Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf


Anlage und Umwelt

 

Was die Entwicklung beeinflusst
Anlage und Umwelt

Was ist vererbt, was ist erworben? Antworten auf diese Fragen suchen Eltern und Verwandte, wenn sie auf ihre Kinder schauen - und auf sich selbst! Ein Kind ist kaum geboren, da forschen wir nach Ähnlichkeiten: "die Augen von der Mutter", oder "dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten" mag es dann heißen. Oder einige Jahre später: "woher er / sie das nur hat? Ich bin doch ganz anders!" rätseln Mutter und Vater, wenn bestimmte Neigungen oder Verhaltensweisen beobachtet werden.
Ich kenne eine Familie, da sorgte sich der Mann seiner Frau gegenüber: "Wenn ich unseren Jungen sehe, dann sehe ich meinen Vater. Hoffentlich hat er nicht auch seinen Charakter geerbt!" Weder die Frau noch der Sohn hatten den Vater des Mannes je kennen gelernt, da dieser lange vor der Eheschließung verstorben war. Und der Sohn erfuhr nie etwas von der Sorge seines Vaters und darüber, dass er seinem Großvater ähnelte.

Häufiger werden sich Eltern wünschen, dass ihre Kinder die guten körperlichen, geistigen oder charakterlichen Eigenschaften, Fähigkeiten oder Talente von jenen Voreltern in sich tragen, die sie selbst bewundern.

Jeder von uns weiß also, dass wir eine Fülle an uns unbekannten Erbinformationen in uns tragen. Heute sprechen wir von unseren "Genen", also jenen Informationsträgern in unseren Körperzellen, die Träger des Erbgutes sind. Und was davon jeder von uns mit in das Leben hineinbringt, ist unser, zumeist unveräußerliches und in vielen Teilen auch unbeeinflussbares Erbe. Kinder werden mit Behinderungen geboren.

Einige kommen, gleichsam ohne eigenes Zutun und Verdienst mit Eigenschaften und Fähigkeiten auf die Welt, die sie von anderen deutlich unterscheiden. Denken wir nur an diejenigen, die als junge Erwachsene einen so schön gebildeten Körper haben, dass sie sich mit ihm in einer Schönheitskonkurrenz präsentieren können. Wieder andere werden schon früh zu großen Meistern ihrer Kunst, für die sie mit einer außergewöhnlichen Begabung bereits auf die Welt kamen. Im jetzt begonnen Jahr erinnern wir uns zum Beispiel an Wolfgang Amadeus Mozart, dem musikalischen "Wunderkind" aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Ganz sicher gehören auch körperlichen Merkmale in unser biologisches Erbe (unser "genetisches Programm"), wie zum Beispiel neben der Augenfarbe, die körperliche Konstitution, die Neigung zu Haarausfall oder grauen Haaren bereits in relativ frühen Stadien, das Geschlecht, wenn auch dieses in einigen Ausnahmefällen im Erwachsenenalter aufgrund entsprechender seelischer Dispositionen nicht angenommen und darum verändert oder in anderer Weise, als von der Natur aus vorgesehen, praktiziert wird. Allein an diesem Beispiel deutet sich bereits an, dass jeder von uns mit seinen biologischen Merkmalen unterschiedlich umgehen, sie, wenn auch nur in begrenztem Umfange, korrigieren oder sonst wie beeinflussen kann.Vererbt sind bestimmte Krankheitsdispositionen. Welche das sind, also welche Erkrankungen in einem Menschenleben eher auftreten können und welche nicht, das könnte der Einzelne bei sich selbst nur dann erwarten, wenn er genau wüsste, welche Erkrankungen bei seinen Vorfahren typisch waren. Immerhin aber sind Fälle bekannt, in denen Eltern und Kinder zu gleichen Krankheitsbildern neigten. Es wird aber noch viel mehr geben, wo keine Erklärungen aufgrund erblicher Zusammenhänge möglich sind. Das muss freilich nicht bedeuten, dass ein früher oder angeborener Herzfehler unseres Kindes der erste in unserer Ahnenreihe ist. Nur wissen wir nichts mehr darüber, weil oft schon die Krankheiten unserer Urgroßeltern und deren Eltern in Vergessenheit gerieten.

Von alters her zählen wir die Temperamente zu unseren Erbanlagen. Das Temperament ist die spezifische Art und Weise, wie ein Mensch ein Ereignis erlebt und auf es reagiert und zwar seelisch und körperlich . Viele Forschungsarbeiten widmeten sich dem Erscheinungsbild der verschiedenen Temperamente und ihrer Ursachen. Eine überzeugende Antwort liegt noch immer nicht vor. Es scheint sogar fragwürdig zu sein, dass zwischen dem Körperbau und bestimmten seelischen Dispositionen, zu denen Temperamente gehören, ein Zusammenhang besteht , der nicht beeinflussbar ist. "Dicke Menschen sind gemütlich" hieß es vor einigen Jahren in einem Karnevalsschlager, der mit dieser Textstelle einen alten, tief verwurzelten Volksglauben aufgriff. Bei näherer Prüfung stellt sich bald heraus, dass wir korpulente Menschen kennen, die sehr viel Temperament besitzen und alles andere als gemütlich sind.

Es gibt Menschen, die musikalischer, sportlicher, oder redegewandter sind als andere. Es gibt, wie oben bereits ausgeführt, Frühbegabungen und Spätentwickler. Schon im Schulalter wird darauf verwiesen, wenn wir zum Beispiel über Lernerfolge oder die "Intelligenz" sprechen.
"Intelligenz" ist einmal Begriff, der mehrere Teilfaktoren zusammenfasst, wie sie zum Beispiel in Intelligenztests gemessen werden. Dazu gehören u.a. Auffassungs- Gliederungs- oder Wahrnehmungsfähigkeit. Allgemeiner und umfassender wird als Intelligenz die Fähigkeit verstanden, Schwierigkeiten in neuen Situationen zu überwinden .
(Vgl. zur Definition und Vererbung von Intelligenz: Richard Meili: Intelligenz. In: Lexikon der Psychologie. 2/1992 Bd. 2, Freiburg , S. 997ff und Walter J. Schraml: Einführung in die moderne Entwicklungspsychologie für Pädagogen und Sozialpädagogen. Stuttgart 3/1975, S. 250 ff)
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Es mag sich hier ebenfalls um Dispositionen handeln, die Menschen mit "auf die Welt" bringen und deren Ausprägungen mit Erbanlagen erklärt werden können. Ob und wie sie sich entfalten können, das hängt von anderen Faktoren - zum Beispiel der Umwelt - ab.

Verständlicherweise haben sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mit dieser Frage beschäftigt. Vor allem die Zwillingsforschung (z.B. eineiige Zwillinge, die nach der Geburt getrennt wurden und in verschiedenen Milieus heranwuchsen) und die Zusammenhänge von Anlagen und Umwelt bei Adoptivkindern legt unter bestimmten Voraussetzungen nahe, dass Fähigkeiten, die zu "Intelligenz" gezählt werden, bereits bei der Geburt vorhanden sind. Damit ist der Volksglaube an die Vererbbarkeit von Intelligenz (oder Nicht-Intelligenz) zwar ein wenig bestätigt worden.

Entscheidend aber bleiben die "bestimmten Voraussetzungen". Zu ihnen gehören - neben einer entsprechenden Gesundheit unseres Gehirns - vor allem all jene Einflüsse, die unser sich entwickelndes Seelenleben bestimmen. Und hier kommt die moderne Psychologie aufgrund vielseitiger Forschungen zu dem Ergebnis, das Verhältnis von Anlagen - und damit in uns angelegten Dispositionen (endogenen Faktoren) - und von außen auf uns einwirkende Einflüsse (exogene Faktoren) als einander beeinflussend und wechselseitig durchdringend zu betrachten sind und zwar in der Weise, dass der Einfluss endogener Faktoren mit zunehmendem Lebensalter ab- und der der exogenen Faktoren zunimmt.

Zu den angeborenen (endogenen) Faktoren gehören zum Beispiel die Fähigkeit zur Sprachentwicklung und die Sexualität.
Während das gesunde Kind bis zum vierten Lebensjahr sprechen "gelernt" hat, wird die Sexualentwicklung erst mit der biologischen Fähigkeit zu Zeugung und Schwangerschaft einen vorläufigen Abschluss erreichen. Jedem von uns wird aber an diesen beiden Beispielen bei näherem Hinschauen deutlich, dass derartige Einteilungen nur einen Teil der menschlichen Entwicklung abbilden. Nicht allein, dass die Herausbildung der Fähigkeit zum Sprechen, wenigstens in Bezug auf die Zeit, von Kind zu Kind differieren kann und von weiteren Faktoren abhängig ist. Auch Sexualität, hier bezogen auf die entsprechenden Körperfunktionen, sind sowohl in ihrem Reifegrad als auch in Bezug auf ihre Ausprägung zu einem bestimmten Zeitpunkt (z. B. Vollendung des 13. Lebensjahres) bei jedem jungen Menschen anders. Und abgeschlossen sind Prozesse im Grunde überhaupt nicht, sondern unterliegen im Verlaufe eines Menschenlebens eines ständigen Wandels.

Selbst die Körpergröße, das Längenwachstum ist in der Regel im einundzwanzigsten Lebensjahr abgeschlossen, verändert sich im Leben, beeinflusst von Erkrankungen oder einfach durch die Alterungsprozesse.
Dass - um beim Beispiel der Sprache zu bleiben - Kompetenzen gleichsam grenzenlos wachsen können, das ist uns allen ebenso bekannt, wie die Möglichkeit, unser Sprachvermögen verkümmern zu lassen. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde eingehend hierzu geforscht und nachgewiesen, dass es die Sprachumgebung eines Kindes ist, die sein Sprachverhalten mehr oder weniger günstig beeinflusst. Die angeborenen (endogenen) Fähigkeiten eines Menschen müssen wir uns als die Fundamente unserer Möglichkeiten vorstellen. Wie sie sich jeweils im Einzelnen und beim Einzelmenschen entwickeln hängt ab von seinen Umwelten und - je älter er wird, umso mehr - von ihm selbst.
Immer weiter und tiefer werden die hier nur angedeuteten komplexe Wechselwirkungen von (biologischen) Anlagen einschließlich jener spezifischen Begabungen, mit denen ein Mensch geboren wird einerseits, mit den sozialen Faktoren (zu denen auch Erziehung und Bildung gehören) und den seelischen Anteilen, die die Persönlichkeit im Verlaufe ihres Lebens in diesen Prozess einbringt andererseits, erforscht.

Zurzeit sind es die aufsehenden Entdeckungen aus der Neuronenforschung, die uns über unsere physische "Grundausstattung", dem Gehirn und jenen darin messbaren Prozessen unseres Denkens und Fühlens in Interaktion mit unserer Umwelt immer neues Wissen vermitteln.
Was bisher in der Neuronenforschung noch nicht gemessen werden kann, das sind jene Prozesse, die wir bei uns und bei anderen Menschen als unsere eigene autonome Persönlichkeit (unser Ich) bezeichnen und deren Zusammenspiel die eigentümliche, unverwechselbare und einmalige Existenz von jedem von uns als "Individuum" ausmacht. Hierzu gehört zum Beispiel, dass ein junger Mensch mehr und mehr selbst die Verantwortung dafür übernimmt, was er aus endogenen und exogenen Faktoren macht, wie er sie sozusagen für die Gestaltung seiner individuellen Existenz benutzt.

Wir sehen in der Bereitschaft und Fähigkeit, das Leben in die eigenen Hände zu nehmen, an sich selbst zu arbeiten und die eigene personale Entwicklung voranzubringen, einen Ausdruck von Mündigkeit und Reife. Jedem ist auch bei dieser verallgemeinernden Aussage klar, dass natürlich weiter unsere Anlagen wirken und auch unsere Umwelten (Familie und Kinder, Beruf und Arbeitsplatz, Einkommen und Wohnsituation u. v. a. m.) Einfluss behalten. Wir wissen auch, dass es im Leben Veränderungen geben kann, die unsere Fähigkeit zu Autonomie und Eigenverantwortung einschränken können. Wir brauchen nur an alte und hilflose Menschen zu denken.

Dennoch gilt ganz allgemein und entspricht unserer Lebenserfahrung, dass wir mehr und mehr selbst für unser Leben verantwortlich sind.

Es gehört darum zu unseren bedeutsamsten Erziehungszielen, unser Kind zu einem Leben in eigener Verantwortung zu befähigen. Wir - die Eltern - haben als Teil der "exogenen Faktoren" - an der Herausbildung dieser Fähigkeit, den entscheidendsten Anteil. Allein darum tragen wir in erster Linie die Hauptlast an diesen Fundamenten der künftigen Erwachsenenpersönlichkeit unseres Kindes, weil exogene Faktoren am stärksten zwischen dem zweiten und dem siebenten Lebensjahr wirken. Und das sind die Jahre, in denen ein Kind seine überwiegende Lebenszeit in der Familie verbringt.
Und um Missverständnissen vorzubeugen: Die Folgejahre, in denen ein Kind als Schulkind die Lebensbereiche Schule und Familie miteinander in Beziehung bringt, sind, wenn auch mit einigen anderen Akzenten, ebenso prägend. Je älter aber ein Kind ist, um so eher kann es Beschädigungen, die es im Lebensbereich Schule oder später in Berufsausbildungsgängen erleidet, selbst verarbeiten. Es ist entsprechenden Erfahrungen immer weniger "hilflos" ausgeliefert.

Und wenn Sie sich, liebe Besucherin, lieber Besucher, noch einmal vergewissern wollen, wie Sie als Eltern und Berufserzieher in diesen, für das Erwachsenendasein unseres Kindes wichtigen Entwicklungsphasen die "exogenen Faktoren" gestalten könnten, dann schauen Sie sich noch einmal die Seite über die Grundbedürfnisse unserer Kinder an!

 

Ergänzende Hinweise auf verwendete Literatur:

Über die Zusammenhänge von Eigenschaften und Körpererscheinung vgl. die noch vor vier Jahrzehnten weit verbreitete Schrift von Ernst Kretschmer: Körperbau und Charakter, die 1957 in ihrer 22. Auflage erschien!
Im Menschenbild der Antroposophie und Waldorfpädagogik spielen die Temperamente eine sehr wichtige Rolle. Vgl. hierzu bes.: Michaela Glöckler: Elternfragen heute. Stuttgart 1992

In §1;1 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) ist dieses Ziel sogar als Recht formuliert. "Jeder junge Mensch hat ein Recht auf Förderung seiner Entwicklung und auf Erziehung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit." Damit ist der Anspruch eines jeden Heranwachsenden auf optimale "exogene Faktoren"festgeschrieben.


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