Was
die Entwicklung beeinflusst
Anlage und Umwelt
Was
ist vererbt, was ist erworben? Antworten auf diese Fragen suchen Eltern und Verwandte,
wenn sie auf ihre Kinder schauen - und auf sich selbst! Ein Kind ist kaum geboren,
da forschen wir nach Ähnlichkeiten: "die Augen von der Mutter",
oder "dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten" mag es dann heißen.
Oder einige Jahre später: "woher er / sie das nur hat? Ich bin doch
ganz anders!" rätseln Mutter und Vater, wenn bestimmte Neigungen oder
Verhaltensweisen beobachtet werden.
Ich kenne eine Familie, da sorgte sich
der Mann seiner Frau gegenüber: "Wenn ich unseren Jungen sehe, dann
sehe ich meinen Vater. Hoffentlich hat er nicht auch seinen Charakter geerbt!"
Weder die Frau noch der Sohn hatten den Vater des Mannes je kennen gelernt, da
dieser lange vor der Eheschließung verstorben war. Und der Sohn erfuhr nie
etwas von der Sorge seines Vaters und darüber, dass er seinem Großvater
ähnelte.
Häufiger
werden sich Eltern wünschen, dass ihre Kinder die guten körperlichen,
geistigen oder charakterlichen Eigenschaften, Fähigkeiten oder Talente von
jenen Voreltern in sich tragen, die sie selbst bewundern.
Jeder
von uns weiß also, dass wir eine Fülle an uns unbekannten Erbinformationen
in uns tragen. Heute sprechen wir von unseren "Genen", also jenen Informationsträgern
in unseren Körperzellen, die Träger des Erbgutes sind. Und was davon
jeder von uns mit in das Leben hineinbringt, ist unser, zumeist unveräußerliches
und in vielen Teilen auch unbeeinflussbares Erbe. Kinder werden mit Behinderungen
geboren.
Einige
kommen, gleichsam ohne eigenes Zutun und Verdienst mit Eigenschaften und Fähigkeiten
auf die Welt, die sie von anderen deutlich unterscheiden. Denken wir nur an diejenigen,
die als junge Erwachsene einen so schön gebildeten Körper haben, dass
sie sich mit ihm in einer Schönheitskonkurrenz präsentieren können.
Wieder andere werden schon früh zu großen Meistern ihrer Kunst, für
die sie mit einer außergewöhnlichen Begabung bereits auf die Welt kamen.
Im jetzt begonnen Jahr erinnern wir uns zum Beispiel an Wolfgang Amadeus Mozart,
dem musikalischen "Wunderkind" aus dem achtzehnten Jahrhundert.
Ganz
sicher gehören auch körperlichen Merkmale in unser biologisches Erbe
(unser "genetisches Programm"), wie zum Beispiel neben der Augenfarbe,
die körperliche Konstitution, die Neigung zu Haarausfall oder grauen Haaren
bereits in relativ frühen Stadien, das Geschlecht, wenn auch dieses in einigen
Ausnahmefällen im Erwachsenenalter aufgrund entsprechender seelischer Dispositionen
nicht angenommen und darum verändert oder in anderer Weise, als von der Natur
aus vorgesehen, praktiziert wird. Allein an diesem Beispiel deutet sich bereits
an, dass jeder von uns mit seinen biologischen Merkmalen unterschiedlich umgehen,
sie, wenn auch nur in begrenztem Umfange, korrigieren oder sonst wie beeinflussen
kann.Vererbt sind bestimmte Krankheitsdispositionen. Welche das sind, also welche
Erkrankungen in einem Menschenleben eher auftreten können und welche nicht,
das könnte der Einzelne bei sich selbst nur dann erwarten, wenn er genau
wüsste, welche Erkrankungen bei seinen Vorfahren typisch waren. Immerhin
aber sind Fälle bekannt, in denen Eltern und Kinder zu gleichen Krankheitsbildern
neigten. Es wird aber noch viel mehr geben, wo keine Erklärungen aufgrund
erblicher Zusammenhänge möglich sind. Das muss freilich nicht bedeuten,
dass ein früher oder angeborener Herzfehler unseres Kindes der erste in unserer
Ahnenreihe ist. Nur wissen wir nichts mehr darüber, weil oft schon die Krankheiten
unserer Urgroßeltern und deren Eltern in Vergessenheit gerieten.
Von
alters her zählen wir die Temperamente zu unseren Erbanlagen. Das Temperament
ist die spezifische Art und Weise, wie ein Mensch ein Ereignis erlebt und auf
es reagiert und zwar seelisch und körperlich . Viele Forschungsarbeiten widmeten
sich dem Erscheinungsbild der verschiedenen Temperamente und ihrer Ursachen. Eine
überzeugende Antwort liegt noch immer nicht vor. Es scheint sogar fragwürdig
zu sein, dass zwischen dem Körperbau und bestimmten seelischen Dispositionen,
zu denen Temperamente gehören, ein Zusammenhang besteht , der nicht beeinflussbar
ist. "Dicke Menschen sind gemütlich" hieß es vor einigen
Jahren in einem Karnevalsschlager, der mit dieser Textstelle einen alten, tief
verwurzelten Volksglauben aufgriff. Bei näherer Prüfung stellt sich
bald heraus, dass wir korpulente Menschen kennen, die sehr viel Temperament besitzen
und alles andere als gemütlich sind.
Es
gibt Menschen, die musikalischer, sportlicher, oder redegewandter sind als andere.
Es gibt, wie oben bereits ausgeführt, Frühbegabungen und Spätentwickler.
Schon im Schulalter wird darauf verwiesen, wenn wir zum Beispiel über Lernerfolge
oder die "Intelligenz" sprechen.
"Intelligenz" ist einmal
Begriff, der mehrere Teilfaktoren zusammenfasst, wie sie zum Beispiel in Intelligenztests
gemessen werden. Dazu gehören u.a. Auffassungs- Gliederungs- oder Wahrnehmungsfähigkeit.
Allgemeiner und umfassender wird als Intelligenz die Fähigkeit verstanden,
Schwierigkeiten in neuen Situationen zu überwinden .
(Vgl. zur Definition und Vererbung von Intelligenz: Richard Meili: Intelligenz.
In: Lexikon der Psychologie. 2/1992 Bd. 2, Freiburg , S. 997ff und Walter J. Schraml:
Einführung in die moderne Entwicklungspsychologie für Pädagogen
und Sozialpädagogen. Stuttgart 3/1975, S. 250 ff).
Es
mag sich hier ebenfalls um Dispositionen handeln, die Menschen mit "auf die
Welt" bringen und deren Ausprägungen mit Erbanlagen erklärt werden
können. Ob und wie sie sich entfalten können, das hängt von anderen
Faktoren - zum Beispiel der Umwelt - ab.
Verständlicherweise
haben sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen mit dieser Frage beschäftigt.
Vor allem die Zwillingsforschung (z.B. eineiige Zwillinge, die nach der Geburt
getrennt wurden und in verschiedenen Milieus heranwuchsen) und die Zusammenhänge
von Anlagen und Umwelt bei Adoptivkindern legt unter bestimmten Voraussetzungen
nahe, dass Fähigkeiten, die zu "Intelligenz" gezählt werden,
bereits bei der Geburt vorhanden sind. Damit ist der Volksglaube an die Vererbbarkeit
von Intelligenz (oder Nicht-Intelligenz) zwar ein wenig bestätigt worden.
Entscheidend
aber bleiben die "bestimmten Voraussetzungen". Zu ihnen gehören
- neben einer entsprechenden Gesundheit unseres Gehirns - vor allem all jene Einflüsse,
die unser sich entwickelndes Seelenleben bestimmen. Und hier kommt die moderne
Psychologie aufgrund vielseitiger Forschungen zu dem Ergebnis, das Verhältnis
von Anlagen - und damit in uns angelegten Dispositionen (endogenen Faktoren) -
und von außen auf uns einwirkende Einflüsse (exogene Faktoren) als
einander beeinflussend und wechselseitig durchdringend zu betrachten sind und zwar
in der Weise, dass der Einfluss endogener Faktoren mit zunehmendem Lebensalter
ab- und der der exogenen Faktoren zunimmt.
Zu
den angeborenen (endogenen) Faktoren gehören zum Beispiel die Fähigkeit
zur Sprachentwicklung und die Sexualität.
Während das gesunde Kind
bis zum vierten Lebensjahr sprechen "gelernt" hat, wird die Sexualentwicklung
erst mit der biologischen Fähigkeit zu Zeugung und Schwangerschaft einen
vorläufigen Abschluss erreichen. Jedem von uns wird aber an diesen beiden
Beispielen bei näherem Hinschauen deutlich, dass derartige Einteilungen nur
einen Teil der menschlichen Entwicklung abbilden. Nicht allein, dass die Herausbildung
der Fähigkeit zum Sprechen, wenigstens in Bezug auf die Zeit, von Kind zu
Kind differieren kann und von weiteren Faktoren abhängig ist. Auch Sexualität,
hier bezogen auf die entsprechenden Körperfunktionen, sind sowohl in ihrem
Reifegrad als auch in Bezug auf ihre Ausprägung zu einem bestimmten Zeitpunkt
(z. B. Vollendung des 13. Lebensjahres) bei jedem jungen Menschen anders. Und
abgeschlossen sind Prozesse im Grunde überhaupt nicht, sondern unterliegen
im Verlaufe eines Menschenlebens eines ständigen Wandels.
Selbst
die Körpergröße, das Längenwachstum ist in der Regel im einundzwanzigsten
Lebensjahr abgeschlossen, verändert sich im Leben, beeinflusst von Erkrankungen
oder einfach durch die Alterungsprozesse.
Dass - um beim Beispiel der Sprache
zu bleiben - Kompetenzen gleichsam grenzenlos wachsen können, das ist uns
allen ebenso bekannt, wie die Möglichkeit, unser Sprachvermögen verkümmern
zu lassen. In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde eingehend
hierzu geforscht und nachgewiesen, dass es die Sprachumgebung eines Kindes ist,
die sein Sprachverhalten mehr oder weniger günstig beeinflusst. Die angeborenen
(endogenen) Fähigkeiten eines Menschen müssen wir uns als die Fundamente
unserer Möglichkeiten vorstellen. Wie sie sich jeweils im Einzelnen und beim
Einzelmenschen entwickeln hängt ab von seinen Umwelten und - je älter
er wird, umso mehr - von ihm selbst.
Immer weiter und tiefer werden die hier
nur angedeuteten komplexe Wechselwirkungen von (biologischen) Anlagen einschließlich
jener spezifischen Begabungen, mit denen ein Mensch geboren wird einerseits, mit
den sozialen Faktoren (zu denen auch Erziehung und Bildung gehören) und den
seelischen Anteilen, die die Persönlichkeit im Verlaufe ihres Lebens in diesen
Prozess einbringt andererseits, erforscht.
Zurzeit
sind es die aufsehenden Entdeckungen aus der Neuronenforschung, die uns über
unsere physische "Grundausstattung", dem Gehirn und jenen darin messbaren
Prozessen unseres Denkens und Fühlens in Interaktion mit unserer Umwelt immer
neues Wissen vermitteln.
Was bisher in der Neuronenforschung noch nicht gemessen
werden kann, das sind jene Prozesse, die wir bei uns und bei anderen Menschen
als unsere eigene autonome Persönlichkeit (unser Ich) bezeichnen und deren
Zusammenspiel die eigentümliche, unverwechselbare und einmalige Existenz
von jedem von uns als "Individuum" ausmacht. Hierzu gehört zum
Beispiel, dass ein junger Mensch mehr und mehr selbst die Verantwortung dafür
übernimmt, was er aus endogenen und exogenen Faktoren macht, wie er sie sozusagen
für die Gestaltung seiner individuellen Existenz benutzt.
Wir
sehen in der Bereitschaft und Fähigkeit, das Leben in die eigenen Hände
zu nehmen, an sich selbst zu arbeiten und die eigene personale Entwicklung voranzubringen,
einen Ausdruck von Mündigkeit und Reife. Jedem ist auch bei dieser verallgemeinernden
Aussage klar, dass natürlich weiter unsere Anlagen wirken und auch unsere
Umwelten (Familie und Kinder, Beruf und Arbeitsplatz, Einkommen und Wohnsituation
u. v. a. m.) Einfluss behalten. Wir wissen auch, dass es im Leben Veränderungen
geben kann, die unsere Fähigkeit zu Autonomie und Eigenverantwortung einschränken
können. Wir brauchen nur an alte und hilflose Menschen zu denken.
Dennoch
gilt ganz allgemein und entspricht unserer Lebenserfahrung, dass wir mehr und
mehr selbst für unser Leben verantwortlich sind.
Es
gehört darum zu unseren bedeutsamsten Erziehungszielen, unser Kind zu einem
Leben in eigener Verantwortung zu befähigen. Wir - die Eltern - haben als
Teil der "exogenen Faktoren" - an der Herausbildung dieser Fähigkeit,
den entscheidendsten Anteil. Allein darum tragen wir in erster Linie die Hauptlast
an diesen Fundamenten der künftigen Erwachsenenpersönlichkeit unseres
Kindes, weil exogene Faktoren am stärksten zwischen dem zweiten und dem siebenten
Lebensjahr wirken. Und das sind die Jahre, in denen ein Kind seine überwiegende
Lebenszeit in der Familie verbringt.
Und um Missverständnissen vorzubeugen:
Die Folgejahre, in denen ein Kind als Schulkind die Lebensbereiche Schule und
Familie miteinander in Beziehung bringt, sind, wenn auch mit einigen anderen Akzenten,
ebenso prägend. Je älter aber ein Kind ist, um so eher kann es Beschädigungen,
die es im Lebensbereich Schule oder später in Berufsausbildungsgängen
erleidet, selbst verarbeiten. Es ist entsprechenden Erfahrungen immer weniger
"hilflos" ausgeliefert.
Und
wenn Sie sich, liebe Besucherin, lieber Besucher, noch einmal vergewissern wollen,
wie Sie als Eltern und Berufserzieher in diesen, für das Erwachsenendasein
unseres Kindes wichtigen Entwicklungsphasen die "exogenen Faktoren"
gestalten könnten, dann schauen Sie sich noch einmal die Seite über
die Grundbedürfnisse
unserer Kinder an!