Ergänzende Elternbildung im Landkreis Waldshut
Ein Konzept
1.
Es gibt in unserem Landkreis eine Reihe von Angeboten für Eltern, sich
über Fragen der Erziehung und Bildung von Kindern zu informieren. Hier ist
zu denken zum Beispiel an die zahlreichen Elternabende in Schulen und Kindergärten
zu pädagogischen Themen, an Angebote der Bildungswerke und Volkshochschulen
oder an die Betreuung und pädagogische Beratung von Pflegeeltern. Eine genaue
Analyse über das Gesamtangebot fehlt, so dass es zur Zeit nicht möglich
ist, bestehende Angebotslücken empirisch nachzuweisen, die es offensichtlich
jedoch gibt. Anders lassen sich die in vielen Elternabenden vor allem in den Landgemeinden
von mir erlebten Unsicherheiten zu diesem Themenbereich nicht erklären. Zutreffende
Informationen zum Beispiel über günstige Entwicklungsbedingungen von
Kindern in den Familien und der Funktionen von Erziehung und Bildung hierbei,
ermöglichen es den Eltern, Fehler zum Nachteil ihrer Kinder zu vermeiden.
Die Bundesregierung weist der "Familienbildung und Familienarbeit ... in
der Jugendhilfe im Rahmen ambulanter Angebote ... wegen ihres präventiven
Charakters einen besonderen Rang" zu (Stellungnahme der Bundesregierung zum
Achten Jugendbericht..., S.VIII).
2.
Ergänzend
zu den bestehenden Aktivitäten sollen Elternbildungsveranstaltungen gem.
§ 16 (1) SGB VIII zu Grundfragen der Erziehung und Bildung von Kindern eingerichtet
werden. Die Aufgabe dieser Seminare sehe ich darin, über die Information
hinaus, den Eltern Verhaltenssicherheit für ihren Alltag mit Kindern und
für eine gute Zusammenarbeit mit den anderen an der Erziehung und Bildung
beteiligten Institutionen zu vermitteln. Entsprechende Handlungskompetenzen werden
über das Gespräch (Erfahrungsaustausch u.a.) und praktische Übungen
(z.B. in Rollenspielen) erworben. Ein mit der Durchführung von Elternseminaren
verfolgtes Ziel wäre es, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu ermuntern,
selbst in einer ihnen wichtigen Weise weiterzumachen; also die Hilfe zur Selbsthilfe
anzuregen. Bei entsprechendem, von den Eltern selbst artikuliertem Bedarf, sollten
zum Beispiel neue Wege in der Familienbildung beschritten und Nachmittagsgruppen
von Eltern und ihren schulpflichtigen Kindern eingerichtet werden (vgl. hierzu:
Siebter Jugendbericht..., S. 35). Ob und in welchem Umfang dann derartige Elterngruppen
begleitet werden wollen, bleibt zunächst offen. Beispiele für erfolgreiche
Ansätze dieser Art gibt es ja bereits in unserem Landkreis. Ich denke da
unter anderem an die "Elternschule" der AWO und an die Selbsthilfegruppen,
die sich in Bad Säckingen gebildet haben.
Zur
Konzeption der Elternseminare gehört eine an den Wünschen der Eltern
orientierte Veranstaltungszeit. Der zeitliche Umfang des Seminarangebots erstreckt
sich auf zwölf Doppelstunden mit je einem Schwerpunktthema. Vorstellbar ist
zum Beispiel die Verteilung auf zwölf Vormittage, Nachmittage oder Abende
in möglichst ferienfreien Zeiten.
Das
von mir verfasste schriftliche Begleitmaterial wird zu jedem dieser Themen die
Seminarteilnehmerinnen und -Teilnehmer nach dem jeweiligen Stand wissenschaftlicher
Erkenntnisse und in allgemein verständlicher Form informieren. Die thematischen
Schwerpunkte sind eine Orientierungshilfe. Sie können sich, je nach Vorkenntnissen
und Interessen der Eltern verändern.
3.
Sofern Bildungswerke und Volkshochschulen daran interessiert sind, würde
ich in den entsprechenden Gemeinden die Seminare unter deren Schirmherrschaft
durchführen. Möglicherweise kann das Landratsamt hier kontaktfördernd
und vermittelnd wirken. Ein erstes Seminar soll im Herbst 1990 in einer noch auszuwählenden
Gemeinde angeboten werden. Die Teilnehmerzahl ist auf zwanzig begrenzt. Vermutlich
wird ein Beitrag von 120,-- DM erhoben. Sollte die Durchführung derartiger
Seminare auf eine positive Resonanz stoßen, würde ich ein Seminarleiterteam
(aus frei- oder nebenberuflich mitarbeitenden Fachleuten mit eigener Familie)
zusammenstellen und anleiten, das in der Lage wäre, mehrere Veranstaltungen
an verschiedenen Orten unseres Landkreises durchzuführen. Die Installation
einer Dauereinrichtung ist allerdings nicht beabsichtigt. Ich stelle mir vor,
dass in absehbarer Zeit der "Bedarf" gedeckt sein wird oder aber - über
die beabsichtigten Impulse - Selbsthilfegruppen derartige Angebote überflüssig
werden lassen.
Um auch diejenigen Familien zu erreichen, von denen die Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter des ASD meinen, dass die Eltern die Informationen brauchten, wäre
denkbar, dass dieser Personenkreis ausdrücklich zur Teilnahme ermuntert wird,
wenn im jeweiligen Quartier ein Seminar stattfindet.
Dr.
Joachim Rumpf, 7883 Görwihl, Mai 1990
Dieser
Text war Teil einer Vorlage für den Kreisjugendhilfeausschuss und richtete
sich an den Sozialdezernenten des Landkreises Waldshut / Landratsamt.
Da
von dieser, der Jugendhilfebehörde, keine eigenen Aktivitäten in Gang
gesetzt wurden, begann ich ab Sommer 1994 mit der Bildung einer privaten Arbeitsgruppe
für Elternbildung im Landkreis Waldshut.
Daraufhin
übernahm das Kreisjugendamt die "Patenschaft" für unsere Arbeit,
entsandte einen Sozialarbeiter in unsere Arbeitsgruppe und sorgte dafür,
dass pro Teilnehmer und Veranstaltung ein Zuschuss aus der Kreiskasse bereitgestellt
wurde.