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Schriften zur Erziehung und Bildung im WWW
von Dr. Joachim Rumpf

 

Elternbildung

Erste Anregungen für ein Elternbildungsprojekt nach § 16 KJHG

und eine Auswertung nach über zehn Jahren

 

 


Ergänzende Elternbildung im Landkreis Waldshut
Ein Konzept

1.
Es gibt in unserem Landkreis eine Reihe von Angeboten für Eltern, sich über Fragen der Erziehung und Bildung von Kindern zu informieren. Hier ist zu denken zum Beispiel an die zahlreichen Elternabende in Schulen und Kindergärten zu pädagogischen Themen, an Angebote der Bildungswerke und Volkshochschulen oder an die Betreuung und pädagogische Beratung von Pflegeeltern. Eine genaue Analyse über das Gesamtangebot fehlt, so dass es zur Zeit nicht möglich ist, bestehende Angebotslücken empirisch nachzuweisen, die es offensichtlich jedoch gibt. Anders lassen sich die in vielen Elternabenden vor allem in den Landgemeinden von mir erlebten Unsicherheiten zu diesem Themenbereich nicht erklären. Zutreffende Informationen zum Beispiel über günstige Entwicklungsbedingungen von Kindern in den Familien und der Funktionen von Erziehung und Bildung hierbei, ermöglichen es den Eltern, Fehler zum Nachteil ihrer Kinder zu vermeiden. Die Bundesregierung weist der "Familienbildung und Familienarbeit ... in der Jugendhilfe im Rahmen ambulanter Angebote ... wegen ihres präventiven Charakters einen besonderen Rang" zu (Stellungnahme der Bundesregierung zum Achten Jugendbericht..., S.VIII).

2.
Ergänzend zu den bestehenden Aktivitäten sollen Elternbildungsveranstaltungen gem. § 16 (1) SGB VIII zu Grundfragen der Erziehung und Bildung von Kindern eingerichtet werden. Die Aufgabe dieser Seminare sehe ich darin, über die Information hinaus, den Eltern Verhaltenssicherheit für ihren Alltag mit Kindern und für eine gute Zusammenarbeit mit den anderen an der Erziehung und Bildung beteiligten Institutionen zu vermitteln. Entsprechende Handlungskompetenzen werden über das Gespräch (Erfahrungsaustausch u.a.) und praktische Übungen (z.B. in Rollenspielen) erworben. Ein mit der Durchführung von Elternseminaren verfolgtes Ziel wäre es, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu ermuntern, selbst in einer ihnen wichtigen Weise weiterzumachen; also die Hilfe zur Selbsthilfe anzuregen. Bei entsprechendem, von den Eltern selbst artikuliertem Bedarf, sollten zum Beispiel neue Wege in der Familienbildung beschritten und Nachmittagsgruppen von Eltern und ihren schulpflichtigen Kindern eingerichtet werden (vgl. hierzu: Siebter Jugendbericht..., S. 35). Ob und in welchem Umfang dann derartige Elterngruppen begleitet werden wollen, bleibt zunächst offen. Beispiele für erfolgreiche Ansätze dieser Art gibt es ja bereits in unserem Landkreis. Ich denke da unter anderem an die "Elternschule" der AWO und an die Selbsthilfegruppen, die sich in Bad Säckingen gebildet haben.

Zur Konzeption der Elternseminare gehört eine an den Wünschen der Eltern orientierte Veranstaltungszeit. Der zeitliche Umfang des Seminarangebots erstreckt sich auf zwölf Doppelstunden mit je einem Schwerpunktthema. Vorstellbar ist zum Beispiel die Verteilung auf zwölf Vormittage, Nachmittage oder Abende in möglichst ferienfreien Zeiten.


Das von mir verfasste schriftliche Begleitmaterial wird zu jedem dieser Themen die Seminarteilnehmerinnen und -Teilnehmer nach dem jeweiligen Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse und in allgemein verständlicher Form informieren. Die thematischen Schwerpunkte sind eine Orientierungshilfe. Sie können sich, je nach Vorkenntnissen und Interessen der Eltern verändern.


3.
Sofern Bildungswerke und Volkshochschulen daran interessiert sind, würde ich in den entsprechenden Gemeinden die Seminare unter deren Schirmherrschaft durchführen. Möglicherweise kann das Landratsamt hier kontaktfördernd und vermittelnd wirken. Ein erstes Seminar soll im Herbst 1990 in einer noch auszuwählenden Gemeinde angeboten werden. Die Teilnehmerzahl ist auf zwanzig begrenzt. Vermutlich wird ein Beitrag von 120,-- DM erhoben. Sollte die Durchführung derartiger Seminare auf eine positive Resonanz stoßen, würde ich ein Seminarleiterteam (aus frei- oder nebenberuflich mitarbeitenden Fachleuten mit eigener Familie) zusammenstellen und anleiten, das in der Lage wäre, mehrere Veranstaltungen an verschiedenen Orten unseres Landkreises durchzuführen. Die Installation einer Dauereinrichtung ist allerdings nicht beabsichtigt. Ich stelle mir vor, dass in absehbarer Zeit der "Bedarf" gedeckt sein wird oder aber - über die beabsichtigten Impulse - Selbsthilfegruppen derartige Angebote überflüssig werden lassen.
Um auch diejenigen Familien zu erreichen, von denen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des ASD meinen, dass die Eltern die Informationen brauchten, wäre denkbar, dass dieser Personenkreis ausdrücklich zur Teilnahme ermuntert wird, wenn im jeweiligen Quartier ein Seminar stattfindet.

Dr. Joachim Rumpf, 7883 Görwihl, Mai 1990

 

Dieser Text war Teil einer Vorlage für den Kreisjugendhilfeausschuss und richtete sich an den Sozialdezernenten des Landkreises Waldshut / Landratsamt.

Da von dieser, der Jugendhilfebehörde, keine eigenen Aktivitäten in Gang gesetzt wurden, begann ich ab Sommer 1994 mit der Bildung einer privaten Arbeitsgruppe für Elternbildung im Landkreis Waldshut.

Daraufhin übernahm das Kreisjugendamt die "Patenschaft" für unsere Arbeit, entsandte einen Sozialarbeiter in unsere Arbeitsgruppe und sorgte dafür, dass pro Teilnehmer und Veranstaltung ein Zuschuss aus der Kreiskasse bereitgestellt wurde.

 

 

Ein ganz besonders Anliegen der Initiativgruppe "Elternbildung im Landkreis Waldshut" war und ist es, Mütter und Väter aus den so genannten "bildungsfernen Schichten" zu erreichen und Eltern einzubeziehen, deren Kinder im Kindergarten bereits Störungen in ihrer Entwicklung zeigen. Erfahrungsgemäß sind es genau die Eltern, die ungern zu einem Elternabend kommen und schon gar nicht an Elternbildungsveranstaltungen teilnehmen.

Um diese Eltern erreichen zu können wurde darum mit den Leiterinnen der Kindergärten in deren Konferenzen vereinbart, dass sie, die Elternbildungsveranstaltungen mit den von uns erarbeiteten Themen dringend wünschten, ihrerseits gezielt auf die zugehen, auf deren Teilnahme sie besonders Wert legen. Auch die Themen sollten von den Erzieherinnen und Erziehern gemeinsam mit der Elternvertetung der Einrichtung ausgewählt und die Anzahl der Seminarveranstaltungen festgelegt werden (zum Beispiel: "Fernsehen und Computer" / zwei Abende).
Um auch den Eltern, denen wegen ihrer wirtschaftlichen Situation bereits Zuschüsse für die Kindergartenbeiträge gewährt werden, die Teilnahme an den Seminaren zu ermöglichen, übernahm das Kreisjugendamt die Kosten voll, während für alle anderen Teilnehmern ein Zuschuss bewilligt wurde, so dass die Teilnehmerbeiträge erschwinglich blieben..

 


In einem Brief an eine Elternbildungsinitiative im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald am 27. Oktober 2002 - also zwölf Jahre später - konnte berichtet werden:

 

 

 

1. Das Elternbildungsangebot unserer Gruppe, über das in Konferenzen, Arbeitstreffen und über unser Faltblatt alle Elternvertretungen in Kindergärten und Schulen informiert wurden, wird rege angenommen.
Als Multiplikatoren für die Schulen wirkten die Kooperationsbeauftragten des Staatlichen Schulamtes und die Schulräte selber. In den Kindertagesstätten leisten die Informationsarbeit wie eh und je die Fachberater und Rudi Kappeler vom Kreisjugendamt in den Mitarbeiterinnenkonferenzen. Es reicht, die Faltblätter mit den Themen und anderen Auskünften zu verteilen und immer wieder auf die Angebote hinzuweisen. Hier müssen wir in jedem Jahr erneut aktiv werden, da so etwas vergessen werden kann und auch Lehrer und Erzieher wechseln. Wir haben inzwischen ein flächendeckendes Angebot erreicht.

2. Als im vergangenen Herbst der Kreisjugendhilfeausschuss ausführlich unterrichtet wurde und erfuhr, dass allein im ersten Halbjahr 2001 49 Veranstaltungen mit über tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmern stattgefunden hatten, stimmte er zu, für jeden Termin das Referentenhonorar in Höhe von 105 Euro (für je 90 Minuten) zu finanzieren. Seither brauchen die Eltern für die Referenten nichts mehr bezahlen. Das war in den fünf Jahren zuvor gelegentlich schon ein Problem gewesen.

3. Die Kreisverwaltung entschied weiter, die zentrale Moderation beziehungsweise Koordination und andere Verwaltungsleistungen (die Abrechnungen, Sammlung und Auswertung der Rückmeldungen) dem Geschäftsführer der gerade vom Landratsamt ins Leben gerufene "Familien GmbH" zu übertragen. Dieser Geschäftsführer ist der Sozialarbeiter und ehemalige Suchtbeauftragte des Landkreises und darum in allen Schulen und Tageseinrichtungen gut bekannt. Er hatte bereits vorher die Verwaltungsaufgaben für Kindergärten (Regionaler Fachdienst, Zuschüsse u. ä.) übernommen und ist, im Zusammenhang mit der "Familien GmbH" für die familienunterstützenden Leistungen nach §§ 16 und 31 KJHG (Sozialpädagogische Familienhilfe) zuständig. Ein reiches Aufgabenfeld für das er hervorragend geeignet ist.

4. Die Rahmenbedingungen sind bei uns für die Bildungsarbeit mit Familien nach § 16 KJHG also recht günstig, wenn auch noch lange nicht optimal. Es gelang uns zum Beispiel trotz aller Bemühungen bisher nicht, Formen der Selbsthilfe einzurichten wie zum Beispiel "Elternstammtische" oder andere Initiativen, die fremde Moderatoren, wenigstens zum Teil, überflüssig machten. Es gelang auch nur ungenügend, unser Angebot mit anderen Trägern sozialer Arbeit in Familien zu verknüpfen (EBs, Kinderärzte, Angebote der Verbände u. dgl.). Es gab zwar das "Forum Familie", vom Landkreis eingerichtet, in dem alle die genannten Träger von Hilfen für Familien vertreten sind. Das Forum aber trat seit Jahr und Tag nicht mehr zusammen. Offenbar ist jede Institution froh darüber: dann braucht man sich der Mühe der Kooperation nicht zu unterziehen.

5. Auch die Öffentlichkeitsarbeit ist unbefriedigend. Ich hatte zum Beispiel Berichte über unsere Arbeit an die Badische Zeitung nach Freiburg geschickt oder an Frau Schavan, die ja im vergangenen Jahr sogar eine "Elternakademie" einrichten wollte. Reaktionen aber blieben aus.
Wir machen dennoch unverdrossen weiter. Am 8. November treffen sich die zur Zeit tätigen Referentinnen zu ihrer regelmäßigen Konferenz (alle 8 bis 12 Wochen) bei mir. Die neuen Mitarbeiterinnen möchten mich kennen lernen. Ein Nebeneffekt dieser Einsätze war, dass die Fachfrauen, die ja im Hauptberuf Hausfrauen und Mütter waren, Kontakte knüpfen konnten, aus ihren mehr oder weniger selbst gewählten mal kleineren mal größeren Isolierungen herauskamen und inzwischen hauptberuflich in sozialen Einrichtungen unterkamen. Es mussten also zu wenigen "älteren" neue Referentinnen gefunden werden. Und weil ich mich ja zurückgezogen hatte, hörte ich nur noch von Außen hinein.

6. Die Moderation von Arbeitssitzungen, wie die Koordination und fachliche Betreuung der Referenten sind leider nach wie vor ein Ehrenamt und werden es ohl auch noch lange bleiben.. Es wird also nicht leicht sein, hierfür jemanden zu finden. Ich nehme an, dass genau dieser Umstand, dass in den Aufbaujahren viel ehrenamtliches Engagement nötig ist (von dem übrigens niemand Kenntnis nimmt), dazu führte, dass die im § 16 KJHG; (2) 1 vorgesehenen Leistungen:

"Angebote der Familienbildung, die auf Bedürfnisse und Interessen sowie auf Erfahrungen von Familien in unterschiedlichen Lebenslagen und Erziehungssituationen eingehen, die Familie zu Mitarbeit in Erziehungseinrichtungen und in Formen der Selbst- und Nachbarschaftshilfe besser befähigen sowie junge Menschen auf Ehe, Partnerschaft und das Zusammenleben mit Kindern vorbereiten…"

kaum umgesetzt werden. Die Jugendhilfe überlässt das den freien Trägern und vor allem den örtlichen Bildungswerken. Doch die haben ein anderes Klientel und andere Funktionen...

 

Seither sind erneut fünf Jahre vergangen. Das Angebot an Elternbildungsveranstaltungen ist geblieben und wird auch rege in Anspruch genommen. Die Moderation und Koordination hat die vom Landkreis eingerichtete "Familienhilfe gGmbH" übernommen, deren Geschäftsführer jener Sozialarbeiter ist, der von Anfang an für das Kreisjugendamt im Arbeitskreis "Familienbildung" mitwirkte.

Leider fehlt es noch immer an einer Begleitforschung, die in der Lage wäre, die Auswirkungen der Elternbildungsseminare, die nach wie vor von hochmotivierten und fachlich kompetenten Frauen durchgeführt werden, zu evaluieren.

Auch Tageszeitungen, der Rundfunk oder Fachzeitschriften hatten bisher kein Interesse, über die Elternbildungsarbeit zu berichten.

Die Bedeutung entsprechender Angebote - also die Information über Inhalte und Methoden von Erziehung und Bildung in Familien und die Diskussionen mit den Eltern darüber rückte in den vergangenen Jahren mehr und mehr in das Zentrum kultur- und sozialpolitischen Interesses.

Dr. Joachim Rumpf
25.10.2007

 

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