Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

Aggressionen annehmen - mit ihnen leben und umgehen

 



Einführung

 

Aggressionen, damit sind Gefühlszustände und ihnen entsprechende Verhaltensweisen gemeint, die wir alle zwar gleich benennen, die jeder von uns aber verschieden erlebt. Körperlich betrachtet, geht in allen Menschen das gleiche vor: Jede Erregung unserer Gefühle (Emotionen) werden von einem erhöhten Adrenalinausstoß begleitet, die wir dann als ein aggressives Gefühl erleben, wenn die Ursachen agrressionsauslösend sind. Angeborene Anlagen (Temperamente z.B.) aber auch situative Einflüsse (wie z.B. Anlässe, Umgebungen oder subjektive Befindlichkeiten) entscheiden darüber, wann bei einem Menschen dieser Prozess beginnt.
Mit Gewalt bzw. gewalttätigem Verhalten meinen wir umgangssprachlich jene beobachtbaren Verhalten von Menschen, die sich gegen Sachen und Lebewesen (gegen Tiere, andere Menschen und sich selbst) richten. Nicht alle Gewalthandlungen müssen mit aggressiven Empfindungen verbunden sein. Ein Bomberpilot zum Beispiel hat in der Regel keine aggressiven Gefühle, wenn er Städte bombardiert und Menschen tötet.

In zwischenmenschlichen Begegnungen sind Gewaltakte nicht selten mit Aggressionen verbunden, die unter anderem durch Gefühle wie Zorn, Hilflosigkeit oder Hass ausgelöst wird. Hier ist zum Beispiel zu denken an Gewalttätigkeiten in der Familie, die in unserer Gesellschaft zwar häufig unter der Decke gehalten wird, aber viel öfter vorkommt, als bekannt ist.
Neben den direkten zwischenmenschlichen Gewalttätigkeiten stehen noch andere Gewaltformen. Wenn wir an unsere eigene Gewalterfahrungen denken, dann empfinden wir vielleicht alles, was wir gegen unseren eignen Willen oder unsere eigene Überzeugung akzeptieren müssen, wozu wir uns "gezwungen" fühlen, als eine "Vergewaltigung". Wir sagen dann vielleicht auch: "dasswurde mir Gewalt angetan" oder: "Ich mußte mir Gewalt antun (mich zwingen)" ....
dassMenschen diese Gewalterfahrungen auch in Institutionen wie Betrieben, Vereinen oder in und durch staatliche Organe (denken wir nur an das "Gewaltmonopol des Staates" machen können, diese Gewalt aber keine gleichsam personale ist, spricht man auch von "struktureller Gewalt".

 

 

 

 

 

1.
Zwei Ausprägungen menschlicher Aggressionen

Aggressionen sind Bestandteile der menschlichen Entwicklung und gehören zu uns, wie zum Beispiel:
Hunger und Durst, (wenn ich lange nichts gegessen habe, verspüre ich Hunger...)
Geborgenheits- und Geltungsbedürfnis (wenn ich in einer neuen Gruppe bin, fühle ich mich erst wohl, wenn ich mich auskenne und dort zu Hause fühle und wenn ich meinen Platz, meine Position gefunden habe)
oder Sympathie und Antipathie (in jeder Gruppe gibt es Leute, die ich besonders mag und andere, die mir weniger liegen...)

Aggressionen und die mit ihnen unter Umständen verbundenen gewalttätigen Verhaltensweisen sind also ganz natürlich (Beispielsituationen: Autofahrer im Stau, menschliche Reaktionen auf verbale oder tätliche Beleidigungen, Übergriffe, Fußballer während des Spiels u.a.m.).

Und doch verhalten sich Menschen in vergleichbaren Situationen verschieden...

Mit der Feststellung, dass jeder Mensch aggressive Impulse haben kann, ist nichts darüber gesagt, wie diese Impulse zu bewerten sind. Um Missverständnisse zu vermeiden lässt sich darum von vorn herein erklären, dass es zu den Zielen aller pädagogischen Bemühungen gehört, Heranwachsende zu einer prinzipiell friedfertigen Haltung zu führen und auf Gewalt als Mittel der Konfliktlösung zu verzichten.

Bei unseren Kindern beobachten wir schon früh aggressive Verhaltensweisen. Die Reaktionen auf Versagenserlebnisse zum Beispiel, wir sagen auch "Frust" dazu, verraten eigentlich schon recht früh, wie groß die entsprechenden Verhaltensdispositionen sind.
Beispielfragen:
Wie zornig wird unser Kind, wenn wir es gegen seinen Willen festhalten?
Wie reagiert es, wenn eine spielende Aktion nicht oder nicht gleich zum Erfolg führt?
Wie verhält es sich anderen (gleichaltrigen, jüngeren, älteren) Kindern gegenüber?

Die hier angedeuteten Erscheinungsweisen menschlicher Aggression, die von Erich Fromm als "eine phylogenetisch programmierten Reaktion auf die Bedrohung vitaler Interessen" gedeutet wird, nennt er darum die lebensnotwendigen oder "gutartigen" Aggressionen .

Darüberhinaus aber gibt es Ausprägungen unserer Aggressivität, die dann Beachtung verdienen und bearbeitet werden müssen, wenn sie uns selbst oder andere Menschen stören, wenn sie uns direkt oder indirekt schaden.
Dazu gehören:
Beschädigen und Zerstören von Gegenständen,
verbale und/oder tätliche Angriffe gegen andere Menschen,
selbstzerstörerische Aktionen...

Diese destruktiven, oder wie Erich Fromm sagt, "bösartigen" Formen aggressiven Verhaltens, haben überwiegend soziale Ursachen. Umgangssprachlich meinen wir meistens diese deskruktiven Formen, wenn wir von Aggressionen sprechen. Wir setzen darum gern zur besseren Kennzeichnung den Gewaltbegriff hinzu. Die Übergänge sind fließend. Destruktive lassen sich von "normalen" Aggressionen gelegentlich nur im Zusammenhang mit ihren Ausprägungen, Häufigkeiten, Haltungen des Betreffenden (Schuldgefühle z.B.) und den Ursachen erkennen. Darum läßt sich im Grunde keine wirksame Strategie gegen ein gewalttätigis Verhalten von Kindern (einschließlich einer aggressiven Ausdrucksweise) anwenden, ehe nicht nach den Ursachen und/oder Auslösern der uns störenden Verhaltensweisen gefragt wird.

Was nun diese Ursachen betrifft, gibt es mehrere Erklärungen aus unterschiedlichen theoretischen Sichtweisen mit jeweils verschiedenen Ausgangspositionen. Es können hier nur einige Andeutungen gemacht werden:

Ein religiöser Mensch, der die Welt ausschließlich als Gottes Werk sieht, wird Aggressivität und Gewalt aus dem göttlichen Willen heraus erklären und auf die Erbsünde verweisen, auf die dunklen Seiten menschlicher Existenz auf Kain und Abel vielleicht oder auf Engel (Himmel) und Teufel (Hölle).

Es gibt mehrere psychologische Schulen, die über die Ursachen von und Einflußmöglichkeiten auf menschliche Aggression nachgedacht und geforscht haben.

Ein analytisch orientierter Psychologe, der zum Beispiel aus der Schule von Siegmund Freud kommt, untersucht die Individualent-wicklung und hier besonders die unbewußten Erfahrungen (vergessene oder verdrängte) aus den Kindheitsphasen.
Ein Vertreter der "humanistischen Psychologie" setzt bei den Bedürfnissen der Menschen an und sieht Ursachen von Aggressionen in bestimmten Mangelerscheinungen oder in Strebungen nach Befriedigung unzureichend erfüllter Bedürfnisse.
Ein Soziologe sieht Ursachen und Erscheinungen von Aggression und Gewalt eher in gesellschaftlichen Bedingungen wie Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit oder Gefühle von Ohnmacht und Wut gegen gesellschaftlich (wirtschaftlich, politisch) begründbare Benachteiligungen.
Verhaltensforscher (Ethologen) fanden unter anderem heraus, dass Aggressionen in allen Kulturen gleichsam "natürlich" zu beobachten sind und dass der Mensch in seiner Entwicklung schon immer über die Disposition zu aggressivem Verhalten verfügte und dass diese Dispositionen auch unter den gegenwärtigen (veränderten) Lebensbedingungen noch ihre Gültigkeit haben.

Welche dieser Erklärungen ein Mensch für sich als wahrscheinlich richtig übernimmt, hängt nicht zuletzt damit zusammen, wie ein Erklärungsansatz mit seinen eigenen Lebenserfahrungen und Lebensanschauungen übereinstimmt beziehungsweise wie "plausibel" ihm ein Erklärungsansatz erscheint.
Allerdings lassen sich in der Praxis kaum eindeutige Zuordnungen ermöglichen. Fragen wir nach Ursachen von aggressiven Verhaltensweisen oder Gewalt bei einem Menschen, spielen nicht selten mehrere Faktoren eine Rolle. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass es bei der Suche nach den Gründen für das Verhalten eines Kindes nützlich ist, wenn die Pädagogen verschiedene (sagen wir mal: die am weitesten verbreiteten) Erklärungsmuster beziehungsweise theoretischen Ansätze kennen und in ihre Praxis integrieren können. Es erleichtert ihnen die Deutung und Bewertung eines Verhaltens und hilft ihnen bei der Suche nach einer geeigneten pädagogischen Strategie.

 

2.
Einige Ursachen aggressiven Verhaltens

 

Jeder der nachfolgend genannten Ursachen müssen nicht zwingend zu aggressiven, gewalttätigen Verhaltensweisen führen. Wenn wir aber destruktive Aggressivität beobachten, dann sind diese Ursachen beteiligt, sei es, dass sie vorhandene Dispositionen verstärken, sei es, dass sie sich durch sie aggressive Verhaltensweisen erst herausbilden.


1. Gestörte Familienbeziehungen

Beziehungen zwischen Menschen verändern sich. Auch die zwischen Eltern unterliegen einem fortwährenden Wandel. So kann es in einigen Ehen dazu kommen, dass die Gefühle und Erlebnisse, die zwei Menschen zusammenführten, verkümmern, sich verlieren oder gar in ihr Gegenteil verkehren. Aus Liebe wird Hass.
Nichts braucht ein Kind zu seiner harmonischen Entwicklung mehr, als die Gewißheit, angenommen und geliebt zu sein. Andererseits bindet sich jedes Kind mit all seinem Sein an seine Eltern. Je jünger es ist, um so vorbehaltloser ist diese Bindung. Und ein Kind liebt beide Eltern und möchte sie im Grunde immer bei sich haben, bei ihnen geborgen wissen.
Ein Kind wird zutiefst verstört, wenn sich seine Eltern streiten...

 

2. Gewalterfahrungen in der Familie

Die Geschichte Max und Andrea, Max trinkt, schlägt Andrea...
die achtjährige Tochter Karola ist ständig Zeugin dieser Auseinandersetzungen... autoaggressives Verhalten

Die Geschichte von Jürgen
Seine alleinerziehende Mutter wird von allen Männern mißhandelt...
Jürgen quälte seine kleine Schwester, andere Mitschüler...

Ein gewalttätig-sanktionierender Erziehungsstil
"Warte nur, bis Papa nach Hause kommt..."

Häufiger Streit mit und zwischen den Eltern, der unbearbeitet bleibt
Die Lösungsphasen (dritte Lebensjahr und Pubertät) sind besonders schwere Zeiten für Kinder und Eltern. Die natürliche Entwicklung fordert die Lösung von den Eltern, von der Sicherheit und dem Schutz und der liebevollen Fürsorge...
Ich will und mussmich lösen - aber ich will doch eigentlich (noch) nicht; zum Beispiel die Pubertät:
Neuorientierung, Zweifel, Verzweiflung, Glücksgefühle, Euphorie und Omnipotenzgefühle,
gesteigerte Empfindlichkeit vor allem, was die eigene Person betrifft (Aussehen, Gestalt, Akzeptanz...) Alles traut sich ein Pubertierender zu und nichts...
Wer bin ich, wo will / kann / soll ich hin?
Im Widerspruch versucht sie/er sich abzugrenzen, die eigenen Wege zu gehen...
Du hast mir nichts mehr zu sagen
Ich weiß selbst was ich will
Ich bin doch kein Kind mehr
Alles dies sind Äußerungen, die die Abgrenzung demonstrieren


3. Versagenserlebnisse in der Schule und bei anderen Anforderungen

Niemand will ein Versager sein. Eine schlechte Klassenarbeit verletzt ein Kind. Es fühlt sich gekränkt oder sogar zurückgestoßen. Einige Kinder "kompensieren" schulische Versagenserlebnisse, in dem sie andere Kinder, die gute Arbeiten schrieben, als "Streber" diskriminieren. Aus Furcht, ausgegrenzt zu werden, nicht mehr dazu zu gehören, grenzen sie die anderen Kinder aus. Doch reichen diese Strategien nicht aus, um das beschädigte Selbstwertgefühl wieder herzustellen.

Das Kind sucht andere Räume, in / mit denen es etwas gelten kann. Es kompensiert...
Auch destruktives Verhalten führt dazu, beachtet zu werden. Und mit negativem Verhalten fällt ein Mensch mehr auf, als mit positivem. Nicht die braven Kinder machen von sich reden, sondern die, vor denen andere Angst haben.
Wenn aber andere Kinder, die Lehrer oder gar Eltern Angst vor einem Heranwachsenden haben, dann kommt noch das Gefühl der Macht hinzu...

 

4. Diskriminierungserfahrungen

Besonders in der Schule treffen wir diskriminierende, die Persönlichkeit von Kindern zutiefst verletzende Verhaltensweisen an, wenn zum Beispiel Lehrer Leistungsbewertungen mit herabsetzenden, spöttischen oder beleidigenden Bemerkungen "würzen"...
Aber auch in Familie, Sportverein (zu denken ist besonders an Fußball) sind diskriminierende Prozesse keine Ausnahme...
Reaktionsmöglichkeiten nach innen: Trauer, Wut, heimlicher Zorn, Hass ...
Reaktionsmöglichkeiten nach außen: Anpassung, "Coolness", Aggressivität gegen Schwächere ...


5. Subkulturelle Vorbilder

Ich denke an Guiseppe, den jungen Mann, dessen Eltern aus Sizililien kommen, seit fünfundzwanzig Jahren in Deutschland leben und sich mit Deutschen nicht unterhalten können. Seit seiner Pubertät bemüht sich Guiseppe, sich mit der Kultur seiner Eltern - besonders der Rolle von Mann und Frau in der Familie - zu identifizieren...
Er wurde zunehmend gewalttätig. Inzwischen sitzt er, wegen Vergewaltigung, für lange Zeit im Gefängnis.


6. Soziale Ausgrenzungsprozesse

Die Geschichte von Murat., dem kleinen Türken, der schon in der Grundschule wegen seiner Nationalität gehänselt wurde.
Murat war als Zwölfjähriger sehr gewalttätig...

Andere Stichworte zu Ausgrenzung: Arbeitslosigkeit, Perspektivelosigkeit


7. Gruppennormen

Zu den elementaren Bedürfnissen von Menschen gehört, irgendwo "dazuzugehören", mit anderen Kindern spielen zu können, eine Freundin, einen Freund zu haben, angenommen zu sein (eine Rolle spielen zu können) ...
in der eigenen Familie, in Jugendgruppen, Vereinen, Clubs, Parteien, Kneipen u.a.m. ...
Ein Mensch gehört nur dann und solange zu einer dieser Gruppen, wenn er deren Erwartungen an sein Verhalten erfüllt, die geschriebenen oder ungeschriebenen Normen einhält...
Es gibt Gruppen, die aggressives gewalttätiges Verhalten praktizieren wie z.B. einst die "Bahnhofsgruppe" in Bad Säckingen.

 

 

3.
Aggressionen vorbeugen

Auf der Suche nach Aggression kompensierenden oder Aggression abbauenden Funktionen, im Zusammenhang mit sportlichen Aktivitäten, stieß ich auf Erkenntnisse der Verhaltensforschung, die mir hierfür geeignet schienen. Es ist aber zu ergänzen, dass sich die nachfolgenden Aussagen auch in anderen Zusammenhängen finden. Ich verweise zum Beispiel auf die Reader des vor zwanzig Jahren ausgestrahlten Funkkollegs "Pädagogische Psychologie", oder auf andere Schriften aus der Entwicklungspsychologie die noch immer von großer Aktualität sind.

1. Der Mensch ist ein aktiver Erkunder - kein passiver Empfänger
Das lässt sich auch anders sagen:
Wir lernen am besten, wenn wir uns aktiv mit einem Lerngegenstand befassen können. Allein "über den Kopf" oder aus zweiter Hand aus dem Fernsehapparat - also theoretisch - bleibt weniger eines Lernstoffes im Gedächtnis, als wenn wir uns mehrerer "Eingangskanäle" bedienen können. Und das sind praktische Tätigkeiten beziehungsweise die Beteiligung von Bewegungen oder tasten und, fühlen sehr nützlich. Wer passiv bleibt, wird sich bald langweilen, keine Lust mehr haben zum Lernen und sich - seiner natürlichen Trägheit nachgebend - bald "hängen" lassen.

2. Dagegen macht es Spaß, eine Bewegung zu beherrschen, etwas praktisch zu können.
Zur aktiven Aneignung neuer Kenntnisse beziehungsweise bei Sport und Spiel neuer Bewegungsabläufe stellt sich, sobald wir sie können, Funktionslust ein. Lust an der Bewegung, an dem, was wir gut können, vertieft und verfestigt unsere Kompetenz. Der Erfolg macht uns mutig oder neugierig. Wir wollen

3. etwas Anspruchsvolleres ausprobieren.
Im Sport ist das eine schwierigere Übung, ein höherer Schwierigkeitsgrad. Der Erfolg motiviert uns zu größerer Leistung. Manche von uns wollen wissen, wie weit sie gehen können. Sie möchten ihre "Grenzen" kennenlernen. Hier setzt sich das uns Menschen angeborene "Explorationsverhalten" durch, das wir im Alltag als "Neugierde" kennen und das viele unserer aktiven Erkundungen antreibt schon vom Säuglingsalter an.

4. Wir Menschen brauchen und suchen immer neue Herausforderungen.
Wir wollen etwas leisten, worauf wir stolz sein können. Gewiß stehen diese Bedürfnisse nach Aktivität und Bewegung im Streit mit unseren Bedürfnissen nach Faulheit und Bequemlichkeit. So gern wir uns fordern (oder auch mal fordern lassen), so gern lassen wir uns verwöhnen oder verwöhnen uns selbst durch Nichtstun. Wirklich zufrieden sind die meisten von uns dann, wenn beides in einem ausgewogenen Verhältnis steht (was "ausgewogen ist, kann nur jede/r für sich selbst entscheiden). Und wer zufrieden ist, entspannt oder gar stolz auf seine aktiven Leistungen schaut, bei dem ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie/er auf Aggressivität verzichten kann, denn

5. körperliche Bewegung im Dienste konstruktiver Aktivitäten (z.B. turnen, klettern, laufen, schwimmen ...) tragen dazu bei, Aggressionen abzubauen.
Sportlehrerinnen und Sportlehrer zum Beispiel, setzen gern Laufspiele und Wettbewerbe ein, um Lebhaftigkeit und aggressives Verhalten bei ihren Schülerinnen und Schülern abzubauen, die nicht selten durch Bewegungsmangel im häuslichen Bereich hervorgerufen wurden. Im Bereich familiärer Erziehung reduzieren Eltern Unruhe und Aggressivität ihrer Kinder, wenn sie ihnen reichlich und ungehindert Bewegung (im Freien, auf dem Spielplatz, im Garten) ermöglichen.

6. Wettbewerbe und Mannschaftsspiele haben sichals nützlich erwiesen.
Wir Menschen messen unser Können und unsere Kräfte gern mit anderen. Spiele wie z. B. das "Matten - surfen" in der Halle, Völkerball u. ä. gehören dazu. Behutsam dosiert eingesetzt, kanalisieren Mannschaftsspiele und Wettbewerbe unser Bedürfnis nach solidarischem und kooperativem Handeln in positiver Weise und tragen ebenfalls zum Abbau destruktiver Aggressionsformen bei.

 

 

4
Pädagogische Strategien

Die hier vorgetragenen Handlungsempfehlungen sind keineswegs vollständig sondern stellen nur einen Ausschnitt aus noch anderen denkbaren und praktizierten Möglichkeiten dar.


1. Aggressionen nicht mit Gegenaggressionen beantworten.
Zunächst kommt es darauf an, das eigene Verhalten zu überprüfen. Aggressive Verhaltensweisen von Erziehern, sei es untereinander oder Kindern gegenüber wirken vorbildhaft und tragen eher zur Verstärkung einer entsprechenden Haltung bei entsprechend disponierten Kindern bei. Es empfiehlt sich, statt mit Gegenangriffen mit Betroffenheit und mit Fragen nach Motiven und dem Sinn kindlicher Aggressivität zu fragen.
In Bezug auf das eigene Verhalten in einer aggressionsgeladenen Situation, sind professionelle Fähigkeiten gefordert, die nicht immer vorausgesetzt werden können. Alle die mit Kindern und Jugendlichen umgehen müssen lernen, mit derartigen Situationen umgehen zu lernen und zum Beispiel die Möglichkeit erhalten, ihr eigenes Verhalten aus der Distanz heraus zu bedenken und geeignete Strategien zu üben.

2. Mit dem aggressiven Kind/Jugendlichen sprechen - und nicht über es/ihn.
Diese Handlungsempfehlung ist vertraut. Bereits Andreas Mehringer hat 1987 in seiner "Kleinen Heilpädagogik. Vom Umgang mit schwierigen Kindern." (Reinhardt-Verlag München) davon gesprochen, dass es unverzichtbar ist, mit den jeweils Betroffenen und nicht über sie eingehend zu sprechen. Sobald die Emotionen abgeklungen sind, sollten wir Eltern uns Zeit nehmen und - vielleicht am Abend - Gelegenheit schaffen, das Vorgefallene mit dem Kind zu besprechen und gemeinsam, je nach Vorfall auch mit den anderen Familienmitgliedern, nach neuen Wegen Ausschau halten. Feste Absprachen - gleichsam Verträge - mit den Kindern zu vereinbaren, schlägt Thomas Gordon uns unter anderem vor.

3. Wiedergutmachen statt strafen.
Gerade wenn mit aggressiven Akten Schädigungen verbunden sind, sei es, dass ein anderes Kind verletzt wird oder Arbeits- oder Spielmaterialien kaputt gehen, ist es allemal pädagogisch sinnvoller, mit dem betreffenden Kind/den Kindern oder Jugendlichen einen Beitrag zur Wiedergutmachung zu vereinbaren, als sie zu bestrafen. Wiedergutmachung heißt keinesfalls Geld zu bezahlen sondern sollte in Aktivitäten bestehen, die einen möglichst engen Bezug zu dem Schaden haben, der angerichtet worden ist. Es wäre zum Beispiel vorstellbar, dass ein Kind, das im Zorn eine Fensterscheibe zerschlug, selbst das beschädigte Fenster zum Glaser bringt und dort wieder abholt (oder an diesem Prozeß beteiligt wird). Ist die Wiedergutmachung eine Folge aus Gesprächen und/oder Rollenspiel, also mit Hilfe der Selbsteinsicht des Kindes zustande gekommen und nicht von Mutter oder Vater aufgezwungen worden, wird sie die Einsichtsfähigkeit des Kindes stärken.
4. Über die eigene pädagogische Praxis nachdenken.
Im Grunde ergänzt diese Empfehlung den 1. Punkt, wenn noch einmal ausdrücklich auf die theoretisch vertraute Tatsache gewiesen wird, dass Pädagogik ein interaktioneller Vorgang ist und wir selbst uns stets zuerst zu prüfen haben, wo unsere eigenen Anteile an Aggressivität-fördernden Bedingungen liegen könnten. Alle Veränderungen beginnen zweckmäßiger Weise bei uns selbst. Schauen wir also in den Spiegel und fragen uns, wieweit wir selbst Ursache oder Auslöser aggressiver Verhaltensweisen unserer Kinder sein könnten. Und dabei unterscheiden wir:
Wir müssen Grenzen setzen. Die Grenzen in den Vereinen und anderen gesellschaftlichen Gruppen sind deren geschriebene und ungeschriebene Regeln. Gegen Grenzen rennen unsere Kinder und Jugendlichen an. Das ist sozusagen ganz natürlich. Und wenn die Kinder gegen uns anrennen, dann erleben wir das als Aggression. Vielleicht schmeißt unser zorniges Kind, von dem wir gerade verlangt haben, dass es sein Zimmer aufräumen soll, einen Gegenstand so heftig gegen die Wand, dass er zerbricht. Diese Aggressionen, deren Ursachen nicht selten auch außerhalb der Familie gefunden werden können, lassen sich nicht immer vermeiden. Sie sind, je nach Temperament eines Kindes, mal mehr mal weniger heftig und häufig. Unsere Kinder brauchen dieses Ventil - und wir antworten angemessen. Eine hochwirksame Antwort ist es, die Kinder die Folgen ihrer Verhaltensweisen selbst erleben zu lassen, sei es, dass sie den Schaden bezahlen oder etwas dafür tun müssen, sei es, dass wir sie ihres Verhaltens wegen auf für sie wertvolle Erlebnisse verzichten müssen (so können wir dich nicht mitnehmen...).
Reagieren wir unsererseits auf die hier gemeinten aggressiven Verhaltensweisen mit Aggression oder gar Gewalt, dann ändern wir nichts, sondern verschärfen die Situation für alle Beteiligten und fördern gleichsam, wie wir oben bereits sahen, destruktive Formen. (Vgl. hierzu u.a. die Aufsätze zum Thema "Hilfen gegen Gewalt" in der Zeitschrift "Pädagogik" Nr. 1/1999).

6. Etwas schaffen, worauf man stolz sein kann.
Dieser Punkt bekräftigt noch einmal, was oben bereits gesagt wurde. In der Praxis ist das eigentlich gar kein Problem: Bereits kleine Kinder schaffen gern. Schöpferkraft und Einsatzfreude hängen davon ab, wie weit Eltern, Erzieher oder Jugendleiter bereit und in der Lage sind, junge Menschen herauszufordern, ihnen Aufgaben zu stellen, die sie reizen, Herausforderungen anzubieten, die sie an die Grenzen ihrer eigenen Leistungsfähigkeit führen. Etwas zu schaffen beziehungsweise zu leisten, worauf ich stolz sein kann, fördern
Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen. Hier haben alle Sportarten eine wichtige Funktion. Oder denken wir an das Musizieren oder kreatives Gestalten wie malen und basteln.

Ein Erwachsener, der Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen besitzt, braucht keine destruktiven aggressiven Gewalthandlungen -
weder gegen andere Menschen, noch gegen sich selbst.

 

© Dr. Joachim Rumpf


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