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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Ein Versuch, die Öffentlichkeit zu erreichen

 

 

An die
Mitglieder der Redaktion der Badischen Zeitung in Freiburg
und in den Regionalredaktionen

Betrifft: Elternbildung als Gegenstand öffentlichen Interesses nach der PISA-Studie


Sehr geehrte Damen und Herren,
am gestrigen Tage widmeten Sie dem Thema "Elternbildung" aus aktuellem Anlass einige Überschriften und Beiträge. Sie können sich denken, dass nichts von dem, über das die Regierung da öffentlich nachdenkt, den Fachleuten neu ist. Dass eine Elternbildungsinitiative im Land auf den Weg gebracht werden soll, ist Wert, bemerkt und unterstützt zu werden. Ob wir in den Landkreisen und Städten etwas davon verspüren werden, bleibt abzuwarten.
In unserem Landreis Waldshut haben wir auf Regierungs- und Behördeneinsichten nicht gewartet, sondern gingen - von der Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis genommen - einen eigenständigen Weg in der Organisation von flächendeckenden Elternbildungsangeboten. Da ich mich in den vergangenen Jahren darum bemüht hatte, Verbindungen zu ähnlichen Initiativen (außerhalb der Volksbildungswerkangebote) in benachbarten Landkreisen und in Freiburg herzustellen und dort nichts dergleichen fand, gehe ich davon aus, dass wir die einigen sind, die Elternbildung von Eltern und gemeinsam mit Eltern organisierten. Bitte lesen Sie dazu meinen Bericht!

Mit besonderem Erfolg kann in unserem Landkreis Waldshut auf die Familien- bzw. Elternarbeit nach § 16 KJHG (1) geschaut werden. Dazu die folgenden Informationen:

1.
Obwohl im KJHG der Hilfen für die Familien besonderes Augenmerk geschenkt wurde, fanden sich in unserem Landkreis bis in die neunziger Jahre hinein keine Anbieter, die dem § 16 (1) entsprechende Anregungen aufgegriffen und in die Praxis umgesetzt hätten. In den Sitzungen des Kreisjugendhilfeausschusses waren immer wieder die gleichen Klage über mangelhafte prophylaktische Leistungen zu hören und es wurde dabei vor allem auf den Allgemeinen Sozialdienst des Jugendamtes gedeutet. Keiner der im Landkreis vertretenen Wohlfahrtsverbände bemühte sich darum, in systematischer Weise Angebote der Familienbildung einzurichten, die, wie es im Gesetz heißt, "auf Erfahrungen von Familien in unterschiedlichen Lebenssituationen eingehen...". Ich war als "Experte" in diesen Ausschuss gewählt worden und wollte diese Lücke schließen. Mein Verdacht, den natürlich niemand bestätigen wollte, war und ist: mit derartigen Angeboten lassen sich keine Stellen schaffen, keine Einrichtungen finanzieren. Günstigenfalls bekommt ein Veranstalter seine Sach- und Personalkosten ersetzt, wenn im Haushalt von öffentlichen Jugendhilfeträgern hierfür Mittel eingestellt werden. Am Anfang unserer Tätigkeit stand also eine ganz persönliche Initiative. Einige Fachleute waren zu finden, die bereit sein würden, Elternseminare zu begleiten, deren Konzept sich an dem Auftrag des KJHG orientieren. Wie fachlich sollten die Fachfrauen und Fachmänner für Erziehungsfragen sein? Als Vorraussetzungen waren eigene Erfahrungen in der Rolle als Eltern und die beruflicher Erfahrungen als Schul- oder Sozialpädagoginnen mit beruflicher Praxis gefragt. Es leben in jeder städtischen oder ländlichen Region einige Fachkräfte, die aus familiären Gründen ihren Beruf nicht ausüben und gern bereit sind, ein derartiges Vorhaben zu unterstützen.


2.
Eine Gruppe von fünf Frauen und einem Mann trafen sich seit 1996 und in privater Umgebung regelmäßig, um ein Konzept für die Durchführung von Elternseminaren auszuarbeiten. In einem Faltblatt, das an Kindergärten, Schulen und Bildungswerke geschickt wurde, hieß es über die Aufgaben und Ziele der Initiative:
"... Ergänzend zu den bestehenden Vortragsveranstaltungen von Bildungswerken sollen in möglichst vielen Gemeinden des Landkreises Elternseminare zu Themen über die Erziehung und Bildung von Kindern eingerichtet werden. Der Wunsch nach einem derartigen Angebot wurde einmal von Eltern selbst in zahlreichen Elternabenden zu pädagogischen Themen als auch von Erzieherinnen der Kindergärten und von Lehrerinnen und Lehrern im Landkreis Waldshut ausgesprochen. In diesen Gesprächskreisen können sich Eltern über ihre Erfahrungen miteinander austauschen und einige zusätzliche Informationen erhalten. Verhaltenssicherheit für ihren Alltag mit Kindern und für eine gute Zusammenarbeit mit den anderen an der Erziehung und Bildung beteiligten Institutionen zu erwerben, gehört zu den Aufgaben der Elternseminare. Außerdem werden folgende Ziele angestrebt:
Reduzierung oder Beseitigung von Erziehungsunsicherheiten ausgehend von der bisher geübten Praxis in den Familien. Darüber hinaus sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu ermutigt werden, selbst in einer ihnen wichtigen Weise weiterzuarbeiten (z.B. Elternkreise, Mutter-Kind-Gruppen u.ä.)..."

Natürlich gab es keine organisatorischen Vorbilder, auf die wir hätten uns stützen können. Wir hatten aber unsere Erfahrungen mit Elternabenden in Kindergärten und Schulen und wussten, dass es nicht leicht sein würde, Eltern zu erreichen, wenn es um Erziehungsfragen geht. Darum legten wir von Anfang an Wert darauf, dass die Eltern beziehungsweise die Elternvertretung einer Kindertagesstätte oder einer Schule selbst unter den Eltern für ein Seminar oder einen Vortragsabend werben und auch vor Ort nach jenen Inhalten fragen, die den Eltern dort auf den Nägeln brennen und Ort und Zeiten bestimmen. Die Güte einer derartigen Seminarfolge oder eines Elternabends entschied über die Fortsetzung oder eine Neuauflage. Damit wir uns davon überzeugen konnten, ob wir auf einem von Eltern akzeptierten Weg befanden, wurde jeder Veranstaltung mit einer kurzen schriftlichen und anonymen Befragung abgeschlossen.
Zu den Themen, die von Anfang an angeboten wurden, gehörten das Lernen für die Schule, kindliche Aggressionen und der Umgang mit elektronischen Medien.

3.
Die sehr unterschiedlichen beruflichen Vorkenntnisse, die jede der Fachfrauen mit brachte und unsere Erfahrungen aus den Veranstaltungen, flossen ein in eine selbst entwickelte "Didaktik der Elternbildung". Da ich als Moderator unserer Gespräche alles dokumentierte, boten die Protokolle unserer Arbeitssitzungen die Materialbasis für diese eigenwillige Didaktik an.
Selbstverständlich trafen wir uns in unserer freien Zeit und eine Vergütung erhielt niemand. Unsere Motive wurzelten in unserer Überzeugung, dass Eltern Hilfe brauchten und wollten. In dem Ausmaß, in dem die Veranstaltungen ins Laufen kamen, erzielte jede von uns aber dann auch Einnahmen. Die örtlichen Bildungswerke - von den überörtlichen beteiligte sich zuerst die katholische Regionalstelle mit einer finanziellen "Ausfallbürgschaft" an der Organisation unserer Arbeit und später auch das Kreisjugendamt Waldshut - legten die Teilnehmergebühren fest und bezahlten die Referentinnen. Nach wie vor aber wurden für die Arbeitstreffen keine Vergütungen bezahlt.
Das gleiche gilt für die "Begleitmaterialien". Um den Referentinnen die Vorbereitungen zu erleichtern, ein Höchstmaß an fachlicher Kompetenz zu sichern und in Bezug auf die Informationen eine verantwortbare Übereinstimmung zu erreichen, erarbeitete ich zu den verschiedenen Themen einige Texte, deren Inhalte sich an dem jeweils aktuellen Forschungsstand zu diesem Gegenstand orientierten. Hierbei waren (und sind) mir übrigens entsprechende Notizen in der Badischen Zeitung recht hilfreich. Einige dieser Texte wurden inzwischen vom Reinhardt-Verlag für ein Taschenbuch angenommen. Wenn man das in die Hand nimmt, dann könnte man auf die Idee kommen, es sei von der Badischen Zeitung gesponsert: sie ist mehrmals erwähnt.

4.
Seit ihrer informellen Gründung hat sich die Zahl der Referentinnen in der Arbeitsgruppe vergrößert. Inzwischen sind z. B. familientherapeutische Fachkräfte hinzugestoßen. Auch das Angebot hat sich nach Inhalt und Zahl vermehrt und weiter ausdifferenziert. Insofern wurde unser Konzept, uns nach den Bedürfnissen vor Ort zu richten, umgesetzt. Wie groß das Echo war und wie überraschend viele Eltern diese Angebote wahrnahmen, darüber kann Herr Rudi Kappeler vom Landratsamt Waldshut, seit einigen Monaten Geschäftsführer der "Familien GmbH" mit Sitz in der Waldshuter Kaiserstraße, Auskunft geben. Bei ihm laufen die Fäden zusammen, seit dem die Kreisverwaltung (endlich!) die Verantwortung für die Elternbildungsarbeit übernahm und diese private Initiative - auf Beschluss der entsprechenden Gremien - zur eigenen Sache machte. Ich hatte mich aus Altersgründen zurückgezogen. Die Moderatorin ist seit etwas über einem Jahr die Sozialpädagogin und Familientherapeutin Marina Schlosser aus Gurtweil. Mit im Boot befinden sich bisher die katholische Regionalstelle für Erwachsenenbildung in Waldshut und von Fall zu Fall auch die örtlichen Bildungswerke.
Ein Faltblatt, das an allen Schulen und Kindergärten im Landkreis ausliegt und an Elternvertretungen ausgegeben wird, die enge Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Schulamt und den Fachberatern und Leiterinnen der Kindertagesstätten, sorgte inzwischen dafür, dass dieses Elternbildungsangebot allmählich bekannt wurde. Hier könnten die Redakteure und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Ihrer Zeitung vor Ort wertvolle Hilfe leisten. Ich rege an, dass von den zuständigen Redaktionen zum Beispiel in Bad Säckingen und Waldshut ein direkter Draht zu Herrn Kappeler und/oder zu Frau Schlosser gezogen und von Zeit zu Zeit über die Elternbildungsarbeit in unserem Landkreis berichtet wird. Sicher wird in Kreisjugendhilfeausschusssitzungen über diese Initiative Auskunft gegeben. Doch die Fülle an Informationen bei derartigen Anlässen erschweren erfahrungsgemäß "der Presse" die Auswahl. Über die Bedeutung und die Praxis der Elternbildungsarbeit finden sich dann keine Beiträge.
Vielleicht wird das künftig anders. Ich würde mich freuen. Selbstverständlich stehe ich für Auskünfte gern zur Verfügung.

 

Der Brief blieb ohne Echo.
Vgl. dazu auch die Ausführungen unter Elternbildung - ein Projekt und was daraus wurde!

 

 

Impressum und Copyright:
Dr. Joachim Rumpf, Diplompädagoge
Hühnerbühl
779733 Görwihl
Tel.: 07754487

Stand der Bearbeitung: 01.09.2006

j.rumpf@gmx.de

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