nichts unternommen hätten. "Pass halt das nächste Mal auf" wäre das Einzige gewesen, was die Mutter gesagt hätte. Am nächsten Morgen klagte der Junge über Bauchschmerzen. Einige Tage behielt ihn die besorgte Mutter daheim. Der Arzt konnte aber keine Erkrankung feststellen.
Rene ging dann wieder, wenn auch angstvoll, in die Schule. Im Rechenunterricht verhielt er sich mucksmäuschenstill und zeigte sich als "braver" Junge. Nur mit dem Rechnen wollte es nicht mehr klappen. Es war, als hätte der bis dahin schulisch unauffällige Junge eine Blockade im Kopf.
Zum neuen Schuljahr wurde der Mathematiklehrer versetzt. Heinz hat ihn nie wieder gesehen.
Der Junge war zwar froh darüber, dass er diesen "strengen" Lehrer los war. Doch mit dem Rechnen wollte es nie mehr recht klappen und das Kind hinkte während seiner ganzen Schulzeit in diesem Fach den anderen hinterher. Die Eltern erklärten die "Rechenschwäche" mit Vererbung: "Ich war im Rechnen auch keine gute Schülerin", sagte die Mutter.

Eine einzige Strafe kann ein Kind schocken und für eine lange Zeit verängstigen und verunsichern. Angst und Unsicherheit aber sind keine guten Begleiter auf dem Weg in eine selbstbewusste Existenz. Es gibt sehr viele Frauen und Männer, die - noch bis ins hohe Alter hinein - voller Ängste und Unsicherheiten sind, die auf Bestrafungen in der Kindheit zurückgeführt werden können und die sie gelegentlich völlig lähmen.

Generell gilt: jede Form der körperlichen Züchtigung verletzut die Würde des Kindes zutiefst. Mag es - um die Liebe und Zuwendung der Eltern nicht zu verlieren - sich nichts anmerken lassen: jeder Schlag treibt es aus der engen Verbundenheit mit den Eltern ein Stück weiter weg. "Eine Ohrfeige ist ein elterliches Armutszeugnis" erklärte erst am 30. April 2007 Der Saarbrücker Professor Günther Deegener (Bad. Ztg.) und bestätigt damit erneut was bereits vor 27 Jahren die beiden Wiener Wissenschaftler Günther Pernhaupt und Hans Czermak in ihrem Buchtitel zum Ausdruck brachten."Die gesunde Ohrfeige macht krank" (Wien 1980)

Dass Straferfahrungen einen Menschen ein ganzes Leben hindurch begleiten können, und das Strafen nicht das bewirken, was mit ihnen beabsichtigt ist, das finden wir auch bei Menschen in anderen Ländern. Aus dem französisch besetzten Algerien, in dem sie ihre Kinderheit verbrachte, erzählte die Schriftstellerin Marie Cardinal:

"Ich spüre noch die Wut, die mich packte, wenn ich die schönsten Stunden eines schulfreien Nachmittags mit dem Schreiben dieses Schwachsinns ("Ich darf während des Mathematikunterrichts nicht reden") verrinnen sah. Ich dachte nicht daran, es nicht wieder zu tun. Ich dachte, dass ich einen Trick finden würde, um dasselbe zu tun, ohne mich erwischen zu lassen. Ich lernte zu heucheln, und mich zu verstellen." (aus: Der Schlüssel liegt unter der Matte". Hamburg 1980, S. 41).

Derartige Erfahrungen bestätigen, dass Strafen - ob in der Familie oder in der Schule verhängt - nicht das bewirken, was sie bewirken sollen.

 

4.
Brauchen Kinder überhaupt Strafe?

Gelegentlich wird strafendes Erzieherverhalten damit gerechtfertigt, dass Kinder Strafe brauchen. Kinder fordern Strafe heraus. Rudolf Dreikurs gab einem seiner Bücher den Titel: "Kinder fordern uns heraus ..." Legen wir die Betonung auf "uns" und schauen, was damit gemeint sein kann:

Nach dem Aufstehen zanken sich die vierjährige Anita und der achtjährige Klaus. Die sehr geduldigen Eltern, die sich den Sonntagmorgen nicht verderben lassen wollen, halten sich heraus. Der Streit versickert. Übellaunig kommt Anita, die vermutlich bei der geschwisterlichen Auseinandersetzung den kürzeren gezogen hat, an den Frühstückstisch. Dort stellt sie ihren Trinkbecher mit der Behauptung "der Kakao ist kalt" ruckartig beiseite und bekleckert das frische Tischtuch.

Die hier geschilderte herausfordernde Haltung den Erziehern gegenüber begegnet uns in Familie, Kindergarten, Schule oder Hort nicht selten. Eine Herausforderung muss so beantwortet werden, wie die Kinder es erwarten:

Zeige mir meine Grenzen! Kinder brauchen also keine Strafen, sondern Eltern und Erzieher, die ihnen zeigen, wo die Grenzen sind, die man beachten muss, wenn man in dieser unserer Gesellschaft und Kultur in sozial anerkannter Weise leben will.

Noch einmal sei auf den Abschnitt "Führung" im Kapitel über die "Bedürfnisse" von Kindern verwiesen: Führung, Grenzen setzen, Orientierungshilfen geben ... alles das sind Elemente von "Erziehung" und elementare Notwendigkeiten, um unseren Heranwachsenden zu einem Gewissen zu verhelfen, das ihnen sagen kann, was gut und richtig ist.

Wir können in der Pädagogik unterscheiden zwischen bewusstem, beabsichtigtem und zielorientiertem erzieherischen Handeln und den unbeabsichtigten, nicht durch uns gesteuerten Handlungen oder Situationen, die gleichwohl auf ein Kind von nachhaltiger Wirkung sind. Die letzteren, die "funktionalen" Erziehungseinflüsse, meinen wir, wenn wir sagen, dass wir auf das, was ein Kind von der Straße, von anderen Kindern oder aus einer Fernsehsendung mitbringt, keinen Einfluss haben. Vielleicht prüfen wir einmal die folgende Annahme:

Je klarer und wirksamer die beabsichtigten (intentionalen) erzieherischen Einwirkungen durch uns sind, um so weniger wirken sich gegenläufige funktionale Einwirkungen aus.
Auch die sogenannte "antiautoritäre" Erziehungsrichtung, wie sie in den siebziger Jahren in unserem Erziehungs - und Bildungswesen bis in die Familien hinein heftig umstritten wurde, verzichtete nicht auf jene intentionalen Erziehungsprozesse. Damals ging es vielmehr um die Art und Weise, wie Eltern und Erzieher mit ihren Kindern umgehen sollten, damit sie optimal gefördert werden. Und weil ausgesprochen wurde, was jeder von uns am eigenen Leibe längst erfahren hatte, dass nämlich Erziehung mit Schlägen oder Missachtung kindlicher Würde (autoritäre Erziehung) keineswegs zu einem selbständigen, verantwortlich handelnden und mündigen, sich seiner Selbst bewußten Staatsbürger führt, war zunächst die Begeisterung groß. Es mag einige gegeben haben, die dachten, nun brauche man gar nichts mehr zu tun: ein Kind wird von alleine wissen, was ihm gut tut. Diese bequeme Haltung gab es auch schon vorher. Sie wurde Laizzes-faire-Stil genannt und lässt sich mit Gleichgültigkeit übersetzen. Doch war diese erzieherische - oder besser nicht-erzieherische - Haltung unter Eltern, Erziehern und Lehrern genauso verpönt, wie die diktatorische.

 

5.
Führen oder wachsen lassen?

"Führen oder Wachsenlassen?" fragte der Pädagoge Theodor Litt bereits 1927 und sprach damit ein Thema an, das uns noch heute bewegt. Denken wir nur an Begriffe wie "antiautoritäre" oder "autoritäre" Erziehung oder daran, wie unsicher wir selbst manchmal sind, weil wir nicht genau wissen, ob und wie wir unserem Kind Grenzen zeigen sollten. So alt dieses Problem ist, so aktuell ist es geblieben, weil jede Zeit und jeder von uns seine Antwort finden muss, die bei aller Eigenständigkeit von Familienatmosphären die kindlichen Grundbedürfnisse zu berücksichtigen hat.


"Sag ja und nein und dreh´ und deutle nicht ..." hieß es in einem Gedicht, das wir in der Schule einst lernten. Dieses Gebot einer eindeutigen Orientierung gilt auch im Familienalltag.

Kerstin fragt: "Mama, darf ich zu Rita spielen gehen?" Darauf die Mama: "Wenn Du über die Straße gehst, schau erst nach links und dann nach rechts! Am besten ist es, wenn Du vor gehst bis zur Ecke. Und dann mach Dich nicht schmutzig, hörst Du? Du weißt, dass wir nachher noch wegwollen. Und Du machst ja jedesmal so ein Theater, wenn Du Dich umziehen sollst. Das bin ich leid ..."

Und wer weiß, was die Mutter der Achtjährigen alles noch erzählt. Kerstin hört schon gar nicht mehr hin, weil sie diese Litaneien zur Genüge kennt. Aber sie kennt ihre Mutter und als die wieder einmal eine Pause macht, weil sie Luft holen muss, fragt sie: "Darf ich nun gehen oder nicht?" "Ja" sagt die Mutter, "aber bleib nicht so lange".

Diese Geschwätzigkeits-Pädagogik ist keine Tugend. Sie fällt den Kindern auf die Nerven - und das sagen sie dann auch eines Tages. Natürlich reden wir mit unseren Kindern. Aber alles zu seiner Zeit und vor allem nicht, wenn Kinder von uns nur ein Ja oder ein Nein erwarten. Selbst ein "Nein" lässt sich nicht immer gleich begründen, weil unsere Kinder nämlich dann durchaus verärgert reagieren können und kein Ohr für unsere guten Gründe haben. Ob wir unser "Nein" also gleich begründen oder erst zu einem späteren Zeitpunkt (wenn sich das Kind wieder beruhigt hat), das entscheiden wir in der Situation.

Eine ganz andere Frage tut sich auf, wenn unser "Nein" mit einem "Ich gehe trotzdem" beantwortet wird und das Kind tatsächlich geht und unser Verbot ignoriert. Es ist zu hoffen, dass ein derartiges Verhalten die Ausnahme ist. Eine Verhaltensregel für derartige Fälle gibt es nämlich nicht. In Kindergärten oder Schulen, vielleicht auch in einigen Familien, gibt es geschriebene oder ungeschriebene aber jedem bekannte Regeln. Und wo es zweckmäßig ist, wird jede Regelverletzung mit einer sich aus der Verletzung logisch ergebenden Folge sanktioniert, wie weiter unten noch näher erläutert wird.

Hier passt hin, dass wir nicht vergessen, dass unsere Kinder sich "reiben" können müssen. Während sie sich ständig an uns reiben, reifen sie heran. Sozialisation, also das Hineinwachsen in unsere Kultur und Gesellschaft lässt, sich durchaus auch unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Im Zusammenhang mit dem kindlichen Trotz, über den im Zusammenhang mit kindlichen Aggressionen noch einmal nachgedacht wird, wird der hier gemeinte Reibungsprozess besonders deutlich:
Unser Kind war eigentlich schon immer trotzig und wurde zum Beispiel bereits als Säugling krebsrot und schrie aus Leibeskräften, wenn es sich unbehaglich fühlte und ihm das nicht passte.

Ein Vater erzählte einmal, dass er seinen wenige Monate alten Sohn baden und bei dieser Verrichtung die Mutter vertreten sollte. Der Vater, der immer zugesehen hatte, wenn die Mutter den Jungen badete, abtrocknete und frisch windelte, übernahm diese Aufgabe gern. Doch während der ganzen Badeprozedur schrie das Kind wie am Spieß. Der Vater wurde so nervös und innerlich aggressiv, dass er froh war, als der Junge endlich wohl verwahrt in seinem Bettchen lag und Ruhe gab. Dem Vater war klar, dass in den früheren Entwicklungsphasen das Bewusstsein des Kindes an dem Vorgang noch nicht beteiligt war. Dennoch erlebte der Vater dies ihm zunächst unverständliche Verhalten des Kindes als ein gegen ihn gerichteter Protest. Das war es ja denn auch, denn er fasste den Sohn anders, vielleicht unmerklich zaghafter an, als er ihn in die Wanne hielt. Diese neue Situation löste in dem Kind Ängste und damit Widerstand aus. Noch deutete der Vater dieses Protestgeschrei nicht als Trotz, weil ja das Bewusstsein des Kindes unbeteiligt war, und verzichtete auf eine Bestrafung. Jahre später aber, wenn auf diese Weise unser Kind zornig anschreit, wenn es versucht uns gegenüber seinen Willen durchzusetzen, dann sind wir versucht, es dafür zu bestrafen.

Unser Problem ist häufig, wie wir den eigenen Willen und das Reibungsbedürfnis unserer Kinder in eine für seine Entwicklung positive Weise beantworten. Wenn wir da sehr weit neben den Bedürfnissen unserer Kinder agieren, dann kann es erheblichen Schaden davontragen.

 

 

Zwei Beispiele sollen das belegen. Wir schauen in eine Familie, in der die Überzeugung gelebt wird, dass Kinder selbst am besten wissen, was ihnen gut tut (1.) und in eine, in der gemeint wird, Kinder haben bedingungslos gehorsam zu sein (2). Aus beiden Familienkategorien kommen unsere Sorgenkinder, also die, die in Kindergarten und Schule als "nicht tragbar" erlebt werden.

(1) Das Ehepaar Herzig gehört zu jenen, die "es geschafft" haben. Noch relativ jung an Jahren besitzen sie ein schönes geräumiges eigenes Haus in dem ihre drei Buben (5, 7 und 8 ½ Jahre alt) jeder ein eigenes Zimmer bewohnt. Die Kinderzimmer sind nach allen Regeln der Kinderzimmer-Werbe-Kunst eingerichtet. Sie verfügen zum Beispiel über zwei Ebenen mit Rutsche und Leiter, eine bunte schier unendliche Fülle wertvollen Spielzeugs, sind ausgestattet mit Fernseher und Video und die Mama ist daheim und kümmert sich um ihre Sprößlinge rund um die Uhr. Papa hat im Untergeschoß ein komfortables Büro, in dem er nach Feierabend seine Ingenieurstätigkeit fortsetzt. "Man muss laufend am Ball bleiben, sonst kann man das alles hier (er deutet mit einer weitausholende Handbewegung auf seine Einrichtung) vergessen.
Der älteste Sohn Hans aber wurde vom Besuch einer öffentlichen Grundschule ausgeschlossen und in eine Schule für Erziehungshilfe eingeschult. Eine Erklärung bietet der Junge selbst an. Aus gegebenem Anlaß erklärt der sehr intelligente und sprachgewandte Hans: "Ich mache was ich will. Meine Mutter sagt immer, du bist für das, was du tust selbst verantwortlich."
Diese Haltung lebt die Mutter tatsächlich. Ganz gleich, wie sie das für sich begründet: Hans war mit diesem Verständnis von Eigenverantwortung deutlich überfordert. Keine Pflöcke, keine Grenzen an seinem Weg führten ihn in das Chaos einer theoretischen Eigenverantwortung, die er praktisch auf seine Weise füllt. Und das bedeutet, dass er sich von niemanden - auch von Mutter und Vater nicht - etwas sagen lassen will.

Und nun ein Kinderschicksal, in dem gerade entgegengesetzte Erfahrungen ebenfalls dazu führten, dass ein Kind den Eltern als "schwer erziehbar" erschien.

(2) Die Mutter verließ Herrn Zet bald nach der Geburt des zweiten gemeinsamen Kindes. Die dreijährige Tochter kam zur Großeltern, der anderthalbjährige Peter blieb beim Vater und dessen Freundin und späteren Frau. Der Vater wollte von Anfang an keine Fehlentwicklung riskieren, nichts durchgehen lassen und den Jungen zu einem ordentlichen Menschen erziehen. Doch auf die natürlichen eigenwilligen Verhaltensweisen des Kindes und dessen Widerstände, die Wünsche nach "Klärenden Antworten" beantwortete der Vater mit großer Härte. In hilfloser Wut schlug er auf den Jungen ein, wenn er sich provoziert fühlte. Einmal, so ist überliefert, hielt er den damals Vierjährigen sogar zu einem Fenster der in der zweiten Etage eines Mietshauses liegenden Wohnung hinaus mit der Drohung: Wenn du jetzt nicht folgst, lasse ich dich fallen!"
Selbst wenn der Vater hinterher seine "unbeherrschten" Reaktionen bedauerte: an den Folgen änderte das nichts. Denn Peter antwortete auf die brutalen Erziehungsmethoden seines Vaters mit Zerstörungen. Er bohrte Löcher in die Wände seines Kinderzimmers, zerkratzte die Türen und - sich selbst. Das Martyrium beider (auch der Vater war am Ende mit seinen Nerven) wurde öffentlich, als der Junge eingeschult werden sollte. Da zeigte es sich, dass das Kind in seiner Entwicklung erheblich zurückgeblieben war. In der Vorschulfördereinrichtung war dem Jungen, der sich nichts zutraute und allen Anforderungen verweigerte, auch nicht zu helfen.
Der Vater brachte seinen ältesten Sohn, inzwischen waren drei weitere geboren worden, in einer stationären Jugenhilfeeinrichtung unter. Wenn auch das Kind dort allmählich lernte, dass er etwas leisten kann, so vermochte sich ein gesundes Selbstwertgefühl in der Kindheit und Jugend nur sehr schwer herauszubilden

 

 

6.
Kinder lernen aus den Folgen

Das ist ja schrecklich und so darf Erziehung auch nicht aussehen, werden Sie, liebe Eltern zu Recht sagen. Gibt es aber einen gangbaren Weg zwischen Drohungen und Strafen einerseits und verwöhnen oder gar nichts tun andererseits?

Gewiss, und wir kennen diese Wege gut, weil wir sie selbst erlebten. Mein erstes Beispiel kommt aus dem schulischen Bereich. Ein Kind, das eine schlechte Leistungsbeurteilung erhält, fühlt sich so, als wenn es bestraft worden wäre. Es kann aber bereits in der ersten Klasse sehr gut verstehen, dass es für eine mäßige Leistung nicht gelobt werden kann. Vor allem dann geht das nicht, wenn wir Erwachsenen genau wissen, dass hier nicht Unvermögen sondern Faulheit im Spiele war. Das Kind weiß das auch. Darum braucht ein Schulkind nicht zur schlechten Bewertung obendrein noch abfällige Bemerkungen des Lehrers oder gar eine Strafe durch die Eltern.

Gerade dieses Beispiel, von dem wir im Handumdrehen viele Variationen aus allen Lebensphasen zusammentragen könnten, weist auf eine Tatsache, deren Wirkung Eltern und Berufserzieher unterschätzen: Gemeint sind die Folgen, die ein Fehlverhalten für ein Kind selbst - und ganz ohne unsere zusätzlichen Kommentare - hat.

Kein Kind kommt auf die Welt mit der Absicht, seine Eltern "bis aufs Blut" zu peinigen. In den Kapiteln über Trotz und Aggressivität wird erörtert, mit welchem Erkundungsverhalten bei Kindern gerechnet werden muss. Außerdem gibt es zahlreiche Normvorstellungen von Eltern (das darfst Du - das darfst Du nicht), die ein Kind erst lernen muss und die es nicht automatisch und nur darum, weil wir es lieb haben oder so gut mit ihm meinen, übernimmt.

Mit Geduld, Ruhe und Festigkeit erbitten oder fordern wir, dass es etwas tut oder lässt. Dabei lassen wir uns auf keinen Machtkampf ein, sondern verhalten uns entsprechend, wie die Beispiele bei kindlichem Trotz oder Geschwisterstreit zeigen. Rudolf Dreikurs und Loren Grey messen den Gründen, die ein Kind zu Verhaltensweisen führt, die Drohungen oder Strafen heraufbeschwören können, erhebliche Bedeutung bei. Im Grunde lautet die Botschaft dieser Psychologen:
Wer auf Fehlverhaltensweisen seines Kindes mit Drohung und Strafe reagiert, verstärkt dessen Verhalten, wenn das Kind eben dies beabsichtigt.


Reagieren Eltern und Erzieher aber so, dass das Kind die Folgen seines Verhaltens selbst zu spüren bekommt - und keine besondere soziale Beachtung erfährt, - dann wird es von selbst sein Fehlverhalten unterlassen. Das Buch ("Kinder lernen aus den Folgen" aus dem Herder Verlag Freiburg) der beiden Psychologen ist voll von überzeugenden Beispielen. "Die logische Folge ist logisch mit dem Fehlverhalten verknüpft, die Strafe ist es selten" überschreiben sie die folgende Geschichte (S. 58):

"Es gab Schwierigkeiten mit einer dreizehnjährigen Tochter, weil sie die Kleider nicht aufhängen wollte. Sie ließ sie nicht nur liegen, wo sie sich gerade ausgezogen hatte, sondern schien auch noch Spaß daran zu haben, sie zu zerknittern. Früher war sie verhältnismäßig gut mit ihren Sachen umgegangen, und die Mutter verstand die Veränderung nicht. Nachdem sie es mit Überredung, Drohung und Schimpfen versucht hatte, sagte sie ihrer Tochter schließlich, sie könne so weitermachen und ihre Sachen hinwerfen, fügte aber hinzu, dass sie selbst sie dann nicht aufheben oder bügeln würde. Die Tochter beklagte sich, dass sie nicht genug anzuziehen hätte, aber die Mutter weigerte sich, das zu ändern, bis das Mädchen um das, was es hatte, kümmerte. Es trug ein paarmal schmutzige und zerknitterte Kleider in der Schule, bis es begann, sorgfältiger zu werden. Es dauerte nicht lange, bis es seine Kleider aufhängte."

Natürlich änderte sich das Verhalten des Kindes nicht von heute auf morgen. Als es aber merkte, dass es der Mutter ernst war und sie selbst die Verantwortung für den Zustand ihrer Kleider mit allen Konsequenzen übertragen bekommen hatte, änderte es sich allmählich.
Mit Hinweisen auf die Strategie "Ermutigung" sei dieses Kapitel abgeschlossen.

 

 

7.
Kinder ermutigen

Wenn ein Kind im Alter von vier oder fünf Jahren nicht mit seinem Schuhbändel zurecht kommt, lernt er es nicht, selbständig zu werden, wenn die Mama sich hinunterbeugt und ihm den Schuh zumacht, denn das Kind fühlt sich schnell unzulänglich und entmutigt. Statt dessen sprechen wir dem Kind Mut zu: lass dir nur Zeit, du wirst es schon schaffen. Dieses Prinzip der Ermutigung und unsere Bemühungen, alles zu vermeiden, was ein Kind mutlos machen könnte, ist eine der Grundhaltungen, die uns Dreikurs/Grey empfehlen. Ermutigung ist ein wichtiger Schlüssel in der Erziehung zu Selbständigkeit und Leistungsbereitschaft. Voraussetzung aber ist, dass wir selbst zutiefst davon überzeugt sind, dass unser Kind "es" schafft.
Das Gegenteil von ermutigen ist entmutigen. An Beispielen von Entmutigung wird unmißverständlicher klar, dass ermutigende Signale von seiten der Eltern und anderer Erwachsener für die Entwicklung eines Kindes besser sind.

Als Andreas eingeschult wurde, freute er sich wie alle anderen Kinder auf den neuen Lebensabschnitt. Und ebenso wie die meisten Kleinen hatte er Mühe, den Stift richtig zu halten und bei den ersten Versuchen auf dem Papier seine "Wellen" und die "Berge und Täler" von links nach rechts einigermaßen gerade oder gar zwischen vorgedruckte Linien zu malen. Andreas hatte, wie die meisten seiner Altersgefährten also Schwierigkeiten mit dem "Schreiben". Was Andreas von den anderen Kindern unterschied, das waren Eltern, die damit nicht umgehen konnten. Vielleicht hatten sie keine Zeit gehabt zum Elternabend zu gehen, als Funktionen und Bedeutung der ersten Übungen erklärt wurden, vielleicht hatten sie einfach nicht richtig zugehört oder verstanden: sie mäkelten an den Versuchen ihres Jungen herum. "So macht man das doch nicht ... Nun gib dir endlich mal Mühe... stell dich bloß nicht so an... das ist doch kinderleicht... wenn das so weitergeht, wirst du nie schreiben lernen...jetzt machst du das alles noch einmal, aber ordentlich..." so tönte es unentwegt aus dem Mund der Mutter und wenn der Vater kam, dann gab auch der noch seine Kommentare dazu ab.

Die Eltern meinten es nicht böse mit ihrem Kind. Aber so geht es nicht! Hier fehlt jeder Ansatz von Ermutigung. Andreas hörte nur die eine Botschaft: wir sind mit dir nicht zufrieden - du bist ein Versager! Die Eltern haben versäumt, ihm Mut zu machen: "Mach nur weiter, das schaffst du schon" oder, falls die Lehrerin/der Lehrer nicht zufrieden waren: Beim nächsten Mal wird es sicher besser!"


Das Beispiel von Andreas läßt sich in viele alltägliche Zusammenhänge übertragen. Man kann sagen, dass alles, was in unserem Verhalten dazu geeignet ist, ein Kind zu entmutigen, seine Erfolgsaussichten einschränkt. Im Zusammenhang mit dem Thema "Wie Kinder lernen" oder dem Bedürfnis nach Anerkennung ist ebenfalls davon die Rede. Wer seinem Kind zu verstehen gibt: Ich halte dich für einen Versager, für einen Menschen mit "zwei linken Händen", für ungeschickt, dumm oder faul, der darf sich nicht wundern, wenn das Kind so wird oder bleibt, wenn Mutter oder Vater das so sagen. Eine ermutigende Erzieherhaltung aber ist besser geeignet, Fehlentwicklungen zu vermeiden oder zu beheben.

Eine der entscheidendsten Voraussetzungen für eine derartige Erziehungshaltung ist das Zutrauen zu den eigenen Fähigkeiten beziehungsweise ein gewisses Ausmaß an eigenem Selbstwertgefühl. Es fällt uns leichter, Kinder zu ermutigen, wenn wir in unserem eigenen Leben Ermutigung erfahren haben. Wenn ein Mann seine Frau durch sein Verhalten demütigt oder gar beschimpft oder eine Frau ihrem Mann immer wieder unter die Nase reibt, dass er ein Versager sei, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn beide zu den Fähigkeiten ihres Kindes kein Zutrauen haben.


Lassen wir dieses Kapitel aber nicht ohne einen Blick auf eine andere Realität ausklingen, an die wir denken, wenn wir Eltern auf unsere eigene Kindheit und die Folgen von Frustrationen bei uns selbst zurückdenken. Sobald wir in Elternseminaren oder mit unserem Partner darüber sprechen, werden wir feststellen, dass sich viele der uns zugefügten seelischen Wunden geschlossen haben. Wir sagen dann gern, dass wir das Leben trotz alledem gemeistert haben. Einige meinen dann gelegentlich sogar, dass ihnen die Schläge, die sie bekamen, nicht geschadet hätten.
Nun, mit derartigen Verklärungen unserer Kindheitserinnerungen sollten wir schon darum vorsichtig sein, wenn sie zur Rechtfertigung unserer eigenen Strafpraxis herhalten müssen. Wenn auch darüber keine verallgemeinerbaren Untersuchungsergebnisse vorliegen, so lässt sich sagen, dass die meisten von uns sich tatsächlich ihrer negativen Erfahrungen stellten, sie bewusst bearbeiteten und auf diese Weise die Beschädigungen an ihrem Selbstwertgefühl überwanden. Ob es Erzieher, Lehrer oder die eigenen Eltern waren, die uns mehr oder weniger bewusst seelisch verletzten: wenn wir uns als Erwachsene damit auseinander setzten, konnten uns die entsprechenden Auswirkungen nicht mehr beeinträchtigen.

Nun sind wir selber Eltern geworden. Da wir wissen, was Drohungen und Strafen anrichten können, halten wir uns zurück. Wenn uns aber mal der Zorn übermannt und die Gefühle mit uns durchgehen, dann - so werden die meisten Eltern, die mit ihren Kindern hinterher darüber sprechen, feststellen können, - werden unsere Kinder für uns sehr viel Verständnis haben und der Schaden bleibt gering.

© Dr. Joachim Rumpf
Görwihl im November 2006
aktualisiert: April 2007

Zurück zur Einführung Erziehung und Bildung in den Familien
Zurück zur Begrüßungsseite
Wie Kinder Strafe erleben
zu deb Salpetererseiten